Jede ist ihres Glückes Schmiedin?

Warum daran noch so viele glauben und was mehr Glück versprechen könnte

Wenn erstmal die Klausur vorbei ist, der Schulabschluss in der Tasche, das Konto aus dem Dispo, die neue Liebe im Leben, die Festanstellung winkt, dann… So ähnlich sehen wohl die persönlichen Utopien der meisten in dieser Gesellschaft aus, wenn nicht gleich Lotto gespielt wird. Jede_r versucht das eigene Glück zu schmieden, solange es heiß ist. Selbst Linke, die wissen, warum ihr Leben wohl eine einzige Tretmühle wird, bis dann der Rücken kaputt geht, setzen ihre Hoffnungen eher auf‘s private Glück als auf die Revolution. Nichts gegen dieses Glück, aber erstens ist dieses nicht für alle zu haben und zweitens ist es doch recht beschädigt. Aber ein kollektiver Ausgang aus dem gesellschaftlichen Unglück scheint verstellt und mit den Leuten von AfD, Pegida oder FPÖ verspricht die Zukunft noch schlimmer zu werden.

Das Lebensgefühl war vor nicht langer Zeit mal völlig anders. Viele Menschen hatten Hoffnung, dass sie noch das Umwälzen dieser elendigen Verhältnisse erleben würden – sodass viele nicht nur ihre ganze Kraft auf dieses Ziel verwandten, sondern manche auch ihr Erbe an Befreiungsbewegungen spendeten und andere damit Stiftungen für linke Initiativen aufbauten. Nicht, weil damals alle total selbstlos waren, sondern weil sie fest annahmen, dass sie in einer Welt alt werden würden, die keine Altersarmut mehr kennt. Das erscheint nicht nur denjenigen, die heute politisch aktiv sind, wie eine Geschichte aus grauer Vorzeit.

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein (Goethe/dm)

Die Strategie des privaten Rückzugs verspricht heute aussichtsreicher zu sein. Doch wenn Freund_innenschaften und Liebesbeziehungen all die Ellbogentreffer des Arbeitsalltags kompensieren müssen, kann das ziemlich überfordern. Dazu kommt noch, dass sich auch in der Freizeit der Druck immer mehr ausbreitet. Individuelle Lösungen sind zudem oft auch mit einem ziemlichen Realitätsverlust erkauft. Man macht sich vor, dass Menschen in dieser Gesellschaft mehr als nur Anhängsel des Standorts sind. Gern wird sich über frühere Generationen lustig gemacht, die in Sternen oder in Eingeweiden von Tieren die Zukunft zu erkennen glaubten. Doch gerade die vollends aufgeklärte Welt leistet sich eine Wirtschaftsweise, deren Entwicklung völlig ungeplant in den Sternen steht und von einer Überproduktionskrise in die nächste stolpert, während es den Menschen an allem mangelt. Man schaut auf Wirtschaftsprognosen wie auf Orakel – 2007 wurde allerorten eine anhaltend robuste Wirtschaftsentwicklung prophezeit und dann kam wie ein angebliches Naturereignis die größte Wirtschaftskrise seit 1929. Deine Zukunft liegt einfach überhaupt nicht in Deiner Hand. Wenn der Standort, der Deine Arbeitskraft verwertet, in einer Rezession steckt, ist es aus die Maus mit Deinen schönen Plänen. Und auch wenn es – arger Trugschluss – sehr fern wirkt: Im Kapitalismus gehören Kriege dazu und falls Du es schaffen solltest, aus diesem wieder nach Hause zu kommen, zahlt Dir für deine zerbombte Doppelhaushälfte oder andere Glücksinseln keine Versicherung.

Das sind ziemlich unangenehme Gedanken, die deswegen umso stärker verdrängt werden müssen. Schlechter geht es dann immer den Anderen und man setzt sich, während man für sich große Zukunftsaussichten sieht, auch gern für die stärker Geschädigten ein. Charity wärmt ja auch das eigene Herz. Aber es beschleicht eine_n schon manchmal die Ahnung, dass da was nicht klappen könnte und es besser wäre, wenn allgemein der Mensch dem Menschen ein_e Helfer_in wäre. Doch bleiben die Strategien zum Umgang mit gesellschaftlichen Anforderungen und Diskriminierungen weiterhin auch bei radikalen Kritiker_innen eher individualistisch: Bessere Selbstorganisation statt Bummelstreik, in die Metropole ziehen statt die alltägliche Auseinandersetzung in der Provinz ertragen, effizienter Lernen statt AStA-Generve, bei der Klassenarbeit spicken statt Feueralarm auslösen.

Das mag für die eine oder den anderen in Zeiten des Aufschwungs funktionieren, doch das hat enge Grenzen. Wer aufgrund des „falschen“ Passes oder Geschlechts diskriminiert wird, kann sich noch so anstrengen, eine Änderung tritt nicht ein. Deswegen sind auch Positionierungskampagnen gegen Sexismus (#aufschrei) und Rassismus (#campusrassismus) so wichtig: Sie machen deutlich, dass es sich um kein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem handelt. Doch nicht zufällig sind vor allem die Kampagnen, die eine Verletzung ureigener Prinzipien dieser Gesellschaft wie z.B. Chancengleichheit anprangern, relativ erfolgreich. „Ich würde ja gerne Leistung bringen, aber der Weg ist mir versperrt“, erzürnt mehr als: „Ich will mich nicht für den Standort aufopfern, sondern ein schönes Leben führen“. Schwieriger infrage zu stellen sind Dinge wie die Konkurrenz unter den Menschen, die von Lohnarbeit abhängig sind, weil sie anders ihr Leben nicht bestreiten können.

Aus Blei mach Zucker – aber wie?

Vor einiger Zeit ist ein von uns sehr geschätzter Mensch aus der SaZ und insgesamt aus jeder politischen Arbeit ausgetreten. Neben individuellen, aber nicht weniger politischen Gründen war zentral: Allzu viele Menschen würden auf die allgegenwärtige Konkurrenz und den Zwang stehen. Eine Änderung sei nicht abzusehen und der Rückzug ins Private verspreche Glück. Jemand von uns versuchte mit Folgendem dagegen zu argumentieren: „Wenn Du sagen würdest: ‚Hey, der weltweite Umsturz des Klassen-, Eigentums-, Konkurrenzprinzips ist extrem unwahrscheinlich, deswegen: count me out!‘ dann hätte das noch ‚ne halbe Berechtigung. Aber es ging uns und eben auch Dir mal um mehr – um das Zurückdrängen von Sexismus, von der Normativität des ‚Wie Du zu leben hast‘. Weil das wirklich was verspricht: Das, was wir in linken Zusammenhängen schon ein wenig haben (und manchmal auch darüber hinaus). Niemand fragt hier, wann Du endlich heiratest, Mutter wirst, ein ‚geregeltes‘ Leben führst, niemand sagt Dir, dass es falsch ist, Drogen zu nehmen oder mit wem und wie vielen Du wie Sex haben darfst. Geschlechtergrenzen sind durchlässiger, Menschen mit Behinderung sollen nicht entmündigt werden und viele versuchen wenigstens, nicht-rassistisch zu leben. Alle sind zumindest ansprechbar dafür, die Bedürfnisse anderer zu achten und manchmal ist sogar eine gewaltfreie Kommunikation das Ziel. Vielleicht denkst du: ‚Ich kenn da andere Stories‘. Klar, ich auch. Aber dass es wenigstens den Anspruch gibt, macht ihn einforderbar. Und dieser muss eben auch ständig eingefordert werden. Das geht effektiv nur kollektiv. Wenn wir es noch hinbekommen würden, dass sich Cops in manchen Gebieten nicht trauen, Aufenthaltspapiere zu kontrollieren oder Zwangsräumungen ohne großes Aufgebot zu vollstrecken, wäre das echt einer dieser kleinen großen Schritte.“ Und selbst wer alles außer der Revolution für Quark hält, muss doch sehen, dass sie erstens Vorbereitung braucht und zweitens ihr Entstehen schwer vorherzusagen ist. Sie ist oft in Situationen entstanden, die als bleiern wahrgenommen wurden: Anfang der 1960er Jahre war nicht absehbar, dass einige Jahre später welt-weit Menschen die Verhältnisse grundsätzlich in Frage stellen und die Scheu vor theoretischen oder auch recht handfesten Auseinandersetzungen verlieren würden. Diese Situationen hätten aber nie – wie z.B. in Frankreich 1968 – fast zur selbstbestimmten Verhandlung aller Lebensprozesse, zur Revolution, geführt, wenn nicht bereits viele kollektive Strukturen existiert hätten. In diesen wurde ein breiter Erfahrungsschatz von Wissen, Theorie und Kollektivität aufgebaut. Auch persönliche Vereinzelung, die im selbstoptimierten Kapitalismus sonst wie wahnsinnig sprießt, wurde ganz praktisch durchbrochen. Das Gegenteil passiert beim Rückzug ins Private: Ein paar Jahre lässt sich vielleicht allein gegen das „So schlimm ist das doch alles nicht“ andenken. Aber die normative Kraft des Faktischen, also diese permanente Forderung: „Sag endlich Ja dazu, dass die Dinge hier herrschaftlich geregelt werden“, führt unweigerlich allein zur Doofwerdung. Plötzlich sprechen ehemalige radikale Kritiker_innen des bürgerlichen Staates von der Notwendigkeit von mehr Polizei gegen Wohnungseinbrüche. Der andere fühlt sich hingegen weiterhin kritisch, hat aber seine politische Kritik gegen Feindbilder von denen „da oben“ eingetauscht. Andere sind dem großen „Immerhin“ und der Vergleicheritis erlegen, „immerhin gibt es hier ja noch…“ Die fast unlösbare Aufgabe besteht eben darin, sich nicht durch die eigene Ohnmacht und die Macht der anderen dumm machen zu lassen. Eine Aufgabe, die nur in kollektiven Strukturen eine Aussicht hat, halbwegs zu klappen.

Zum Weiterlesen:

- Einiges zur Organisierungsfrage von Thomas Ebermann und Rüdiger Mats: There Is No Way Out? Wege in eine befreite Gesellschaft

- Neuköllner Salon gegen den Ausstieg

- Rehzi Malzahn (Hg.): dabei geblieben. Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen, 2015, 16 Euro.

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