Archiv der Kategorie 'Briefe an uns'

Mir ist bewusst, dass mensch immer eine Alternative hat. Aber die Angst am Ende allein dazustehen war größer.

Hallo SaZ Team,

Mir hat die 10 Ausgabe sehr gut gefallen. Ich gehe selber noch zur
Schule und besuche derzeit die 12. Klasse.
Für mich war von Anfang an klar, dass ich Abitur mache obwohl meine
Eltern die mittlere Reife haben. Naja, in den letzten Jahren hab ich
angefangen mich mit dem Thema Kapitalismus etc. zu beschäftigen und habe
angefangen Schule im Allgemeinen zu hinterfragen. Ich habe mir so oft
gedacht, du könntest dein Pflichtjahre machen und einfach aufhören.
Dann kannst du das machen was du wirklich willst, das lernen was du
wirklich willst. Aber letztendlich ist das alles dann doch nicht so
einfach wie in der Vorstellung. (mehr…)

Some themes held my attention, such as the article about boycotting McDonalds

Dear Team of Routes Sucrées !

I had the pleasure to discover your paper while hanging around in a
cool alternative place called Gagarine in Vienna, Austria, and I want
to thank you for your work, which enables a broader amount of people
to read/share about such important issues as politics, equality,
gender, etc.

I thank you too because I am not fluent in German yet, that is to say,
not enough to be able to read a lot of alternative press here!

Some themes held my attention, such as the article about boycotting
McDonalds or smaller actors of the oppression. -One might also mention
and question here the boycotting of entire countries, like Israel for
instance. But maybe it should require another article.- I am not
altogether convinced though, since I think that radical steps are
sometimes better than no step at all, and to put it in a nutshell, I
like much better cycling everyday and buying my food from a farmer
than going to the big inhuman supermarket in my expensive car… I
cannot change it all alone but we do have a potential impact on the
society in our everyday life. What one do, how we act/react, etc. This
brings me to mention what I personally hold as an interesting concept
to understand -and hence to help us finding real and concrete
alternative to our way of living and the shit we are heading to- : the
notion of “degrowth” (Wachstumsrücknahme). This notion, meant against
the religion of never-ending economical growth, seems to be a fine way
to fight against capitalism and the miseries that is carries with it.

Furthermore, I would like to share with you what I discover in Article
11, an alternative French paper, a text written by an American
activist who took part in the riots in Seattle in May 2012. Here is
the link: http://www.ultra-com.org/project/why-riot/

Well, I think that’s it for this time, thank for you reading and keep
on writing/fighting!

Sincerely, G.

Dear G.,

thanks so much for taking the time to write us. We are glad you like the
paper and picked it up in Austria.

As to your thoughts: We, too, like to cycle, and some of us like to eat
organic food. Also, we do a lot of small things in our everyday life to
change the way we interact: For example, as an editorial collective we
work in a radically democratic fashion, with no leaders, sharing tasks
equally and being aware of for example gendered dynamics in our midst.
We believe that a liberated society cannot be built in a hierarchical
fashion, but that we need to have forms of political interaction where
everyone is taken seriously.

However, when it comes to consumption we are maybe a bit more sceptical
- as you can see from the McDonalds article you mentioned: Of course,
the current form of production is horrible – not only because it
exploits workers, but also because it is unsustainable and destroys the
natural environment. But the reason for this is that it is a form of
production that is based on making profit – the inherent reason
capitalism exists. The drive for profit that every company, every
capitalist has to follow, means that ecological concerns are not really
important. What is important is to produce things that bring in a lot of
money. In a non-capitalist – or as we say for lack of a better word: a
communist – society we could build different kinds of technology: cars
that need less gas, food that doesn‘t need pesticides, things that don‘t
break after 2 years. But in our society, this isn‘t the case. And
unfortunately, this won‘t change just because we buy less, or buy
different things. Some small things may change – maybe a company will
pay their workers more after a successful boycott, or stop producing in
sweatshops. But even this kind of success only happens when it is
accompanied by a political campaign. If I as an individual make these
choices it will not change any fundamental structures.

Moreover, often debates around lifestyle choices become very moralistic:
People who don‘t buy organic food are suddenly labeled as „ignorant“,
others who use a car are blamed for the destruction of the ozone layer
and so on. But a lot of these choices are only available to people with
money: Organic food is expensive, a lot of people need cars, flying is
often cheaper than the train…it seems cynical to tell workers to cut
back on the little they have already – to NOT go on a cheap vacation
somewhere warm etc.

Finally, we see a lot of activists who put all of their energy into
lifestyle choices: What to consume, what to recycle etc. While we don‘t
think this does any harm we would sometimes wish that more people would
spend their energy in joining us in bringing about fundamental changes -
for a world where there is no more exploitation of people, animals or
natural ressources, because neither of these would make any sense anymore.

Hope this clarifies things a bit.
All the best to you, and sweet solidarity
L. for the Straßen aus Zucker/routes sucrées editorial collective

Gemachte Geschlechter und Anglizismen

Liebe Leute,

ich habe Eure kleine Zeitung zum ersten Mal gelesen – als Beilage in der
taz und in der Jungle World.

Wirklich nett und hübsch gemacht. Vor allem finde ich toll, dass Ihr sie
auch auf anderen Sprachen – etwa auf Türkisch – verteilt oder verteilen
wollt.

Inhaltlich geht es mir ein Stückchen zu weit. Ich glaube, 99 Prozent der
Leser und Leserinnen stellen nicht in Frage, ob sie sich als Mann oder
Frau fühlen oder ob ihr Geschlecht „gemacht“ sei. Sie wollen,
hoffentlich, einfach nur lieben, wen sie wollen – und sie sollten
einfach tolerant sein gegenüber anderen Menschen, mit welchen sexuellen
Präferenzen auch immer.

Im Klartext: Ich weiß nicht, ob Ihr einem türkischen Gangmitglied oder
einem ostdeutschen Landmädel mit „gemachtem Geschlecht“ kommen könnt.
Mir würde schon reichen, wenn die weniger schwulenfeindlich wären.

Zum Schluss: Etwas anstrengend fand ich auch Eure vielen unnützen
Anglizismen, die in der Zeitung verstreut sind. Wie gesagt, es ist toll,
wenn Ihr die Zeitung übersetzt, aber es ist schöner, wenn man jeweils
bei einer Sprache bleibt – und so die sprachliche Vielfalt der Menschen
erhält. Ihr seid doch für Diversity, oder ;-) ?

Viel Erfolg und beste Grüße, R

Hallo R.,

danke für Dein Feedback und Dein Lob. Zu Deiner Kritik: Wir glauben auch nicht, dass sich 99% der Menschen Gedanken darüber machen, ob sie nun „gemachte“ Männer oder Frauen sind, sondern das erstmal ganz „natürlich“ finden. Genauso denken auch die meisten Menschen, dass Nationalstaaten „natürliche“ Einrichtungen sind, Menschen von sich aus auf Konkurrenz getrimmt sind, oder dass es sowas wie „Rassen“ gibt. Falsch finden wir das alles, und kritisieren all diese Einstellungen deswegen auch – auch wenn „die Massen“ unsere Meinung leider (noch) nicht teilen ;)
Und als Kurzziel finden wir es auch super, wenn Leute erstmal weniger homophob sind. Aber auch Homophobie lässt sich ja nicht trennen von krassen Männlichkeitsvorstellungen (Männer, die sich von anderen Männern penetrieren lassen, sind keine „richtigen“ Männer), oder normierten Ideen davon, wen denn nun „Frauen“ oder „Männer“ so lieben sollen. Das heisst: Diese Themen, und somit auch die Erkenntnis, dass Geschlecht nichts „Natürliches“ ist, sollten also auch angesprochen werden. Der Kampf gegen Homophobie im Alltag wird unseres Erachtens dadurch nicht geschwächt.

Dann: Was stört Dich denn konkret an den Anglizismen? Wir finden es auch nervig, wenn durch unnötige Anglizismen – z.B. in der Werbung – so eine Pseudo-Hipness vermittelt werden soll, und/oder Leute ausgeschlossen werden, die kein Englisch können. Wir finden Englisch manchmal aber eine nette Sprache, und denken, dass unsere Zielgruppe (v.a. Schüler_innen/Student_innen) alle mehr oder weniger Englisch sprechen können. Und bedeutet „Diversity“ dann nicht eben auch, mit Sprache(n) zu spielen, statt in so einer Sprach-Deutschtümelei zu verfallen?

Beste Grüße
Leia
für die SaZ

Pseudo-Interviews

Hallo liebe Redaktion von Strassenauszucker,

zwei Dinge fand ich etwas schade bei der letzten der taz beiliegenden
Ausgabe:

1. die Texte der Interviews lasen sich für mich nicht wie richtige
Interviews, sondern wie Pseudo-Interviews, die um einen zu
transportierenden Inhalt herum gedichtet waren. Wenn es die Zielgruppe
erreicht, ok. Aber ich kam mir beim Lesen so veräppelt vor, dass ich
nicht weiter gelesen hab.

2. Der Artikel über die Sensazionella-Pinkel-Hilfe war sehr gut – habe
ich gleich meiner Freundin weitergegeben. Aber der Hinweis, dass nur
Männer daneben pinkeln ist unserer beider Erfahrung nach falsch. Es gibt
wahrscheinlich genauso viele Frauen, die sich auf die Kloschüsseln
stellen mit dem entsprechenden gleichen unappetitlichen Ergebnis wie bei
stehenden Männern.

Schöne Grüsse

C.

Hallo C.

danke für Deine Mail.

1. Ja, Du bist nicht der einzige, der uns das gesagt hat. Das
Pussy-Riot-Interview ist übrigens real geführt worden, die kleinen
Sprachblasen über Familienweisen haben wir uns ausgedacht. Allerdings
gibt es genau diese Lebensweisen ja real, sie sind nicht wirklich absurd
oder an den Haaren herbeigezogen. Gleichzeitig ist es viel Arbeit, so
viele Menschen zu finden, die dann in ähnlicher Form kurz was dazu
schreiben. Wir fanden diese Form der Darstellung in fiktiven Porträts
erfrischender und lesenswerter, als wenn da nur gestanden hätte „Manche
Leute leben mit 2 lesbischen Eltern“ oder so, können aber auch
verstehen, wenn Leute das komisch finden.

2. Hmm, Frauen die sich auf die Kloschlüssel stellen? Interessant! In
meiner – weiblichen – Erfahrung sind Frauenklos auch manchmal ganz
schön dreckig, vom Nicht-auf-die-Brille-setzen sondern irgendwie in der
Luft drüber schweben. In meiner Erfahrung sind es beim
„geschlechter-ordnungsgemößen“ Gebrauch in Privatklos aber doch die
stehenden Männer, die mehr Spuren nebenan hinterlassen (die dann ganz
traditionell eher von den Frauen weggeputzt werden). Aber wie auch
immer: Danebenpinkeln ist immer doof. Die Sensazionella soll ja auch
kein Aufruf zu mehr Dreck-Machen für die Ladies sein, sondern einen
kleinen biologischen Unterschied ausgleichen, der es zum Beispiel Jungs
ermöglicht, draußen ungestört Geschäften nachzugehen die Frauen doch
eher erschwert werden. Also: Deiner Freundin viel Spaß damit!

Liebe Grüße
Leia
für die Saz-Crew

Flyer Kritik

hey,
musz mich mal kurz aufregen… nich nur das der flyer-text ganz
furchtbar ist (mit der „witzigen“ anspielung auf die matratzen dieser
welt) und nur die „star“-dj_anes auf gezählt werden, auch der
einladungstext per mail geht gar nicht. ihr könnt doch keine ausgabe zu
gender etc machen und dann dazu auffordern alle weiblichen, männlichen
und intersexuelle freund_innen mitzubringen! warum so´n text. da waren
wir in der linken doch schon mal n schritt weiter. ach ja, und ich lach
dann mal später…
e.

Hallo E.,

danke für Deine Mail. Wir wollen Deine Kritik ernstnehmen, versuchen sie
dafür aber erstmal zu verstehen.

1. Was findest Du denn doof an der Matratzen-Formulierung? Unsere neue
Ausgabe beschäftigt sich ja auch mit Sexualität, und die findet häufig
auf Matratzen statt. Dass mag vielleicht etwas platter Humor sein und in
Bezug auf die Wahl des Sex-Ortes auch normierend, aber es scheint ja so,
als ob Du Dich nicht nur darüber aufregst – worüber denn dann?

2. Das mit den Star-DJ_anes: Stimmt. Einerseits standen die schon lange
fest, manche der anderen nicht. Andererseits brauchen auch wir, wie
leider alle in dieser doofen Gesellschaft, Geld. Dafür müssen wir eine
Soliparty machen und unser Produkt vermarkten. Deswegen ein Flyer, auf
dem wir die bekannten DJ_anes an prominente Stelle setzen.

3. Die Aufforderung, alle „weiblichen, männlichen und intersexuellen
Freund_innen“ mitzubringen ist doch gerade der Versuch, unterschiedliche
Geschlechtsidentitäten sichtbar zu machen – und damit auch darauf
hinzuweisen, dass es sich dabei um eine zwar herrschaftsförmige aber
eben auch konstruierte Kategorie handelt. Was findest Du schwierig daran?

Also – schreib gerne nochmal!
Liebe Grüße
Leia

Porno

Hallo,

ein paar Anmerkungen zum Porno-Artikel:

1) „Also alles easy? Wir schauen einfach alternative Pornos? Sicherlich keine schlechte Idee, mit dem, was einen selbst anmacht, herumzuexperimentieren…“:

An sich alles richtig, aber damit es eben richtig und keine Ideologie wird, fehlt der Zusatz „probiert aus und wenn dabei rauskommt, dass euch die selben Sachen gefallen wie vorher, auch kein Problem, heißt macht euch kein schlechtes Gewissen, weil ihr nicht alternativ genug seid, weil euch vllt. „Standard-Pornos“ mehr anturnt als „Himbeerreich“ (oder was auch immer gerade als schick gilt). Sonst ist es wieder Konsumentenberatung/Trendsetting. Ist doch irgendwie falsch, wenn einerseits „draußen“ Leute sich schlechtes Gewissen machen, weil die nicht normal genug sind, und in der linken Szene machen die sich schlechtes Gewissen, weil die „zu normal“ sind. Es sollte auch kein Problem sein, wenn Leute, nachdem die sich auf „sichumschauen&zukenntnisnehmen was es so alles gibt“ feststellen, dass nun mal kein Bock auf queer, BDSM, poly-molly-was-auch-immer mit Maschinen und in Tierkostümen haben, sondern auf Kuschelsex in monogamen Zweierkiste. Die sind deswegen nicht reaktionärer und die anderen nicht fortschrittlicher!

2) „Oder ein generelles Unwohlsein durch zu viel Sexualisierung.“ -
Dazu wäre vllt. angebracht zu fragen, wie sowas zustande kommt, weil es ist ein wichtiges Stichwort der konservativen Kritik an der „sexuelle Revolution“ ist.

3) „Um derartiges möglichst zu vermeiden, spricht man sich am besten vorher ab und folgt dem SSC-Prinzip (Safe, Sane, Consensual), also Safer Sex, gut durchdacht und beruhend auf dem Einverständnis aller Teilnehmenden.“
Abgesehen vor recht eigentümlichen Lesart von SSC – „gut durchdacht“ ist sicher angebracht bei gewissen Praktiken, bei anderen eher unfreiwillig komisch. Wir reißen uns jetzt einfach gut durchdacht spontan Klamotten vom Leib – und wenn es ein Porno ist, dann muss auch der Denkprozess gezeigt werden. Heißt auch nicht, dass man dabei sich nix denkt, aber die größten Kritiker_Innen der Rationalisierung (oder gar des Rationalismus) werden beim Thema „Sexualität“ auf einmal hyperrationalistisch.

4) Das ist vllt. nicht so politisch wichtig, aber mal im Ernst: „Und dass alles immer so funktioniert wie im Porno, ohne Pannen, Peinlichkeiten, Lustverlieren, Klopausen, Müdewerden, Menstruationsblutflecken, Rumalbern, Dursthaben, eingeschlafene Körperteile und Krämpfe, das ist unserer Erfahrung nach auch nicht so.“
Nein, ist es nicht, aber bei euch lese ich so nen Anspruch an die Pornos: „die sollen so realistisch sein, wie das leben selber“ – wer will schon Klopausen und eingeschlafene Körperteile in einem Porno sehen (außer ein paar wirklich „Perversen“, denen es gegönnt sei)? Pornos zeigen ja gerade PHANTASIEN und sollen es ruhig machen, auch wenn da ein paar diskrete Hinweise auf das Realitätsprinzip nicht schaden würden. Phantasien können unterschiedlich sein, aber ich vermute irgendwie, dass Leute Pornos zum aufgeilen gucken und da ist es eher die Erwartung, dass man etwas „geschmückteres“ sehen will als pickelige Ärsche auf befleckten Matratzen in unaufgeräumten WG-Räumen – dann könnte man ja auch bei Nachbarn durchs Fenster spannen.

LG,
H.

Hallo H.,

danke für deinen Brief. Wir antworten einfach mal der Reihe nach:

zu Punkt 1: Finden wir sehr richtig und würden sagen, dass das nicht so stark vorkommt ist blöd – wir hatten vorher drüber geredet, wie das rüberkommt und wir fande das schwer einzubauen. Aber Dein Vorschlag ist eigentlich ganz leicht umsetzbar. Naja, zu spät, aber durch die Leserbrief-Sache können wirs ja noch klarstellen.

zu Punkt 2: Stimmt auch. Zwar ging mit der Liberalisierung der sexuellen Verhältnisse in den Jahren nach 1968ff auch eine Sexualisierung von Werbung etc. einher, aber dagegen die konservative Revolution zu fordern, die Sittlichkeit will, ist nicht, was wir wollen.

zu Punkt 3:
Wir verstehen, was Du damit sagen willst. Gleichzeitig gibt es nicht ohne Grund auch immer ziemlich viel blödes Verhalten von Leuten, die miteinander Sex haben – wo dann eben Grenzen nicht beachtet werden und Leute auch auf lange Zeit Traumatisierungen davon tragen. Dann doch lieber miteinander reden und nicht einfach nur Phantasien ausleben. Außerdem muss Konsens ja kein Widerspruch zum Klamottenvomleibreissen sein, kann ja auch non-verbal hergestellt werden bzw. bei Leuten, die schon viel über Sex kommuniziert haben, kann man klar haben was für Leute okay ist.

zu Punkt 4: Deine Beschreibung fanden wir sehr nett! Naja, die Sache ist ja, ob man nicht Lust hat, mal an seinen Phantasien rumzuschrauben. Gerade weil auch diese ne Menge Gewalt in die Welt
bringen. Aber klar, das soll keine Gedankenpolizei heraufbeschwören, nur ein bißchen Offenheit, die eigenen Phantasien als sich im Fluß befindende Zwischenzustände und nicht als in Stein gemeißelt zu betrachten und Spaß zu entwickeln, neue zu entdecken. Und es mag zwar stimmen, dass Porno-Bilder auch auf Phantasien von Leuten reagieren, die Bock auf was anderes als Realität haben. Aber sie machen eben auch mehr, sie produzieren auch Realität! Und sorgen dann wiederum dafür, dass Leute Komplexe kriegen, weil ihr Sex und ihre Körper nicht so sind. Diese ganzen normierten und
glatten Bilder haben also auch was Gewaltförmiges, da kann man sich noch so häufig sagen, dass sie nicht der Wirklichkeit entsprechend. Und dem gegenüber kann es dann auch cool, erleichternd und inspirierend sein, was anders vorgesetzt zu bekommen.

Soweit die besten Grüße
die SaZ-Crew

Reformen

Hey, liebe Straßen aus Zucker- Redaktion,

wie fange ich an…? Ich bin in der 11. Klasse am Gymnasium in München und studiere nebenbei gerade Chemie. Damit ihr mich nicht gleich für den Nerd ohne Freunde und Hobbys haltet, will ich gleich dazu sagen, dass ich wahrscheinlich genauso gerne feiern geh, wie ihr (wovon ich, nachdem was ich gelesen habe ausgehe ;). Bis vor kurzem fand ich Politik ziemlich Scheiße. Zu allen die sich damit in meiner Nähe beschäftigt haben und darüber geredet haben, meinte ich : „hör doch auf mit deinem Scheiß“. Diese Einstellung kam vor allem daher, dass ich fand dass Politiker sowieso nur reden und nichts passiert. Also bringt es auch nichts selbst viel zu reden, denn man kann ja sowieso nichts machen.
Der Meinung, dass die Politiker viel reden und wenig dabei rauskommt, vor allem wenig sinnvolles, bin ich immer noch. Aber je mehr ich mich mit meiner Umwelt beschäftigt habe, ob es nun die Schule und das beschissene G8 in Bayern ist, dass ich nicht einfach so Party machen kann wie ich es manchmal gerne hätte, oder dass unsere Welt gerade den Bach runter geht und alle versuchen möglichst effizient weg zu schauen, dabei aber noch möglichst viel für sich selbst dabei rausholen und drauf scheißen, wie es den Leuten in 50 Jahren gehen wird, oder heute schon in anderen Regionen der Welt, denen ja „so bitternötig geholfen werden muss“. Je mehr man sich in den verschiedensten Richtungen informiert, desto mehr bekommt man Angst vor dieser Welt und was darin abgeht.
Jetzt bin ich eigentlich nicht unbedingt ein „Arbeiterkind“, sondern mein Vater sowie meine Mutter, bei der ich lebe, stehen wirtschaftlich recht gut da. Aber selbst dann, wenn man sich eigentlich keine Sorgen um seine Zukunft machen muss, merkt man ziemlich bald, dass hier einiges schief läuft. Vor allem wenn dann in der Schule auch noch die Banknachbarin Straßen aus Zucker-Leserin ist, jedes Wochenende im Marat sitzt oder wenn es sich gerade wieder anbietet nach Dresden fährt um sich mit Nazi-Schweinen zu Prügeln. Durch sie hab ich auch meine erste „Straßen aus Zucker“ bekommen und schon der Name war natürlich gleich interessant ;). Ich kann mir kaum jemanden vorstellen, der etwas gegen solche einzuwenden hätte, genauso, wie mir inzwischen nicht mehr einleuchten kann, warum wir Menschen so viel Scheiße produzieren und es aber niemanden wirklich zu stören scheint. Außerdem sprecht ihr sehr viele Themen an, die einen, oder zumindest mich, aktuell beschäftigen, und interessieren. Deshalb will ich mich erst einmal persönlich und aber auch allgemein bei euch für eure Arbeit bedanken. Vor allem sind eure Texte auch größtenteils so geschrieben, dass die meisten Leute sie verstehen können.
Da setzt jedoch auch mein erster Kritikpunkt an, was hauptsächlich der Grund ist warum ich euch diese, jetzt doch schon länger werdende mail schicke:
Eure Argumentation ist an manchen Punkten meiner Meinung nach nicht ganz durchgezogen bzw. unvollständig. Auf Seite 9 (es geht um die 5. Ausgabe), wo es um den Ökostrom geht, gab es für mich beim Lesen so einen „Ja!? Und weiter? Das wars? Keine weiteren überzeugenden Punkte?“-Effekt, nachdem der „zuerst fällt auf“-Punkt über den Verbrauch von Strom in der Industrie und dann der „zudem“-Punkt, dass es zu teuer ist kommt und sofort auf den Bioladen übergegangen wird.

Als relativ allgemeinen (zweiten) Kritikpunkt würde ich gerne sagen, dass ich die Idee die in jedem eurer Texte als Grund für alles Schlechte, den Kapitalismus nennt, richtig und es kommt auch immer klar, logisch und eindeutig raus, dass es so ist, nur stellt ihr oft die Abschaffung desselben als einzigen Punkt dar, der überhaupt Sinn macht, ganz nach dem Satz: „it´s the system, stupid!“ Dieser Grundsatz ist zwar einleuchtend, aber dennoch bin ich der Meinung, dass nicht alles, was man hier, in dem leider nun mal gerade herrschenden System unnütz ist, sondern viele kleine und größere Aktionen Sinn machen und auch positive Wirkung haben. Bei euren Artikeln hab ich manchmal das Gefühl, vermittelt zu bekommen, dass alles was ich in meiner kleinen eigenen Welt ändere, ob es nun der Boykott von McDonalds ist, oder dass ich Ökostrom statt Atomstrom kaufe, wirkungslos ist. Ich glaube man mit dieser Argumentation Gefahr läuft, dass manche Leser sich denken: „Es gibt nur das eine große Ziel, alles andere ist egal“ und damit die Sensibilität verlieren auf viele Missstände aufmerksam zu werden.
So finde ich zum Beispiel die Idee der Ökosteuer an sich gut. Wenn sie richtig konsequent durchgezogen werden würde, also: Alles was in irgendeiner Weise der Umwelt schadet, kostet so viel mehr, wie durch diese, für die Umwelt negativen Maßnahmen, eingespart wurde. Dies würde jeglichen Anreiz für Unternehmen beseitigen, solche Maßnahmen zu benutzen. Bei nur geringer Subventionierung würden dann die Pro-Umwelt-Technologien viel interessanter werden, außerdem hätte der Staat sehr viel mehr Steuereinnahmen. Einziges Problem, welches wieder durch den Kapitalismus bedingt ist, die Leute die kaum Geld haben können sich die teuren Sachen kaum noch leisten, was aber durch eine fairere Gestaltung der „Sozialstaatlichkeit“ weitgehend ausgebessert werden könnte.
Was ich sagen will, ich mag den Stil alles außer der „Endlösung“ abzulehnen nicht, da diese wohl kaum in absehbarer Zeit realisierbar sein wird, und man deshalb noch zusätzlich Lösungen für die Zeit bis dahin anbietet.

Jetzt hätte ich noch einige Punkte, aber da ich mir heute noch ein wenig Erholung in unserer Leistung fordernden Gesellschaft gönnen will, schreibe ich jetzt nur noch einen letzten…
Womit ich auch gleich beim Thema wäre. Die „Arbeit“, oder viele Inhalte der Schule, wie die „Kenntnis über verschiedene Monosaccharidketten“ (die übrigens falsch mit einem statt zwei „c“ geschrieben sind, womit ich wohl nun doch als Nerd zähle :S ), als allgemein schlecht und unnütz dargestellt werden. Ich denke aber, dass es viele Leute gibt, die gar nicht wüssten was sie mit ihrer Zeit anfangen, wenn sie nicht mehr „wie die Zombies. Frühmorgens rein in die Fabrik, […] schuften und […] völlig kaputt nach Hause“ könnten. Mir zum Beispiel macht es hin und wieder sehr viel Spaß und erfüllt mich mit Freude und Erfüllung, zu arbeiten, wobei ich mir dann natürlich aussuche was ich gerade machen will, ob es ein Vortrag in Chemie ist, oder mich ehrenamtlich einzusetzen, oder wie gerade, euch eine, jetzt wohl schon viel zu lange, mail zu schicken. Außerdem finde ich dass in der Schule nicht zu viel beigebracht wird, bis auf vielleicht in Geschichte und Sozialkunde, wo wir bewusst teilweise beschissen werden um diesen Staat toll zu finden und „Deutsche“ in „Deutschland“ zu sein, anstatt uns mit allen Menschen gleich zu setzen. In eigentlich allen anderen Fächern, auch wenn ich sie teilweise hasse und das Schulsystem ziemlich beschissen finde und daran sehr viel zu verbessern wäre, wichtig, als Abiturient eine dicke Ladung an Wissen mit zu bekommen, da sowohl Deutsch, als auch Mathe, Wirtschaft, Chemie, Bio, Reli usw. Grundlagen schaffen, die uns tieferes Verständnis für die ganze Welt und auch wieder einmal die Sensibilisierung für Probleme und Missstände, die meiner Meinung nach zu vielen Menschen, aufgrund mangelnder Bildung, was nicht ihr Verschulden ist, aber für sie eben nicht besonders gut, fehlt.

Wenn ich am Schluss ein bisschen verworren geworden bin, tut mir Leid, mein Gehirn denkt leider nach 18 Stunden nicht mehr ganz einwandfrei ;)

Ich würde mich über eine Antwort von euch freuen, außerdem bin ich übernächste Woche mit einem Freund in Berlin und würde mich freuen, wenn ihr irgendwie mal Zeit hättet, für eine gemeinsame Diskussion?

Beste Grüße,
L.

Hallo L.,

erst einmal wollen wir uns dafür entschuldigen, dass wir so lange gebraucht haben, um dir zu antworten. Vielen lieben Dank für das Lob und deine ausführliche Beschreibung, wie du zur Straßen aus Zucker gekommen bist. Solche eMails zeigen uns als Redaktion, dass es sich doch lohnt, diese Zeitung zu machen. Womit wir schon indirekt bei einer deiner Fragen bzw. Kritikpunkte wären: „It’s the system stupid!“ als Antwort auf alle Probleme. Du sprichst damit quasi eine ziemlich große Diskussionen an, wenn es darum geht, wie man aus radikaler, emanzipatorischer Perspektive Politik machen sollte und kann – darüber haben wir in der Redaktion auch schon häufiger diskutiert. Dazu gibt es ganz grob wohl drei unterschiedliche Positionen, die sich aber auch überschneiden können. Es gibt Menschen, die versuchen durch Reformen die Verhältnisse zu ändern. Andere meinen, man müsse zuerst bei sich selbst anfangen. Wiederum andere sagen, nur durch einen revolutionären Umsturz der bestehenden Gesellschaft sei eine bessere Einrichtung dieser zu erreichen. Wir in der Redaktion sind Menschen mit verschiedenen Meinungen, aber wir halten Reformen und Einzelinitiative aus unser Perspektive für schwierig, da diese durch die Grundregeln dieser Gesellschaft eingeschränkt sind und deshalb oft nicht über einen bestimmten Punkt hinausreichen können oder inhaltliche Forderung aufgeben müssen. Darum enden viele der Texte dann meist mit dem Fazit, dass der Kapitalismus abgeschafft gehört und Nationen und Staaten aufgelöst werden müssen, damit sich wirklich was ändert. Das heißt aber nicht, dass wir gesellschaftliche Verbesserungen nicht anerkennen würden und nicht sensibel für konkrete Handlungs- und Verbesserungsmöglichkeiten in der heutigen Gesellschaft seien. In den Texten zu Geschlecht&Staat und Porno zum Beispiel geht es konkret um positive Veränderungen in diesen Bereichen. Die finden wir super! Gleichzeitig braucht es aber weiterhin eine radikale Kritik, da grundlegende Herrschaftsmechanismen unser Gesellschaft bestehen bleiben. Da wir jedoch auch immer wieder neu über diesen Punkt streiten, werden wir wohl in absehbarer Zukunft (ein bis zwei Ausgaben – nun ist sie da, die Straßen aus Zucker Nummer 7) eine Ausgabe dazu machen und haben daher noch keine feste Gruppenposition dazu. Cool also, dass du es ansprichst!

Bei deiner konkreten Fragen zum Text „Das gleiche in grün“, fällt leider auf, dass es manchmal verwirrend bzw. nachteilig sein kann, Themen nur auf wenigen Seiten behandeln zu könne – und das halbwegs verständlich. Der Bioladenpunkt sollte hier quasi als weiteres Beispiel dienen, um zu zeigen, dass sich manche Handlungsmöglichkeiten nur für Menschen mit entsprechenden Geldbeutel eröffnen. Argument Nr. 1 war: Strom wird größtenteils in der Industrie verbraucht und das Atomstromproblem kann nicht nur! durch privaten Stromwechsel bewältigen werden. Das zweite Argumente sollte dann noch innerhalb des privaten Bereichs aufzeigen, dass selbst dort nicht alle wechseln können. Mittlerweile haben sich Atomstrom und Ökostrom vom Preisniveau zwar ziemlich angenährt, aber das ändert nichts an der grundlegenden Schwierigkeit, dass private Handlungen oft abhängig von der sozialen Position der Menschen sind. Das ist leider wohl nicht richtig rübergekommen. Natürlich halten wir Atomstrom für sehr unvernünftig und sind für dessen Abschaffung. Aber dieses nur durch individuelle Kaufentscheidungen zu erwirken, halten wir für fragwürdig; vielleicht auch elitär.

Nun zu deinem dritten Kritikpunkt. Da können wir dir nur zustimmen. Auch wir halten es für notwendig zu wissen, was man da eigentlich kritisiert und wie die Gesellschaft funktioniert. Ohne diesen Anspruch würden wir diese Zeitung auch nicht machen. Denn bei dem Projekt geht es ja eben darum, zu sensibilisieren, mit neuen Meinungen zu konfrontieren usw. Demnach ist auch nicht alles, was in Schule oder Uni gelernt und beigebracht wird, unnützes Wissen! Doch, wie du ja selbst schreibst, geht es in der Schule als staatlicher Einrichtung oft nicht darum, dass möglichst viel Wissen zur Verfügung gestellt wird. Sondern eher, dass man danach fähig ist, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Das klingt wieder sehr nach „It’s the system stupid“. Aber du sagst ja selber, dass dir beispielsweise im Geschichts- und Sozialkundeunterricht oft nur eine bestimmte Geschichte gelehrt wird. Und an Bildung teilhaben können leider auch nicht alle Menschen gleich.

Wir hoffen, dass dir diese Mail ein paar Fragen beantworten kann und würden dann einfach auf unsere kommenden Ausgaben verweisen, wo es dann wohl mehr zum Thema Revolution, Engagement und Co. geben wird. Ansonsten, finden wir es wirklich cool, wenn Menschen sich so intensiv mit unseren Texten und der Gesellschaft auseinandersetzen. Vielleicht schreibt uns ja dein_e andere_r Sitznachbar_in als nächstes ;-)

Liebe Grüße
die SaZ-Crew