Archiv der Kategorie 'Zeitung'

„Was ist da bei Ihnen durchgebrannt, Herr Stadlober?“*

*(BILD-Zeitung vom 12.6.11)

Interview mit Robert Stadlober

Der aus den Filmen „Sonnenallee“, „Sommersturm“ und „Crazy“ bekannte Schauspieler geriet diesen Sommer als „Sympathisant“ von „Autozündlern“ in die Schlagzeilen. Er war in einer Antifa-Gruppe, findet Deutschland nicht so gut und hat den Hamburger Kommunisten Thomas Ebermann zum Vorbild. Dass damit eine Menge Leute Probleme haben ist klar – wir nicht! Deswegen haben wir ihn an einem regenfreien Tag zum Bier trinken getroffen.

Du hast ein Interview für das Berliner Stadtmagazin ZITTY gemacht, das noch mal Bezug auf deinen viel zitierten Satz aus der ARD-Talk-Show „3 nach 9“ vom 12. Juni nimmt: „Solange in Hoyerswerda keine Asylantenheime brennen, sind mir brennende Autos relativ egal.“

Ich wurde ja zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und das war noch so ein letzter Nachschlag. Das war auch kein wirkliches Interview in der ZITTY, sondern ein Text, den ich geschrieben habe. Nach der Talkshow wollte ich einfach ein paar Sachen klarstellen. Vor allem nachdem mir BILD-Zeitungsleser Morddrohungen und ähnliches geschickt hatten. (mehr…)

Kirchenaustritt D.I.Y.

Wie auch immer Du da rein geraten bist, so geht‘s raus:

Vielleicht hat Dich Ned Flanders zur Nottaufe gezerrt – vielleicht hat Dir jemand aus Versehen Weihwasser über den Kopf gekippt, vielleicht wolltest Du Omi damals einen Gefallen tun, mit der Taufe und Kommunion viel Geld absahnen oder vielleicht haben Deine Eltern einfach für Dich entschieden, als Du noch nichts einwenden konntest – jedenfalls gehörst du jetzt durch irgendwelche höheren Mächte offiziell zu einer staatlich anerkannten Glaubensgemeinschaft.

Ned hin und Omi her – in Deutschland giltst Du ab dem vierzehnten Lebensjahr als religionsmündig und kannst so auch über das Ende Deiner Zugehörigkeit zur Kirche selbst entscheiden.
Je nachdem, wie dein Umfeld so drauf ist, kann das zu Unverständnis führen. „Herrgottsakrakruzifixnocheins!“Die Verwandtschaft schüttelt den Kopf, droht mit Enterbung oder einem Anruf beim Exorzisten.
Wie die jeweilige Glaubensgemeinschaft eine solche Entscheidung verkraftet, sei an dieser Stelle dahingestellt. Wir kümmern uns nur um die säkulare Gesetzgebung: Im Grundgesetz ist festgehalten, dass verfassungsgemäße Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften unter bestimmten Umständen berechtigt sind von Ihren Schäfchen finanzielle Abgaben, quasi Mitgliedsbeiträge, zu erheben und unter bestimmten Umständen durch den Staat als Steuer eintreiben zu lassen. Wenn Du offiziell Geld verdienst, wird Dir entsprechend Deiner Konfession von den römisch-katholischen Bistümern, von den Evangelischen Gemeinden oder den Jüdischen Gemeinden dieser Beitrag von deinem Gehalt direkt durchs Finanzamt abgezogen – das sind zwischen acht und neun Prozent der Einkommenssteuer. Viele Menschen zahlen diesen Beitrag entweder aus Unwissenheit einfach mit, oder sie zahlen für‘s gute Gewissen. Schließlich seien viele soziale Einrichtungen durch kirchliche Träger finanziert. Aber Pustekuchen: Als Arbeitgeberin tut sich die Kirche ohnehin eher durch besonders miese Bedingungen für Krankenpfleger_innen, Sozialarbeiter_innen und Erzieher_innen hervor. Dafür verlangen christliche Arbeits- oder Freiwilligenorganisationen dann auch noch von ihren Angestellten entsprechende Kirchenzugehörigkeit.

Es gibt also viele Gründe, die Beziehung zu beenden. (Zutreffendes bitte ankreuzen)
Leider reicht es nicht, diese Begründungen an den Papst zu schicken, denn der Kirchenaustritt muss persönlich erklärt werden. Du musst also selbst den Weg zum Amtsgericht oder Standesamt zurücklegen. Dort braucht es nur deinen Ausweis, eine Unterschrift und du bist raus. Je nach Wohnsitz ist diese Amtshandlung einmalig kostenpflichtig, in Berlin, Brandenburg und Bremen gibt‘s den Kirchenaustritt gratis!
Und weil die Kirche eben nicht unfehlbar ist, lohnt es sich, die Bescheinigung für immer aufzuheben. Nach zehn Jahren vergisst sie oft, wer ausgetreten ist und zieht dann die Steuer fälschlicherweise vom Gehalt wieder ab, bis mit der Bescheinigung der Austritt belegt wird.

Gott, Gene und fiese Kapitalist_innen

oder: Warum viele Religionskritiker_innen ähnliche Fehler machen wie ihr Gegenüber

Leute, die in ihrer Freizeit mit irgendeiner heiligen Schrift rumlaufen und anderen daraus vorlesen, findet eigentlich keine_r richtig cool. In der Schule ist Reli oft eins der Fächer, bei denen selbst diejenigen schwänzen, die sonst keine Stunde verpassen. Und auch sonst sind da ganz viele einer Meinung: Religion sei ignorant und altmodisch, ganz klar, weil man ja mittlerweile wisse, dass die ganzen heiligen Bücher einfach nicht recht haben. Urknall, Einzeller, Dinosaurier und so weiter zeigten, dass die Schöpfungsgeschichte allenfalls ein nettes Märchen sei. Und im Weltraum seien wir auch schon gewesen, Gott haben wir aber nicht gefunden. Stattdessen solle man sich ja mal vor Augen führen, was Religion statt dem von Gott versprochenen friedlichen Leben wirklich verursacht habe: Nichts als Krieg und Elend. Nachdem etwa in London einige evangelikale Christ_innen auf die Idee gekommen waren, auf öffentlichen Bussen Werbung für das Christentum mit Sprüchen wie „Ungläubige werden Höllenqualen leiden“ zu machen, fühlten sich einige Atheist_innen dazu berufen, ihre eigene Buskampagne in mehreren europäischen Staaten zu starten. Auch in einigen deutschen Städten waren zum Beispiel Werbeflächen mit dem Text „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott“ zu sehen. (mehr…)

Straßen aus Zucker #6 online!

What the fuck!
Dass Papst Benedikt XVI, formerly known as Joseph Ratzinger aka der kleine Hitlerjunge, einen Besuch im September in Berlin, Freiburg und Erfurt plante, war uns Anlass genug eine Schwerpunktnummer zur Kritik der Religion zu machen. Sicher können sich noch viele von Euch an den Skandal erinnern, den der gute Ratze mit der Wiederaufnahme der Holocaustleugner von der erzreaktionären Pius-Bruderschaft in den katholischen Kirchenschoß ausgelöst hat – ganz zu schweigen von den immer wieder und wieder „auftauchenden“ Skandalen um sexuelle Gewalt in kirchlichen Einrichtungen und Kontexten. Wir haben uns dabei nicht auf die zwar wichtige aber nicht ausreichende Kritik an der menschenfeindlichen Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes und der katholischen Kirche in Bezug auf Frauenrechte, Homosexualität, HIV-Prävention oder Schwangerschaftsabbrüche beschränkt, die im linksliberalen Diskurs um den „Rottweiler Gottes“ und seinen Anhang den größten und oft auch einzige Raum einnimmt, sondern haben uns abseits dieser Skandalhascherei einerseits mit einer grundlegenden Religionskritik und andererseits mit einer Kritik der gängigen Religionskritiken beschäftigt. Letztere sind nämlich oft nicht viel besser, wenn sie einfach die Naturwissenschaften zur neuen Bibel erheben. Außerdem haben wir uns mal die üblichen Vorstellungen zur christlichen Kirche angeguckt und sie widerlegt. Abschließend zum Religions-Schwerpunkt gibt es ein kleines „How to…“, wie ihr aus dem Laden wieder rauskommt, wenn auch ihr, wie selbst einige hier in der Redaktion, hinterlistig als ganz ganz kleine Kinder getauft wurdet, nun offiziell „katholisch“ oder „protestantisch“ seid und z.B. entsprechende Steuern zahlen müsst.
Die anderen Texte in dieser Ausgabe bilden passend zur diesjährigen „…umsGanze!“-Kampagne „Gegen Integration und Ausgrenzung“ einen zweiten Schwerpunkt. Da gibt es zum einen den ultimativen „Integrationstest“, denn die rassistische Debatte um „die Integration der Ausländer“ hat nicht erst mit Sarrazin angefangen und geht auch ohne ihn weiter. Zum anderen gibt es neben dieser augenzwinkernden Intervention auch noch ernstere Texte die sich mit Kulturalisierung und Antiziganismus beschäftigen.
Im Interview waren wir diesmal mit Robert Stadlober, der irgendwo zwischen Kekswichsen und der Diskussion über brennende Luxusautos als Schauspieler und Linksradikaler bekannt geworden ist.
Last but not least eine gute Nachricht für alle, die unsere Aufkleber vermisst oder sich schon lange auf neue T-Shirt Motive gefreut haben: Beides gibt es nun dank audiolith.net und diraction.org wieder im Angebot!
Und nun viel Spaß mit der Ausgabe 666!

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Als Gimmik für die aktuelle 5. Ausgabe gibt es diesmal einen Audiolith- Download-Link for free (zip-Datei). Danke und liebe Grüße an unser Lieblingslabel!!!

„Zimt und Zucker“

Interview mit dem neuen Zeitungsprojekt aus Österreich

Wien im Jahr 2011: Eine antifaschistische Demonstration gegen einen Burschenschafterball mit illustren Gästen von NPD, DVU bis Front National wird verboten. Politische Aktivist_innen sind von massiver Repression betroffen. Österreich ist alles andere als eine Insel der Seligen. Doch dortige Genoss_innen haben sich an die „Straßen aus Zucker“-Crew mit der Idee gewandt, in Kooperation mit uns das Konzept der Zeitung auch auf die Alpenrepublik auszuweiten.
Die erste Ausgabe ist schon in Arbeit und daher haben wir uns gedacht, dass wir der „Zimt und Zucker“ ein paar Fragen stellen.

Was war Eure Motivation, das Projekt „Zimt und Zucker“ auf die Beine zu stellen?

„Zimt und Zucker“ hat mit Spannung die ersten vier Ausgaben der „Straßen aus Zucker“ mitverfolgt und auch in Österreich zahlreich unter die Leute gebracht. Viele fanden die Texte und Interviews ziemlich cool und die SaZ ist ein richtiges Gesprächsthema geworden. Weil einige Texte auf Deutschland spezifiziert sind, entstand die Idee, ein adaptiertes Projekt zu starten. Wir wollen ähnliche Themen behandeln, dabei aber auf die österreichischen Verhältnisse eingehen und diese ins Visier der Kritik nehmen.

Wo seht Ihr die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich?

Ein großer Unterschied ist der Nationalismus, welcher hierzulande stark dadurch geprägt ist, dass sich Österreich als „Erstes Opfer des Nationalsozialismus“ inszeniert. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Burschenschaften: Sie spielen in Österreich eine größere Rolle als in Deutschland und sind gut vernetzt in Parlament und Wirtschaft vertreten. Natürlich gibt es noch viele weitere Unterschiede, aber darauf gehen wir dann in den Texten genauer ein.

Was sind die Ziele?

Wir wollen einen Kontrast zu der ganzen bestehenden Scheiße schaffen. Aber hier in Wien, wo wir als Polit-Gruppe am aktivsten sind und sein möchten, gibt es unserer Meinung nach kaum ein vergleichbares Projekt. Wir wollen unsere Kritik an den bestehenden Verhältnissen in einer Art und Weise formulieren, die jede und jeder verstehen kann, ohne ein Fachstudium absolviert haben zu müssen.

Und wie geht es weiter?

Die Veröffentlichung der ersten Ausgabe „Zimt und Zucker” steht an! Die werden wir verteilen und auf Wunsch verschicken. Was sonst noch passiert, könnt ihr im Netz verfolgen. Neuigkeiten gibt’s auf unserem Blog, via Twitter und auf Facebook.

http://zimtundzucker.blogsport.de

PorNo? PorYes? PorHaps…

Warum nicht alle Pornos geil sind.

Pornografie ist laut Wikipedia „die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, wobei die Geschlechtsorgane in ihrer sexuellen Aktivität bewusst betont werden“. Für viele von uns ist sie mittlerweile Teil des Alltags. Vielleicht haben wir mal irgendwo in der hintersten Ecke der DVD-Schublade mit rotem Kopf die Filmsammlung unserer Eltern gefunden, von Freund_innen irgendwelche Handybilder gezeigt bekommen, vielleicht haben manche von uns schon mal auf youporn.de rumgeklickt, aber auch normale Spielfilme kommen selten ohne eine Sexszene aus. Laut Medien sind wir sogar die „Generation Porno“. Wenn dann darüber diskutiert wird, fallen meistens Schlagwörter wie Jugendschutz, PorNo, Zensur, Verlust der Unschuld etc.

I wanna sex you up
Wir haben weder Lust auf prüde Moralapostel, die mit ihrem Zeigefinger auf angeblich verdorbene Jugendliche zeigen, noch auf den allgemeinen Sexismus dieser Gesellschaft, der Frauen andauernd zu Sexualobjekten abstempelt. Und wir finden es gar nicht so einfach, uns eine Meinung zu Pornos zu bilden. Wir wollen trotzdem versuchen, ein paar Sachen ab- und aufzuklären.
Klar ist uns allen irgendwie: Sex ist nichts Böses. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen mensch dafür verheiratet sein musste. Aufklärung über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten ist leicht zugänglich, es ist zumindest ein Stück weit einfacher geworden, ein schwules oder lesbisches Coming-out zu haben, die Boulevardpresse findet: „Jede Frau darf masturbieren“ und selbst Monogamie kann man mittlerweile hinterfragen und sich überlegen, ob man nicht vielleicht lieber offene Beziehungen leben oder diese Kategorien von Freundschaft und Liebesbeziehung ganz auseinandernehmen will. Filme wie „Drei“ haben mittlerweile den Sprung aus der Subkultur geschafft. Sexualität kann sich super anfühlen und erst mal erscheint es sinnvoll, möglichst vielen Leuten zu ermöglichen, tollen Sex mit sich und einer, zwei, drei, vielen anderen zu haben. Wenn also Sexualität erst mal was Positives ist, warum dann nicht auch Pornofilme, deren Ziel ja, siehe oben, ist „den Betrachter sexuell zu erregen“ (und wenn es nach uns geht: auch die Betrachter_innen)?

There‘s no sex in your violence
Nun, da gibt es noch ein Problemchen: Sex ist in dieser Gesellschaft eben nicht nur mit Lust, sondern oft auch mit Gewalt und Sexismus verbunden. Laut einer Studie der Universität München hat jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt erfahren und mehr und mehr wird auch sexualisierte Gewalt gegen Männer und Jungen thematisiert. Sexismus zeigt sich überall, wenn mal wieder nur Frauen den Abwasch machen, wenn auf einem Plenum nur Typen untereinander reden, wenn Frauen auf Demos nichts zugetraut wird, dazu Klischees in Werbungen, Filmen und so weiter. All diese Vorstellungen werden durch gesellschaftliche Strukturen hergestellt, zum Beispiel durch die staatliche Kinder- und Familienpolitik oder durch ungleiche Lohnbezahlung, aber eben auch durch unser eigenes alltägliches Denken, Fühlen und dem daraus resultierenden Verhalten. Back to the problem: Mainstream-Pornos sind fast alle sehr sexistisch. Frauen sind meist nur da, um den Männern Lust zu verschaffen, sie sind immer „willig“ und bereit und häufig eher niedlich und irgendwie handhabbar: als Schülerinnen, Babysitterinnen, Hostessen oder Krankenschwestern. Lesbischer Sex ist niemals gleichberechtigt, sondern geht immer bloß so weit, bis der Typ zur Tür reinkommt, total von den Frauen angemacht ist und ihnen dann zeigt, was ihnen die ganze Zeit gefehlt hat. Der Mann kann dabei natürlich immer und natürlich auch endlos lange Zeit. Klarerweise entsprechen alle Frauen den gängigen Körpernormen – bei Männern wird nicht so ganz genau darauf geachtet, weil der meist männliche Zuschauer keine Komplexe kriegen soll. Am Ende steht dann immer der „money shot“, bei der der Frau ins Gesicht gespritzt wird, meistens kniet sie dabei. Viele Pornos zeigen Gewaltfantasien von Männern gegenüber Frauen, die nicht BDSM-Sex (Bondage, Dominance, Submission, Masochism) sind, der auf Vertrauen und Absprache beruht, sondern angedeutete Vergewaltigungen. Mainstream-Hetero-Pornos sind oft genug ein Ausdruck des bestehenden Sexismus in der Gesellschaft. Und sie tragen gleichzeitig dazu bei, dass dieser immer wieder bestätigt wird, weil es eben keine anderen Bilder von Sexualität gibt. Das führt dazu, dass viele jüngere Jugendliche ihre ersten Vorstellungen von Sex aus Pornos haben und dann ziemlich gestresst sind, wenn sie wirklich das erste Mal mit wem in der Kiste landen – weil dann nämlich genau so eine Veranstaltung abgezogen werden muss wie auf dem Bildschirm.
Gleichzeitig, siehe oben, ist Sex eben was Schönes. Und es kann nett sein, anderen Leuten, und sei es nur im Film, beim Sex zuzuschauen und vielleicht auch inspirierend.
Die Debatte darum, ob Pornokonsum denn nun mit einer nicht-sexistischen, feministischen Einstellung vereinbar ist oder nicht, ist dabei keine neue. In der feministischen Bewegung der 1970er Jahre stellten Frauen Pornografie als einen wichtigen Einflussfaktor für sexistische Einstellungen in der Gesellschaft heraus. So wurde etwa behauptet, dass die Hemmschwelle für Gewalt gegen Frauen durch Pornokonsum sinken würde. „Pornografie ist die Theorie – Vergewaltigung die Praxis“ war ein Slogan der Zeit. 1987 startete Alice Schwarzer, die heute für die BILD schreibt, die vor kurzem wieder neu aufgelegte „PorNo“-Kampagne, die ein Gesetz gegen Pornografie fordert. Die These, dass Pornos direkt Gewalt verursachen und aus vorher harmlosen Männern Vergewaltiger machen, ist zwar mittlerweile widerlegt (in Ländern, in denen es zu einer Lockerung der Gesetzeslage kommt, war oft sogar ein Rückgang der Vergewaltigungen zu beobachten, hierbei spielt allerdings auch die Liberalisierung der Sexualität eine Rolle), aber am sexistischen Inhalt von Mainstream-Pornos hat sich seitdem wenig geändert.

Too sexy for this party
In den USA gründete sich als Antwort auf diese Bewegungen in den frühen 1980er Jahren eine feministische Bewegung, die sich selbst „sex-positiv“ nennt. Zwar kritisierten auch diese Feministinnen die sexistischen Bilder in der Mainstream-Hetero-Pornografie, wollten aber dem Stereotyp von Feministinnen als prüde und sexfeindlich etwas entgegensetzen. Statt als passive Objekte männlichen Begehrens ging es ihnen darum, weibliche Lust und aktive Beteiligung an Sexualität zu demonstrieren. Sie fanden, dass die pauschale Kritik an Pornografie die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen verleugnet.
Auch fanden sie, dass der Fokus auf Pornos von vielen anderen Orten ablenkt, an denen Sexismus medial vorkommt. Zum Beispiel in der klassischen Rollenverteilung in Vorabendserien. Sie sahen in Pornos auch eine Chance, denn im Gegensatz zur Alltagsrealität können in pornografischen Szenarien bewusst Machtverhältnisse inszeniert, überzeichnet und verkehrt werden. Nachdem man sich über die Rollenbilder Gedanken gemacht hat, kann man damit spielen und sie umkehren. Damit kann man dann starre und oft unsichtbare Zusammenhänge sichtbar und flexibel machen.
Kritisiert wurde von der sexpositiven Bewegung auch, dass PorNo-Feministinnen mit der Forderung nach einem Verbot von Pornografie konservativen Positionen zuarbeiten würden. Verschärfte Zensur traf in erster Linie tatsächlich immer erst lesbische und schwule Buchläden oder die BDSM-Community und erschwerte beispielsweise Sexualaufklärung. Außerdem ging diese strikte Anti-Porno-Position oft auch mit einer bemitleidenden und verachtenden Position gegenüber Pornodarstellerinnen und Sexarbeiterinnen einher, die sich aber selber gar nicht immer als Opfer sahen, sondern viel mehr klarstellen wollten, dass ihr Scheiß-Job eben nur einer unter vielen ist und sie eher bessere Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Organisierung brauchen als Mitleid.

­She‘s got the look
Der sex-positive Feminismus hat es seitdem auch nach Europa geschafft und hat Auswirkungen auf die alternative Pornoszene. So gibt es mittlerweile immer mehr Produktionsfirmen und Pornomacher_innen, die Pornos mit einem feministischen oder emanzipatorischen Anspruch drehen. Die Vertreterinnen entwickelten dabei verschiedene Kriterien für feministische Pornografie. Es wurde auf menschen- und frauenverachtenden Kram verzichtet, das Verwenden von Kondomen oder Dental Dams wurde ins Spiel eingebaut, generell nur Safer Sex ausgeübt und es wurde versucht, die ach so üblichen Vorstellungen von Sexualität zu überschreiten. Und warum sollten die Darsteller_innen nicht auch mal miteinander lachen oder sich in den Arm nehmen? Die Produktion des Pornos sollte gerade durch die Beteiligung von Frauen geprägt sein, wie auch weibliche Lust in den Fokus gerückt werden sollte. Und wenn Gewalt dargestellt wird, dann nur, wenn die Absprachen, die daraus ein eindeutig markiertes Spiel machten, ebenfalls gezeigt werden. Eine Vielfältigkeit bei den Darsteller_innen in Bezug auf Alter, Geschlecht, Herkunft, Körpertypen und sexuelle Orientierung wird begrüßt. Auch im Bezug auf die gezeigten Praktiken gibt es Orientierungspunkte: Sex soll nicht immer als geradliniges Hinarbeiten auf die Ejakulation des Mannes dargestellt werden, keine penetrationsfixierte Leistungsschau sein. Vielmehr geht es um eine Erweiterung des sexuellen Spektrums, dem Spielen mit Geschlechterstereotypen und unkonventionellen Formen von Sexualität, bei der Orgasmen nicht das einzige Ziel sind.
Vertreten werden diese und ähnliche Richtlinien zum Beispiel beim ersten europäischen feministischen Pornofilmfestival, dem PorYes-Award, der seit 2009 in Berlin verliehen wird.

Let‘s talk about sex, baby!
Also alles easy? Wir schauen einfach alternative Pornos? Sicherlich keine schlechte Idee, mit dem, was einen selbst anmacht, herumzuexperimentieren und zu gucken, ob da nicht noch anderes möglich ist als das, was uns immer als „normaler“ Sex verkauft wurde. Davon hat man ja auch selber was. Warum soll beim Hetensex immer der Typ die Frau penetrieren, wenn es doch auch Umschnalldildos gibt? Warum muss überhaupt immer irgendwas penetriert werden? Warum immer eigentlich diese Fixierung auf den Orgasmus – so toll so was auch ist, das kann auch anstrengend sein und sich wie Sport anfühlen. Und dass alles immer so funktioniert wie im Porno, ohne Pannen, Peinlichkeiten, Lustverlieren, Klopausen, Müdewerden, Menstruationsblutflecken, Rumalbern, Dursthaben, eingeschlafene Körperteile und Krämpfe, das ist unserer Erfahrung nach auch nicht so. Außerdem, so super Sex auch ist: Manchmal hat man vielleicht auch keine Lust darauf oder die Nase voll. Es gibt nicht nur Leute, die sich selbst grundsätzlich als „asexuell“ definieren, sondern auch die Tatsache, dass Sexualität eben nicht immer locker-flocker-fluffig-einfach ist. Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wirken sich häufig darauf aus, wie man Sexualität leben kann. Ob es zum Beispiel „Trigger“ geben kann, das heißt plötzlich gefühlte Erinnerungen an die frühere sexuelle Gewalt, ausgelöst durch eine bestimmte Geste, ein Wort, eine Handlung. Oder ein generelles Unwohlsein durch zu viel Sexualisierung. Um derartiges möglichst zu vermeiden, spricht man sich am besten vorher ab und folgt dem SSC-Prinzip (Safe, Sane, Consensual), also Safer Sex, gut durchdacht und beruhend auf dem Einverständnis aller Teilnehmenden. Klar ist: Das geht nicht ohne Kommunikation! In der Konsequenz heißt das für uns aber zum Beispiel auch die Notwendigkeit einer klaren Markierung von Medien und Räumen. Sei es, dass der Klappentext bei Pornos klarmachen sollte, welche Praktiken gezeigt werden und ob es z.B. gewalttätige Szenen gibt; sei es, dass der Flyer der alternativen Party darauf hinweist, dass Pornos gezeigt werden oder ein Darkroom eingerichtet ist usw.
Wir wollen uns nicht schlecht fühlen, weil wir Pornos gut finden. Aber wir wollen auf dem Schirm haben, was für Bilder man dabei eigentlich reproduziert und was für eine Sexualität damit auch immer wieder als die „eigentliche“ und „richtige“ bestätigt wird. Wenn man Pornos gut findet, dann lohnt es sich vielleicht mal, mit alternativen Filmen zu experimentieren. Und wir wollen keinen Druck aufbauen, dass Leute nur dann hip, cool und sexy sind, wenn sie mindestens einen Porno auf ihrer Festplatte haben. Schließlich wollen wir dafür sensibel sein, dass Sexualität zwar vor allem was Tolles ist, aber in einer strukturell sexistischen Gesellschaft eben auch mit Gewalt verbunden ist. Und es deswegen zwingend notwendig ist, ganz un-porno-like mit Sexualpartner_innen viel zu kommunizieren über die Sachen, die einen anmachen. Und jetzt mit oder ohne Sex: Habt viel Spaß!

Zum Weiterlesen und -gucken:
http://poryes.de – Feministischer Pornofilmpreis Europa.
http://realqueerporn.com – Infos zu queeren Pornofilmen und -filmemacher_innen.
http://sexclusivitaeten.de – Laura Méritt, feministischer Grundbedarf.