Archiv der Kategorie 'Briefe an uns'

Porno/Sexarbeit

In eurem Artikel „PorNO?…“ schreibt ihr:

„oft auch mit einer bemitleidenden und verachtenden Position gegenüber Pornodarstellerinnen und Sexarbeiterinnen einher, die sich aber selber gar nicht immer als Opfer sahen, sondern viel mehr klarstellen wollten, dass ihr Scheiß-Job eben nur einer unter vielen ist und sie eher bessere Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Organisierung brauchen als Mitleid.“

Es klingt in diesem Abschnitt doch sehr die Behauptung heraus, sich zum sexuellen Objekt anderer Personen machen zu lassen, wenn auch für Bezahlung, wäre ein Job unter vielen anderen.
Mit Menschen zu schlafen mit denen man ohne die entsprechende Bezahlung sicherlich nichts zu tun haben möchte schon gar keinen intimen Kontakt und die damit einhergehenden Demütigungen können nicht einfach als ein „Scheiß-Job unter vielen“ abgeschrieben werden.

Auch wenn es sicherlich Sexarbeiter_Innen und Pornodarsteller_Innen gibt, die gut damit zurecht kommen und vielleicht sogar einige denen diese Arbeit wirklich Spaß macht, so ist der Großteil dazu gezwungen ihre Intimsphäre gegen Bezahlung aufzugeben, da sie schlichtweg das Geld benötigen.
Vollkommen egal wie gut die Umstände sind und wie toll diese Personen gewerkschaftlich organisiert sind, gerade im Bereich der Prostitution, aber nicht nur ausschließlich dort, ist die Leistung sexueller Dienste nicht einfach ein „Scheiß Job unter vielen“

Alice Miller beschreibt beispielsweise in ihrem Buch „Du sollst nicht merken“ den Durchbruch der Gefühle einiger Frauen die sich prostituierten, nachdem sie sich organisiert hatten und über ihre Gefühle und Erfahrungen miteinander sprechen konnten.

Das Aufbrechen der Gefühle durch die Gespräche untereinander führten bei der beschriebenen Person zu einer tiefen Depression und zwei Selbstmordversuchen, ehe sie das „älteste Gewerbe der Welt“ an den Nagel hing, welches sie zuvor 15 Jahre lang stillschweigend, ja sogar scheinbar mühelos und ohne Probleme ausgeführt hatte.

Dieses Beispiel ist sicherlich nicht zu verallgemeinern, jedoch zeigt es, dass auch Menschen, die sich ihre Belastung nicht anmerken lassen, tief davon betroffen sein können von Fremden Menschen regelmäßig zu Objekten ihrer sexuellen Bedürfnisse gemacht zu werden.

Auch zeigt es und das ist letztendlich auch die einzige Kritik meinerseits an diesem Text, dass man Sexarbeit ob nun Prostitution oder im Filmgeschäft nicht unterschätzen sollte.

mfg e.

Hallo E.,

vielen lieben Dank für dein Feedback.

Die von Dir zitierte Stelle nimmt indirekt Bezug auf die Selbstorganisierung von Sexarbeiter_innen (also etwa Vereinen wie Hydra, aber auch feministische Pornodarstellerinnen und -macherinnen wie
Ovidie, oder linke queere Aktivist_innen aus den USA), die weg wollten von der Stigmatisierung von Sexarbeiter_innen als ausschließlich Opfern, und stattdessen (jede der oben genannten sicherlich in unterschiedlichem Ausmaß) einen Fokus legen wollten auf die Tatsache, dass JEDE Form von Arbeit unter den Verhältnissen der kapitalistischen Produktionsweise erstmal Ausbeutung, Unterdrückung, Unfreiwilligkeit bedeutet. Und
ausgehend davon eben auch Sexarbeit als „normale“ Arbeit anerkannt bekommen wollten. Und dass es dann eben auch einen Kampf um Arbeitsbedingungen braucht, und kein Mitleid von irgendwelchen Kirchen-Muttis, die Sexarbeiterinnen absprachen, klar denkende Menschen
zu sein.

Damit soll aber nicht abgestritten werden, dass Sexarbeit eine besonders krasse Form von Lohnarbeit (und, ja, in vielen Fällen eben auch von moderner Sklaverei und Menschenhandel, wenn es z.B. um Prostituierte aus manchen afrikanischen Ländern geht, die unter falschen Vorwänden nach Europa gebracht werden) sein kann. In einer Gesellschaft, in der Sexualität eben nicht einfach nur fröhlich-flockig ist, sondern in Gewaltstrukturen eingebunden ist, ist das nicht verwunderlich.
Und wenn man dann noch davon ausgeht, dass die bürgerliche Gesellschaft beständig Menschen scheiße fühlen lässt, und Sexualität mit Intimität in eins gesetzt wird und irgendwie das „Eigentliche“, „Tiefste“ und „Innerste“ von Leuten darstellen soll, ist es vielleicht nicht
verwunderlich, dass Gewalt sich hier so krass und nachhaltig auswirken kann. Nicht umsonst hinterlassen Vergewaltigungen bei den Betroffenen meistens tiefere psychische Verletzungen als wenn jemand „nur“ in eine Schlägerei gerät. Deswegen würde ich Dir zustimmen, dass Sexarbeit
nochmal ein Potential zu besonderer Verletzung hat – der „Verkauf“ von Geschlechtsorganen, aber auch Intimität und Empathie und was eben noch alles so mitspielt, ist unter Umständen schlechter abzuspalten als der Muskelkater nach einem Tag Zementsäcke schleppen.

Und es mag auch sein, dass im Bereich Sexarbeit/Pornographie mehr Menschen mit sexualisierter Gewalterfahrung tätig sind als in anderen Bereichen des Arbeitsmarktes – Alice Miller beschreibt ja ganz gut, wie Gewalterfahrungen abgespalten und dann doch wieder weitergegeben werden
können. Die Frage ist eben, was man daraus macht. Sollte man die Forderungen
von Sexarbeiter_innen nach besseren Arbeitsbedingungen nicht mehr unterstützen? Und damit Leute nicht ernst nehmen, die von sich sagen, dass sie ihren Job behalten wollen (z.B. Berichte von Tabledancer_innen, die den Stundenlohn ganz akzeptabel finden und es gut finden, dominant
gegenüber Typen sein zu können, ohne dass diese sie kontrollieren können)? Alle in Zwangstherapie schicken? … Das soll gar nicht so polemisch klingen, wie es sich liest.
Nur das Problem, dass Leute sich ihr eigenes Elend nicht bewusst machen können/wollen und sich ihre verschissene Situation schön reden, ist sicherlich recht weit verbreitet in dieser Gesellschaft.

Ich würde sagen, dass es sowohl die Notwendigkeit gibt, auf Zwangsaspekte von Sexarbeit hinzuweisen, Frauenhandel im Rahmen von antirassistischen Kampagnen zu thematisieren und entsprechend hier auch Freier aufzuklären und gegebenfalls zur Verantwortung zu ziehen,
genauso wie es eine kritische Thematisierung von Arbeitsbedingungen in der Sex- und Pornoindustrie braucht. Gleichzeitig gehören Sexarbeiter_innen ernst genommen in ihren Forderungen und in ihren Arbeitskämpfen unterstützt.

Weiß nicht, ob das nun ausreichend auf Deine Kritik eingegangen ist – schreib‘ uns sonst gerne nochmal zurück.

Besten Gruß,
Padme, von Straßen aus Zucker

Hallo Padme und der Rest,

vielen Dank erstmal für die Antwort.
Im Artikel kam das Bild von Sexarbeit etwas undifferenzierter rüber, als es deiner Reaktion erklärt wurde. Dass ihr naive Vorstellungen von Prostitution habt, als wäre diese ein Job wie jeder andere, dachte ich auch vorher schon nicht wirklich, trotzdem schön, dass nochmal verdeutlicht zu bekommen.

Die Antwort hat, denke ich, alle Aspekte meiner Fragen abgedeckt. Auch ich denke, dass bei Sexarbeit differenziert werden muss, beispielsweise ob diese selbstbestimmt ausgeführt wird oder aufgrund von Zwängen (das können auch gesellschaftliche oder finanzielle sein) oder auch ob die Personen sich im Beruf dominant verhalten können oder Dinge über sich ergehen lassen müssen.
Auch wäre es falsch von mir alle in dieser Branche tätigen Menschen zu pathologisieren und ich sehe da auch stark die Gefahr der Bevormundung, dennoch glaube ich, dass tatsächlich viele Sexarbeiter_Innen traumatische Erfahrungen hinter sich haben, ob diese nun bereits vor oder während des Berufes erlebt wurden.

Die praktischen Konsequenzen der Unterstützung durch Organisationen wie Hydra o.ä. ändert sich dadurch sicherlich im Kern nicht, jedoch denke ich, dass diese speziellen Umstände bei der Darstellung von Sexarbeit Erwähnung finden sollten.
Und das tun sie ja auch.
Ich hatte wie gesagt vor allem das Gefühl, dass in dem Artikel die Sexarbeit zumindest sprachlich „verharmlost“ wird, auch wenn der Kampf, um die Anerkennung von dieser als „ein[em] Scheißjob unter anderen“ sich teilweise dieser Sprache bedient, um aus der Opferperspektive herauszukommen.
Dieses Gefühl hat sich jedoch danke deiner (eurer?) Antwort keineswegs bestätigt.

Alles Gute,
e.

Kommunismus

Guten Tag!
Ich bin großer Sympathisant eurer Zeitung und eurer Themen, dennoch habe ich ein paar Fragen.
Und da ich euch als Diskussions-bereit einschätze, hoffe ich, dass ihr mir diese auch beantwortet. Als erstes frage ich mich, ob die ganze Kommunismus-Sache nicht total veraltet ist, und so überhaupt noch zu gebrauchen. Zur Zeit Marx‘ war das alles natürlich alles richtig bzw. eine große Reform; aber heute? Brauchen wir das alles?
Frage zwei: Ich bin wirklich alles andere als National oder freu mich, deutscher zu sein, allerdings denke ich auch, dass doch vieles in diesem Land besser ist, als sonstwo. Außerdem was würdet ihr antworten, wenn man euch fragt: „Wenn ihr hier alles so scheiße findet, wieso geht ihr dann nicht woanders hin?“.
Das wäre es dann erstmal.

Viele Grüße, T.

Hallo T.,

merci für Deine Mail und Deine Fragen.
Die Fragen treffen ja ziemlich in die Mitte dessen, was wir diskutieren wollen und
warum wir auch die Straßen aus Zucker machen. Und sind auch nicht so einfach zu
beantworten, deswegen wird’s bisschen länger, sorry.

Zur ersten: Naja, das was Karl Marx damals versuchte (und was ihm, nach meiner
Meinung, teilweise ziemlich gut gelungen ist), ist zu zeigen, wie all der Horror
in dieser Gesellschaft immer und immer wiederkehrt. Damit meine ich: Jeden Tag
sterben zigtausende Menschen an Hunger, an Krankheiten, die heilbar sind. Um nur
den größten Skandal zu benennen.

Marx hat nun versucht zu zeigen, dass das nicht zufällig so ist oder dass es nicht
böse Banker*innen oder „schlechte, korrupte Regierungen“ sind oder es nur an
genügend sittlicher Moral fehlt, sondern das dies systematische Gründe hat. Diese
Gründe hat er als halb-überzeitliche festgestellt, das heißt, immer wenn die
Herstellung der Dinge, die Menschen zum Leben brauchen, deswegen geschieht (oder
eben nicht), weil damit Gewinn gemacht wird und dies in einer Gesellschaft
passiert, in der Firmen Besitz an Produktionsmitteln (Maschinen, Fabrikgebäude
etc) haben und eine große Anzahl von Menschen nichts hat als ihre Arbeitskraft,
dass immer dann notwendig solche Dinge wie oben beschrieben entstehen. Und das –
an dem Anspruch müsste man Marx eben messen – ist auch heute noch aktuell.

Der Begriff des Kommunismus – so veraltet und verhunzt er erstmal klingen mag,
aber einen besseren haben wir noch nicht gefunden – ist nun so bisschen die
Zusammenfassung einer Welt, in der unter anderem obiges nicht mehr möglich sein
soll (noch viel anderes, wozu Marx nur wenig bis gar nichts gesagt hat, wollen wir
auch nicht, z.B. diese gewaltvollen Geschlechterverhältnisse). Und das geht eben
nur auf dem Weg, dass man erkannt hat, warum es die Dinge, die man nicht will,
eigentlich gibt.

Was der Kommunismus sein wird, da sind erstmal Deiner Vorstellungskraft keine
Grenzen gesetzt. Und vielleicht kommen wir ja überein, was wir darunter vorstellen
und machen den zusammen? Was ich mir darunter vorstelle? (Ich versuche mal hier
die ganzen Plattitüden zu vermeiden, die da oft kommen. Denn ich finde es
sinnvoll, dass jede*r individuell und in eigenen Worten formuliert, was sie*er
anstrebt. Weil genau darum geht es mir ja, ums Verlassens von ausgetretenen Pfaden.)
Ich will eine Gesellschaft, in der Bedürfnisse befriedigt werden, in dem es um das
gute Leben für alle geht und nicht um die Steigerung und Intensivierung der
Arbeitszeit, in der ich nicht mit allen konkurrieren muss – denn darauf habe ich
keine Lust. Das tut mir nicht gut, lieber will ich füreinander produzieren. Ich
will mitentscheiden und will nie wieder gesagt bekommen, was ich zu tun habe. Ich
will nicht regiert werden – nicht von „meinen“ Repräsentant*innen, nicht von einer
angeblich mich vertretenen Partei und auch nicht von einem angeblichen Sachzwang
namens „Und wer soll’s zahlen?“. Ich will mich nicht für Nationen krumm machen
oder für diese in den Krieg ziehen. Du siehst, das ist noch viel Abgrenzung von
dieser Gesellschaft, was mir aber auch logisch erscheint, weil sie ist es ja ist,
die mich leiden läßt und aus der ich ausbrechen will. Da ist aber auch viel
Abgrenzung drin zu Gesellschaften, die sich kommunistisch nannten. Das Problem,
dass ich diese, wie die DDR oder die Sowjetunion, in den meisten Dingen
verabscheue, und gleichzeitig den gleichen Namen – Kommunismus – benutze, sehe
ich, aber wie gesagt: Einen besseren Begriff hab ich noch nicht gefunden. Vielleicht sollte man aber wirklich eher von einzelnen Punkten wie: Ich will eine liberale Planwirtschaft, ich will die Auflösung der Geschlechter etc sprechen.

Zu Deinem zweiten Punkt: „denke ich auch, dass doch vieles in diesem Land besser
ist als sonst wo“. Die Nation und der Nationalismus sind Meisterinnen darin,
solche Schein-Selbstverständlichkeiten zu schaffen, in denen man sich leicht
verheddert.
Vielleicht ein Schritt zurück: Wir kritisieren die Nation (und den Nationalismus
als großes JA zu dieser Nation und ihrem Projekt) aus folgenden Gründen: Einmal
schließt sie aus – die toten Flüchtlinge im Mittelmeer, die in Verzweiflung vor
Entdeckt-werden Lebenden (sogenannte Illegale), ja auch all die hier schon
teilweise in der dritten Generation lebenden Menschen, die nicht „dazu“ gehören
sollen, sind hierfür ein Beispiel. Gleichzeitig schließt die Nation auch ein – Du
bist Deutschland heißt dabei, Du bist Material für die Konkurrenzpläne
Deutschlands, Material fürs Niederkonkurrieren anderer Nationen, manchmal auch
einfach Material fürs Kriegsführen (allzu leicht vergisst man, dass Kriege nicht
der Vergangenheit angehören). Patriotisch, was für uns das selbe wie
nationalistisch ist, ist nun vor allem auch: Für Deutschland den Gürtel enger zu
schnallen. Das heißt, wenn Sozialleistungen abgeschafft werden, heißt es, das wäre
für Deutschland wichtig. Gleichzeitig wird gesagt, man könne auf Deutschland stolz
sein, weil es hier „uns“ ja besser ginge, z.B. mehr Sozialleistungen gebe. Das
heißt, Du sollst stolz sein, weil es Sozialleistungen gibt und weil Du stolz bist
es ok finden, dass sie gestutzt werden. Da kriegen nicht nur wir ein Knoten im
Hirn. Und verstehen nicht, wie Menschen einer solchen Logik folgen können.

Aber vielleicht ein kleiner Entwirrungsversuch: Ich streite dafür, dass es hier
allen Menschen gut geht – und überall sonst auch. Und wüsste nicht, warum mir das
eine wichtiger sein sollte als das andere. Und streite gegen eine Gesellschaft,
die alles in Konkurrenz setzt, dh das „Argument“ erst möglich macht: „Diese
Sozialleistungen müssen gestutzt werden, weil das andere konkurrierende Nationen
auch schon gemacht haben“ – Abwärtsspirale des Nationalismus würd ich das nennen, die Auswirkungen derselben spüren gerade z.B. die Menschen in Griechenland, weswegen auch die beste Solidaritäts-Arbeit für diese wäre, hier zu streiken.
Und ähnlich würd ich auf Leute antworten, die sagen: „Geh doch woanders hin“.
Warum sollte ich von meinen Freund_innen weggehen, in anderen Ländern ist es ja
auch nicht anders. Lieber versuche ich doch, mit diesen zusammen das Leben hier
für mich und andere schön zu machen – und damit nicht das Unglück von anderen in
der Welt zu befördern. Ich hinterfrag eben diese Einteilung von „Wir“ und „die
Anderen“. Ich hab mit den angeblich „Anderen“ oft mehr zu tun als mit den
Angehörigen dieses „Wirs“. Aber auch denen, mit denen ich wenig gemeinsam habe,
wünsche ich nichts schlechtes – das heißt, diese will ich nicht in der Konkurrenz
zum Verlierer machen wie es gerade Deutschland mit Griechenland oder Italien
machte. Alles Dinge, die hier aber notwendig passieren. Warum das wieder so
notwendig ist, dazu findet man ne Menge bei dem Herrn, der ganz oben in
dieser Mail im Fokus stand (und den Menschen, die von dieser Kritik ausgehen und
diese für die heutige Zeit aktualisierten).
Vielleicht meinst Du mit dem: „vieles in diesem Land besser ist“ ja noch was
anderes. Das müsste man dann am konkreten diskutieren. Nur generell würde ich
sagen: Mir fällt nichts ein, was ein JA zu dem Projekt dieser Nation (und aller
Nationen, die sich am Weltmarkt beteiligen) bei mir auslösen würde.

Was meinst Du zu obigem? Freu mich auf Deine Antwort. Hast Du eigentlich was
dagegen, wenn Dir diesen Mailwechsel auf unsere Seite unter der noch zu
schaffenden Rubrik Leser*innenbriefe veröffentlichen, natürlich ohne Deinen Namen
und Deine Emailadresse?

Viele Grüße,
Hannah

Hallo Hannah!
Ich bedanke mich für Deine/Eure Antworten.
Meine Antwort hat jetzt auch etwas gedauert, ich bitte dies zu entschuldigen.
Ich stimmt auch großteils mit deinen Begründungen ein, muss allerdings nochmal nachhaken:

Ich stelle mir einfach die Frage: Ist Deutschland das Problem, oder das System in Deutschland?
Was würde sich ändern, wenn wir den „Kommunismus“ (ich halte ihn immer noch für den falschen Begriff, da mir immer Personen wie Stalin oder Systeme wie die DDR, in den Sinn kommen, die ich überhaupt nicht für liberal oder „gut“ halte)
nun, wenn wir den „Kommunismus“ wiederbeleben würden, was würde sich in Deutschland ändern?
Ich meine, ich habe auch was dagegen, dass die Reichen reicher werden, und die Armen ärmer. Ich habe auch was dagegen, dass Firmen ihre Waren für 3,50€ durch Kinderarbeit produzieren lassen, ich bin auch dafür, dass sich „Arbeit lohnen muss“, etc.
aber kann man das ändern? Kann man das durch den Kommunismus ändern?

Ich denke das ich zu wenig über Marx weiß, um wirklich eine eigene Meinung bilden zu können, ich denke aber schon, soviel weiß ich, dass er einer der besseren war…

Nun zu meinem Punkt „..vieles in diesem Land besser ist, als sonstwo.“ ich will damit sagen, dass wir in einem Land leben, so scheiße es auch teilweise ist, in dem Demokratie herrscht, Parteien wie die NPD kaum Stimmen bekommen, wir haben eine Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit… Selbst in Europa ist das ja nicht selbstverständlich.
Deshalb frage ich mich wieder: Ist Deutschland das Problem, oder sind alle Staaten scheiße?
„No border no nation“? Hat das Zukunft?

Im Zusammenhang mit Deutschland habe ich eine Frage, die du mir bestimmt beantworten kannst:
Ich lese öfters den Begriff „Anti-Deutsch“ dazu noch „Solidarität mit Israel“.
Könntest du mir den Begriff näher erklären, ich finde im Netz nur mangelhafte Erklärungen.

Ihr könnt gerne den Mail-Verkehr veröffentlichen.
Bedanke mich für die Diskussion und die Antwort.

Viele Grüße,
T.

Hallo T.,

bitte entschuldige die zeitliche Verzögerung und dass wir dir nicht so ausführlich antworten können. Wir freuen uns super über dein Interesse und freuen uns auch immer über interessante Diskussionen, jedoch machen wir den Redaktionskram unentgeltlich neben unserer regulären Arbeit und um Email-Antworten inhaltlicher Art zu formulieren, diskutieren und abzunicken reicht uns oft nicht die Zeit neben dem normalen Redaktionsprozess.
Hier trotzdem noch einige Anregungen unsererseits.

Ich stelle mir einfach die Frage: Ist Deutschland das Problem, oder das System in Deutschland?

Wir glauben nicht, dass es „ein Problem“ gibt, sondern halten verschiedene gesellschaftliche Zustände für unschön und kritikwürdig. Dazu zählen sowohl das System, dass es (auch) in Deutschland gibt, aber auch das Konzept des Nationalstaates allgemein und verschiedene spezifische Zustände in Deutschland. Also kurz gesagt: Beides

Was würde sich ändern, wenn wir den „Kommunismus“ (ich halte ihn immer noch für den falschen Begriff, da mir immer Personen wie Stalin oder Systeme wie die DDR, in den Sinn kommen, die ich überhaupt nicht für liberal oder „gut“ halte) nun, wenn wir den „Kommunismus“ wiederbeleben würden, was würde sich in Deutschland ändern? Ich meine, ich habe auch was dagegen, dass die Reichen reicher werden, und die Armen ärmer. Ich habe auch was dagegen, dass Firmen ihre Waren für 3,50€ durch Kinderarbeit produzieren lassen, ich bin auch dafür, dass sich „Arbeit lohnen muss“, etc. aber kann man das ändern? Kann man das durch den Kommunismus ändern?

Wir denken allgemein, dass sich Gesellschaft verändern kann, das heißt dann demzufolge auch, dass die Gesellschaft „besser“ werden kann. Das ist ja auch so unsere Motivation so eine Zeitung zu machen. Der Begriff „Kommunismus“ ist ein (zugegebenermaßen nicht unproblematisches) Füllwort für die „ideale Gesellschaft“. Eine Gesellschaft in der der Mensch kein „geknechtetes, beleidigtes und erniedrigtes Wesen“(Karl Marx) mehr ist. Also eine Gesellschaft in der kollektives Wohl bewusst und selbstbestimmt durch alle Menschen im Rahmen herrschaftsfreier Verhandlung organisiert wird. Das ist heutzutage, wo Gesellschaft durch ausschließende Nationen, (mehr oder weniger hierarchischen) Staaten, und blindem Marktlogiken organisiert ist, nicht möglich. Zugegeben, der Kommunismus ist dann aus heutiger Sicht sehr unwahrscheinlich, ja utopisch. Aber das soll er auch. Der Begriff soll eine Erinnerung geben „outside the box“ zu denken, nicht in für in bestehenden Strukturen hängen zu bleiben, sondern auch das für möglich zu halten und zu denken was heute noch weit weg ist. Er soll Orientierung geben, auf Dauer die gesellschaftlichen Gegebenheiten grundlegend zum Besseren zu ändern.
Hier ein Artikel zu unserem Kommunismusbegriff:
Straßen aus Zucker #2: Es gibt immer was zu tun. http://strassenauszucker.blogsport.de/2009/11/08/es-gibt-immer-was-zu-tun/

Nun zu meinem Punkt „..vieles in diesem Land besser ist, als sonstwo.“ ich will damit sagen, dass wir in einem Land leben, so scheiße es auch teilweise ist, in dem Demokratie herrscht, Parteien wie die NPD kaum Stimmen bekommen, wir haben eine Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit… Selbst in Europa ist das ja nicht selbstverständlich. Deshalb frage ich mich wieder: Ist Deutschland das Problem, oder sind alle Staaten scheiße?

Natürlich geht es Menschen außerhalb von Deutschland oft ziemlich mieser als uns in Deutschland. Wir wollen aber nicht Staaten vergleichen oder Aussagen treffen, wo es besser oder schlechter ist. Wir wollen mit unserer Zeitung in erster Linie grundlegende unhinterfragte Grundsätze unserer Gesellschaft (Markt, Kapitalismus, Nation, Staat) einmal in Frage stellen und schauen, ob es nicht NOCH besser gehen könnte. Das halten wir auch für bitter nötig schaut man sich die alltäglichen Katastrophen wie Armut, Unterdrückung, Rassismus, Konkurrenz aller gegen alle ansieht.
Wir halten auf jeden Fall das Konzept des „Staates“ für schlecht. Warum haben wir hier beschrieben:
Straßen aus Zucker # 1: „Eine Absage an Staat und Nation“:
http://strassenauszucker.blogsport.de/2009/04/23/eine-absage-an-staat-und-nation/

Die Frage ob es neben allgemeiner Staatskritik auch noch ein spezifisch deutsches Problem gibt, das sich grundlegend von allen anderen Staaten unterscheidet wird seit den letzten 20 Jahren sehr kontrovers innerhalb der politischen Linken diskutiert.
Hier ein kleiner Text von der Gruppe Theorie.Organisation.Praxis B3rlin:
“Imagine there’s no countries /It isn’t hard to do /” http://top-berlin.net/?p=313

„No border no nation“? Hat das Zukunft?
Wir meinen, es sollte Zukunft haben. Dem Thema Nation und Deutschland hat sich Straßen aus Zucker #4 gewidmet. Unter anderem mit den Artikeln: „Wer hat hier was gegen pure Lebenslust?“ http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/10/14/wer-hat-hier-was-gegen-pure-lebenslust/
Und „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt“ http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/10/15/jetzt-wird-wieder-in-die-haende-gespuckt/
und „Deutschland?I’m gonna love you either way“ http://strassenauszucker.blogsport.de/2010/10/17/deutschland-im-gonna-love-you-either-way/

Im Zusammenhang mit Deutschland habe ich eine Frage, die du mir bestimmt beantworten kannst: Ich lese öfters den Begriff „Anti-Deutsch“ dazu noch „Solidarität mit Israel“. Könntest du mir den Begriff näher erklären, ich finde im Netz nur mangelhafte Erklärungen.

„Antideutsch“ ist ein Sammelbegriff für neue theoretische Strömungen, die seit den 90er Jahren Einzug in linke Debatten erhalten haben, für heftige Kontroversen sorgten und seit wenigen Jahren teilweise fest in progressiver Gesellschaftskritik verankert sind.
Ursprünglich ging es genau um die Frage, ob es ein spezifisch deutsches Problem gibt. Die als „antideutsch“ betitelten Menschen bejahten dies und wiesen auf all die rassistischen, patriotischen Ressentiments in der BRD hin.
Innerhalb der Debatte wurden viele eingespielte linke Gewissheiten in Frage gestellt, z.B. der positive Bezug internationalisitscher Linken zu völkischen und nationalistischen „Befreiungsbewegungen“. Auch wurde die autoritäre, antiamerikanische, fortschrittsfeindliche und teils antisemitische Ausrichtung vieler (Alt-)Linker kritisiert. Besonders heftig wurde der Konflikt in der Israel-Palästina-Frage ausgetragen. Dabei bezogen die sog. „Antideutschen“ entgegen den linken Mainstream Position für Israel, weil sie den Staat als notwendigen (demokratischen) Schutzraum sahen für Menschen, die von Antisemitismus bedroht waren. Auch die Unterteilung in arme, unterdrückte, gute Palästinenser und reiche, imperialistische, böse Israelis wurde als stark verkürzt zurückgewiesen.
Zum Thema „Antideutsch“ gibt es hier viele wichtige Dinge: http://phase2.nadir.org/rechts.php?artikel=749&print=.

Ich hoffe das hilft erstmal weiter.
Schöne Feiertage und einen guten Rutsch!

Hannah für Straßen zu Zucker

Rassismus

Liebe Straßen aus Zucker,

vor ein paar Wochen bin ich das erste Mal auf die Zeitung gestoßen und hab sie mit großer Begeisterung gelesen. Viele Fragen, die mir schon lange im Kopf rumspukten wurden geklärt und noch viel mehr aufgeworfen :P Echt ein toller Denkanstoß!

Ein Punkt hat mir allerdings sehr Kopfzerbrechen bereitet und ich wollte mal wissen, was ihr dazu meint. Ich beziehe mich auf folgende Stelle (Die Revolution im Reformhaus, Seite 6 und 7, Ausgabe 7):

„Mehr konkrete Handlungsmöglichkeiten gibt es aber zum Beispiel bei Rassismus: Wenn ich im Supermarkt sehe, wie ein „weißer“ Opa rassistisch über den „schwarzen“ Mensch in der Warteschlange herzieht, macht es Sinn dazwischen zugehen: Um Nazi-Opa Grenzen aufzuzeigen, dem Menschen, der da gerade Rassismus erfährt, Unterstützung anzubieten und in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Rassismus nicht toleriert wird.“

Dazu folgende Vorgeschichte: Zur Vorbereitung für einen Freiwilligendienst im Ausland, habe ich ein Seminar besucht, in dem es viel um das Thema Rassismus und vor allem strukturelle Rassismus in der Entwicklungszusammenarbeit ging. Grob zusammengefasst wurde versucht zu vermitteln, dass selbst wenn die Absicht hinter einer Handlung antirassistisch und gut gemeint ist, kann die Handlung selbst rassistische Strukturen fördern. So impliziert zum Beispiel die Zahlung von Entwicklungshilfe, dass die „Weißen“ den „Schwarzen“ überlegen sind, weil sie über die Umverteilung des Geldes bestimmen können. Außerdem arbeiten zahlreiche Hilfsorganisationen mit stereotypischer Werbung, die die Bevölkerung des globalen Südens als schwach, arm, dreckig oder handlungsunfähig darstellt. Das Ziel dieser Aktionen mag lobenswert sein, nämlich einen Verminderung der aus dem Kolonialismus resultierenden Armut, aber dennoch passieren solche Handlungen nicht auf Augenhöhe, sondern von oben nach unten und unterstützen somit rassistische Strukturen.

Es hat einige Zeit gedauert bis ich dieses Konzept durchdacht hatte und nach einer Weile stellte ich mir dann die Frage, was das Ganze für Konsequenzen für mein Handeln hat. Wenn ich zum Beispiel in eine wie im Artikel beschriebene Situation komme und mich für den „schwarzen“ Menschen einsetze, erkläre ich ihn dann damit nicht gleichzeitig als unmündig und stelle mich selbst als den Retter dar? Also schaffe quasi eine Situation in der (wieder mal) der „Weiße“ den „Schwarzen“ beschützen muss, weil er selbst nicht in der Lage ist? Und ist das nicht genauso rassistisch? Allerdings wäre die Alternative dann nicht einzugreifen und tatenlos zuzusehen wie vor meinen Augen Rassismus gelebt wird. Eine furchtbare Vorstellung.

Ich hoffe ich konnte meinen Konflikt einigermaßen verständlich darstellen und bin jetzt sehr gespannt, was ihr zu diesem Thema zu sagen habt.

Interessante Lektüre zu dem Thema „Struktureller Rassismus“ ist die Zeitschrift „Von Trommlern und Helfern – Beiträge zu einer nicht-rassistischen entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit“. Dort wird die Problematik, die ich hier in ein paar Sätzen versucht habe zusammenzufassen, nochmal genauer beschrieben.

Ich freue mich auf eure Antwort.

Liebe Grüße!

A. („weiß“)

Hallo A.,

merci für Deine Mail und das Lob. Die Ausgaben schicken wir Dir auch gerne bald zu.

Den von Dir beschriebenen Konflikt kann ich gut nachvollziehen, und die Broschüre „Von Trommlern und Helfern“ hatte ich auch schon mal in der Hand und fand sie ganz gut.
Was Du beschreibst, ist glaube ich von seiner Grundstruktur nicht so leicht aufzulösen, sondern stellt tatsächlich ein Dilemma dar, aus dem man nicht einfach rauskommt: Der kapitalistische Weltmarkt ist aufgrund des Kolonialismus und seiner Nachwirkungen nun mal so strukturiert ist, dass es „arme“ und „reiche“ Staaten gibt und gegenwärtige Handelsbeziehungen und die sie begleitenden Institutionen wie IMF, Weltbank, WTO etc. diese Strukturen auch festigen. Das ist erstmal der Rahmen, in dem wir uns als Individuen bewegen, und den wir auch nicht einfach durch individuelles Handeln ändern können. Somit ist Entwicklungshilfe eben immer ein „Geben“ von den Staaten, die es sich leisten können, und die damit auch bestimmte Zwecke verfolgen – sicherlich tw. auch humanitäre, aber diese doch auch immer gebunden an das Festigen von regionaler Einflussnahme, dem Aufbau von Absatzmärkten für Produkte und Infrastruktur. Für diese Entwicklungshilfe bzw. –“zusammenarbeit“ braucht es Leute, die das ausführen: professionals, und viele weiße Freiwillige, oft Jugendliche. Dass das konkret Leuten vor Ort helfen kann – ein Brunnen im Dorf, ein Kinderheim, ein Sammeltaxi etc. – ist unbenommen. Und dass jenseits von dieser individuellen Ebene es eben nicht nur um den Brunnen im Dorf geht, sondern um die Durchsetzungsmacht von westlichen Staaten ist eben ein bescheuertes Dilemma, was sich in der gegenwärtigen Weltordnung nicht auflösen lässt! Indirekt werden damit auch rassistische Strukturen gestützt, aber um das zu ändern, braucht es eine grundlegende Änderung der Strukturen.

Auf die konkrete Situation bezogen lässt sich vielleicht etwas mehr machen: Ich war auch in so ein paar kritischen Rassismus-Trainings, und die schwarzen ReferentInnen haben das Problem des Paternalismus in dieser Art von Situation auch angesprochen: Anstelle FÜR jemanden zu sprechen („Mach doch den armen Jungen nicht an!“) wurde dann immer betont, dass es 1. gut sei von sich auszugehen, also deutlich zu machen, dass MAN SELBER keinen Bock hat, rassistische Äußerungen zu hören, in einer rassistischen Welt zu leben, etc. und 2. die von Rassismus Betroffenen zu fragen, ob und wie sie gerade Unterstützung brauchen. Manchmal wollen Leute ja vielleicht auch eher ihre Ruhe und keine Konfrontation in jeder möglichen Situation.
Also, ich bin eine (weiße) Frau und übertrage das manchmal auf den Umgang mit Sexismus (obwohl das sicherlich auch noch etwas anders ist, aber so als Gedankenspiel): Wenn mich jemand auf der Straße sexistisch anmacht und ich mit einem Freund unterwegs bin, dann fände ich es paternalistisch, wenn dieser sofort eingreift. Ich finde es aber nett, wenn er mich fragt ob ich gerade Unterstützung brauche. Und wenn diese kommt, dann fände ich es schräg, wenn es sowas wäre wie „Mach meine Freundin nicht an“, aber gut, wenn er klar macht, dass er Mackerverhalten und Sexismus SELBER scheiße findet.
Zurück zur Supermarktkasse: Ich würde in so einer fiktiven Situation vermutlich den Naziopa irgendwie anraunzen à la „Ich habe echt keinen Bock auf deine rassistischen Sprüche“ und irgendwie dann nochmal, vielleicht am Ausgang oder so, die betroffene Person fragen ob sie okay ist oder irgendwas braucht. Oder umgekehrt. Aber in so einer Situation nicht einzugreifen würde für mich eine Art von Komplizenschaft und Zustimmung bedeuten.

Tja. Schreib gerne nochmal zurück, oder auch sonst einfach nur liebe Grüße

Padme
für die SaZ
P.S. Ach, und dürfen wir diesen Mailwechsel anonymisiert auf die „LeserInnenbrief“-Rubrik auf der Website stellen? Deine Fragen interessieren sicherlich auch noch andere Leute…

Liebe Padme,

vielen, vielen Dank für die Antwort. Hat mir echt sehr weitergeholfen. Und ich hab natürlich nichts dagegen, wenn ihr das Ganze veröffentlicht. Ich würde mich sogar sehr freuen, weil ich auch einige Leute kenne, die sich für den Konflikt interessieren und die mich schon gebeten haben, die Antwort weiterzuleiten. Also nur zu!
Viel Erfolg noch bei eurem Projekt und bis zur nächsten Frage,

lg A.

Ökologie und Technik

hey and hello, zuckerstrasse!

habe eure („unsere“) zeitschrift, nr.7, zum ersten mal gelesen & finde die ansätze und grundidee sehr ansprechend & überzeugend – was die überwindung des kapital-ist-mus betrifft. gerne würde ich, soweit vorhanden, vorherige ausgaben lesen und – wenn gewünscht – einige examplare hier bei uns in der region in entsprechenden „locations“ auslegen. vielleicht bewegt es was. da ich nicht weiß, welche bücher ihr bisher bereits empfohlen habt, weise ich ausdrücklich auf „das öko-manifest“ von derrick jensen hin. das geht voll in diese richtung. keine panik, es geht darin nicht um grüne umweltpolitik oder wie man sein garten am grünsten beackert, sondern genau um dieses thema – wenn nicht sogar darüber hinaus. er will gleich die industrielle zivilisation überwunden sehen – bis in die letzte konsequenz. sehr einfach und anschaulich beschrieben. es hat mich sehr beeindruckt und nachhall-tig beeinflusst. noch nie habe ich solch radikale (im sinne von konsequent und kompromislos) these gelesen und ich „bewundere“ den mut des mannes seine vorstellungen so klar und deutlich zu formulieren. man wundert sich, dass diese buch in der brd nicht verboten ist, denn es verlangt die überwindung der kompletten machtstrukturen und die ebenso konsequente zurückdrängung (bis zum nullpunkt) jegliches großkapitals, da diese „institutionen“ an der unaufhaltsamen vernichtung und zerstörung der erde arbeiten. rein aus machterhalt und gewinnstreben. wenn man sich die entwicklung auf der erde insgesamt betrachtet, was alles schon zerstört wurde und was demnächst weiterhin zerstört werden soll/muss, um deren machtgefüge zu erhalten, kann es sein, dass der mann sowas von recht hat, dass seine gedanken, argumente und überlegungen neue dimensionen an notwendigkeiten erfordern. gerne würde ich mehr erfahren über eure arbeit und vernetzungsmöglichkeiten. bin gerade etwas in eile, wollte aber mein kompliment für strassen aus zucker noch schnell loswerden.
in diesem sinne sinnigst und sonnigst…. krautskitsch

Hallo Krautskitsch,

erstmal herzlichen Dank für deine Mail, das Lob und den Buchtipp. Einige von uns, ich zum Beispiel, kennen Derrick Jensen sogar. Ehrlich gesagt: Ich fand den vor einer Weile mal
total super, und habe zunehmend ein Unwohlsein. Ich nämlich den Eindruck, dass er das Problem vor allem in der „Zivilisation“ oder der „Technologie“ sieht, als wären das irgendwelche Kräfte, die einfach so existieren würden. Dabei erscheint es mir, dass er im Gegensatz dazu indigene Gesellschaften irgendwie glorifiziert, als würde da alles voll intakt und toll sein.
Mein Problem ist aber gar nicht mit Technologie – ich finde das Internet und Handys und moderne Medizin sehr praktisch. Jensen sagt, dass wir das alles aufgeben müssten, um die Umwelt nicht zu zerstören (so etwas indirekt in diesem Interview: http://truth-out.org/index.php?option=com_k2&view=item&id=2102:you-cant-kill-a-planet-and-live-on-it-too).
Aber der Grund, warum Technologie dazu führt, dass die natürliche Umwelt in den Arsch geht, liegt ja nicht an der Technologie an sich, sondern darin, dass diese in ein Wirtschaftssystem – dem Kapitalismus eben – eingebettet ist, bei dem es darum geht, Profit zu machen. Das führt dazu, dass Umweltschutz für das Unternehmen nur (falsche) Kosten darstellen, d.h. ein Unternehmen darf – bei Strafe seines Untergangs – gar nicht besonders darauf achten, dass die Umwelt nicht geschädigt wird (mittlerweile legen sich Unternehmen ein grünes Mäntelchen um, aber das ist eben dann Teil der Bewerbungsstrategie). Und da spielt eben nicht nur das „Großkapital“ eine Rolle, sondern ganz grundlegend die Logik, dass es darum geht, Mehrwert zu produzieren. Das „Gewinnstreben“ ist also eins, was nicht mit bösen Absichten zu tun hat, sondern ein notwendiges ist: Ein Unternehmen muss in der Konkurrenz eben mitmachen, oder es geht unter.
Wenn wir von der SaZ von „Kommunismus“ reden, dann haben wir dabei auf jeden Fall eine Gesellschaft vor Augen, in der es weiter Elektrizität, und das Internet, und viel Technik in der Herstellung von Gütern gibt – damit mehr Zeit bleibt, schöne Dinge wie Kunst zu machen, zu spielen, sich mit Freund_innen zu treffen, am Strand rumzuhängen etc. Und dass dann so produziert wird, dass nicht der Profit im Blick steht, sondern erstmal auch die Frage, ob das Produkt „nachhaltig“ ist, d.h. keinen Menschen, Tiere und der Umwelt schadet, ist auch klar. Und eben WEIL unser Ziel die Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen ist, wollen wir uns das Leben auch einfacher machen. Soviel Arbeit wie man ohne Elektrizität hätte, wär echt nichts für mich. Bei Jensen habe ich das Gefühl, seine Vision einer anderen Welt ist eher eine in der Vergangenheit orientierte. Damit will ich ihn gar nicht ganz abtun – ich finde, der sagt auch viele
schlaue Sachen, und ist sensibel gegenüber Sexismus und Rassismus. Nur, wie gesagt, seine Analyse warum der Zustand der Welt so scheiße ist, da fehlt mir einiges.

Aber vielleicht kenne ich auch manche Seiten von ihm noch nicht, und gerne kannst Du mir/uns natürlich zurückschreiben :)

Soweit erstmal,
herzlichste Grüße
Padme für die SaZ

Hallo Krautskitsch

ich bin ebenfalls Teil des SaZ-Plenums und finde Padmes Antwort nicht falsch, würde aber eine weniger fortschrittsoptimistische Position vertreten:

Erstens denke ich, dass Technik immer auch das Potential der Zerstörung/Vernichtung eingeschrieben ist (sie also nicht erst mal nur „praktisch“ ist, sondern auch gefährlich, siehe z.B. den kommunistischen Atomkrafteuphemismus der 1950er Jahre. Dass da mit wenig Arbeit viel
Strom herauskommen könnte und das erst einmal sehr sehr praktisch klingt, liegt ja auf der Hand). Oder eben Gentechnik, die sich ja auch erst einmal verlockend und menschenfreundlich anhört. Das da aktuell Profitinteressen bei der Umsetzung maßgeblich sind ist klar, aber ich kann mir vorstellen, dass es auch im Kommunismus Befürworter_innen und Kritiker_innen geben wird. Ein Institut für Technikfolgeabschätzung wäre also weiterhin nicht schlecht.

Zweitens glaube ich, dass Technik und alle Produktionsmittel, die unter kapitalistischen Bedingungen entstanden sind, den Zwang zur Verwertbarkeit und damit auch die Zurichtung ihrer Nutzer_innen vollkommen eingeschrieben haben. Es gibt keine „neutrale“ Technik, die im Kapitalismus nur falsch genutzt wird. Technik, die unter kapitalistischen Bedingungen entstanden ist taugt auch unter anderen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht unbedingt zum schönen Leben.
Platt gesagt: Die VW-Produktionsstraße, das o2-Callcenter und das iphone voll mit bescheuerten Warenform-Apps werden auch im Kommunismus keine tolle Art der Produktion/ Freizeitbeschäftigung sein, sondern müssen (auch materiell) mit verändert werden. Denn das erste Ziel, wenn etwas Neues im Kapitalismus entwickelt wird ist es ja, Profit zu bringen. Das es das Leben angenehmer macht, ist höchstens Mittel zum Zweck, gut verkauft zu werden.

Sicherlich gibt es Dinge, die schon im Bestehenden darüber hinausweisen und nicht komplett in der bestehenden Scheiße aufgehen (dieses sogenannte Internet z.B.). Diese wurde aber auch meist schon im bewussten Widerspruch oder zumindest in kritischer Distanz dazu entwickelt. Und ich will auch gar nicht leugnen, dass nach Verwertungsaspekten entwickelte Technik mitunter „aus Versehen“ einen emanzipatorischen Überschuss haben (da zählt vermutlich das iphone dazu), der auch das schöne Leben greifbarer macht. Aber es ist erst einmal von vornherein nicht so, so die Technik neutral, unideologisch und unbeeindruckt von gesellschaftlichen Verhältnissen rumsteht, und nur auf die sinnvolle Nutzung wartet.

Eins der zentralen Probleme der realsozialistischen Versuche des 20. Jahrhunderts lag darin, dass die Menschen einfach in die alten Scheißfabriken geschickt wurden und sich alle wunderten, warum die Arbeit jetzt nicht auf einmal Spaß macht, obwohl die Arbeitenden jetzt doch ihre eigenen Produkte herstellen. Dass die Fabriken immer noch so aussahen wie vorher und das Arbeiten dort immer noch Stress bedeutete, hatte sicherlich wiederum viel damit zu tun, dass nach wie vor Waren produziert wurden, bzw. der sozialistische Dioxinrauch auch nicht die Atemwege befreite.

Technischer Fortschritt ist also immer beides: Möglichkeit zum schöneren Leben für alle und Möglichkeit des schlechteren Lebens für (fast) alle.

Liebe Grüße,
K. aus der SaZ-Crew

Occupy Wall Street

Guten Tag,

ich finde euren Gedankenansatz in SAZ #7 recht ambivalent, gar schon widersprüchlich, wenn man derart über die Occupy-Bewegung berichtet und auf der anderen Seite eine non-reformerische Umwälzung, sprich Revolution, fordert.
Sind es doch bei Occupy vor allem die 1 Prozent, die angeprangert werden (vielleicht auch einfach nur Sozialneid, vllt. auch ohne bzw. sehr begrenzter Kapitalismuskritik?); verschwörungstheoretische Ansätze sind bzw. waren ein Bestandteil dieser Bewegung.
Doch ist es nicht, wie ihr es ja auch sonst verlautbaren lasst, das kapitalistische System, welches die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft entstehen lässt? Die kapitalistischen Verhältnisse müssen also überwunden werden, anstatt immer nur „von denen da oben“ zu sprechen. Doch die Occupy-Bewegung beschränkt ihr ganzes Dasein vor allem auf letzteres.
Zwar wurde über die Occupy-Bewegung auch kritisch berichtet, doch eine klare Abgrenzung hat mir gefehlt: Und diese fehlte mir noch nicht einmal in dem eigentlichen Artikel (S.10-11), sondern in dem Interview mit Tom Morello. Hier wurde für meinen Geschmack die Occupy-Bewegung kritiklos stehen gelassen. Natürlich wurde auch hier etwas relativiert, aber wie gesagt, die Abgrenzung (vor allem in dem Interview) hätte nicht nur deutlicher ausfallen können, sondern müssen.
Preisfrage: Warum dieses Interview ? …passt gar nicht in „Straßen aus Zucker“

Liebe Grüße, G.


Halli-hallo G,

erstmal herzlichen Dank für deine Mail. Sorry für die verspätete Antwort, hatten viel zu tun mit Verteilen und so, und dann muss natürlich immer alles mit allen im Plenum abgesprochen werden.

Viele Deiner Kritikpunkte an der Occupy-Bewegung teilen wir: Ja, da gibt es eklige Verschwörungstheoretiker_innen, da findet sich eine falsche („verkürzte“) Kapitalismuskritik, und eine personalisierte Hetze gegen „die da oben ist sicherlich auch nicht unser Ding. Deswegen haben wir einen kritischen Blick auf „Occupy“. Und dennoch denken wir, dass man diese weltweite Bewegung nicht über einen Kamm scheren kann, denn gerade in den USA hat Occupy Diskussionen in Gang getreten, die es so vorher nicht gab: Das erste Mal seit vielen Jahren gibt es wieder eine außerparlamentarische Bewegung, die klar links dominiert ist. Die grundlegende Kritik der ökonomischen Verhältnisse steht endlich mal wieder auf der Tagesordnung – häufig verkürzt, ressentimentgeladen, falsch. Aber doch eröffnet sich auch für radikalere Kritiker_innen dadurch eine Möglichkeit, und seit Ewigkeiten kann mal wieder über „Kapitalismus“ gesprochen werden, und das wird es auch.

Und neben vielen reformerischen Forderungen gibt es eben auch einen Teil der Bewegung, der sehr klar hat, dass es eine Revolution brauchen wird, um den Kapitalismus abzuschaffen. So wie bei den gegenwärtigen „Bloccupy“-Mobilisierungen neben vielen komischen Gruppen ja auch das
kommunistische „UmsGanze“-Bündnis dabei war. Und so sehen wir bei aller Kritik inhaltliche Anknüpfungspunkte und finden Occupy – zumindest in den USA – nicht uninteressant; und wollten mit Tom Morello u.a. darüber sprechen. Wie Du siehst, stellen wir ihm ja auch einige kritische
Nachfragen.

In der Hoffnung, dass das Deine Verwunderung etwas klären konnte und mit
herzlichen Grüßen

die SaZ-Crew