Wie wir leben wollen oder: Projekt K

Einführung in diese Ausgabe

In dieser Ausgabe soll das Unglück überall und grundlegend zurückgeschlagen werden. Wir wollen über Wege zur befreiten Gesellschaft nachdenken. Auf solche Versuche wird oft mit Entrüstung oder Hohn reagiert (und ja, wir wissen, dass es angesichts des aktuellen weltweiten rechten Durchmarschs sehr weit weg erscheint). In die Richtung der Entrüsteten muss zu allererst klar und deutlich gesagt werden: Wir kennen den stalinistischen, maoistischen etc. Terror, die Millionen Toten (unter denen nicht zuletzt zahlreiche Kommunist_innen und Jüdinnen_Juden waren). Die Schlächter haben Namen, ob sie Stalin, Mao, Pol Pot, Ceausescu oder auch – als Verantwortliche für das Niederschlagen des Matrosenaufstands von Kronstadt – Trotzki und Lenin heißen. Wir kennen die Gulags, die Schauprozesse und die bürokratischen Herrschaftsapparate in den realsozialistischen Ländern. Diese waren und sind ganz sicher keine wünschenswerten Gesellschaften und waren auch nicht „auf halbem Wege” zum Kommunismus. Und wer sich Linke_r oder Kommunist_in nennt und vor diesen Taten nicht erschrickt und viel Energie in die Suche nach den Ursachen steckt, wer nichts von Trauerarbeit wissen will oder das Tun durch die schwierige Ausgangssituation der Revolutionär_innen verklärt, hat nichts als unser unzuckriges Stirnrunzeln zu erwarten.

Der Streit geht also nicht darum, ob man den autoritären Sozialismus wiederhaben möchte. Sondern darum, ob jegliches Projekt einer herrschaftsfreien Gesellschaft notwendig in noch schlimmerer Herrschaft und Horror als dem von Markt und liberalem Staat enden muss. Und ob man deswegen besser gar nicht über Alternativen zur bestehenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung nachdenken sollte.
Leben wir tatsächlich schon in der besten aller möglichen Gesellschaften? Das fällt selbst entschiedenen Anti-Kommunist_innen schwer zu glauben. Die zentrale Frage nach den Ursachen der beklagten Missstände von Armutslöhnen über Wirtschaftskrisen, der eigenen Bedeutungslosigkeit und der Wirkungslosigkeit von Besserungsversprechen der Politik wird allerdings selten ernsthaft gestellt. Dass mit der marktwirtschaftlichen Ordnung ein Mechanismus installiert ist, der notwendig Konkurrenz (und damit Konkurrenzverlierer_innen!), Armut und Ausbeutung als seine Funktionsbedingungen hervorruft – das kann nicht sein, weil das nicht sein darf. Denn wenn man darüber nachdenken würde, das abzuschaffen – es durch eine kooperative Art des miteinander Wirtschaftens zu ersetzen – wäre man dann nicht beim Nachdenken über eine (man traut es sich kaum laut zu sagen) kommunistische Gesellschaft?!

Stattdessen hören wir, eine Gesellschaft, die auf Konkurrenz der Menschen untereinander und auf Ausschluss durch Privateigentum beruht, sei die dem Menschen gemäße Form, die gesellschaftliche Arbeitsteilung zu regeln. Eine kooperative Art, gesellschaftlich die Befriedigung der Bedürfnisse aller zu organisieren, müsse notwendig gegen die Menschen durchgesetzt werden. Und führe also zu Herrschaft, sogar einer noch schlimmeren als der von Markt und Kapital. Doch wir sind so dreist zu fragen: Warum soll eine kooperative Gesellschaft nur gegen die Interessen der Einzelnen möglich sein? Warum sollen sich die Menschen nicht einigen können, ihre Gesellschaft anders als über Markt und Eigentum zu organisieren? Und zwar dann, wenn die Mehrzahl der Menschen sich einig wäre, dass es völlig absurd und menschenunwürdig ist, die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen von deren Erfolg in der Konkurrenz untereinander abhängig zu machen. Denn diese Konkurrenz produziert mit Notwendigkeit Verlierer_innen. Diese müssen dann mit Armut, Sorgen um ihre Existenzsicherung, Ausgrenzung vom gesellschaftlichen Leben, schlechter Bildung, schlechterer Gesundheit und der Beschimpfung als faule Unterschicht auch noch für diese angeblich so raffinierte gesellschaftliche Einrichtung zahlen. Und selbst die vermeintlichen Gewinner_innen, denen es materiell halbwegs gut geht, zahlen mit Erschöpfung bis zum Burnout, Zeitmangel, armseligen zwischenmenschlichen Beziehungen und einer quälenden Sinnlosigkeit. Selbst wenn man sich also einig wäre, dass es anders gehen muss und gehen soll, selbst dann soll es nicht möglich sein? Warum nicht? Da gibt es so einige Überlegungen.

• Weil Menschen nicht dazu fähig sind, sich kooperativ zu verhalten. Weil sie von ihrer Natur (und natürlich nicht den gesellschaftlichen Konkurrenzmechanismen!) dazu getrieben werden, sich egoistisch und rücksichtslos gegen andere zu verhalten, und deswegen alle anderen immer über den Tisch zu ziehen versuchen würden? (Oder war es nicht doch gerade die raffinierte Idee, die Gesellschaft so einzurichten, dass sich strecken muss, wer an die Trauben kommen will, und deswegen alle am Fuß des Weinstocks schubsen und drängeln, um ihren Teil abzubekommen?)

• Kann man sich gar nicht vorstellen, dass sich Menschen vernünftig überlegen könnten, was sie gemeinschaftlich herstellen wollen, wenn ihnen nicht der Markt oder der Staat sagen, was sie brauchen und wollen? Kann man Leute im Zeitalter von Internet und Versandservices nicht einfach fragen, was sie brauchen? Oder glaubt eine_r, dann würden alle nur Playstations bestellen und vergessen, dass auch Nahrungsmittel, und zwar nicht nur Schokolade, hergestellt werden sollten? Und würden dann letztlich alle vor ihren Playstations verhungern müssen? (Dass Leute ihren Bedarf halbwegs planen können, zeigen sie zum Glück auch immer, wenn sie aus dem Supermarkt mit Brot und Käse und Saft zurückkommen und nicht wieder nur Kaugummis und Rennautos eingekauft haben.)

• Oder vielleicht weil man sich nicht vorstellen kann, wie eine Einigung zwischen 7 Milliarden Menschen konkret stattfinden kann, so dass tatsächlich alle mit ihren Bedürfnissen in der gesellschaftlichen Planung Berücksichtigung finden? Dann wäre das allerdings ein Grund, sich genau über solche Formen Gedanken zu machen, zu diskutieren und zu experimentieren, und keineswegs Grund, die Frage nicht zu stellen!

Seltsamerweise will kaum eine_r der entschiedenen Kritiker_innen des Realsozialismus und Stalinismus Genaueres über die Ursachen des Scheiterns wissen. Wie kommt es denn, dass aus einer emanzipatorischen Idee eine brutale Herrschaft wird? Der Zusammenhang wird als selbstverständlich oder zumindest naheliegend unterstellt und muss deshalb nie ausgeführt werden. Außerdem wird das Scheitern immer am Maßstab des Kapitalismus gebildet. Dass auch im Realsozialismus die Leute total entfremdet und unter der Knute von Vorarbeiter, Stechuhr und Produktivitätswahn blöde bis tödliche Arbeiten verrichtet haben, daran stört sich niemand.

Würde man sich tatsächlich für diese Zusammenhänge interessieren, könnte einem eine Menge auffallen am „Befreiungskonzept” der realsozialistischen kommunistischen Parteien. Zum Beispiel glaubten die an einen historischen Fortschritt zu einer „höheren” Gesellschaftsordnung, der sich quasi automatisch und unaufhaltsam durchsetzt, und den man nur auszuführen habe! Wer sich da dem historischen Fortschritt in den Weg stellt, und sei es nur mit abweichenden Ansichten („Will der vielleicht auf den falschen Weg führen?”) oder einem „fortschrittsverzögernden” Diskussionsbedarf, der wurde dann schnell als Feind des historischen Fortschritts angesehen und deswegen für den Weg zum Sozialismus aus dem Weg geräumt. Auch könnte einem auffallen, dass diese Parteien extrem hierarchisch organisiert waren und dass, wer nicht in der Nähe der Führung war, die Beschlüsse der Genossen (selten: Genossinnen) der Führungsspitze, die in engerem spirituellen Kontakt zu den „historischen Notwendigkeiten” standen, auszuführen hatte und auch auszuführen bereit war. Wieso haben das die Parteimitglieder eigentlich mitgetragen? Und was für ein Konzept von Befreiung der Arbeit ist es, das Kommando über die Arbeit von den Privatkapitalist_innen einfach an den Staat zu übertragen? Die Hoffnung, dass ein kleines unbedeutendes Rädchen im Staatsbetrieb zu sein mehr mit der Individualität des Arbeitenden zu tun hat, als ein Rädchen im Privatbetrieb zu sein?
Nein, es gibt gute und wichtige Gründe, den Realsozialismus zu kritisieren und abzulehnen, schon von seinem Ausgangspunkt her – und nicht erst anhand der daraus entstandenen Folgen! Aber das ist überhaupt kein Grund, die herrschende kapitalistische Ordnung nicht überwinden zu wollen, sondern vielmehr Grund, nach einer wirklich demokratischen, herrschaftsfreien, freundlichen, zuckrigen Überwindung zu streben. Und darüber, wie man dahin kommt, muss man eben diskutieren! Diese Ausgabe soll hierzu einen Beitrag leisten.

(basiert auf einem Text der Gruppe paeris – paeris.net)

Zum Weiterlesen/-hören:

- Text von paeris: Der real gescheiterte Sozialismus und die real existierende sozialistische Linke

- Gruppe INEX (Hg.): Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, 2012, 14,80 Euro.

- Phase 2, Ausgabe Nummer 36 zu Kommunismus

- jour fixe initiative berlin: Etwas fehlt: Utopie, Kritik und Glücksversprechen, 2013, 19,80 Euro.

- bini adamczak: Kommunismus. Kleine Geschichte wie endlich alles anders wird, 2010, 8 Euro.

- bini adamczak: Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, 2011, 12 Euro.

- Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg.): Was tun mit Kommunismus?!, 2013, 18 Euro.

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