Straßen aus Zucker 2017-07-16T16:30:36Z Copyright 2017 WordPress strassenauszucker <![CDATA[Die Ausgabe No. 12]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/2017/01/28/in-kuerze-erscheint-die-ausgabe-no-12/ 2017-01-28T09:47:32Z 2017-01-28T09:47:32Z Allgemein Zeitung Die neueste Ausgabe der Straßen aus Zucker hat sich nichts weniger als die Frage vorgenommen, wie wir leben wollen. Hier kann diese runtergeladen werden. Und hier kommt das Vorwort.

Cover No 12

„You may say I’m a dreamer“, heißt es in einem alten Lied von John Lennon, das nur noch im „70/80/90er-Mix und das Beste von Heute“ verramscht wird. Und es kann nun wirklich nicht behauptet werden, dass Viele von den Ideen, die in dem Lied vorgeschlagen werden, träumen: einer Welt ohne Nationen, Eigentum und Religion. Gerade in Zeiten von AfD, Pegida, FPÖ, SVP, IS, Trump, AKP, Front National, Duterte und anderer Bewegungen des Horrors kann es schnell albern scheinen, über eine „befreite Gesellschaft“ und Utopien nachzudenken. Wenn das nichts mit den aktuellen Kämpfen zu tun hat, sondern eine paradiesische Welt am Reißbrett entworfen wird. Ohne die vielen gescheiterten Versuche zu reflektieren, die es bereits gab. Und einen Masterplan brauchen die Leute, die dann die grundlegende Veränderung erstreiten werden, auch nicht. Wir wollten das Gegenteil tun: Uns in trüben Zeiten Gedanken darüber machen, wofür wir eigentlich streiten. Es war nicht leicht, bei vielen Dingen sind wir uns unsicher, manches wird nur angerissen. Aber, dass es sich lohnt dafür einzutreten, dass es endlich besser wird, das wissen wir. Und: „We hope some day you‘ll join us“.

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strassenauszucker <![CDATA[Let’s make plans together!]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/?p=393 2017-01-13T20:38:19Z 2017-01-13T20:38:19Z Allgemein Warum wir den libertären Plan 5.0 wollen

87 Prozent aller Rückenoperationen in Deutschland gelten als unnötig. Vor „falschen wirtschaftlichen Anreizen“ warnen deshalb Expert_innen, Operationen würden zu gut bezahlt. Wenn sich das ändert, dürften allerdings notwendige Operationen unterbleiben, weil sie sich „zu wenig lohnen“. Wobei ja auch jetzt schon nicht operiert wird, wenn es kein Geld für die Krankenversicherung gibt. Man kann sich die ratlosen Gesichter der außerirdischen Soziologiestudent_innen vorstellen, die diesen Wahnsinn nach Alpha Centauri berichten müssen. Wie bescheuert muss man sein, Gesundheit über Profit zu organisieren? Daraus folgt, dass nicht die medizinisch sinnvolle Maßnahme durchgeführt wird, sondern die, die sich finanziell lohnt. „Schatz, wie war Dein Tag?“ – „Fein, hab zehnmal sinnlos Rücken operiert!“ .Doch das ist keine verrückte Ausnahme, es resultiert direkt aus der Organisation der Bedürfnisse über den Markt. „Wie würdet ihr es denn anders machen?“, wird darauf oft gefragt. Dazu weiter unten mehr. Aber vorher ein paar Bemerkungen zu den drei häufigsten Einwänden, mit denen eine Diskussion über Alternativen abgewürgt wird:

„Niemand würde mehr arbeiten, wenn erst der Zwang des Marktes wegfällt!“

Dieser Satz, der schwer zu widerlegen, aber doch einfach zu hinterfragen ist, findet sich nicht zufällig selten in der Ich-Perspektive: Man selber würde natürlich weiterschuften, aber sonst fast niemand mehr. Dieses Misstrauen gegenüber allen, die Einschätzung, dass außer mir und Mutti alle Arschlöcher sind, taucht nicht zufällig in einer Gesellschaft der permanenten Konkurrenz auf. Wir wissen nicht, wie Menschen arbeiten werden, wenn sie nicht lebenslang die Peitsche des persönlichen Absturzes oder eben anderen Zwang spüren. Doch wenig spricht dafür, dass sich alle nur am Strand tummeln wollen. Wenn Leute etwas haben wollen und zugleich wissen, dass das nicht aus der Wand kommt, werden sie sich einbringen. Aber vor allem: Schon hier sind Leute meist gern mit anderen (oder auch allein) tätig, es muss aber was subjektiv Sinnvolles sein, es muss freiwillig sein, interessant oder anregend und es darf nicht zu sehr belasten. Und wenn das gesellschaftliche Ziel wäre, Arbeit zu vermeiden, sie angenehmer zu machen, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufzuheben und Arbeiten, die niemand machen will, weitgehend zu automatisieren und zugleich rotieren zu lassen, fielen eben schon viele Gründe weg, warum Menschen hier zurecht sagen: Arbeit ist scheiße. Denn auch wir selbst verwenden heutzutage enorme Mogelenergie darauf, um uns vor der Arbeit zu drücken – blau zu machen vom Rumstehen, callcentern oder der Worthülsenproduktion in den Unis. Geht uns bei Arbeit, deren Zweck wir einsehen – zum Beispiel diese Zeitung zu machen – nicht so.

„Im Kommunismus wird nur Schrott produziert, siehe Tschernobyl und Trabi!“

Dies sagen die, die meinen, im Kapitalismus würde sich automatisch das beste Produkt durchsetzen. Doch erstens muss man sich dieses Produkt leisten können. Und zweitens: Voll Lüge. So hat die Stiftung Warentest Blutdruckmessgeräte getestet und zu den Billigen bemerkt: „Für Kranke wird solch ein Schnäppchen schnell zum riskanten Roulette“. Irgendwelche Folgen: None. Die sind weiter auf dem Markt, solange sie jemand kauft. Und weil die meisten wissen, dass ihnen permanent dieser Schrott angedreht werden soll, werden sie wahre Expert_innen in der Produktkunde. Wieviel Zeit hier individuell drauf geht! Und der nervige Kauf des neuen Druckers gilt dabei auch noch als Freizeit. Vernünftig könnte man das so organisieren, dass das, was jetzt die Stiftung Warentest macht, die Produktionsstätten selber testen. In einer vom Markt und dem Regiment der Konkurrenz befreiten Gesellschaft gibt es keinen Grund mehr, Schrott rauszuhauen. Und keine Produkte mit nicht herausnehmbaren Teilen, damit man gleich das Ganze neu braucht, wenn die kaputtgehen. Keine eingebauten Verfallsdaten, keine ausgefeilte Berechnung der Menge von z.B. Zucker, Ammonium, Koffein, damit Produkte süchtig machen. Ach, die Leute haben ja so viele Ideen, wären die nur vernünftig…

„Ich will nicht, dass irgendeine Planungskommission darüber entscheidet, was ich brauche!“

Wir auch nicht. Aber die Vorstellung, dass im Kapitalismus die Leute selbst darüber entscheiden was sie brauchen, ist ein Märchen. Und wenn es doch Mitbestimmung gibt, dann nur, wenn sie zu Konkurrenzvorteilen führt. Auch die Frage, ob eine neue Technik das Leben der Menschen erleichtert, hängt in dieser Gesellschaft immer davon ab, ob sie rentabel ist und nicht davon, ob sie gebraucht wird. Denn auch hier gilt: Leuten, die Geld haben, muss das Nutzen bringen. Und überhaupt gibt es gar keinen Grund, warum in einer vernünftig eingerichteten Wirtschaft eine Kommission darüber entscheiden sollte. Du entscheidest, wer auch sonst? Auch heißt Plan nicht, dass es nur einen Anbieter für ein Gebrauchsgegenstand gibt.

Wir glauben dabei, die Entwicklung von Gebrauchsgegenständen könnte zwei Richtungen nehmen: Die eine heißt Demokratisierung. Zum Beispiel könnte eine enorme Anzahl von Kleidungsdateien zur Verfügung stehen, aus denen man mit Lasercuttern die eigene Garderobe schneidern lassen kann. Kein Copyright stört. Die andere Richtung heißt: Entspannung. Man lässt sich die z.B. 10 beliebtesten Fahrräder anzeigen und wählt aus diesem überschaubaren Angebot aus. Denn für viele stellt es keine Freiheit dar, in den Media Markt zu stolpern und festzustellen, dass die Funktionen der 150 Fernseher sich nicht unterscheiden (soviel zur kapitalistischen Vielfalt!). Für andere: Go for it, wenn es Dir wichtig ist. Auch wenn man nicht prognostizieren soll: Wir glauben, es gäbe erstmal eine enorme Ausweitung der Geschmäcker und Stile, eine Explosion der Individualität nach all dem Marken-Graugrau. Vielleicht würde danach eine Phase einsetzen, in der mehr Leute ihre Zeit mit anderem verbringen.

Und nun…?

Wir können unsere Vorstellungen hier natürlich nur grob skizzieren, aber soviel wissen wir schon: Wir wollen einen libertären Plan 5.0.
Libertär heißt hier: Es geht um die individuelle Freiheit, die Maßgabe der Produktion sind die Bedürfnisse und das gute Leben der Menschen. Wir wollen keine brutale Kommandowirtschaft wie im Realsozialismus und keine brutale Absturzangstwirtschaft wie im Kapitalismus. Es darf keine losgelöste Bürokratie entstehen, die den Zugriff auf die Computerprogramme, die die Pläne organisieren, monopolisieren kann. Alle Verwaltungen, Räte, Plattformen müssen abwählbar sein, Ideen von imperativen Mandaten entwickelt werden, was aber auch heißt: Entscheidungen in Freiheit brauchen vermutlich mehr Zeit. Auch in dieser Weise wäre die neue Gesellschaft also weniger produktiv als die kapitalistische Menschenschinderei und Gehorsamswirtschaft.

Plan heißt: Wir halten eine geplante Wirtschaft, in der nach den Bedürfnissen (und nicht der Kaufkraft) produziert wird, für sinnvoll. Bei dem Wort „Plan“ jaulen viele auf. Aber auch in der jetzigen Gesellschaft wird schon heftig geplant, auf der Ebene von Unternehmen und Staaten sowieso. Aber auch täglich wird geplant, was man so braucht und Leute verhungern nicht, weil sie wieder nur Quatsch im Supermarkt gekauft haben, sondern weil sie sich Essen nicht leisten können. Diese Planung findet aber unter Klassen- und Konkurrenzbedingungen statt, so dass das quasi ein beschädigter Plan ist. In unserer Planwirtschaft müssten hingegen die Produktionsmittel kollektiv verwaltet werden und verhindert werden, dass Gruppen zu Erpressungsmitteln kommen, um sich die Arbeitskraft anderer anzueignen.

5.0 heißt, auch wenn das natürlich ein blöder Marketingbegriff ist, dass wir das auf der Basis der heutigen technischen Möglichkeiten machen wollen. Wir wollen kein Dahinkrebsen in autarken Versorgergemeinschaften, denn mit dem jetzigen technischen Stand lässt sich das erste und dringendste Ziel, dass niemand mehr hungern muss, schneller erreichen. Nicht, dass nicht früher Menschen auch schon vernünftig zusammenleben hätten können, aber scheint uns doch der Fakt, dass heute die satellitengestützte Aussaat durch autonome Roboter möglich ist oder Fabriken, die keine Menschen mehr brauchen, das jetzt praktikabel zu machen. Ein Roboterkommunismus wird es nicht gleich werden. Es wird noch lange viel Arbeit geben, gerade, weil erstmal Hunger und Wohnungsnot Geschichte werden müssen. Weil viele neue Arbeit zum Beispiel in der endlich menschlichen Betreuung von Kranken, Alten und Kindern entstehen wird. Und weil wir noch nicht wissen, wie viele Menschen sich richtig reinhängen werden, wenn es keinen Arbeitszwang mehr gibt. Aber soviel wie in der heutigen Welt, in der sogar die Freizeit Arbeit ist, sicher nicht. Ein vorsichtiges, zaghaftes Ende, aber nur das scheint uns für diesen Artikel angebracht.

Zum Weiterlesen:

  • Eine ausführliche Literaturliste zum Thema: Klick!
  • Herbert Marcuse: Versuch über die Befreiung, 1969, antiquarisch billig zu kriegen.
  • Phase 2 Ausgabe Nummer 36 zu Kommunismus
  • Felix Klopotek: Rätekommunismus, 2017, 10 Euro.
  • Dietmar Dath: Klassenkampf im Dunkeln, 2014, 15 Euro.
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strassenauszucker <![CDATA[All you need is love?]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/?p=392 2017-01-13T20:36:30Z 2017-01-13T20:36:30Z Allgemein Liebe und Beziehungen in der befreiten Gesellschaft

Eine große Hoffnung, die eine auf Bedürfnisse ausgerichtete, von Herrschaft, Unterdrückung und Ausbeutung befreite Gesellschaft bietet, ist, dass in ihr Grenzen verschwimmen und verschwinden. Dass der Zwang entfällt, sich zu entscheiden oder gar andere über sich entscheiden zu lassen: Bist Du männlich oder weiblich? Schwul oder hetero? Heirat? Kinder? Zwischen Freundschaft und Liebe, zwischen Familie und Gesellschaft, zwischen begehren und begehrt werden, Freiheit und Bindung.
Man kann jetzt einwenden: Ein gebrochenes Herz wird trotzdem immer noch weh tun. Und noch immer wird die Zahl der Menschen, mit denen man enge und wichtige Beziehungen ein- gehen kann, durch Zeit und Raum begrenzt sein. Und dass das alles wenig zu tun hat mit dem herrschenden gesellschaftlichen System. Stimmt. Aber wollen wir nicht umso mehr unsere Zeit frei von Konkurrenz, Unterdrückung und Ausbeutung verbringen, die so viele weitere unnötige Grenzen, Zwänge und Leid schaffen?

Love is a battlefield

Niemand kann sagen, wie wir in der befreiten Gesellschaft lieben und Beziehungen führen werden. So wie es heute tausend Arten gibt, an den herrschenden Zwängen und Normen zu lei-den, so wird es hoffentlich eines Tages tausend Arten geben in glücklichen Beziehungen zu sein, ohne dafür angefeindet zu werden. In Umrissen sind diese vielen Arten von Glück schon erkennbar; es kann eine Frau* heute eine andere Frau* lieben und dabei von der Mehrheit ihres Umfelds akzeptiert sein, oder ein Mann* einen Mann*, und beide können an manchen Orten auch Kinder haben. Nur existieren diese Möglichkeiten in der bestehenden Gesellschaft strikt nebeneinander, jede_r muss sich für eine entscheiden, und wird immer Unverständnis und Hass erfahren von Menschen, die nach anderen Regeln und in anderen Gemeinschaften leben – und wehe, eine_r möchte die Schublade wechseln oder passt gar in keins der Modelle!
Selbst an den wenigen Orten, wo schon heute eine relativ große Vielfalt an Lebensweisen möglich ist, müssen die lästigen Sachen, die in Beziehungen passieren, dringend umverteilt werden, angefangen bei der Hausarbeit, über die Versorgung von Kindern bis hin zur Verhandlung von Eifersucht und Angst. Und wo immer die materielle Sicherheit durch die unvermeidlichen Krisen der kapitalistischen Verwertung oder durch die damit verbundene Gewalt bedroht ist, sind zugleich alle bedroht, deren Lebensweise nicht dem einzigen schon immer akzeptierten (weil der reibungslosen Reproduktion der Gesellschaft dienlichen) Modell entspricht: Vater-Mutter-Kind.

I wanna know what love is

Zum Glück gibt’s Wege in die befreite Gesellschaft. Unser Favorit: Wir müssen lernen, ohne Angst verschieden zu sein. Zugegeben, das ist etwas komplizierter als die Wegbeschreibung von Google, aber es beschreibt ziemlich gut, wie die Liebe nach dem Kapitalismus aussehen könnte. Es könnte bedeuten, dass sich niemand mehr aufregt, wenn Kinder nicht bei Mama und Papa aufwachsen, sondern bei Mama und Mama, Papa und Papa, oder bei Fatuma, Klaus und Sahra, die gar keine „Liebesbeziehung“ haben, sondern „nur“ eng befreundet sind. Es kann im besten Fall heißen, dass wir ein Leben lang experimentieren und die Grenzen von Liebe und Freundschaft übertreten, uns in unterschiedlichsten und veränderlichen Konstellationen bewegen können, die zwischen den heute lebbaren Alternativen (Wohngemeinschaft, Kleinfamilie oder Single-Dasein) liegen und über sie hinausgehen. Es muss bestimmt bedeuten, dass Menschen unabhängig vom gewählten Lebensstil mehr Sicherheit und, soweit erwünscht, Kontinuität realisieren können als heute. Es kann alles heißen, was in Deiner Fantasie und Deinen Bedürfnissen vorkommt.

Keine Angst für Niemand

Andere Hinweise darauf, wie wir nach dem Kapitalismus leben werden, gibt die folgende Beschreibung: In der befreiten Gesellschaft muss niemand mehr Angst haben. Wer diesen schönen Satz auf Liebe und Beziehungen anwendet, findet sehr vieles, was verschwinden wird: Die Angst, nicht anerkannt zu sein, weil man den Normen nicht entspricht. Die Verlustangst, die sich auf den einzigen wirklich wichtigen Partner bezieht, den man haben darf. Die Angst vor Nähe, weil mit emotionaler Geborgenheit heute in der Regel auch materielle Abhängigkeit verbunden ist. Die Angst, einsam alt werden zu müssen. Die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Schwieriger ist es, sich Liebe und Beziehungen in der befreiten Gesellschaft vorzustellen, ohne bloß zu spekulieren und letztlich an den Beschränkungen und Härten hängen zu bleiben, die das heutige Leben bestimmen.
Dennoch sollte man es ab und zu versuchen. Um sich selbst und Anderen klar zu machen, dass diese Grenzen nicht ewig, sondern menschengemacht und veränderlich sind – um also die Lust auf eine andere, freundlichere Gesellschaft zu wecken. Eine, in der wir nicht mehr so oft einsam, unverstanden und beschämt sind. In der Konkurrenz und Unterdrückung uns nicht mehr davon abhalten, füreinander da zu sein. In der Liebe weniger weh tut.

Zum Weiterlesen:

  • Adorno, Minima Moralia, darin besonders Nr. 49 ‚Moral und Zeitordnung’ und Nr. 110 ‚Constanze’
  • Eva Illouz: Warum Liebe weh tut, 2011, 14 Euro.
  • Text zu Familie in der Sowjetunion, Phase 2
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strassenauszucker <![CDATA[Nee, nee, nee, eher brennt die BVG…]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/?p=391 2017-01-13T20:31:25Z 2017-01-13T20:31:25Z Allgemein Zeitung Wie umgehen mit Scheißverhalten in der befreiten Gesellschaft?

Stell Dir vor, Du wachst morgens auf, steigst ohne Ticket in die U-Bahn und brauchst keine Angst vor einer Fahrscheinkontrolle zu haben. Oder Du gehst in den nächsten Supermarkt und nimmst mit, worauf du Lust hast, ohne die Angst, die schwere Pranke der Ladendetektivin auf deiner Schulter zu spüren. Zuhause lädst du dir die neuesten Tracks runter und hast keine Sorge, bald eine Mahnung im Briefkasten zu haben. Was hält Dich vielleicht heute davon ab, dies alles zu tun? Die meisten Menschen befolgen Regeln unhinterfragt, einfach weil es sie gibt. Im Zweifelsfall sind es dann vor allem die Strafen, seien es nun Haftstrafen oder Geldbußen, Sozialstunden oder eine Entlassung. Wie würde dein Tag aussehen, wenn dir das nicht mehr drohen würde?

Strafandrohungen sind allgegenwärtig. In der Schule wird man bestraft fürs Abschreiben oder Schwänzen, von den Eltern fürs zu lange Computer spielen. Die wenigsten dieser Strafen haben eine Grundlage im Gesetz. Im Gesetz stehen dann Strafen für Diebstahl und Totschlag, aber auch für das Verbrennen der deutschen Fahne oder unterlassene Hilfeleistung. Wer wofür bestraft wird, entscheidet der Staat und dann im Einzelfall der_die Richter_in. Die Regeln sind angeblich einfach und für alle gleich, trotzdem kommen manche Menschen mit einer sehr viel höheren Wahrscheinlichkeit in den Knast als andere. Und überhaupt: Knast? Finden wir auf jeden Fall scheiße. Das Konzept Leute einzusperren ist ganz schön fragwürdig und darüber hinaus bekämpft es die Ursachen nicht.
Aber wie stellen wir uns das eigentlich ohne Gesetze und Strafen vor?

Meins, Deins – das sind doch bürgerliche Kategorien

Häufig wird gesagt, dass uns die Gesetze nur voreinander schützen sollen und was wäre, wenn ich den Erstbesten einfach umboxen würde und es generell drunter und drüber ginge? Schaut man aber genauer hin, merkt man schnell, dass die Gesetze umfangreicher die Eigentumsverhältnisse als die Menschen schützen. Doch mit Eigentum ist nicht dein Tagebuch gemeint. Wenn das jemand stiehlt, interessiert es keinen. Sondern es geht vor allem um Produktionsmittel, Kapital oder geistiges Eigentum.
So sind dann auch die häufigsten ‚Delikte’ in Deutschland sogenannte Eigentumsdelikte, das heißt Diebstahl, Raub, Veruntreuung, Betrug, usw. Der Staat hat nämlich ein besonders scharfes Auge darauf, dass sich an den Besitzverhältnissen nichts ändert. Die Gleichheit vor dem Recht sowie die Vertragsfreiheit und das Privateigentum sind schließlich notwendige Bedingungen, um den Kapitalismus am Laufen zu halten. Wenn sich mal jemand nicht daran hält, kann der Staat das mit seinem Gewaltmonopol durchsetzen. Gewaltmonopol bedeutet, dass nur der Staat Gewalt ausüben darf. Dies tut er vor allem durch die Vollzugsorgane wie zum Beispiel die Polizei. Dass das alles so ist und immer so war, ist so sehr Teil von unserem Alltag, dass wir oft gar nicht mehr drüber nachdenken, welche Regeln wirken. Wir gehen einfach davon aus, dass der Bäcker, dem wir Geld gegeben haben, uns auch Brötchen gibt. Und falls doch mal nicht, dass der Staat uns dann dabei hilft, Recht zu bekommen. Eigentlich fühlt sich das so normal an, dass wir gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass sich diese Regeln alle mal jemand ausgedacht hat. Insgesamt ist aber genau dieses Verständnis einer Natürlichkeit des bürgerlichen Rechts für den Kapitalismus und den Staat wesentlich. Denn der bürgerliche Staat hat den Kapitalismus als notwendige Bedingung und der Kapitalismus das Privateigentum. Und was sichert das Privateigentum? Das Recht! Weiterer Pluspunkt für den Staat: Er kann immer wieder durch das Recht beweisen, wie stark er ist, etwa durch Gesetzesverschärfungen in Krisenzeiten. Die schlimmste Machtdemonstration bleibt die Todesstrafe. In Deutschland steht sie zwar noch in der hessischen Landesverfassung, wird aber zum Glück nicht mehr angewendet.
Bei aller Kritik darf man nicht vergessen, dass erstrittene Rechte die Lebensumstände von Menschen radikal verbessert haben, wie zum Beispiel der Kampf der Bürger_innenrechtsbewegung in den USA. Auf Prinzipien wie „Im Zweifel für den Angeklagten“ oder die Möglichkeit, in Berufung zu gehen, wollen wir im Hier und Jetzt auf keinen Fall verzichten.

Gleich, gleicher, am Gleichesten

Das Grundprinzip bürgerlichen Rechts, die formale Gleichheit aller Staatsbürger_innen vor dem Gesetz, ist aber gleichzeitig die Voraussetzung dafür, dass der Laden namens Kapitalismus rund läuft: Justiz und Polizei schützen beispielsweise alle Eigentümer_innen von zu Spekulationszwecken leerstehenden Häusern gleich, ohne Ansehen der Person. Wenn ich aber selbst gar kein Haus zu Spekulationszwecken leerstehen lasse, sondern dringend eine Wohnung brauche, bringt mir das nix. Ganz im Gegenteil: Wenn ich ohne Erlaubnis der Eigentümerin in die leerstehende Wohnung einziehe, schmeißen mich die Bullen wieder raus. Genausowürden sie es auch machen, wenn ein Hauseigentümer eine Wohnung besetzt. Das passiert allerdings logischerweise ziemlich selten – er braucht ja gar keine.

In der Realität sind die Menschen vor dem Gesetz dann ja auch gar nicht mehr so gleich. Da gibt es zum einen sinnvolle Unterscheidungen wie nach Alter oder Gesundheit, Jugendliche werden milder bestraft als Erwachsene. Aber es existieren auch Unterscheidungen nach Geschlechtern oder Staatsangehörigkeiten. Der Grund für diese ist aber nicht der, dass Menschen unterschiedlich sind und deshalb unterschiedlich beurteilt werden müssen, sondern der, dass es Rechte eben doch nur für bestimmte Gruppen gibt und für andere nicht. Das gilt ganz besonders für Menschen mit einem nicht-deutschen oder gar keinem Pass. Oft sind Angeklagte auch mit Richter_innen oder Staatsanwält_innen konfrontiert, die weniger objektiv sind als sie vielleicht behaupten und dann Vorurteile in ihr Urteil mit einfließen lassen.

Ich muss gar nichts außer Schlafen, Trinken, Atmen & Ficken

Ein genaues Bild einer möglichen rechtlichen Ordnung in der befreiten Gesellschaft zu zeichnen ist schwierig. Trotzdem kann man sich schon jetzt fragen, welche Delikte es gar nicht mehr geben würde. Was feststeht: Niemand würde mehr bestraft werden, weil er konstruierte Grenzen von ausgedachten Staaten ohne Erlaubnis überschritten hat. Die Leute würden nicht mehr aus Hunger stehlen, es gäbe keine Beschaffungskriminalität mehr und für das Fahren ohne Ticket würde nun wirklich niemand mehr bestraft werden. Gleichzeitig wäre es absurd anzunehmen, dass es in der befreiten Gesellschaft kein Scheißverhalten mehr geben würde. Wovon wir aber sicher ausgehen ist, dass viele Gründe für Scheißverhalten in dieser Gesellschaft wegfallen würden. Dabei ist gar nicht nur an Übergriffe und Morde gedacht, um an Geld zu kommen. Auch blödes Verhalten, das zeigen soll, dass man wer ist, dürfte weniger werden. Doch vor allem würde viel Scheißverhalten durch die Möglichkeit, sich leichter aus dem Weg zu gehen, wegfallen: Wenn man heute in Schule oder Arbeit mit jemandem gar nicht kann, ist es oft nicht einfach, sich zu meiden. Doch wenn z.B. der Arbeitsplatzwechsel nach dem neuen Kriterium „Geht es Dir da gut?“ funktionieren würde, wäre das leichter. Schwieriger einzuschätzen ist, ob das Entfallen des ständigen „Meins, meins“ in dieser Gesellschaft auch den berechnenden Blick auf Menschen, die Inbesitznahme von Partner_innen, die zu Stalking bis „Beziehungsdramen“ führen, weniger werden lässt. Eine klare Antwort, wie wir mit dann immer noch vorhandenem Scheißverhalten umgehen, haben wir auch noch nicht. Aber es gab schon immer Entwürfe, wie man sich bei Konflikten verständigen kann, ohne dass eine übergeordnete Instanz den Hammer schwingt. Seien es Mediationen, also der Versuch einen Konflikt auf eine Art beizulegen, mit der alle Parteien leben können, oder soziale Interventionen, wenn doch etwas passiert. Was wir jedoch sicher nicht wollen ist eine Gesellschaft, in der dann ein Mob loszieht und das mal eben so regelt. Denn das würde bedeuten, in eine deutlich schlechtere Gesellschaft zurückzufallen.

Zum Weiterlesen:

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strassenauszucker <![CDATA[Maschinenwinter is coming]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/?p=390 2017-01-13T20:28:36Z 2017-01-13T20:28:36Z Allgemein Zeitung Was Maschinen mit Gesellschaft zu tun haben und warum ein Luxuskommunismus nicht nur voll-automatisiert, sondern auch voll öko sein sollte.

Stell dir vor, morgen ist Revolution und übermorgen leben wir im Kommunismus. Was wir dann alles mit den vielen Smartphones, Computern und den Maschinen, die in den ganzen Betrieben herumstehen, anfangen könnten! Zum Beispiel eine Online-Bibliothek einrichten, in der alle jemals produzierten Bücher, Filme und Songs abrufbar sind. Oder wir könnten die Computer einsetzen, um weltweit die verschiedenen Bedürfnisse der Menschen abzufragen, in komplexe Berechnungen einfließen zu lassen und dann unsere Arbeitsabläufe danach zu gestalten. Internet, Roboter und Produktionsmaschinen: Für manche Linke steckt darin bereits das Potential einer Gesellschaft, die alle Menschen gut versorgen kann. Doch können wir einfach so die Maschinen des Kapitalismus für die befreite Gesellschaft benutzen? Wird für ihre Herstellung und ihren Betrieb nicht viel Energie verbraucht, mit den bekannten klimaschädlichen Folgen? Und überhaupt: Machen uns die Maschinen nicht mehr Stress, als dass sie uns helfen?

Kapitalistische Maschinen

Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant und trotzdem müssen wir nicht weniger, sondern mehr und intensiver arbeiten. Gleichzeitig gibt es nach wie vor Milliarden Menschen, denen es an Überlebensnotwendigem mangelt. Dieser Quatsch gehört seit jeher zu Logik des Kapitalismus: Technik und Maschinen sind in ihm allein Mittel, um aus Geld noch mehr Geld zu machen. Es geht nicht darum, mit den immer klüger werdenden Maschinen besonders nützliche, hochwertige Dinge herzustellen, sondern Produktionszeiten zu verkürzen und Arbeiter_innen zu ersetzen.
Die Automatisierung von Produktionsprozessen hat in den letzten Jahrzehnten ordentlich zugenommen. Jedes Unternehmen versucht so günstig und schnell wie möglich zu produzieren, um einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu haben. Die beschäftigten Lohnarbeiter_innen sind dabei oft der teuerste Produktionsfaktor. Darum versucht ein Unternehmen, viele Fertigungsschritte zu automatisieren, d.h. die Arbeit von Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Automatisierung ist für Unternehmen also ein wichtiges Mittel zur Gewinnsteigerung. Der Wettbewerb zwischen den Unternehmen hat dazu geführt, dass immer mehr und immer effizientere Maschinen gebaut werden.

Reißen wir uns nach dem Ende des Kapitalismus also all die modernen Maschinen unter den Nagel, damit die weltweit sieben Milliarden Menschen gut leben können? So einfach ist es leider nicht. Denn die Maschinen des Kapitalismus sind nicht dafür entworfen worden, der Befriedigung unserer Bedürfnisse zu dienen. Zum einen sind nicht etwa diejenigen Tätigkeiten automatisiert, die für den Menschen besonders lästig oder gefährlich sind, wie der Abbau seltener Erden oder Erntearbeit. Zum anderen ist die Beschaffenheit und Arbeitsweise der Maschinen nicht unseren Bedürfnissen untergeordnet. Der Einsatz vieler Maschinen macht die Arbeit sogar oft erst langweilig und öde. Das Fließband gibt z.B. vor, wie schnell die Menschen arbeiten müssen. Maschinen und ihre Funktionsweise verkörpern also immer die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und ihre Wirtschaftsweise.
Müssen wir also die kapitalistischen Maschinen abwracken und ganz von vorne beginnen? Nein, wir glauben, dass wir viele der kapitalistischen Maschinen für unsere Zwecke umbauen und einsetzen könnten. Aber auch die Entwicklung neuer, kommunistischer Maschinen wird notwendig sein, um Arbeiten zu unterstützen, die sonst zu lange dauern würden oder um sie ganz zu übernehmen, weil niemand sie machen möchte. Eine Kloputzmaschine wäre bestimmt die erste Anschaffung nach der Revolution! Der Zweck solcher Maschinen ist dann die Bedürfnisbefriedigung und nicht die Maximierung von Gewinnen.

Die ökologische Seite der Technik

Doch nicht nur die Bedürfnisbefriedigung allein sollte maßgeblich dafür sein, wann wir welche Maschinen einsetzen. Denn was nützt der Luxuskommunismus, wenn unter ihm das globale Ökosystem und damit unsere Lebensgrundlage kollabiert?

Maschinen verbrauchen Energie und produzieren Abfälle. Dazu gehört auch das Internet: Facebook verbrauchte 2012 für seine Datenzentren so viel Strom wie eine deutsche Großstadt. Und wenn du jede Woche einen Film über Streaming-Dienste wie Netflix schaust, verbraucht das im Jahr mehr Strom als zwei Kühlschränke. Warum? Weil Daten gespeichert und verteilt werden müssen. Die Datenzentren, in denen die Filme von Netflix liegen, verbrauchen Energie, ebenso die Stationen im Netz- werk zwischen diesen Datenzentren und deinem Computer oder Smartphone.
Im Kapitalismus sorgen Energiegewinnung, z.B. durch Kohlekraftwerke, und Abfallentsorgung, z.B. im Meer, für mitunter katastrophale Veränderungen des globalen Ökosystems. Technische Neuerungen können außerdem ziemlich unliebsame Folgen haben. So hat der zunehmende, weltweite Güterverkehr massenhaft verschiedenste Tierarten von einem Ende der Welt ans andere verschleppt. Wenn große Container-Schiffe nicht vollständig beladen sind, werden sie mit Meerwasser betankt, um sicherer im Wasser zu liegen. Dabei werden haufenweise Lebewesen eingepumpt, die dann irgendwann in ganz anderen Weltregionen wieder freigesetzt werden. Das macht die lokalen Ökosysteme kaputt und sorgt für Artensterben. Davon abgesehen laufen die meisten Container-Schiffe mit ziemlich versautem Benzin. Ganz schön dirty!
In der befreiten Gesellschaft könnten wir zwar viele Probleme mithilfe cleverer Maschinen und Informationssysteme lösen. Diese sind aber nicht einfach ohne Rohstoff- und Energieverbrauch zu haben. Klar, wenn wir erstmal den Kapitalismus überwunden haben, fallen viele Hindernisse weg, die bisher verhindern, Kohle- und Atomkraftwerke einfach abzuschalten und auf erneuerbare Energiequellen zu setzen. Denn dann wird die Stromproduktion nicht mehr dem Profitinteresse von Unternehmen untergeordnet sein, sondern gemeinschaftlich organisiert. Weniger klar ist aber, wie schnell wir die bestehenden Energiequellen durch regenerative Energiequellen ersetzen können. Und wenn wir einige saubere Kraftwerke aufgebaut haben, müssen wir vielleicht noch immer auf bestimmte Gemütlichkeiten verzichten. Vielleicht reicht die so erzeugte Energie, um gemeinschaftlich genutzte E-Autos zu betreiben und Wassermelonen nach Bedarf mit Schiffen auf dem Globus zu verteilen. Aber um den Rasen in unseren Parks von Robotern mähen zu lassen, reicht sie dann vielleicht doch nicht aus. Wir müssen uns also darauf einstellen, dass wir – zumindest am Anfang, vielleicht aber auf unabsehbare Zeit – nicht alles, was technisch möglich ist, auch umsetzen können.

Kommunistisches Naturverhältnis

Also Maschinen ja, aber schön öko, regenerativ, sauber? Moment mal: Was heißt das eigentlich? Dürfen wir dann gar nicht mehr oder nur minimal in die Natur eingreifen? Nein, das denken wir nicht. Ökosysteme verändern sich ständig (Evolution) und haben schon radikale Verwandlungen durchgemacht (fragt mal die Dinosaurier). Wir haben uns noch nie auf dem Planeten bewegt, ohne ihn zu verändern. Es kann also nicht darum gehen, eine vermeintlich unberührte Natur zu bewahren.

Viele ökologische Katastrophen beruhen auf dem Verhältnis, das wir zur Natur einnehmen. Aus Sicht des Kapitals ist Natur wahlweise eine billige Rohstoffquelle oder eine Mülldeponie. Bodenschätze, Pflanzen und Tiere werden nutzbar gemacht, in Wäldern und Meeren wird Plastikschrott und Giftmüll entsorgt. Die Natur bekommt eine Rolle zugewiesen, die allein der Kapitalverwertung dient. Dieses Verhältnis zur Natur zerstört die Lebensgrundlage vieler Lebewesen, nicht zuletzt die der Menschen selbst. Wie könnten wir dem entgegen ein Naturverhältnis umsetzen, das nicht auf Beherrschung und Ausbeutung basiert? Im Gegensatz zum Kapitalismus wird in der befreiten Gesellschaft gemeinschaftlich darüber entschieden, was, wie viel und wie produziert wird. Wir sind genauso abhängig von der Natur, wie sie durch unsere Art zu wirtschaften und zu leben geformt wird. Darum werden wir abwägen müssen, wie unsere Handlungen und Techniken die Welt gestalten. Manchmal wollen wir dann z.B. keinen tollen neuen Badesee anlegen, weil dieser Ein- griff in das Ökosystem die lokale Grünspecht-Population zu sehr belasten würde.
Der Klimawandel zeigt, wie verheerend die gewaltsame Zurichtung der Natur durch den Kapitalismus sein kann. Wie wir die Welt gestalten werden und welche Technologien wir dafür einsetzen möchten, können wir gerade kaum vermuten. Sicher ist aber: Gemeinschaftliches Wirtschaften und Natur sind voneinander abhängig. Ohne den Einsatz von Maschinen, die diese Abhängigkeit berücksichtigen, wird ein Kommunismus nicht zu machen sein.

Zum Weiterlesen:

  • Murray Bookchin, Die Neugestaltung der Gesellschaft, 1992, ca. 16 Euro
  • Gruppe für den Organisierten Widerspruch, »The Communist‘s Guide to Technology«
  • Dietmar Dath, Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus, 2008, 10 Euro
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strassenauszucker <![CDATA[Von Torten und Turnschuhen]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/?p=389 2017-01-13T20:25:08Z 2017-01-13T20:25:08Z Allgemein Zeitung Was wir von bedingungslosem Grundeinkommen und Degrowth halten

Stell dir eine Gesellschaft vor, in der die Menschen frei vom Zwang sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen, frei davon Aufgaben zu erledigen, die sinnlos sind und frei davon Dinge zu produzieren, die sie sich nie im Leben selbst leisten können. In dieser Gesellschaft wäre Arbeit die solidarische Umsetzung von allem, was an gesellschaftlichen Tätigkeiten als nötig oder erwünscht ausgehandelt würde: von einer bedürfnisorientierten Herstellung der Güter, über das Kümmern um Kinder, die Versorgung kranker oder alter Menschen bis hin zur Gestaltung kulturellen Lebens.
Weil die Menschen viel weniger arbeiten müssten – die fortschreitende Technisierung jenseits eines Verwertungszwangs macht’s möglich – bleibt in unserer angestrebten Gesellschaft mehr Zeit für Dinge, die wir gerne machen: Feiern, Politik machen oder am See abhängen.
Behalten wir unsere angestrebte Vorstellung im Kopf und stellen zwei gegenwärtig populäre Konzepte auf den Prüfstand, die sich ebenfalls eine von Lohnarbeit unabhängige Versorgung der Menschen oder eine Reduzierung von Arbeit auf die Fahnen geschrieben haben: Das „Bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE) und Degrowth-Ansätze.

Was ist das für 1 bedingungsloses Money?

Das Spektrum der Grundeinkommensbefürworter_innen ist vielfältig. Es gibt verschiedene Modelle, die quer durch alle politischen Lager diskutiert werden. Schnell wird klar, dass sich ein BGE von zwei sehr unterschiedlichen Richtungen denken und begründen lässt.
Einerseits könnte das BGE zu einer Art besserer Armutsverwaltung für diejenigen werden, die keinen Arbeitsplatz (und kaum Aussicht auf einen) haben. Das BGE entspräche der Höhe heutiger Sozialleistungen und würde den Sozialstaat ersetzen. Durch den Abbau bürokratischer Strukturen wäre es günstiger und effizienter. Solche Modelle findet man bei vielen Parteien oder in wirtschaftsliberalen Kreisen. Sollte innerhalb des Kapitalismus tatsächlich einmal ein BGE eingeführt werden, wäre diese Variante am wahrscheinlichsten. Potenzial für ein selbstbestimmteres Leben gibt es bei diesem BGE-Modell jedoch so gut wie nicht. Seine geringe Höhe würde schlichtweg dazu führen, den Arbeits- zwang in die Menschen selbst zu verlegen, statt den Druck durch Jobcenter auszuüben.
Eine emanzipatorischere Ausrichtung hätte ein BGE andererseits dort, wo es existenzsichernd als persönlicher Teil am Reichtum aller gedacht und ausgezahlt würde. Modelle dieser Art zielen darauf ab, den generellen Arbeitszwang aufzuheben, so dass Menschen weniger arbeiten (müssten). Gewonnene zeitliche Freiräume könnten sie kreativ nutzen, um solidarische Strukturen aufzubauen oder politische Teilhabe zu stärken. Jedoch dürfte sich solch ein Modell kaum verwirklichen lassen: In kapitalistischer Konkurrenz haben Unternehmen notwendig ein Interesse daran, günstiger zu produzieren als andere Unternehmen und Staaten wiederum daran, erfolgreiche Unternehmen am eigenen Standort zu haben. Würde ein Staat ein hohes BGE einführen, liegt die Vermutung nahe, dass die Menschen deshalb nur noch bereit wären für hohe Löhne zu arbeiten. Ungeliebte Jobs würden dann für weniger Kohle von Menschen aus anderen Ländern übernommen, weil sie keinen Anspruch auf das BGE hätten. Und Unternehmen würden ihre Produktion vermehrt in Länder mit niedrigeren Löhnen und Steuern verlagern.

Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Menschen erscheint zunächst verlockend. Einerseits wäre es aber gar nicht so bedingungslos, wie es klingt, sondern beispielsweise an die jeweilige Staatsbürgerschaft gekoppelt. Andererseits hätte seine Einführung keinen Einfluss darauf, ob die menschliche Arbeitszeit künftig eher auf die Gesundheitsversorgung aller Menschen verwendet würde oder doch auf die Entwicklung des nächsten Baumarkt-Werbespots. Die meisten BGE-Modelle wollen zwar mehr Teilhabe ermöglichen, dabei arrangieren sie sich jedoch mit den Spielregeln der Marktwirtschaft. Weder brechen sie mit dem Prinzip von Tausch und als gleichwertig vorgestellten Gegenleistungen, noch mit der Vorstellung, dass Konkurrenz ja doch irgendwie ganz belebend sei.
Es ginge also nicht darum, dass die Tortenfabrik allen gehört und alle gemeinsam entscheiden, was und wieviel gebacken wird. Ein BGE hieße im besten Fall nur, dass mehr Menschen ein kleines Stückchen von der Torte abbekämen, die aber weiterhin nur gebacken würde, damit die Tortenmanufaktur sie gewinnbringend verkaufen kann.

Liebling, ich kann den Kapitalismus nicht schrumpfen!

Vorweg: Wir können keine vollständige Übersicht aller Konzepte geben, die unter dem Label „Degrowth“ so kursieren. Die populärsten Ansätze wollen den Widerspruch zwischen der Welt als einem Ort begrenzter Ressourcen und dem ständigen Wachstum im kapitalistischen Wirtschaftssystem aufheben. Die Lösung: Wachstum wird wegreformiert. Meist gibt es dabei jedoch keine einheitliche oder klare Vorstellung davon, was „Wachstum“ eigentlich sein soll. Offiziell wird Wachstum an Hand des Bruttoinlandsprodukts gemessen, also an der jährlichen Gesamtsumme der Verbraucherpreise aller Güter und Dienstleistungen eines Landes. Diese Wachstumsziffer sagt allerdings weder etwas über die Höhe von CO2-Werten aus, noch ob deine Kopfhörer so hergestellt werden, dass sie auch mal mehrere Jahre funktionieren – wir kommen darauf zurück.
Als eine Möglichkeit zur Abkehr vom Wachstum wird aus Degrowth-Perspektive ein korrigiertes Verhalten erachtet. An Ausbeutung, Überproduktion oder Umweltverschmutzung sind in solcher Betrachtungsweise entweder gierige Unternehmer_innen schuld („Profit ist okay, Profitgier ist nicht okay!“) oder Konsument_innen, die ihren „Überfluss“ an Konsum nicht beschränken wollen und deren Bedürfnis nach billigen Steaks und jährlich neuen Smartphones gar nicht anders zu befriedigen sei als „unnachhaltig“. Ausgeblendet wird dabei, dass der Alltag für die meisten Menschen ohnehin bereits aus permanenter Bedürfnisbeschränkung und „den Gürtel enger schnallen“ besteht. Sie können es sich von ihrem Lohn schlicht nicht leisten, „fair“ gehandelte Kaffeebohnen oder Eier von weniger unglücklichen Hühnern zu kaufen.
Eine andere Degrowth-Überlegung ist, Wachstum durch verkürzte Arbeitszeiten zurückzufahren. Arbeitszeitverkürzungen könnten zwar potenziell eine revolutionäre Forderung werden, jedoch führen sie nicht automatisch zu geringerer Produktivität. Die Produktion ließe sich durch die Intensivierung der Arbeitszeit und eine zunehmende Technisierung auf gleichem Stand halten.

Davon abgesehen sind Forderungen nach einer Rücknahme des Wachstum innerhalb des Kapitalismus schlicht nicht umsetzbar: Das hier zum Übel erklärte Wirtschaftswachstum ist nicht ein Ziel, für oder gegen das die Gesellschaft, ein Unternehmen oder eine Regierung sich entscheidet. Ein Beispiel: Kann Adidas kein Wachstum verzeichnen, bedeutet das, es hat sein eingesetztes Kapital nicht erfolgreich zu Gewinn vermehrt. Will es aber nicht dauerhaft auf dem eigenen Marktfeld gegenüber Nike den Kürzeren ziehen, muss es eben Gewinne maximieren und reinvestieren. Die kapitalistische Wirtschaftsweise und ihre Gesetzmäßigkeiten sind nicht zwei verschiedene Paar Turnschuhe und deshalb muss sich Kapitalismus-Kritik gegen den Kapitalismus selbst richten. Erinnern wir uns an das Bruttoinlandsprodukt als Maß des Wachstums: Im Kapitalismus sind nicht Güter der Reichtum einer Gesellschaft, sondern das Geld, zu dem sie verkauft werden. Der Zweck kapitalistischen Wirtschaftens ist nicht die Versorgung der Menschen, sondern aus Geld mehr Geld zu machen. Daher landen im Kapitalismus auch so viele Waren, die nicht verkauft wurden, in den Müllcontainern von Supermärkten statt bei hungrigen Menschen.

Ist weniger wirklich immer mehr?

Halten wir fest: Einige der Ziele eines BGE und Degrowth kommen unserer eingangs formulierten Vorstellung eines guten Lebens für alle nahe. So fänden wir eine Abkehr von Profit als wirtschaftlichem Zweck, die Verringerung von Arbeitszeit, die generelle Aufhebung des Arbeitszwangs und einen weniger rücksichtslosen Umgang mit der Umwelt spitze! Wir finden aber keineswegs, dass Wachstum etwas per se Schlimmes oder gar das Grundproblem ist – im Gegenteil: Wachstum finden wir beispielsweise in den Bereichen von Pflege und Fürsorge toll!
In unserer Redaktion gehen die Einschätzungen darüber auseinander, inwieweit Konzepte rund um das BGE und Degrowth zumindest einen Beitrag leisten können, bestimmte „Normalitäten“ in Frage zu stellen. Im Rahmen des Bestehenden können sie zwar Maximalforderungen formulieren, Widersprüche zuspitzen und so Denkräume über Bestehendes hinaus öffnen: „Hey, es könnte ja auch ganz anders sein!“ oder „Probier’s mal mit Gemütlichkeit!“ statt „Harte Arbeit gehört zum Leben dazu!“ Solche Forderungen sind aus den dargestellten Gründen jedoch nicht durch Reformen erreichbar. Das gute Leben für alle braucht einen politischen und grundlegenden Bruch mit dem Kapitalismus.

Zum Weiterlesen:

Zur Degrowth-Bewegung:

Zwei Kritiken des BGE:

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strassenauszucker <![CDATA[„We‘re just trying to push things further…”]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/2017/02/27/were-just-trying-to-push-things-further/ 2017-01-13T13:50:29Z 2017-01-13T13:50:29Z Allgemein Zeitung Ein Interview mit Peaches

Peaches ist musikalisch und politisch eine Ikone. Sie kämpft gegen Körper- und Gendernormen und propagiert eine Welt, in der alle ohne Angst verschieden sein können. Ihre Musik wird in South Park und True Blood gefeatured, sie arbeitet mit Pink und Christina Aguilera zusammen, während Madonna, Lady Gaga und Britney Spears sie als wichtigen Einfluss nennen. Wir sprachen (noch vor den US-Wahlen) mit Peaches in Berlin.

Straßen aus Zucker: Unsere neue Ausgabe fragt, wie wir leben wollen. Und das hat eine Menge damit zu tun, Gendernormen, die kapitalistische Produktionsweise und andere unschöne Dinge abzuschaffen. Zeigt uns dein Video „Rub” deine Utopie einer Welt ohne Binaritäten*?

Peaches: Ja, das war ein Versuch einen Schritt dahin zu wagen. Nicht nur darüber zu reden, sondern es zu leben – zumindest für ein Wochenende.

Wie hast Du Dich danach gefühlt? Dachtest Du: OK, das Wochenende war der Vorgriff auf etwas Neues, aber jetzt muss ich wieder in die „real world”?

Klar, wir alle haben in dieser Welt zu leben. Gemerkt habe ich es auch dadurch, dass über das Video zwar viel Positives geschrieben wurde, aber darunter viele fürchterliche Kommentare standen. Das führt zur Neuvermessung der schönen „bubble”, in der du lebst. Du überlegst, wie weit du es treiben magst, wie manche Menschen es nie verstehen werden, andere hingegen, die noch unentschlossen gegenüber dieser Freiheit sind, inspiriert werden…

Wir haben bei der Ausgabe viele Diskussionen gehabt, inwieweit sich die Gender-Binaritäten im Kapitalismus schon abschaffen lassen oder für die Reproduktionssphäre wichtig sind – oder inwiefern der Kapitalismus sogar die emanzipatorischen Bemühungen umlenkt oder kapert, um effizienter und flexibler zu laufen, aber ohne wirkliche Verbesserungen zu bringen. In diese Richtung gehen ja auch viele Diskussionen, in denen Beyoncé dann auch vorgeworfen wird, ihr seit Kurzem entdeckter Feminismus sei in erster Linie Marketing.

Das macht mich echt traurig, wenn Leute so reagieren. Beyoncé ist eine der reichsten Frauen der Welt und hat so etwas überhaupt nicht nötig. Ich glaube, sie interessiert sich wirklich dafür. Und dann gibt es andererseits natürlich auch Trends, die man kritisch betrachten muss. Zum Beispiel muss gerade jede Show eine Transgender- oder Intersex-Person haben.

Aber wenn diese Trends das Leben von Leuten verbessern, sind die doch erstmal cool!

Ja, genau, das ist kein schlechter Trend. Aber das muss man schon immer im Kopf haben und man muss schauen, ob das wirklich Verbesserung bedeutet und es zum Beispiel wirklich mehr Ärzte für Transgender gibt, mehr Unterstützung, ob es wirklich ernst genommen wird.

Lass uns nochmal über die „bubble” sprechen. Wir lieben es sehr in der linken Blase zu leben, in der es zumindest den Anspruch gibt, kein slut-shaming zu betreiben, wo Gender-Rollen durchlässiger sind und du dich nicht rechtfertigen musst, keine erfolgreiche Karriere zu machen. Aber selbst dort gilt der Versuch nur für kleine Bereiche, zum Beispiel geht es sehr selten um die Frage der Körpernormen.

Ich glaube, es bleibt nur, das weiter einzufordern. Und auch gleich zu Beginn zu sensibilisieren, bereits in der Kindheit klar zu machen, dass es schön ist, dass es Menschen in verschiedenen Formen und Größen gibt. Ich glaube, es wird immer Leute geben, die das nicht schön finden. Aber wir versuchen trotzdem, die Dinge voranzutreiben. Ich bin gerade viel auf Festivals, das mag ich recht gern, weil es dort zu – gefühlt – 80 Prozent ein weißes, männliches Publikum gibt, die mich als echt mal anders wahrnehmen. Die haben halt den Festivalpreis bezahlt, wollen da alles mitnehmen und kommen dann auch zu meinen Auftritten. Zuerst denken viele: „Oh no, was wird passieren”, um dann danach viel Spaß zu haben. Und ich finde das super, weil es sehr inklusiv ist. Ich möchte niemanden verschrecken, sondern auch jenseits der bubble spielen und diese damit vergrößern. Die kamen irritiert und gehen mit einem guten Gefühl.

Du sagst, dass politische Arbeit manchmal anstrengend ist. Was ist deine Motivation trotzdem weiter zu machen?

Mir machts einfach Spaß. Und selbst, wenn wir bereits Utopia erreicht haben, wäre es schön, die Lieder als eine Form des Feierns zu nutzen. Und in genau dieser Weise habe ich „Rub” verstanden, als ein Porträt der Situation nach den Kämpfen…

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*Geschlechter-Binarität:
Binär ist ein System, in dem es nur zwei genau voneinander abgrenzbare Zustände gibt. In einem binären System gibt es kein Dazwischen und kein Vielleicht. Bezogen auf Geschlecht heißt das: Ein binäres Verständnis von Geschlecht nimmt an, dass es nur genau zwei Geschlechter gibt, und dass diese scharf abgrenzbar sind. Es stößt dort an Grenzen, wo Menschen nicht klar in dieses Entweder-Oder eingeordnet werden können oder wollen.

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strassenauszucker <![CDATA[Alle Räder stehen still…]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/2017/03/04/alle-raeder-stehen-still/ 2017-01-13T13:45:13Z 2017-01-13T13:45:13Z Allgemein Zeitung Und was kommt dann?

1968 kam es zum Generalstreik in Frankreich. Überall protestierten die Menschen, der Präsident war ins Ausland geflohen und außer der Polizei arbeitete kaum noch jemand. In den Betrieben und Unis wurde stattdessen über eine bessere Zukunft diskutiert. Ein Plan, um die Gesellschaft wirklich umzustürzen, kam dabei aber nicht heraus. Die Leute gingen bald wieder ihrer „normalen“ Arbeit nach – doch diese kurze revolutionäre Situation inspirierte weltweit Viele. So auch die Arbeiter_innen des britischen Unternehmens Lucas Aerospace, das zu Beginn der 1970er Jahre stark von der Krise der britischen Wirtschaft betroffen war. Denn dort wurden zum großen Teil militärische Flugzeugkomponenten produziert und die Regierung wollte die militärischen Ausgaben kürzen. In dieser Situation standen die Arbeiter_innen von Lucas Aerospace scheinbar vor zwei schlechten Alternativen: Entweder für mehr militärische Ausgaben pro- testieren – oder die Abschaffung ihrer Jobs hinzunehmen.

Doch die Arbeiter_innen waren schon vorher organisiert. Sie hatten den französischen Generalstreik miterlebt – und sie hatten in militanten Auseinandersetzungen Erfahrungen damit gemacht, verbesserte Arbeitsbedingungen mit gesamtgesellschaftlicher Emanzipation zu verbinden. Sie entschieden sich gegen die vorgeblichen Alternativen und für etwas Neues. Es entstand die Idee, fortan einfach „sozial nützliche Produkte“ herzustellen! Über die basisgewerkschaftliche Struktur wurde zuerst ermittelt, welche vorhandene Maschine was produzieren konnte. Und dann wurde überlegt: Was können wir mit unseren eigenen Fähigkeiten und mit den Maschinen Sinnvolles anstellen?

So entstand der „Lucas Plan“: Es wurden 150 alternative Produkte diskutiert und einige Prototypen entwickelt. Die Vorschläge reichten von medizinischem Gerät über Solarzellen und Windräder bis hin zu Transportsystemen. Sie reagierten einmal auf aktuelle Ereignisse so wie z.B. Bremssysteme – nach einem großen Busunglück war rausgekommen, dass nur zehn Prozent der britischen Busse gute Bremsen hatten. Ein andermal wurde ein Fahrzeug für Menschen mit Behinderung entwickelt. Diese Initiativen wurden im ganzen Land diskutiert. Die Leute von Lucas Aerospace machten sich aber keine Illusionen. Sie wussten, dass es nicht nur andere Produkte braucht – sondern eine andere Gesellschaft: „Es ist etwas grundsätzlich verkehrt an einer Gesellschaft, die das technologische Niveau erreicht hat, um das Überschallflugzeug Concorde zu konstruieren und zu bauen, die aber nicht genug einfache städtische Heizungen bereitstellen kann, um die Rentner zu schützen, die jeden Winter an Unterkühlung sterben.“

Mit ihrem „Lucas Plan“ erreichten die Arbeiter_innen viel mehr als nur einen Plan dafür, „nützliche Dinge“ für den Kapitalismus herzustellen. In Gesprächen mit Konzernleitung und Regierung versuchten sie zwar, die eigenen Vorschläge auch als marktwirtschaftlich vernünftig zu verkaufen. Doch gleichzeitig stellten sie auch die Eigentumsordnung in Frage! Und sie versuchten, diesen Ansatz auf andere Betriebe auszuweiten. Ihr Kampf hatte lokal begonnen – und schließlich wurde weit über den Betrieb hinaus darüber diskutiert, warum die Produktion von Heizungen vernünftiger ist als die von Kriegsgerät. Auf diese Weise wurden zwei wichtige Dinge sehr deutlich: Erstens, dass es bei (und während) der Produktion von Dingen nicht um Mehrwert, sondern um Bedürfnisse von Menschen gehen sollte. Und zweitens, dass es gar nicht schwer ist, all diese Dinge herzustellen. Es ist alles dafür vorhanden!

Bei Lucas Aerospace gab es leider kein Happy End: Die Fabrikleitung blieb bei ihrer eigenen Kosten-Nutzen-Rechnung und wollte den Laden schließen. Streiks dagegen waren nicht erfolgreich. Auch die Ausweitung des „Lucas Plans“ hatte wenig Erfolg. Zwar gab es große öffentliche Aufmerksamkeit, aber nur Wenige in anderen Betrieben versuchten Ähnliches und waren an einer Vernetzung interessiert.

Doch was wäre gewesen, wenn den Streikenden in Frankreich 1968 viele solcher „Lucas Pläne“ zur Verfügung gestanden hätten? Was, wenn ausgefeilte Konzepte über die Kapazitäten der Produktion für die Bedürfnisse der Menschen auf einen revolutionären Generalstreik treffen? Klar ist: Wenn man weiß, was man mit dem ganzen herumstehenden Kram und mit dem Können und Wissen im eigenen Betrieb wirklich Sinnvolles anstellen kann, dann kann man sofort in Austausch mit anderen Betrieben treten und übergreifend eine bedürfnisorientierte Produktion beginnen. Das ist zwar noch keine ganz andere Gesellschaft, aber zumindest ein möglicher Beginn. Klar ist auch: Das kann scheitern. Aber zumindest gäbe es nach dem Generalstreik erstmal mehr gute Heizungen– und ein größeres Verständnis dafür, warum es nicht nur neue Heizungen, sondern eine ganze neue Gesellschaft braucht!

Zum Weiterlesen:

- Ausführlich zum Lucas Plan, hier eine Doku

- Was passiert nach der Revolution: Eine detaillierte Durchsicht für die Region Großbritannien

- René Viénet: Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen, 4 Euro auf klassenlos.tk

- Angry Workers über den Lucas Plan

- Peter Nowak (Hrsg.): Ein Streik steht, wenn mensch ihn selber macht, 2014, 8 Euro

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strassenauszucker <![CDATA[Jede ist ihres Glückes Schmiedin?]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/2017/02/27/jede-ist-ihres-glueckes-schmiedin/ 2017-01-13T13:42:57Z 2017-01-13T13:42:57Z Allgemein Zeitung Warum daran noch so viele glauben und was mehr Glück versprechen könnte

Wenn erstmal die Klausur vorbei ist, der Schulabschluss in der Tasche, das Konto aus dem Dispo, die neue Liebe im Leben, die Festanstellung winkt, dann… So ähnlich sehen wohl die persönlichen Utopien der meisten in dieser Gesellschaft aus, wenn nicht gleich Lotto gespielt wird. Jede_r versucht das eigene Glück zu schmieden, solange es heiß ist. Selbst Linke, die wissen, warum ihr Leben wohl eine einzige Tretmühle wird, bis dann der Rücken kaputt geht, setzen ihre Hoffnungen eher auf‘s private Glück als auf die Revolution. Nichts gegen dieses Glück, aber erstens ist dieses nicht für alle zu haben und zweitens ist es doch recht beschädigt. Aber ein kollektiver Ausgang aus dem gesellschaftlichen Unglück scheint verstellt und mit den Leuten von AfD, Pegida oder FPÖ verspricht die Zukunft noch schlimmer zu werden.

Das Lebensgefühl war vor nicht langer Zeit mal völlig anders. Viele Menschen hatten Hoffnung, dass sie noch das Umwälzen dieser elendigen Verhältnisse erleben würden – sodass viele nicht nur ihre ganze Kraft auf dieses Ziel verwandten, sondern manche auch ihr Erbe an Befreiungsbewegungen spendeten und andere damit Stiftungen für linke Initiativen aufbauten. Nicht, weil damals alle total selbstlos waren, sondern weil sie fest annahmen, dass sie in einer Welt alt werden würden, die keine Altersarmut mehr kennt. Das erscheint nicht nur denjenigen, die heute politisch aktiv sind, wie eine Geschichte aus grauer Vorzeit.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein (Goethe/dm)

Die Strategie des privaten Rückzugs verspricht heute aussichtsreicher zu sein. Doch wenn Freund_innenschaften und Liebesbeziehungen all die Ellbogentreffer des Arbeitsalltags kompensieren müssen, kann das ziemlich überfordern. Dazu kommt noch, dass sich auch in der Freizeit der Druck immer mehr ausbreitet. Individuelle Lösungen sind zudem oft auch mit einem ziemlichen Realitätsverlust erkauft. Man macht sich vor, dass Menschen in dieser Gesellschaft mehr als nur Anhängsel des Standorts sind. Gern wird sich über frühere Generationen lustig gemacht, die in Sternen oder in Eingeweiden von Tieren die Zukunft zu erkennen glaubten. Doch gerade die vollends aufgeklärte Welt leistet sich eine Wirtschaftsweise, deren Entwicklung völlig ungeplant in den Sternen steht und von einer Überproduktionskrise in die nächste stolpert, während es den Menschen an allem mangelt. Man schaut auf Wirtschaftsprognosen wie auf Orakel – 2007 wurde allerorten eine anhaltend robuste Wirtschaftsentwicklung prophezeit und dann kam wie ein angebliches Naturereignis die größte Wirtschaftskrise seit 1929. Deine Zukunft liegt einfach überhaupt nicht in Deiner Hand. Wenn der Standort, der Deine Arbeitskraft verwertet, in einer Rezession steckt, ist es aus die Maus mit Deinen schönen Plänen. Und auch wenn es – arger Trugschluss – sehr fern wirkt: Im Kapitalismus gehören Kriege dazu und falls Du es schaffen solltest, aus diesem wieder nach Hause zu kommen, zahlt Dir für deine zerbombte Doppelhaushälfte oder andere Glücksinseln keine Versicherung.

Das sind ziemlich unangenehme Gedanken, die deswegen umso stärker verdrängt werden müssen. Schlechter geht es dann immer den Anderen und man setzt sich, während man für sich große Zukunftsaussichten sieht, auch gern für die stärker Geschädigten ein. Charity wärmt ja auch das eigene Herz. Aber es beschleicht eine_n schon manchmal die Ahnung, dass da was nicht klappen könnte und es besser wäre, wenn allgemein der Mensch dem Menschen ein_e Helfer_in wäre. Doch bleiben die Strategien zum Umgang mit gesellschaftlichen Anforderungen und Diskriminierungen weiterhin auch bei radikalen Kritiker_innen eher individualistisch: Bessere Selbstorganisation statt Bummelstreik, in die Metropole ziehen statt die alltägliche Auseinandersetzung in der Provinz ertragen, effizienter Lernen statt AStA-Generve, bei der Klassenarbeit spicken statt Feueralarm auslösen.

Das mag für die eine oder den anderen in Zeiten des Aufschwungs funktionieren, doch das hat enge Grenzen. Wer aufgrund des „falschen“ Passes oder Geschlechts diskriminiert wird, kann sich noch so anstrengen, eine Änderung tritt nicht ein. Deswegen sind auch Positionierungskampagnen gegen Sexismus (#aufschrei) und Rassismus (#campusrassismus) so wichtig: Sie machen deutlich, dass es sich um kein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem handelt. Doch nicht zufällig sind vor allem die Kampagnen, die eine Verletzung ureigener Prinzipien dieser Gesellschaft wie z.B. Chancengleichheit anprangern, relativ erfolgreich. „Ich würde ja gerne Leistung bringen, aber der Weg ist mir versperrt“, erzürnt mehr als: „Ich will mich nicht für den Standort aufopfern, sondern ein schönes Leben führen“. Schwieriger infrage zu stellen sind Dinge wie die Konkurrenz unter den Menschen, die von Lohnarbeit abhängig sind, weil sie anders ihr Leben nicht bestreiten können.

Aus Blei mach Zucker – aber wie?

Vor einiger Zeit ist ein von uns sehr geschätzter Mensch aus der SaZ und insgesamt aus jeder politischen Arbeit ausgetreten. Neben individuellen, aber nicht weniger politischen Gründen war zentral: Allzu viele Menschen würden auf die allgegenwärtige Konkurrenz und den Zwang stehen. Eine Änderung sei nicht abzusehen und der Rückzug ins Private verspreche Glück. Jemand von uns versuchte mit Folgendem dagegen zu argumentieren: „Wenn Du sagen würdest: ‚Hey, der weltweite Umsturz des Klassen-, Eigentums-, Konkurrenzprinzips ist extrem unwahrscheinlich, deswegen: count me out!‘ dann hätte das noch ‚ne halbe Berechtigung. Aber es ging uns und eben auch Dir mal um mehr – um das Zurückdrängen von Sexismus, von der Normativität des ‚Wie Du zu leben hast‘. Weil das wirklich was verspricht: Das, was wir in linken Zusammenhängen schon ein wenig haben (und manchmal auch darüber hinaus). Niemand fragt hier, wann Du endlich heiratest, Mutter wirst, ein ‚geregeltes‘ Leben führst, niemand sagt Dir, dass es falsch ist, Drogen zu nehmen oder mit wem und wie vielen Du wie Sex haben darfst. Geschlechtergrenzen sind durchlässiger, Menschen mit Behinderung sollen nicht entmündigt werden und viele versuchen wenigstens, nicht-rassistisch zu leben. Alle sind zumindest ansprechbar dafür, die Bedürfnisse anderer zu achten und manchmal ist sogar eine gewaltfreie Kommunikation das Ziel. Vielleicht denkst du: ‚Ich kenn da andere Stories‘. Klar, ich auch. Aber dass es wenigstens den Anspruch gibt, macht ihn einforderbar. Und dieser muss eben auch ständig eingefordert werden. Das geht effektiv nur kollektiv. Wenn wir es noch hinbekommen würden, dass sich Cops in manchen Gebieten nicht trauen, Aufenthaltspapiere zu kontrollieren oder Zwangsräumungen ohne großes Aufgebot zu vollstrecken, wäre das echt einer dieser kleinen großen Schritte.“ Und selbst wer alles außer der Revolution für Quark hält, muss doch sehen, dass sie erstens Vorbereitung braucht und zweitens ihr Entstehen schwer vorherzusagen ist. Sie ist oft in Situationen entstanden, die als bleiern wahrgenommen wurden: Anfang der 1960er Jahre war nicht absehbar, dass einige Jahre später welt-weit Menschen die Verhältnisse grundsätzlich in Frage stellen und die Scheu vor theoretischen oder auch recht handfesten Auseinandersetzungen verlieren würden. Diese Situationen hätten aber nie – wie z.B. in Frankreich 1968 – fast zur selbstbestimmten Verhandlung aller Lebensprozesse, zur Revolution, geführt, wenn nicht bereits viele kollektive Strukturen existiert hätten. In diesen wurde ein breiter Erfahrungsschatz von Wissen, Theorie und Kollektivität aufgebaut. Auch persönliche Vereinzelung, die im selbstoptimierten Kapitalismus sonst wie wahnsinnig sprießt, wurde ganz praktisch durchbrochen. Das Gegenteil passiert beim Rückzug ins Private: Ein paar Jahre lässt sich vielleicht allein gegen das „So schlimm ist das doch alles nicht“ andenken. Aber die normative Kraft des Faktischen, also diese permanente Forderung: „Sag endlich Ja dazu, dass die Dinge hier herrschaftlich geregelt werden“, führt unweigerlich allein zur Doofwerdung. Plötzlich sprechen ehemalige radikale Kritiker_innen des bürgerlichen Staates von der Notwendigkeit von mehr Polizei gegen Wohnungseinbrüche. Der andere fühlt sich hingegen weiterhin kritisch, hat aber seine politische Kritik gegen Feindbilder von denen „da oben“ eingetauscht. Andere sind dem großen „Immerhin“ und der Vergleicheritis erlegen, „immerhin gibt es hier ja noch…“ Die fast unlösbare Aufgabe besteht eben darin, sich nicht durch die eigene Ohnmacht und die Macht der anderen dumm machen zu lassen. Eine Aufgabe, die nur in kollektiven Strukturen eine Aussicht hat, halbwegs zu klappen.

Zum Weiterlesen:

- Einiges zur Organisierungsfrage von Thomas Ebermann und Rüdiger Mats: There Is No Way Out? Wege in eine befreite Gesellschaft

- Neuköllner Salon gegen den Ausstieg

- Rehzi Malzahn (Hg.): dabei geblieben. Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen, 2015, 16 Euro.

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strassenauszucker <![CDATA[Wo bitte geht’s hier zur Revolution?]]> http://strassenauszucker.blogsport.de/2017/03/04/wo-bitte-gehts-hier-zur-revolution/ 2017-01-13T13:39:16Z 2017-01-13T13:39:16Z Allgemein Zeitung Auf dem Weg zur befreiten Gesellschaft

Dass wir die bestehende Gesellschaft abschaffenswert finden, das sollte in unseren Texten deutlich geworden sein. Und dass wir denken, dass es nicht damit getan ist, dass alle ein bisschen mehr Mediationskurse besuchen, netter zueinander sind, der CO2-Ausstoß verringert oder der Mindestlohn um 4 Cent angehoben wird. Sondern, dass sich etwas ganz Grundlegendes ändern muss: nämlich unsere kapitalistische Produktionsweise, die darauf basiert, dass Menschen alle Dinge, die sie brauchen, kaufen müssen. Deshalb werden nur Dinge produziert, für die auch jemand bezahlen kann und deshalb müssen alle Menschen, die nicht das Glück haben, reich zu erben, ihre Arbeitskraft in ständiger Konkurrenz zueinander verkaufen. Das aber bedeutet was anderes als die Forderung nach bedingungslosem Grundeinkommen, weniger Gier oder mehr Degrowth. Es bedeutet: Kapitalismus abschaffen! Für den Kommunismus! Slogans, die auf x-tausenden linken Aufklebern gedruckt sind und auf Demo-Transpis prangen. Was aber bedeuten sie genau? Wie kann er aussehen, so ein Weg zu einer grundsätzlich anderen Gesellschaft?

Früher war mehr Lametta? Fragend schreiten wir voran

Wir sind nicht die ersten, die sich diese Frage stellen. Tatsächlich gab es Zeiten, da klangen Worte wie „Revolution“ und „Kommunismus“ weniger fern und abstrakt, als dass es für uns der Fall sein mag. Für viele schien es total realistisch, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es allen Menschen besser gehen würde. Gut geklappt hat es bislang nie. Um aus den Fehlern zu lernen macht es Sinn, einen Blick zurück zu werfen auf unterschiedliche Vorstellungen, wie die bestehende Gesellschaft ersetzt werden kann – und von denen viele heute weiterhin vertreten werden. Das alles um sich zu überlegen, wie heute eine erfolgversprechende Strategie aussehen kann.

Von Ochsen und Eseln

„Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf“, meinten viele in der DDR oder auch in der frühen Sozialdemokratie – die damals noch richtig revolutionär war und ziemlich wenig mit der Elendsverwaltung der heutigen SPD zu tun hatte. Traditionelle Marxist_innen meinten damit: Wat mutt, dat mutt. Sie gingen mehr oder weniger davon aus, dass die Gesellschaft sich immerzu durch Revolutionen in eine bessere verwandelt: von der Sklaverei zur Leibeigenschaft zum Kapitalismus, der sich durch seine Krisenanfälligkeit selbst zerstört – noch eine kleine Prise Politik dazu, et voilà, der Kommunismus ist da! Dieser Optimismus war damals halbwegs naheliegend: Bis zur industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert war in der Tat nicht genug da, um allen Menschen ein materiell sorgenfreies Leben zu ermöglichen (obwohl man durchaus auch vorher schon menschenfreundlichere Verhältnisse hätte schaffen können). Durch die neuen technischen Möglichkeiten wäre es prinzipiell möglich gewesen – nur die gesellschaftlichen Verhältnisse verhinderten es. Der Kapitalismus selbst hatte also die Voraussetzung für seine Abschaffung geschaffen.
Auch heute, wo genug Nahrungsmittel produziert werden um 13 Milliarden Menschen zu ernähren, darf man ja eigentlich davon ausgehen, dass die 7 Milliarden Menschen auf der Erde nicht hungern müssen. Aber im derzeitigen globalen Wirtschaftssystem ist das nicht der Fall.
Doch wir sehen: Der Kapitalismus verursacht zwar ständig Krisen, aber leider führen diese nicht automatisch dazu, dass er zusammenbricht. Ohne Hilfe von uns geht es anscheinend nicht.

Die Partei, die Partei, die hat immer recht

Einer, der dem Kommunismus einen kleinen Schubs beim Entstehen geben wollte, war Lenin. Er dachte, dass die Arbeiter_innen den Kommunismus machen müssen, weil es ihr „objektives“ Interesse ist, eine Gesellschaft abzuschaffen, in der sie zwar allen gesellschaftlichen Reichtum produzieren, aber davon kaum etwas abbekommen. Allerdings traute er den Arbeiter_innen nicht zu, von selbst zu dieser Einsicht zu kommen. Deshalb bräuchten sie nach Lenin starke Anführer (seltener: _innen) in einer noch stärkeren Partei, die ihnen zeigen, wie der Hase läuft. Das war dann der Fall in fast allen Ländern des „Realsozialismus“. Und führte leider zu allem anderen als einer befreiten Gesellschaft, sondern nicht selten in die Katastrophe.

Schlimmer geht immer

Diese unterschiedlichen Strömungen einte der Optimismus, die Geschichte auf ihrer Seite zu haben und die Gewissheit, dass eine bessere Gesellschaft von vielen gewollt wird. Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg wurde aber überdeutlich, dass das leider nicht so war: Anstatt gemeinsam mit ihren Genoss_innen aus anderen Ländern Staat, Nation und Kapital auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern, den Kriegsdienst zu verweigern oder die Waffen umzudrehen, ermordeten die Menschen in Europa sich gegenseitig auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges und begingen Genozide in den Kolonien. Vor diesem Hintergrund begann u.a. die „Kritische Theorie“ – linke Philosoph_innen, zu denen unter anderem die von uns so gerne zitierten Buddies Theodor Adorno und Max Horkheimer gehörten – zu fragen, warum keiner die Revolution macht, obwohl es doch objektiv so vernünftig wäre. Sie schauten sich an, wieso die Menschen so an dieser „falschen Gesellschaft“ (aka „Gesamtscheiße“) hängen. Nach dem Holocaust und Zweiten Weltkrieg wurden sie noch skeptischer, dass eine Veränderung zum Besseren überhaupt möglich ist. Vielmehr gälte es, noch Schlimmeres zu verhindern und durch kritische Aufklärung die Menschen überhaupt in die Lage zu versetzen, eine bessere Welt zu denken. Mit diesem Dilemma müssen wir uns immer noch rumschlagen: Wie eine Veränderung zum Besseren schaffen, wenn ein Großteil der Menschen lieber AfD wählt, Arbeiten geil findet oder Geflüchtetenunterkünfte anzündet? Wenn man die Menschen nicht wie Lenin zu ihrem Glück zwingen will, hat man als Kommunist_in also ein Problem.

Links um! Der lange Marsch

Optimistischer war da die Studierendenbewegung, die sogenannten „68er“, die im gleichnamigen Jahr Europa und viele andere Teile der Welt ganz schön in Atem hielten. Einige von ihnen wollten in der Gesellschaft strategische Positionen besetzen, einen „langen Marsch durch die Institutionen“ vornehmen. Ihr Ziel war eine Reform von innen, aus der die andere Gesellschaft dann nach und nach erwächst. In Deutschland gingen aus Teilen von ihnen die Grünen hervor, die als Partei alles ganz anders machen wollten. Moment mal, sagt ihr, die Grünen? Ja, genau die, die mit Joschka Fischer – früher auch mal so ein „Rebell“ – als Außenminister Ende der 90er deutsche Bomben auf Jugoslawien werfen ließen. Die Grünen, die mit dem Ministerpräsidenten Kretschmann 2015 die weitere Aushöhlung des Asylrechts ermöglichten. Die Grünen, und auch zahlreiche wohlmeinende linke Parteien nach ihnen zeigten: Auf (meistens) kurz oder (selten) lang spielen sie trotz aller guten Vorsätze brav mit im parlamentarischen Betrieb. Das ist kein Zufall: Jede Partei, die nicht nur Opposition sein will, muss so denken wie ein Verwalter des Nationalstaats. Und das heißt: dafür sorgen, dass der Laden rund läuft, damit die Steuern fröhlich sprudeln – auch, wenn das Lohnsenkungen, Abschiebungen und Kriege bedeutet.

Alle Macht den Räten!

Auf viele dieser Probleme versuchten Kommunist_innen eine Antwort zu finden. Schon seit Beginn der kommunistischen Bewegungen erkannten manche, dass das autoritäre Vertrauen in Partei und Staat nicht Teil der Lösung, sondern des Problems ist. Sie gingen davon aus, dass Menschen sich in ihren Betrieben und Stadtteilen selbst organisieren müssen und die Macht nicht durch einen Staatsstreich einer kleinen Gruppe zerschlagen wird, sondern durch einen Generalstreik und die Organisation von Vollversammlungen in allen gesellschaftlichen Bereichen. Durch „revolutionäre Realpolitik“ wollte z.B. Rosa Luxemburg oder später die italienischen Operaist_innen in den 1960ern erreichen, dass gleichzeitig konkrete Verbesserungen für die Menschen erkämpft werden, die Perspektive einer grundlegenden gesellschaftlichen Umwälzung aber nicht aus den Augen verloren wird. Das Attraktive: Bis das System kollabiert gibt es schon mal zahlreiche konkrete Verbesserungen im Alltag. Das Problem: Unternehmen finden zumeist schlaue Methoden, um konkurrenzfähig zu bleiben – zum Beispiel, indem sie durch mehr Automatisierungen Menschen entlassen können. Mist.

Der Kampf um die Köpfe

Eine andere Antwort auf dieses Dilemma formulierte Antonio Gramsci, ein Marxist aus Italien: Er betonte, dass im Kapitalismus Herrschaft keineswegs allein durch Zwang erzeugt werde und man deswegen durch einen bewaffneten Staatsstreich den Bundestag stürmen kann, sondern dass in Schule, Universitäten, Medien usw. Zustimmung zum Bestehenden erzeugt werde. Dadurch denken dann wir alle, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben. Deshalb ging er davon aus, dass für eine grundlegende Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse linke Ideen in diesen Bereichen sichtbar werden müssen – er nannte das „Kampf um Hegemonie“. Das Attraktive an dieser Idee: Ich kann auch in einem linken Zeitschriftenprojekt wie der SaZ mitmachen und hoffen, dadurch zu grundlegenden Veränderungen beizutragen.

Me, myself and I

In jüngerer Zeit finden Linke die Antwort auf die Frage nach der Revolution auch: im Spiegel. Bei den Autonomen in den 1980ern gab es zum Beispiel so eine „Politik der ersten Person“, wo es ganz stark darum ging, im Kleinen aufzubauen, was im Großen gelten sollte. In besetzten Häusern, kritischen Männergruppen, Mobilisierungen gegen ökologisch und sozial fatale Projekte wie neue Atomkraftwerke. Diese Art von Selbstreflexion ist natürlich wichtig – gerade weil wir alle, siehe Gramsci, ganz schön zugepumpt werden mit Ideologie in dieser Gesellschaft. Nur: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Dingen viele kleine Dinge tun, können sie eben nicht einfach das Gesicht der Welt verändern. Dazu braucht es auch ein Verständnis davon, was genau schief läuft und wie wir uns alle dagegen zusammenschließen.

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Heute gibt es – unglaublich, aber wahr! – ja weiterhin Leute, die eine Revolution wollen. Manche von ihnen knüpfen ziemlich nahtlos an die Ideen von oben an, aber viele Versuche sind heute sehr viel diffuser. Dass es nach den fixen Ideen, wie es zu laufen hat, und die ja alle entweder im Sande verlaufen oder in der Katastrophe geendet sind, erst mal weniger Gewissheit über den einzigen richtigen Masterplan zur Revolution gibt, ist sicherlich nicht falsch. „Fragend schreiten wir voran“, haben die Zapatistas, eine teilweise hochsympathische mexikanische Guerrillabewegung, die 1994 einen für Linke weltweit inspirierenden Aufstand wagten, diesen Zustand genannt.

Was macht man denn aber nun aus all diesen – und einigen anderen, die wir hier nicht genannt haben – Versuchen, mit denen Linke sich in der Vergangenheit abgestrampelt haben? Erstens: Es wird nicht automatisch besser (oder schlechter), es gibt keine objektive Tendenz des Fortschritts z.B. weil die Maschinen irgendwann die zu verteilende Arbeit so stark minimieren, dass Kommunismus easy wird. Sondern der kommt nur, wenn Leute ihn wollen und machen. Und dafür braucht es politische Bewegungen. Zweitens: Es geht nicht durch die Übernahme von Parteien oder Staaten, sondern nur dagegen. Drittens: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Eine der letzten beinahe-revolutionären Situationen in Europa – 1968 – folgte auf die 1950er Jahre, die mal sowas von konservativ und verstaubt waren. Damals hätte nie jemand gedacht, dass sich in Frankreich die Arbeiter_innen mit den Studierenden verbinden und der Präsident aus Furcht vor der Revolution außer Landes flieht. Viertens: Es braucht ein tatsächliches Verständnis davon, was hier in dieser Gesellschaft schief läuft, es braucht Diskussionen und kritische Auseinandersetzungen mit vorhandenen Theorien und Debatten, um nicht immer wieder bei null anzufangen. Fünftens: Diese Kämpfe können auch ganz fix vereinnahmt werden vom Kapitalismus, dem alten Schlingel. Wir müssen also immer wieder mit anderen über unsere Strategien diskutieren. Sechstens: Selbstbestimmung und Selbstorganisierung sind wichtig, es geht ums Einüben von etwas Neuem, was beim Weg zur Revolution und danach unverzichtbar ist. Es braucht die Erfahrung, wie es ist, die eigene Lebenswirklichkeit mit anderen zusammen zu verändern – einen Unistreik zu organisieren, eine Nazidemo zu blockieren, ein autonomes Jugendzentrum hochzuziehen. Auch wenn es im Moment nicht danach aussieht, als stünde die Revolution kurz bevor, ist es also wichtig, schon mal anzufangen.

Zum Weiterlesen & -hören:

- Frank Engster und Rüdiger Mats über alte und neue Wege zur Revolution

- Alexander Neupert-Doppler: Utopie, theorie.org, 10 Euro.

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