Archiv der Kategorie 'Straßen aus Zucker'

Gefährlicher als Pyrotechnik

Das Runde muss ins Eckige. Doch manche Partie des gepflegten Rasensports entwickelt sich zur Hetzjagd und das Stadion der Freundschaft wird zur Arena der Feindschaft. Wie Fußball der Nation dient und warum Meister der Herzen häufig von Meistern des Hasses angefeuert werden.

Trikot anziehen, Bier in die Hand, Nationalfarben in die Fresse und losgrölen. Fertig sind der Deutschland-Fan und das bekannte und immer wiederkehrende Bild von Fanmeile – einem Meer aus Papp-Fähnchen und schwarz-rot-doofer Bierseligkeit. Auf den ersten Blick scheint das ja alles harmlos und wie ein großes Fest zu sein. Ist es leider nur nicht. Wenn nach einem Sieg in irgendeinem Spiel nervhupend im Auto-Korso durch die Stadt gefahren wird, geht es nämlich neben dem Spaß und der großen Party auch um das Zugehörigkeitsgefühl zu etwas Großem. Zu einem Kollektiv: der Nation. Diese Sehnsucht nach der Gemeinschaft konnte in Deutschland ja lange wegen des blöden Nationalsozialismus nicht gezeigt werden – so zumindest die Meinung vieler.
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White Charity

Schwarzsein und Weißsein auf Spendenplakaten.

Auf Bahnhöfen oder vor Supermärkten – an vielen Orten in Deutschland sieht man Aufrufe von Nichtregierungsorganisationen wie ‚Brot für die Welt’ ‚Care’ oder ‚Welthungerhilfe’, die mit großen Plakaten zum Spenden für irgendeinen „guten Zweck“ werben. Welche Auswirkungen diese Plakate auf die Menschen in Deutschland haben, zeigt der Film `White charity`.

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„Don‘t tell me sexism does not exist!“

Interview mit Kate Nash
Kate Nash ist Musikerin, Feministin, hatte ihren ersten Nummer-1-Hit mit 20 und hat nun vor kurzem ihr drittes Album „Girl Talk“ veröffentlicht. Wir sprachen mit ihr über Sexismus in der Musikbranche, ihr politisches Engagement in Ghana und Rassismus in England.

SAZ: Du hast eine neue Band, dein eigenes Record Label, spielst jetzt Bass und kein Klavier mehr. Warum hast Du das neue Album mit Crowdfunding finanziert?

Kate Nash: Ich hatte gerade eine eigenartige Zeit, hatte ziemlich viel Scheiße erlebt und wollte mich da einfach durcharbeiten, ich habe weiter an meinem Album geschrieben. Wenn ich das Album nicht veröffentlicht hätte, wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden, das war wichtig für meine seelische Verfassung. Während der Produktion hat mich das Label plötzlich gekickt.

Deine Musik ist teilweise sehr persönlich. Du hast in einem Interview gesagt, dass du in Songs bestimmte Sachen ausdrücken kannst, die Du sonst nicht sagen könntest. Wie fühlst Du dich, wenn Du solche Lieder dann vor Hunderten Menschen spielst und die Aussagen von Dir mitsingen, die mal sehr schmerzhaft waren?
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That‘s Not My Name!

Warum wir manchmal einen Strich zwischen den Wörtern machen? Weil hinter Sprache viel mehr steckt als viele denken.

Putzmann, Vatersprache, Mechanikerin, Mutterland, Bauarbeiterin.
Ist euch etwas aufgefallen? Noch ein paar Beispiele: Krankenbruder, Hausmeisterin, Kindergärtner, Tagesvater. Und wieso denken alle bei einer Autoreparatur immer an einen Mann, beim Abwaschen und Putzen jedoch an eine Frau?
Ihr merkt vielleicht worauf wir hinauswollen. Sprache funktioniert nicht so einfach wie es scheint. Auch in der Sprache gibt es Stereotype, Diskriminierungen, Klischees und Rollenbilder. Sprache bildet eben nicht nur die Wirklichkeit ab und ist neutral, sondern ist gesellschaftlich konstruiert, hat eine Wirkung auf die Menschen und ist natürlich auch veränderbar.
Mittlerweile gibt es viele Möglichkeiten und Versuche, diesen Sexismus und diese Normen in der Sprache aufzubrechen. Eine der Möglichkeiten ist es zu gendern. Das bedeutet z.B.: statt Student StudentIn zu schreiben. Weil wir die Leute allerdings nicht auf männlich oder weiblich festlegen wollen und weil es noch Menschen jenseits dessen gibt, schreiben wir Student_in. Der Unterstrich steht für all die, die sich nicht kategorisieren lassen oder die nicht kategorisiert werden wollen.
Oftmals kann es auch vereinfacht werden, indem z.B. einfach von Studierenden gesprochen wird, dabei wird die Unterscheidung in verschiedene Geschlechter gar nicht erst aufgemacht.
Viele Untersuchungen weisen darauf hin, dass allein der Verweis auf das Geschlecht schon negative Auswirkungen haben kann. Teilnehmende einer Studie mussten vor dem Test Fragebögen ausfüllen, Frauen die vorher auf dem Fragebogen ihr Geschlecht angeben mussten, haben danach bei Mathematiktests schlechter abgeschnitten, als die, die es nicht angeben mussten. Außerdem zeigt sich, dass Berufe, die bisher klare Männerdomänen waren, attraktiver für Frauen werden, wenn sie geschlechtsneutral dargestellt werden. (mehr…)

Solidarität mit Pussy Riot!

Ein Interview mit einer Aktivistin und Musikerin der sibirischen Punkband Kissmybabushka

Die Nachricht ging um die Welt, Madonna, Sting und die Red Hot Chilli Peppers schickten Solidaritätsadressen: Drei Mitglieder der queer-feministischen Band Pussy Riot aus Moskau waren im März 2012 verhaftet worden und sollen nun für zwei Jahre ins Straflager. Wir sprachen mit der feministischen Punkband Kissmybabushka aus Novosibirsk über die Situation von Feminist_innen in Russland, über ihre Solidaritätsarbeit für Pussy Riot und ihre eigene Repressionserfahrungen. Denn von diesen musste auch Kissmybabushka einige machen: Als eines ihrer Mitglieder 2009 wegen des Engagements der Band ins Gefängnis musste, sammelten die Mitglieder von Pussy Riot Geld für den inhaftierten Künstlerkollegen. Jetzt sind es die Aktivist_innen von Kissmybabushka, die in Novosibirsk Zeichen der Solidarität mit den inhaftierten Frauen von Pussy Riot setzen.

SaZ: Im vergangenen Jahr wurden drei junge Frauen verhaftet, nachdem sie in einer Kirche vor dem Altar ein „Punk-Gebet“ gegen Kirche und Staat, gegen Abtreibungsverbot und „Gottesscheiße” veranstalteten. Die Anklage lautete auf „Rowdytum aus religiösem Hass“. Kannst Du beschreiben, was genau passiert ist?

Kissmybabushka: Einige Zeit vor der Wahl Putins veranstaltete die Gruppe Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale dieses „Gebet“. Die Kathedrale in Moskau gilt als die wichtigste Kirche Russlands, in ihr finden die offiziellen Gottesdienste statt, an denen Putin teilnimmt und welche im Fernsehen übertragen werden.
Das war nicht die erste Aktion der Punk-Feminist_innen, im Laufe des vorhergehenden Winters machten sie einige ähnliche Aktionen – in der U-Bahn, auf dem Dach einer Straßenbahn, in Modegeschäften und Bars (alle selbstverständlich nicht legal). Kurz bevor der Patriarch Kyrill alle Orthodoxen aufforderte, bei der Wahl Putin zu unterstützen, äußerte er : „Orthodoxe Menschen gehen nicht auf Kundgebungen“. (mehr…)

Hot topic (is the way that we rhyme)

Warum Vampire keine guten Boyfriends sind, SM-Sex mit Milliardären nicht unbedingt spannend ist und worum es bei dem „Bechdel-Test“ geht

Franziska ist angepisst. Sie kickt die auf dem Gehsteig liegenden Steine vor sich her. Und das alles nur wegen der Geschichtsstunde in der Schule. Ihre Lehrerin Frau Buva hat über Demokratie und Wahlrecht geredet und dabei auch übers Frauenwahlrecht gesprochen. Dabei hat sie erzählt, dass z.B. in der Schweiz das Frauenwahlrecht erst 1971 eingeführt wurde. In dem Kanton Appenzell Innerrhoden (heißt wirklich so) sogar erst 1990, gegen den Willen der männlichen Stimmbürger und erst nachdem Frauen aus dem Kanton beim Schweizer Bundesgericht Klage eingereicht hatten.
Frau Buva ist dann allerdings ein wenig vom Thema abgeschweift und hat längere Zeit über Sexismus und Lohnunterschiede in der Gesellschaft gesprochen. Nach der Stunde haben sich dann die Jungs und auch ein paar Mädchen das Maul über sie zerrissen, sie sei doch sicher ´ne „Kampflesbe“, das merke man doch schon an ihren kurzen Haaren. Franziska hat sich in dem Moment nicht getraut was dagegen zu sagen. Obwohl Frau Buva echt cool ist und eigentlich ja auch recht hat mit dem was sie sagt. (mehr…)

Only you. And you. And you.

Von romantischen Zweierbeziehungen, „freier Liebe“ und Polyamory

Soll Liebe in der Gesellschaft eine bessere vorstellen, so vermag sie es nicht als friedliche Enklave, sondern nur im bewußten Widerstand
(Theodor Adorno)

Selbst wenn man nicht auf Liebeslieder im Radio steht oder Hollywoodromanzen vermeidet, so scheint eines doch klar zu sein: Irgendwo da draußen gibt es Mr. oder Mrs. Right. Die eine Person, mit der man glücklich werden wird. Und wenn sie dann da ist, dann ist erstmal alles gut: Wir beide gegen den Rest der Welt, als Lover, Freund_innen, Unterstützer_innen, und später vielleicht auch mal als Eltern für Kinder. Seufz, so schön! Dabei hat sich auch einiges in den letzten Jahrzehnten geändert: Man muss als Paar nicht unbedingt heiraten, auch schwules oder lesbisches Herzklopfen ist erlaubt, die Kinder oder das Zusammenziehen sind nicht zwingend notwendig, und wenn man sich doch mal trennt oder scheiden lässt, dann wird man sogar als Frau nicht krass verurteilt. Und bis Mr. Right dahergestapft kommt, muss man nicht unbedingt im Zölibat leben – lose Affären oder „Friends with Benefits“ sind akzeptierter als zu den Zeiten, in denen man entweder Single oder unter der Haube war. Aber vieles ist doch gleichgeblieben: Wenn man in einer Beziehung ist, dann wird man von außen gefragt nach einem_r, und genau einem_r, Freund oder Freundin. Und das bedeutet dann auch was ganz Bestimmtes: Das ist die Person, mit der man in den Urlaub fährt, Silvester verbringt, der oder die man den Eltern vorstellt, Kosenamen gibt, an Jahrestage denkt, morgens um 4 anruft, wenn was doof ist. Ja, das ist „mein“ Freund, oder „meine“ Freundin, das ist das Konzept „romantische Zweierbeziehung“ (RZB). (mehr…)