STRASSEN AUS ZUCKER BEILEGER als pdf
Bestellt euch Ausgaben zum Lesen und Verteilen oder lest die Artikel online:
Im Namen des Volkes
Was Rostock-Lichtenhagen mit der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl zu tun hat.
White Lies
Einer der schönsten Skandale 2011: Der Rapper Bushido erhält den Bambi-Preis für Integration.
„Wir können doch nicht alle aufnehmen!“
Von vollen Booten und leeren Tellern.
„Brecht die Residenzpflicht!“
Ein Interview mit einer Aktivistin der Refugee-Proteste.
Über 600 km sind sie gelaufen, bevor sie im Oktober 2012 in Berlin angekommen sind. Bereits im März 2012 begann der Protestmarsch der Flüchtlinge. Startpunkt der Öffentlichkeitskampagne war ein Asylbewerber_innenheim in Würzburg. Von hier aus machten die Aktivist_innen in verschiedenen Asylbewerber_innenheimen und Städten in der Bundesrepublik halt, um schließlich Berlin-Kreuzberg zu erreichen. Hier am Oranienplatz existiert seitdem ein Refugee-Camp. Die Geflüchteten protestieren gegen die rassistische Asylpolitik in Deutschland. Konkret fordern sie die Abschaffung der Residenzpflicht, bei der sich die Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge auf einen Bezirk, Kreis oder ein Bundesland beschränkt.
Außerdem verlangen sie die Schließung aller Flüchtlingslager in Deutschland. Diese liegen meist völlig außerhalb und fernab von öffentlicher Infrastruktur, wodurch die Heimbewohner_innen von Gesellschaft und Gesundheitsversorgung abgeschottet leben müssen. Durch die Isolierung sind sie vor rassistischen Angriffen nicht geschützt. Im Dezember letzten Jahres besetzten die Flüchtlinge eine leerstehende Schule in Kreuzberg, die nun als „Refugee Strike House“ genutzt wird. Im Rahmen eines Interviews berichtet uns Napuli als Aktivistin der Proteste von ihren persönlichen Erfahrungen zu den Themen Flucht, Asylgesetzgebung und Protestbewegung:
Warum bist du geflüchtet?
Der Grund sind die vielen Probleme in meinem Land. Ich habe im Sudan bei einer Menschenrechtsorganisation gearbeitet. Aber dort werden Journalist_innen und Aktivist_innen kriminalisiert. Es gibt viele Gründe, warum ich gegangen bin.
Du warst also schon politisch aktiv, bevor du nach Deutschland gekommen bist?
Ich hatte zumindest politische Ansätze, da ich eine Menschenrechtsaktivistin war. Und natürlich war ich gegen die Politik in meinem Land.
Wie lange bist du schon hier und warum gerade Deutschland?
Ich bin seit Juli letzten Jahres hier. Ich habe mir Deutschland aber nie ausgesucht. Ich wusste immer, dass dies kein Platz ist, an dem es mir gut gehen wird. Ich denke, es waren die Verbindungen, denn ich kannte schon einige Leute hier. Aber wir kennen die Geschichte Deutschlands, ich kannte sie auch vorher schon. Deutschland will uns nicht. Sie geben dir einen Käfig. Man fühlt sich wie ein Fisch im Aquarium: Du schwimmst und schwimmst, bis du irgendwann müde wirst. Entweder du wirst verrückt oder du stirbst. Die ganze Zeit in diesem Käfig, nur essen und schlafen, essen und schlafen. Das ist es, was sie wollen.
Wie ist dein rechtlicher Status?
Das weiß ich nicht, ich muss abwarten. Ich habe keine Papiere und das seit neun Monaten. Nichts, nur warten. Das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, wie lange noch. Mir wurde gesagt, sechs Monate sind das Maximum. Danach bekommst du deine Papiere oder du wirst zurückgewiesen. Ich warte aber bereits seit neun Monaten. Oh mein Gott, vielleicht muss ich noch 20 Jahre warten, keine Ahnung. Ich will das nicht mehr, dieses ständige Warten. Deswegen bin ich hier draußen.
Wie geht ihr mit der beständigen Angst und Bedrohung um, die sich sicherlich ergibt, wenn man die Residenzpflicht übertritt?
Unser Schutz ist die Öffentlichkeit. Ich hab keine Angst mehr. Die Polizei lässt uns in Ruhe. Einmal, das war noch ganz am Anfang, kamen Polizist_innen zum Oranienplatz, die uns kontrollieren wollten. Also sind wir alle nach vorne zur Straße gekommen. Aber die Polizist_innen wollten in unsere Zelte hinein.WirfragtensienachdemGrund,denn in den Zelten war niemand mehr. Doch die Polizei wollte nicht hören und ging in die Zelte. Natürlich war niemand darin. Sie waren sehr wütend und sind dann einfach wieder gegangen. Ein bisschen verwirrend. Seitdem sind sie nur noch selten da. Und sie kommen nicht mehr in unsere Zelte.
Diese Art von Flüchtlingsprotesten sind ja total neu: Was war anders als früher?
Wir sind anders, weil wir nicht nur reden. Wir setzen das um und tragen unsere Forderungen auf die Straße. Alle, die hier sind, haben bereits zwei Regeln gebrochen: In Lagern zu leben und die Residenzpflicht einzuhalten. Wir sind im Protest, wir sind in Aktion, einfach nur, weil wir hier sind. Es gibt natürlich auch viele andere Proteste und Aktionen, die wir von hier aus starten. Aber vor allem sagen wir unseren Leuten: Brecht die Residenzpflicht! Es ist dein Recht, raus
zu gehen, es ist dein Recht, dich zu bewegen. Niemand sollte uns dieses Recht nehmen dürfen. Das ist, was uns besonders macht. Wir nehmen uns unsere Rechte, gehen damit auf die Straße und bleiben dort.
Wie sieht ein typischer Tag im Camp für dich aus?
Ich bin ziemlich beschäftigt, was auch daran liegt, dass ich die einzige Frau in der politischen Organisationsgruppe bin. Es gibt natürlich viele andere Frauen, aber sie sind nicht politisch organisiert. Viele brauchen einfach nur einen Platz zum Schlafen. Es gibt jeden Tag viele Termine – oft ist es wichtig für die Leute, dass ich erscheine, weil ich eine Frau bin. Außerdem spreche ich englisch. Ständig muss ich bei Treffen sitzen und übersetzen. Das ist schon anstrengend.
Ist es schwer für dich in der Bewegung eine Frau zu sein?
Sehr sehr schwer. Manchmal habe ich das Gefühl, die anderen wollen mich einfach nur wütend machen. Dann ist es sehr kompliziert, mit ihnen umzugehen. Manche sagen mir, ich solle zurück in die Küche zu den anderen Frauen gehen. Inzwischen werde ich akzeptiert, aber auch das musste ich mir erstmal erkämpfen.
Wie ist die Situation in der Schule?
In der Schule schlafen inzwischen fast 200 Menschen. Einige schlafen in den Korridoren, weil die Zimmer alle schon voll sind. Aber ansonsten passiert in der Schule nicht viel. Sie ist nur zum Schlafen da, gegessen wird im Camp. Die Treffen und Plena sind beim Camp. Dort ist der Schwerpunkt unseres Protest, dort sind wir sichtbar.
Gibt es im Camp auch Konflikte?
Natürlich gibt es Konflikte, meistens persönliche. Aber das ist auch total klar. So ist eben unsere Bewegung: Wir haben unterschiedliche politische Vorstellungen, das ist alles ziemlich kompliziert. Wir müssen einander verstehen, nicht nur sprachlich. Aber irgendwie funktioniert es eben trotzdem. Wir kämpfen alle gemeinsam für unsere Rechte. Niemand hat mich gefragt, ob ich das hier tun kann. Aber ich will nicht mehr wie ein Fisch im Aquarium sein. Ich will kämpfen. Für uns und die Menschen, die nicht hier sein können.
Was gab es für positive bzw. negative Reaktionen der Nachbarschaft?
Die Reaktionen waren zum Teil sehr aggressiv. Sie denken: Wer sind diese Leute und was tun sie hier? Aber sie sind freundlicher geworden. Es gibt viele Menschen, die uns helfen. Sie lassen uns bei sich duschen und unsere Sachen waschen. Oft bringen Menschen Kleidung oder Essen zum Camp. Manche Menschen wollen uns natürlich immer noch nicht da haben. Der Frühling kommt und die Leute gehen wieder raus. Sie wollen Platz haben, die Kinder spielen lassen. Dabei stört sie unser Camp. Sie sollten viel eher mit uns für unsere Rechte kämpfen – wenn wir unsere Rechte haben kriegen sie auch den Oranienplatz zurück. Es ist doch nicht in unserem Interesse, dort wohnen zu bleiben.
Wie kann zu euren Kämpfen beigetragen werden?
Im Moment benötigen wir vor allem finanzielle Hilfe. Aber wir brauchen auch Menschen, die Schichten beim Infopoint übernehmen.
Auch einfach nur bei uns vorbeizukommen und mit uns zu sprechen bedeutet viel. Die Menschen sind dann sichtbar für uns und wir haben das Gefühl, dass sie für uns da sind. Es ist wichtig, dass unser Protest verbreitet wird. Dass die Menschen wissen, wofür wir kämpfen. Je mehr Leute davon wissen, desto mehr setzen wir die Politiker_ innen unter Druck.
Vielen Dank für das Interview.
Spenden könnt ihr auf das Konto des Fördervereins der KARAWANE überweisen:
Förderverein Karawane e.V.
Kontonummer: 40 30 780 800
GLS Gemeinschaftsbank eG BLZ: 430 609 67
Bitte gebt als Verwendungszweck „Protestmarsch Berlin“ an.
Weiter zum Thema:
[www.refugeetentaction.net]
[www.asylstrikeberlin.wordpress.com]
]]>Sie kommen ins Land auf der Suche nach einem besseren Leben. Geben sich nicht die Mühe, die Sprache zu lernen, bleiben lieber unter sich, leben in Parallelgesellschaften mit eigenen Vereinen und Clubs. Sie wollen nicht arbeiten und haben zugleich das Gefühl, ihnen stehe alles zu. Und es werden immer mehr, ein Ende ist nicht abzusehen.
Die Rede ist von deutschen Rentner_innen in Spanien und der Türkei. Viele werden jetzt über diese deutschen Migrant_innen schimpfen: „Andere“ Kulturen müssten respektiert und das Gastrecht nicht strapaziert werden, das wäre ja klar.
Mit diesem Beispiel lässt sich schon eine Menge zeigen, was in der Debatte über „Ausländer“ und „Inländer“ falsch läuft. Ich will „Kulturen“ oder ein „Gastrecht“ nicht respektieren, sondern Menschen und ihre Bedürfnisse achten und dafür ganz grundlegend aus den Kategorien von „Wir“ und „die Anderen“ ausbrechen. Klar nerven selbstgefällige deutsche Tourist_innen, aber eben nicht deswegen, weil sie einer Kultur oder einem Land keinen Respekt zollen, sondern weil sie sich Menschen gegenüber herablassend und rassistisch verhalten. Wenn die Debatte über geflüchtete Menschen wieder mit dem Satz „Wir können doch nicht alle aufnehmen“ endet, frage ich nach. Wer ist denn dieses „Wir“? Warum sollen Menschen, die zufällig einen anderen Pass besitzen, weniger Grund haben irgendwoanders zu leben? Überhaupt will ich gar nicht einsehen, dass Menschen überflüssig oder illegal sein könnten. Und wenn dann noch der Satz fällt, „wir“ seien nicht „das Sozialamt der Welt“, wird es Zeit, über Fluchtgründe zu reden.
Every refugee is a political refugee
In Debatten über Flüchtlingspolitik sind sich viele einig: Menschen, die aus politischen Gründen flüchten, sollten aufgenommen werden, wirtschaftliche Gründe sollen jedoch nicht zählen. Abgesehen davon, dass auch politische Geflüchtete keinesfalls mit offenen
Armen empfangen werden, ist die Unterscheidung totaler Blödsinn. Gerade Refugee Activists haben darauf hingewiesen, dass jeder Fluchtgrund politisch ist. Denn wenn Menschen aufgrund fehlender Perspektiven flüchten, weil die Konkurrenz des Weltmarkts ihre Region verwüstet hat, ist das politisch. (Und hat noch dazu mit den Industriestaaten zu tun, die Aktivist_innen sagen es mit „We are here because you destroy our countries“).
Nichts ist deswegen richtig an der Vorstellung, „wir“ seien „das Sozialamt der Welt“, ganz im Gegenteil. Was für die einen der Fluchtgrund ist, hat seine Ursache in der unerbittlichen Konkurrenz der Staaten untereinander: Deutschland kann nur zu den Gewinnern im weltweiten Wettbewerb gehören, weil es auch Verlierer gibt. Menschen flüchten aus vielen Gründen. Aber jeder Erfolg des deutschen Standortes erfolgt auf Kosten von Menschen in Ländern, die eben nicht Vize-Exportweltmeister sein können, weil irgendwer den ganzen Trash ja auch kaufen muss, der in D-Land hergestellt wird. So wird z.B. seit 2003 mit Hartz IV die Armut in Deutschland verstärkt und das Lohnniveau gesenkt. Das führte dazu, dass in Ländern, die nicht so krasse Einschnitte vorgenommen haben, Waren teurer produziert wurden als in Deutschland. Dieser Wettbewerb drückte die Länder in die Krise, weil die dort hergestellten Produkte nicht mehr gekauft wurden. Wenn dann verarmte Menschen aus diesen Ländern hier eine Perspektive suchen, stehen sie trotz EU-Pass ohne Sozialleistungen da. Seit 2012 bekommen sie kein Hartz IV mehr, das ihnen ihre Lage erst eingebrockt hat. Zugespitzt, aber wahr: Jedes Mal, wenn hier jemand sagt, man müsse den Standort fit machen, müssen Menschen irgendwo flüchten.
Vom Fortwirken kolonialer Herrschaftsverhältnisse
Alle Länder, die heute zum „Globalen Norden“ gezählt werden, haben direkt oder indirekt mit der gewaltsamen Unterwerfung und Ausbeutung von Ländern des „Globalen Südens“ zu tun. Auch Deutschland war maßgeblich an diesem weltumspannenden Gewaltverhältnis beteiligt. Das brutale Massaker, das deutsche Soldaten vor hundert Jahren an den Herero und Nama im Gebiet des heutigen Namibia verübten, war eine extreme Auswirkung davon. Dieses Gewaltverhältnis prägt bis heute die Gesellschaften der kolonisierten, aber auch der kolonisierenden Länder und besteht im Verhältnis von globalem Norden und Süden fort. Diese Weltordnung und das jahrhundertealte – hoffentlich nicht mehr lange – Gelaber von „Konkurrenz belebt das Geschäft“ und „Wir steigern das Bruttosozialprodukt“, zwingt immer wieder Menschen zur Flucht.
„Betroffen aufessen“
Gerade in der Linken wird oft behauptet: „Wir leben auf Kosten der Menschen in ärmeren
Weltgegenden“. Auch so ein „Wir“, das die Sicht verkleistert. Das SaZ-Kollektiv ist ein bisschen
uneinig, wie der Zusammenhang vom höheren Lebensstandard in den Industrieländern und
den niedrigen Löhnen im globalen Süden aussieht. Wir werden das weiter diskutieren und in einer der nächsten Ausgaben mehr dazu schreiben, aber in einem sind wir uns einig: Auf Wohlstand hier zu verzichten verringert nicht die Armut anderswo. Ganz im Gegenteil: Die Folge hiervon im Kapitalismus wäre, dass die Lebensbedingungen auch in anderen Ländern sich noch mehr verschlechtern, damit sie im Abwärtswettbewerb Schritt halten können. Stattdessen müssen die Gesetzmäßigkeiten abgeschafft werden, die Staaten und Unternehmen dazu zwingen, sich für die Konkurrenz fit zu machen. Und durch den Kolonialismus geschaffene Ordnungen überwunden werden.
Einige sind gleicher?
Diese Gesetzmäßigkeiten und postkoloniale Ordnungen liefern auch die Gründe für die Fluchtabwehr. Und diese ist grausam. Die EU und die EU-Grenzschutztruppe Frontex morden meist im Stillen: Zwischen 1988 und 2012 starben an ihren Grenzen 18.673 Menschen, deren Name bekannt sind. Die reale Zahl dürfte weit höher liegen. Zur Einordnung die Zahlen eines anderen Todesstreifens: In 28 Jahren waren an der Mauer zwischen der DDR und der BRD insgesamt 136 bis 245 Tote zu betrauern. Jedes Grenzopfer ist eins zuviel, doch das sehen leider nur wenige so. Morgens einen Kranz für die Maueropfer abzulegen und nachmittags Abschiebungen anzuordnen ist dabei keine bewusste Heuchelei, sondern zeugt von rassistischem Denken: Die Opfer sind in diesem nicht gleichwertig, die einen gehören zum „Wir“ und Grenzmörder_innen sind eben immer die Anderen.
Nun hilft es nicht viel, einfach zu sagen, wir streichen diese Kategorien von „Wir“ und „den Anderen“, von „illegalen“ Menschen aus unseren Köpfen. Und verbrennen in Gedanken die Pässe und Visa. Auch wenn es der Anfang wäre, damit etwas besser wird. Aber diese Kategorien sind in der Welt, scheinen vielen selbstverständlich und vor allem werden sie sehr gewaltvoll durch Institutionen durchgesetzt. Es gibt Grenzen und die werden überwacht, es gibt Dokumente, die den Übertritt gestatten oder versagen. Wie die Grenzen verlaufen, kommt daher, dass z.B. irgendwann mal ein Fürst gegen einen anderen den Krieg verloren hat und deswegen ein Fluss nicht einfach ein Ort zum Baden ist, sondern die Grenze zum „anderen“ Land markiert. Ziemlich verrückt. Verrückter wird es nur noch, wenn die Leute an den unterschiedlichen Grenzflussufern mächtig viel Gefühl für „ihr Land“ entwickeln und ihm in der Konkurrenz mit dem Land auf der anderen Flussseite die Daumen drücken… .
„Weißt du noch, als wir alle zu viel waren“
Aber warum dürfen die Brücke über den Fluss nicht alle benutzen? Ein ziemlich wichtiger Grund für all die Fluchtabwehr ist der, dass Menschen in dieser Gesellschaft nicht einfach nur Jack und Jill, Siegfried und Roy und Ich & Ich sind. Menschen sind in der Marktwirtschaft so genanntes Humankapital. Das heißt, es gibt ein Interesse, ihre Arbeitskraft anzuwenden und sie zu kontrollieren. Wenn diese nicht benötigt wird, sind sie „zuviel“. Das gilt für alle, die nicht viel besitzen. Doch es gibt Unterschiede – Menschen mit der „falschen Hautfarbe“ oder dem „falschen Pass“ sind häufiger „zuviel“. Doch erstmal einen Schritt zurück: Was hat es mit dem „zuviel“ auf sich? Alle Arbeitskraft, die nicht Anwendung findet, ist erst einmal unrentabel. Nun kann niemand sagen, wann es zu viele Menschen sind, die nicht benötigt werden. Dieses
„zuviel“ ist umkämpft. Und gibt es doch auch als feste Größe. Ein wenig „zuviel“ ist für das Ausbeutungsregime noch sinnvoll, weil dadurch jede Person, die zuviel Lohn will oder
sich anderes von ihrem Leben vorgestellt hat, erpresst werden kann, weil immer welche auf ihren Job warten. Aber zu viele sollten nicht von Sozialleistungen leben, und wenn jemand davon ausgeschlossen wird, muss sie_er auch von irgendwas leben. Und Polizei und Gefängnisse für die zur Kriminalität gezwungenen Menschen kosten viel Geld. Und dann könnten die ja auch noch auf die Idee kommen, dass das Leben mehr sein könnte als Plackerei und Armut… Das, was hier „Öffentliche Ordnung“ heißt und mit Kontrolle, Einschüchterung und Klein-Machen übersetzt werden kann, ist teuer. Alles falsche Kosten, die in der Konkurrenz mit anderen Staaten zurückwerfen, weswegen versucht wird, so viele Menschen wie möglich an den Grenzen abzufangen und schon die Herkunftsländer auf grausame Fluchtabwehr zu verpflichten. Eine Weile war zum Beispiel der gestürzte Diktator Gaddafi der beste Freund des Westens, weil er für EU-Geld mit allen Mitteln afrikanische Flüchtlinge schon in Libyen stoppte. Meist werden parallel Abkommen geschlossen, nach denen einige Leute aus dem Land nach Europa kommen dürfen, was dann als humanitäre Tat verkauft wird. Dieses „Nur ihr kommt rein“ ist dabei nur die andere Seite von „Ihr bleibt draußen“. Und wer Green- oder BlueCards fordert oder bei der Anerkennung von ausländischen Studienabschlüssen nicht die Unterscheidung zwischen nützlichen und unrentablen Menschen kritisiert, ist kaum besser als die, die behaupten, das Boot sei voll. Nicht, dass solche Regelungen nicht das Leben Einzelner verbessern, aber doch nur insoweit sie dem deutschen Standort nutzen. Das ist Abschiebung und Frontex auf Rot-Grün, schön mit Solarboot und bleifreier Munition, aber genauso tödlich.
Also alles gleich, wieder nur die Antwort: Revolution? Nicht ganz. Okay, meistens reagierte Flüchtlingspolitik nur auf neue Bedingungen: So war mit dem Ende der DDR das Vorspielen von Humanität, mit dem man „dem anderen Deutschland“ seine Berechtigung absprach und deswegen alle Flüchtlinge von dort aufnahm, nicht mehr notwendig. Statt den rassistischen Mob zu bekämpfen, wurden seine Forderungen erfüllt und das ganze Asylrecht abgeschafft. Und doch bleibt die Frage, wann es hier zu viele „unrentable“ Menschen gibt und warum gerade Leute aus anderen Ländern immer „zuviel“ sein sollen, umkämpft. Hoffentlich führen diese Kämpfe auch dazu, dass eine Gesellschaft, in der Menschen „überflüssig“ sind, abgeschafft wird. Aber sicherlich können sie dazu führen, dass schon im Hier und Jetzt das Leben von Illegalisierten besser wird. Gerade die aktuellen Flüchtlingsproteste haben vieles erreicht. Diese zu unterstützen, wo das gewünscht ist, Strukturen für „illegale“ Menschen zu sichern und rassistischem Denken entgegentreten, ist ein Anfang. Der Anfang davon, dass irgendwann kein Mensch mehr illegal und auch kein Arbeitskraftbehälter ist. Und alle Menschen umziehen können, wohin sie wollen.
Weiter zum Thema:
The Voice-Kampagne
The VOICE Refugee Forum Germany – Flüchtlinge und Asyl in Deutschland
Materialsammlung zur unmenschlichen „Anwerbung“ von türkischen Menschen zur Arbeit in der BRD
Text zu Flüchtlingspolitik von [paeris]
]]>Kurz nach der Preisverleihung geht ein Aufschrei durch die Medien, wie es denn sein kann, dass so jemandem ein derartiger Preis verliehen wird. Bushido sei frauenfeindlich und homophob und doch überhaupt kein gutes Vorbild. Die SaZ-Redaktion findet es zwar auch unsinnig, dass ein reaktionärer Kotzbrocken wie Bushido einen Preis bekommt, noch unsinniger und vor allem rassistisch ist allerdings der Preis selbst. Wofür steht denn Integration genau? Wo rein sollen sich Menschen integrieren? Und wer entscheidet, wer sich integrieren muss?
Das Jahr der Kartoffel
Integration wird hierzulande als etwas Wichtiges und Sinnvolles betrachtet. Der Gedanke läuft etwa so: „Nicht-Deutsche“ sollen sich an die „deutschen Verhältnisse und Lebensweisen“ anpassen, um ein harmonisches Zusammenleben zu ermöglichen. Aber wer sind denn „Nicht-Deutsche“? Und was „deutsche Lebensweisen“?
Der Zufall entscheidet darüber, wer zu welcher Nation gehört. Nichts, worauf du dir besonders viel einbilden könntest. Trotzdem identifizieren sich die meisten Menschen mit „ihrer“ Nation. Was sich zunächst einfach nur komplett bescheuert anhört, bietet den Menschen ein willkommenes Erklärungsmuster: Die täglich erlebte Ohnmacht und Unsicherheit schaffen ein Bedürfnis nach Macht und Sicherheit. Dieses Bedürfnis erfüllt die Nation: Die Unsicherheit im täglichen Hamsterrad bekommt ein Ziel, die Gewissheit, etwas Höherem zu dienen. Das ist doch komisch, denn was nutzt mir eine angeblich tolle Nation, für die ich den Gürtel enger schnallen soll, schneller lernen, härter arbeiten? Patriotismus ist in der Tat eine wahnsinnige Idee. Aber gerade deshalb eignet sie sich so gut, den alltäglichen Wahnsinn sinnvoll erscheinen zu lassen.
A history of violence
Offensichtlich reicht es aber nicht, in Deutschland geboren zu sein, um dazu zu gehören. Auch wenn kein Mensch so genau sagen kann, was eigentlich „deutsch“ ist, scheint es vielen leichter zu fallen, zu definieren, wer „nicht deutsch“ ist: „Schwarze“, die in Deutschland geboren sind und es außer zum Urlaub nie verlassen haben, werden immer wieder gefragt, „wo sie denn eigentlich herkommen“. Deutscher Pass hin oder her.
Woher kommt diese Idee, Leute nach rassistischen Kriterien einzuteilen? Der heutige Rassismus hat eine lange Vorgeschichte, die zusammenhängt mit Kolonialisierung, Versklavung und Massenmord. Die Europäer_innen haben versucht, fast die ganze Welt zu erobern und haben die dort lebenden Menschen versklavt oder gezielt ermordet. Diesen Menschen wurde das „Menschsein“ abgesprochen und sie zu einer anderen „Rasse“ erklärt. „Schwarze“ wurden auf eine Stufe mit Affen gestellt, die „Weißen“ in Europa waren angeblich die Krone der Schöpfung. Die Menschen nach Hautfarbe in „Rassen“ oder „Völker“ einzuteilen ist zwar kompletter Unsinn. Es teilt ja auch niemand die Leute nach Augenfarbe oder Daumengröße ein und behauptet dann, sie wären besonders intelligent oder stark. Rassismus wird heute seltener offen ausgesprochen. Trotzdem ist er immer noch alltäglich. Zum Beispiel in Polizeikontrollen, die „Schwarze“ viel häufiger betreffen als „Weiße“ oder wenn behauptet wird, Menschen mit muslimischer Identität seien sexistischer als die deutsche Mehrheitsbevölkerung.
Mültikültüralizm
Vor allem Liberale, aber auch viele Linke finden, dass Zuwanderung notwendig ist. Nicht nur aufgrund der Anforderungen des Arbeitsmarktes, sondern weil Zuwanderung auch eine kulturelle Bereicherung für Deutschland sei. Schland müsse ein tolerantes Land sein, in dem die verschiedenen Kulturen miteinander leben können. Ein Schmelztiegel der Kulturen. Ich kaufe ein M und möchte lösen: Multikulti. In der multikulturellen Gesellschaft können dann die „temperamentvollen Brasilianer_innen“ mit den „peniblen Deutschen“ zusammenleben. Doch wer sagt eigentlich, dass alle Deutschen penibel und ordentlich sind, wo doch jede_r mindestens eine_n im Bekanntenkreis hat, die richtig verpeilt ist. Und wieso sollen alle Brasilianer_innen heißblütig und temperamentvoll sein? In der Idee von Multikulti werden die Menschen auf ihre angebliche Kultur oder Nationalkultur festgelegt. Anstatt die Menschen mit individuellen Wünschen und Vorlieben zu sehen, werden sie in eine konstruierte Kultur gedrängt. Dieser so genannte Kulturalismus ist nichts Erstrebenswertes, bei dem alle Leute entsprechend ihrer Wünsche leben können, sondern pseudotoleranter Rassismus.
ähnlich wie beim Nationalismus bietet Rassismus in dieser Gesellschaft eine schlüssig scheinende Erklärung für den alltäglichen Wahnsinn: So führt z.B. rassistische Diskriminierung im Bildungssystem dazu, dass unter Abiturient_innen und Student_innen verhältnismäßig wenige Menschen mit Migrationshintergrund sind, wie selbst die UNESCO immer wieder kritisiert. Die einfache rassistische und selbstverständlich falsche Erklärung dafür lautet: Die lernen einfach nicht so fleißig und haben es eh nicht so mit Kultur. Anstatt die systematische Benachteiligung von Migrant_ innen zu skandalisieren, wird den Benachteiligten vorgeworfen, selbst an ihrer Situation schuld zu sein.
Rassismus in der Krise
Rassismus hat in der Krise einen neuen Schub bekommen, da in dieser Umbruchsituation besonders hoher Erklärungsbedarf besteht. Wer versteht schon so richtig, wie es zu den horrenden griechischen Staatsschulden gekommen ist? Indem die Menschen dort zu „faulen Pleitegriechen“ erklärt werden, wird ihnen selbst die Schuld für ihre Lage zugeschoben. Die erbarmungslose Standortkonkurrenz auf dem kapitalistischen Weltmarkt als eigentliche Ursache kann so bequem ausgeblendet werden. Gleichzeitig kann die eigene Erschöpfung noch mit Sinn gefüllt werden: Ich strenge mich die ganze Zeit an, obwohl ich keinen Bock dazu habe, damit es mir besser geht als „den Griechen“. Dass viel und hart arbeiten keinesfalls Sicherheit bietet, geschweige denn ein schönes Leben, liegt dabei doch eigentlich auf der Hand.
Was hat das mit Bushido zu tun?
In der Integrationsdebatte kommen Nationalismus und Rassismus zusammen: Sie integrieren heißt, die Anforderungen der Nation zu erfüllen. Hart arbeiten, nichts fordern, immer weiter machen im Hamsterrad. Wer keine Arbeit findet, wird Hartz IV und sozialer ächtung ausgeliefert. Integration in diese Gesellschaft ist nichts Erstrebenswertes. Anstatt sich gegen diesen Wahnsinn zu wenden, schieben die Menschen die Schuld auf andere, wie z.B. Migrant_innen. Selbst wer als Migrant_in „gut integriert“ ist, also die deutsche Sprache spricht, nicht arbeitslos ist und andere sich verändernde Anforderungen erfüllt, wird doch regelmäßig nach der Herkunft gefragt.
„Richtig Deutsch“ wird man daher nie, höchstens „gut integriert“. Wer als Migrant_in die Anforderungen nicht erfüllt, dem droht die Abschiebung.
(K)ein Ende des Rassismus
Die deutsche Gesellschaft ist durchzogen von Rassismen. Der Karneval der Kulturen und offene rassistische Ausgrenzung sind dabei nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Germany ist und bleibt kotzescheiße! Die restliche Gesellschaft mag sich durch angebliche Parallelgesellschaften bedroht fühlen. Aber die eigentliche Parallelgesellschaft ist die deutsche, die auf ihren Privilegien beharrt.
Wer „weiß“ aussieht, kann sich in diesem Land bewegen, ohne rassistisch beschimpft zu werden, ohne nach der Religion gefragt zu werden und ohne sich von Terrorist_innen distanzieren zu müssen. Dies muss in antirassistischen Kämpfen mitbedacht werden.
Es geht um einen Antirassismus, der eben nicht bei Abschiebungen damit argumentiert, dass der_die Migrant_in doch so toll integriert ist und auch richtig gut deutsch spricht. Diese Position stellt sich gegen alle, die diese rassistischen Kriterien nicht erfüllen. Ein konsequenter Antirassismus muss auch den Staat als „ideellen Gesamtrassisten“ in Frage stellen. Denn die groteske Einteilung der Welt in Staaten und deren Nachfrage nach Arbeitskräften legitimieren und fördern den Rassismus erst. Es ist dann kein Mensch mehr illegal, wenn es keine Staaten mehr gibt, welche Grenzen aufstellen und die Menschen per Pass in legal und illegal aufteilen. Für eine Gesellschaft, in der man ohne Angst verschieden sein kann.
Weiter zum Thema:
Straßen aus Zucker# 3: Deutsch = Weiß?
Straßen aus Zucker # 6: Culture? I‘d rather kiss a wookie!
KANAK-ATTAK
Mittlerweile aufgelöste antirassistische Gruppe, die sich mit Rassismus und Multikulti in Deutschland kritisch auseinandersetzte.
Das Fest des Huhnes
Dokumentarfilm, 1992.
Im August 2012 jährte sich das rassistische Pogrom gegen Migrant_innen in Rostock- Lichtenhagen zum zwanzigsten Mal. Zum Gedenken pflanzte Bundespräsident Gauck ausgerechnet eine deutsche Eiche als Zeichen für den Frieden. Wir wollen in diesem Artikel die Ereignisse von 1992 und ihre Hintergründe darstellen und zeigen, dass es keinen Grund gibt, ein staatliches Friedensangebot anzunehmen.
Doppelmist: Nationale Vereinigung und vereinigter Nationalismus
Nach der sogenannten Wiedervereinigung, der Zusammenlegung von DDR und BRD nach dem Ende des Kalten Krieges, jubeln viele, dass nun „endlich zusammengewachsen sei, was zusammengehöre“. Dass Menschen sich in den Armen liegen, weil eine gewaltsam gesicherte Grenze niedergerissen wird, klingt ja auch erstmal ganz sympathisch. Von Anfang an wird aber deutlich gemacht, wer nicht dazugehören soll: Menschen, die nicht als „deutsch“ gelten, werden ausgeschlossen. Die gewaltsam gesicherten Grenzen, die sie draußen halten sollen, stören die Mehrheit keineswegs.
Seit Ende der 1980er und noch stärker in den frühen 1990er Jahren häufen sich in diesem nationalistischen Klima die Angriffe auf Migrant_innen. Zu den bekanntesten gehören die gewaltvollen Aggressionen gegen Flüchtlingswohnheime in Hoyerswerda 1991 und Rostock-Lichtenhagen 1992 sowie die Brandanschläge auf Wohnhäuser in Mölln 1992 und Solingen 1993. Doch auch in anderen Städten kommt es zu zahlreichen Überfällen und Gewalt gegen einzelne Menschen oder deren Häuser. Die Ausschreitungen der rassistischen Mobs werden von Politiker_innen genutzt, um die Abschaffung des Asylrechts politisch durchzusetzen. Nach den Ausschreitungen, Brandstiftungen und tagelangen rassistischen Belagerungen in Rostock resümiert der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Rede im Bundestag: „Die Situation hat sich bedrohlich zugespitzt. Wenn jetzt nicht gehandelt wird, stehen wir vor der Gefahr einer tiefgehenden Vertrauenskrise in unseren demokratischen Staat. (…) Die Menschen erwarten von uns Lösungen, die greifen und die dem Missbrauch des Asylgesesetzes wirksam einen Riegel vorschieben.“
Nicht die rassistischen Pogrome werden als Problem dargestellt, sondern der vermeintliche „Asylmissbrauch“.
…und rassistische Hetze
Das Thema „Asyl“ war schon seit Jahren ein Schwerpunkt in der politischen Debatte in Deutschland. CDU/CSU übernehmen Themen und Argumente von NPD und anderen offen rechten Parteien. Das ist nicht nur eine politische Strategie, um deren Wähler_innenstimmen zu bekommen, sie teilen vielmehr ihre Ansichten. Deutschland durch die Wiedervereinigung größer zu machen, ist das eine Ziel, eine starke einige Nation zu sein, das andere. In den 1990ern suchen tatsächlich mehr Menschen Asyl in Deutschland und anderen europäischen Ländern als in den Jahren davor. Unter anderem die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien – an deren Entfachung Deutschland nicht unbeteiligt war – und das Ende der Sowjetunion sind Anlass zur Flucht. Statt mehr Wohnraum für Asylsuchende und eine gute Infrastruktur zu fordern, skandalisieren Politik und Medien die Einwanderung als Bedrohung für die „eigene“, die deutsche Bevölkerung.
Bündnis zwischen Mob und Elite
Der Begriff des „Asylmissbrauchs“ wird erfunden und von zahlreichen Journalist_innen aufgegriffen: Menschen aus anderen Ländern würden sich Asyl in Deutschland erschleichen, obwohl es ihnen nicht zustehe. Diesem Missbrauch müsse ein Ende gesetzt werden. Menschenverachtende Bilder und Begriffe verleihen Bedrohungsszenarien Ausdruck, die bis heute die Vorstellung von und das Sprechen über Migration prägen. Es wird von „Flüchtlingsströmen“ gesprochen, die das Land überfluten, oder vom „Boot“, das bereits voll sei und unterzugehen drohe.
Die Politiker_innen verstehen es als ihre Aufgabe, das „wiedervereinigte Deutschland“ gegen angebliche Gefahren von außen zu verteidigen. Entsprechend gestalten sie die Flüchtlingspolitik in Deutschland: Aufnahmestopps für bestimmte Gruppen, erschwerte Bedingungen und miese Unterbringung und Versorgung sollen die Einreise massiv erschweren. Doch nicht nur Medien und Politik treiben die Hetze an: Nationalistische und offen neonazistische Gruppen haben im Zuge der Vereinigung von DDR und BRD viel Zulauf und können beim Rest auf stille Zustimmung hoffen. Neonazis werden dabei in der Öffentlichkeit kaum als Gefahr begriffen. Allein der Bereitschaft zur offenen Gewalt und ihrer Absage an bürgerliche Normen steht man skeptisch gegenüber. Ihren Nationalismus, das Stolzseinwollen auf Deutschland, teilen viele.
Selbst als die Angriffe schon zahlreiche Menschenleben gekostet haben, werden der in der Gesellschaft weit verbreitete Rassismus und die staatliche Abschottungspolitik gegen Flüchtlinge nicht als Skandale erkannt. Die Ausschreitungen werden als unbeholfener Ausdruck von Wut, Angst und Überforderung der deutschen Anwohner_innen gedeutet, mit der sie die Politik zum Handeln auffordern wollten.
Rostock-Lichtenhagen 1992
Entsprechend der Flüchtlingspolitik der meisten Bundesländer sorgt der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern dafür, dass Asylsuchende aus Rumänien in der Zentralen Aufnahmestelle (ZAst) im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen untergebracht werden. Die hygienischen und räumlichen Zustände sind wie in vielen Sammelunterkünften in dieser Zeit so schlecht, dass sie im Sommer 1991 sogar von den Vereinten Nationen bemängelt werden. Der Rostocker Innensenator lehnt aber Verbesserungen ab. An den Zuständen stören sich auch deutsche Jugendliche. Anstatt sich aber gegen die skandalösen Verhältnisse zu wenden, greifen sie Geflüchtete an, die ihnen nicht ins Stadt- und Weltbild passen.
Auch ein Blick in die Lokalpresse zeigt ein einstimmiges Bild: In Leserbriefen und Artikeln werden rumänische Flüchtlinge als Kriminelle beschimpft. Am Samstag, 22. August 1992, versammeln sich mehrere tausend Menschen vor der ZAst und demonstrieren ihren Rassismus. Ab dem frühen Abend fliegen Steine, Flaschen, Leuchtraketen und Brandsätze. Vermummte rufen „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ und „Sieg Heil“. Auch ohne Vermummung, also offensichtlich ohne Angst vor Verfolgung, wird der anwesenden Presse auf rassistisch erklärt, warum hier Menschen angegriffen werden: „Unsere Protestaktion, die richtet sich gegen die angeblichen rumänischen Asylanten. Für uns sind das, auf Deutsch gesagt, Dreckschweine“ erklärt ein Anwohner einem Fernsehteam, nachdem er bekräftigt hat, „weißgottnicht“ ausländerfeindlich zu sein.
Brennende Häuser und klatschendes Publikum
Die Polizei stellt sich dem Mob nicht entgegen, sondern lässt sich von den demonstrierenden Rassist_innen vertreiben. Am nächsten Tag versammeln sich Tausende vor der ZAst. Unter ihnen sind organisierte Neonazis, die aus anderen Städten angereist sind, aber auch zahlreiche „ganz normale Deutsche“. Ein Imbissstand versorgt den Mob mit Bratwurst und Bier. Das Haus und seine Bewohner_innen werden aus der Menge heraus mit Flaschen und Steinen angegriffen und rassistische Parolen gerufen. Die Menge spendet den Angreifenden Schutz und Beifall. 350 Cops sind vor Ort, lösen die Menge aber nicht auf. Bei einer antifaschistischen Demonstration gegen die rassistischen Ausschreitungen nehmen sie dagegen 60 Menschen fest.
Am Montag, 24. August, werden die Asylsuchenden aus der ZAst in andere Städte evakuiert. Der Innensenator nennt es „das Problem ernst nehmen“. Als sich abends wiederum Tausende versammeln, dieses Mal vor dem benachbarten Sonnenblumenhaus, zieht die Polizei zunächst einen Großteil ihrer Kräfte ab. Als der Mob das Gebäude – in dem überwiegende vietnamesische „Gastarbeiter_innen“ wohnen – anzündet und stürmt, verlässt sie schließlich ganz den Tatort. Ohne Polizeischutz kann die Feuerwehr erst eineinhalb Stunden nach ihrem Eintreffen mit den Löscharbeiten beginnen. 120 Bewohner_innen können sich in letzter Minute über das Dach retten. Viele von ihnen werden wenig später abgeschoben; die „deutschen“ Mieter_Innen hingegen erhalten wegen der Brandschäden einen Mietnachlass.
Die faktische Abschaffung des Grundrechts auf Asyl
Das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen und die fast täglich stattfindenden Angriffe und Anschläge auf Migrant_innen und Geflüchtete werden von großen Teilen der Politik als „Überforderung“ der deutschen Bevölkerung gewertet. Nur halbherzig werden die gewaltsamen Ausschreitungen verurteilt. Die Angriffe werden vielmehr als Anlass genommen, die schon länger von der CDU/CSU geforderte Änderung des Asylgrundrechts im Grundgesetz umzusetzen: Wenige Monate nach dem Pogrom von Rostock-Lichtenhagen wird am 6. Dezember 1992 der sogenannte „Asylkompromiss“ zwischen der Koalition aus CDU/CSU/ FDP und der SPD-Opposition vereinbart und am 26. Mai 1993 die Grundgesetzänderung verabschiedet. Das Grundrecht auf Asyl in Artikel 16 wird durch den Artikel 16a ergänzt, der ihn faktisch aushebelt.
Das deutsche Asylrecht schränkt nun die Möglichkeit, Asyl in der BRD zu bekommen, massiv ein. Unter anderem wird die sogenannte Drittstaatenregelung eingeführt. Sie besagt, dass Menschen, die über ein „sicheres Drittland“ (also ein Land, in denen ihnen keine Verfolgung droht) in die BRD einreisen, um hier Asyl zu beantragen, keinen Anspruch auf dieses Grundrecht haben. Die Folge ist die Abschiebung zurück in das jeweilige Drittland. Da alle benachbarten Staaten Deutschlands als sichere Drittstaaten gelten, bleibt einzig die Einreisemöglichkeit per Flugzeug. Doch dafür gibt es bereits das sogenannte Flughafenschnellverfahren, bei dem in kurzer Zeit vor Ort inhaftiert, geprüft und „rückgeführt‘‘ wird.
Antirassismus gegen den Staat
Rund 74 Prozent der Deutschen sprechen sich im Februar 1992 in einer Umfrage für die Grundgesetzänderung aus. Für die Hetzer_innen in Presse und Politik, den Mob von Rostock-Lichtenhagen, die organisierten Neonazis aber auch für Teile der Bevölkerung, die ihnen zustimmen, ist diese rassistische Grundrechtseinschränkung ein großer Erfolg. Für Geflüchtete ist es seitdem fast unmöglich, in Deutschland einen gesicherten Aufenthaltsstatus zu bekommen. Große Teile der Bevölkerung sorgen sich mehr um das Ansehen Deutschlands im Ausland, als um das Wohl der bedrohten und ausgegrenzten Menschen. An „Lichterketten“, die das internationale Ansehen Deutschlands verbessern sollen, nehmen Hunderttausende teil. Selbsthilfe und Solidarität mit den Betroffenen werden gegen den Staat und weite Teile der Bevölkerung organisiert: Aus der Erfahrung, dass die Polizei keinen Schutz gewährleistet, schließen sich Migrant_ innen zur Interessenvertretung und Selbstverteidigung in Gruppen wie der Antifa Gençlik zusammen, während Autonome Antifa- und Antira-Gruppen praktische Solidarität üben.
Alles muss man selber machen
Die Situation und das gesellschaftliche Klima haben sich seit den 1990ern verändert. Der NSU-Skandal und der alltägliche Rassismus, der Migrant_innen staatlicherseits und von weiten Teilen der Bevölkerung entgegenschlägt und Gesten wie die „Friedenseiche“ machen deutlich, dass der Kampf gegen Rassismus und Nazis nach wie vor in die eigene Hand genommen werden muss. Im Zweifelsfall auch gegen die Einstellungen der Bevälkerungsmehrheit und erst recht gegen den Staat.
Weiter zum Thema:
Fight Racism Now
Kampagne zum 20. Jahrestag der Abschaffung des Grundrechts auf Asyl und dem Mordanschlag in Solingen.
Wer Gewalt sät –Von Brandstiftern und Biedermännern
Straßen aus Zucker: Ihr tretet an den Rave zu revolutionieren. In eurem Presseinfo zum Album wird euch die Fähigkeit zugesprochen Ravefans der unterschiedlichsten politischen und sozialen Backgrounds auf einer Tanzfläche zu vereinen. Warum Rave? Warum dieses ekstatische Genre? Weil ihr Kinder der 90er seid?
Tubbe: Wir sind wahrscheinlich in erster Linie Kinder von ausgesprochenen oder genuschelten Schnapsideen. Was uns irgendwie das Wort Rave ins Boot gespült hat. Gott sei Dank treiben die entsprechenden 90 er Jahre Outfits noch auf unbekannten Weltmeeren der elektronischen Musik. Zudem lässt sich mit besagtem Rave hervorragend das Wörtchen Hooraave bilden. Wir arbeiten also in erster Linie so, dass uns Dinge erheitern. Sich die Welt hinbiegen, wie sie einem gefällt. Pipi-Langstrumpf-Konzept.
SAZ: Eure Musik ist ambivalent. Treibende, eingängige Beats und Synthieklänge vs. dezenten, zurückhaltenden Gesang. Tiefe Gefühle in den Texten vs. anorganische Elektromusik. Als Band wollt ihr Projektionsfläche sein, für die die Wünsche und Bedürfnisse eurer buntgemischten Hörerschaft. Ist die freie Assoziation die Essenz für die Vereinigung der Raver_innen dieser Welt?
Tubbe: Projektionsfläche für alle ungelebten Sehnsüchte und Gefühle zu sein, ist wahrscheinlich das, was Popmusik zu dem macht, was sie eben ist. Einem großen Wust von Emotionen und Übertreibungen, Leidenschaften und Verzweiflungen. Und zwar auf beiden Seiten. Produzierenden und Konsumenten. Unabhängig davon, in welchem Genre man sich bewegt.
SAZ: Ihr spielt viel in queeren Zusammenhängen. Warum?
Tubbe Weil man uns fragt. Weil wir wollen. Weil wir es können.
SAZ: Die queere Szene ist ähnlich bunt gemischt, wie euer Publikum. Erwächst aus diesem Umstand die Absicht, für ein breites raveaffines Publikum anschlussfähig zu sein?
Tubbe: Nein, wir kommen ohne Absichten. Einzig mit Liebeskummer und ein paar Liedern ausgestattet wagen wir es, die morsche Bühne der Popmusik zu betreten
SAZ: Ihr singt auf englisch und deutsch. Habt ihr internationale Ambitionen?
Tubbe: Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es weniger um die eigenen Ambitionen geht, als um das was passiert, während man auf die Erfüllung der selbigen wartet.
SAZ: Tubbe sind jung, im März veröffentlicht ihr eurer erstes Album. Trotzdem habt ihr schon einige Erfolge eingefahren und eine Fanszene. Habt ihr den Nerv der nach Neuem lechzenden Ravefans getroffen oder seid ihr einfach gut vernetzt?
Tubbe: Wir haben beide exorbitant viele Facebookfreunde, denen wir gerne und jedes Jahr zum Geburtstag gratulieren. Das hält Herz und Hände warm In besonderen Fällen senden wir Kekse. Als Dank baden wir in einem nicht enden wollenden Füllhorn der Zuneigung. Vielleicht treffen wir aber auch Nerven, ohne es zu wollen. Wenn dem so ist und irgendwer aufgrund dessen Schmerzen hat, tut es uns leid.
SAZ: Ihr seid kürzlich von München nach Berlin gezogen. Wie sehr verändert das Musikmachen euer Leben?
Tubbe: Durch real erfahrene Armut arbeiten wir redlich, beflissen und eifrig.
SAZ: Aber sollte es gegen Armut nicht bessere Wege geben, als eifrige, beflissene Arbeit? Wo das ja nicht mal ein verlässliches Mittel ist. Viele Menschen arbeiten ja viel und die Kohle reicht trotzdem nicht.
Tubbe: Für die meisten Musiker eine heitere frage. Die Antwort wäre wohl für geleistete Arbeit angemessen bezahlt zu werden.
Das würde dann auch heißen: Menschen klauen Musik nicht, wollen nicht ständig umsonst auf Konzerte gehen und weinen nicht, wenn sie 12 euro für ein Bandshirt zahlen müssen, das bei American Apparel das dreifache kostet.
Musiker reisen quer durch die ganze Republik und spielen für ungefähr drei euro. Weil alle denken, dass es doch auch total viel spaß macht? Und mit spaß kann man bekanntlich die Miete für ein Penthouse bezahlen.
Es ist recht verzwickt eine Antwort auf die Frage zu geben, an der gerade komplette Gesellschaften kaputtgehen.
SAZ: Im Gegensatz der meisten Vertreter_innen der Ravezunft strotzen eure Texte von zwischenmenschlichem Gefühl. Banale Slogans finden sich kaum. Aus welchen musikalischen Backgrounds kommt ihr?
Tubbe: Klausen ist ein meisterhafter Produzent und hat seine Ohren durch jahrelanges Punk-, Metal- und Jazztraining in Topform gebracht. Sie nehmen an internationalen Aerobic--Wettbewerben teil. Steffi hingegen hat sich durch ein Musikstudium gequält und spielt seither schnell und brillant E-Bass. Sie sollte sich mit Jazz auskennen. Tut aber nur so. Ist allerdings ein Meister des Pops und seiner Klatschgeschichten. Pop ist eben auch das, was man daraus macht.
Und hier gehts zur den audiofiles.
]]>Allein machen sie dich ein
Warum es sich lohnt Politgruppen zu gründen und wie man Fallstricke im Organisierungsdschungel vermeidet
PorNo? PorYes? PorHaps…
Warum nicht alle Pornos geil sind
Only you. And you. And you.
Von romantischen Zweierbeziehungen, „freier Liebe“ und Polyamory
Die Revolution im Reformhaus
Warum es eine Revolution braucht. Und warum die Revolution nicht genug ist
„Die sind schuld“
Antisemitismus
SaZ: Das Album kommt musikalisch viel sanfter und ruhiger daher als seine Vorgänger. Warum der Pop?
Saalschutz: Einen aufgedrehten Ravepunk-Smasher zu schreiben, ist uns etwas zu langweilig geworden. Das haben wir oft genug gemacht. Das heißt nicht, dass wir diese Songs nicht mehr mögen oder das nie mehr machen. Aber das war für die neue Platte nicht oberste Priorität. Wir haben zu dem Genre ziemlich viel beigetragen und wollten uns mal ein bisschen in eine andere Richtung bewegen. Also weg vom für uns künstlerisch sicheren Hafen.
SaZ: Dies zeigt sich durch Anleihen aus Jazz, Schlager, Klaviere und Akustikgitarren. Eure Musik ist viel bunter geworden. Der alte Ravepunk ist verwaschen. Ist das eine Konsequenz aus über 100 Konzerten, 4 Alben, zahlreichen Features und Gastauftritten bei befreundeten Musiker_innen? Eine Art natürlicher Reifeprozess einer Band, die ziemlich umtriebig ist und dabei mit den verschiedensten Künstler_innen und musikalischen Vorstellungen in Kontakt kommt?
Saalschutz: Naja, es waren eher vierhundert Konzerte oder so, wir müssten mal nachzählen. Es gibt keine gültige, reine Lehre des Rave-Punk, die dann irgendwie verwaschen werden könnte. Der Begriff an sich ist ja schon ein Witz. Wir haben einfach einen ziemlich breiten Musikgeschmack. Wir greifen auch mal zur Methode, Sachen anti-intuitiv und gegen unsere eigenen Vorlieben einzubauen. Wir setzen dann bewusst auf – vermutlich nicht nur – unsere persönlichen „No Gos“, als Herausforderung an uns selbst und einfach um zu schauen, was dabei raus kommt. MTDF legt in konzertfreien Zeiten fast jedes Wochenende auf oder hilft mit, Parties zu veranstalten.
Wir sind also ständig in Kontakt mit Musik. Wir hatten übrigens schon auf dem ersten Album Akustikgitarre drin, beim ersten Song „Meine kleine Popmusik“. Wir arbeiten eigentlich nach dem Lustprinzip und wir hatten Lust darauf, dass das neue Album anders klingt als das letzte, so wie das letzte anders klingen sollte als das vorletzte. Dazu gehört auch, dass wir jedes mal mit jemand anderem produziert haben.
SaZ: Kommen wir nach der Musik zu den Texten. Diese bewegen sich zwischen Banalität und komplexer Doppelbodigkeit. Puren Slogans habt ihr in der Vergangenheit eine Absage erteilt. Gibt es eine Message, die sich als roter Faden durch das Album zieht?
Saalschutz: Nein. Aber es ziehen sich vermutlich gewisse Themen durch alle Alben.
SaZ: Glaubt ihr, dass das Politische in der Musik besser zwischen den Zeilen oder in Refrains mit klaren Parolen aufgehoben ist?
Saalschutz: Wenn es darum , möglichst viele Leute anzusprechen und zu erreichen, wohl eher zweiteres. Der von MTDF hochverehrte Künstler Georg Kreisler konnte beides sehr gut.
SaZ: Selbstironie („Ich bin die Flasche, er der Deephouse-Milliardär“) und Reminiszenzen an Künstler_innen wie Peter Kraus, die fast niemand kennt, ziehen sich durch eurer Album: Ist das das künstlerisches Konzept zur Konstruktion einer sehr speziellen Saalschutz-Welt oder ist es eine Art Selbstschutz, um sich vor Unverständnis zu schützen?
Saalschutz: Das Lied ist ja nicht von uns, das ist von Sedlmeir. Wir haben nur den Text ergänzt und ein bisschen abgeändert. Peter Kraus war doch mal sehr berühmt, oder nicht? Und Freddie Mercury, Robert Smith oder Debbie Harry würden wir jetzt nicht als Künstler_innen bezeichnen, die kaum jemand kennt. Da sind wir sogar eher die Mainstream-Popschweine.
SaZ: Apropos Mainstream: DJ Bobo (für die Jüngeren: ein Eurodance-Popstar der Jahrtausendwende, der Urvater von ausufernden Bühnen-Choreografien und gefühlt auch Vorbild für Psy’s Pferdtanz) zählt euer Album ein. Was macht der zur Zeit eigentlich?
Saalschutz: Das wissen wir nicht. Berühmt sein vermutlich.
SaZ: Wir wünschen es ihm! In der heutigen Post-Deichkind-Rave-Epoche gibt es zahlreiche Künstler_innen, die mit elektronischem Sound und banalen Texten über ein Lebensgefühl zwischen Drogen, Miami Vice und perspektivloser Euphorie arbeiten. Und Menschen feiern das auch noch. Woher glaubt ihr, kommt dieses Bedürfnis als Künstler_in, sich so auszudrücken. Und woher kommen die Menschen, die dazu tanzen?
Saalschutz: Die Künstler_innen haben gesehen und erkannte, dass sie damit reich werden und dann in der Spex stehen. Und sie wollten das dann auch. Menschen die sich amüsieren wollen, gab es immer und wird es vielleicht immer geben, solange es Menschen gibt.
SaZ: Wenn wir gerade beim Thema Feiern sind. Wenn Mc Fitti euch mal nach einem gemeinsamen Song fragen würde, würdet ihr einwilligen?
Saalschutz: Grundsätzlich wohl schon. Aber wir sind sehr schlechte Kooperateure, wir verleihern sowas oft. Und wir wissen ja nicht mal ob MC Fitti uns mag.
SaZ: Früher habt ihr in den Texten noch (Suggestiv)Fragen gestellt, heute gebt ihr nur noch Antworten – wie hat die Musik eurer Privatleben in den letzten Jahren beeinflusst?
Saalschutz: Diese Frage ist jetzt wirklich zu suggestiv! Also der erste Teil. Wir geben doch sicher keine Antworten. Ansonsten, wir waren viel unterwegs, es ist manchmal schön, manchmal frustrierend. Das Privatleben und das Berufliche verwischen dann auch ein Stück weit, die Freundeskreise überschneiden sich mit der Tätigkeit. Man hat ja durch ähnliche Interessen und Bedürfnisse – einen gemeinsamen Nenner, auch wenn wir dann über alles andere als Musik quatschen. Nicht alle aber viele unserer Freundinnen und Freunde haben was mit Clubs, Kunst, Musik oder so zu tun oder ein Interesse an diesen Dingen.
SaZ: Das neue Album ist ein Doppel mit 60 Minuten Live-Material alter Songs. Darunter auch der Hit „19, 9, 90“. Wer euch schon länger kennt, wird sich an schweißtreibende Konzerte erinnern. Wer nicht, hat etwas verpasst. Wo ist der Hit auf eurem neuen Album? Was treibt uns in Zukunft zu euren Konzerten?
Saalschutz: Was der Hit ist, bestimmen nicht wir. Meistens teilt sich das mit den Hits ziemlich auf. Es gab vielleicht noch nie einen Song, der eine klare Mehrheit findet. Wir wissen nicht ob das für oder gegen die Songs spricht.
SaZ: Vielen Dank fürs Gespräch!