Lechts, rinks – extrem verwirrend

Warum es weiterhin Sinn ergibt, von „links“ und „rechts“ zu sprechen.
„Links“ und „rechts“ – beim Radfahren ganz praktische Begriffe, aber sind die politisch noch aktuell? Immer wieder ist zu hören, dass das verstaubte Kategorien seien, wir stattdessen in einem „postideologischen“, „postpolitischen“ Zeitalter leben würden. In letzter Zeit haben Bewegungen wie die „Montagsmahnwachen“ oder „PEGIDA“ stets betont, dass sie weder links noch rechts seien – nur in Sorge um Frieden, Volk und Vaterland. Die sogenannte „Extremismustheorie“ (siehe SaZ #3 und die Broschüre „Geheimdienst gib’ Handy) trägt ihr Übriges dazu bei: Sie behauptet, dass sich die beiden „Extreme“ links und rechts letzten Endes ähneln und annähern und beide in gleicher Weise die heile Mitte der Gesellschaft bedrohen. Diese gleichmachende Einstellung hat Konsequenzen: Politiker_innen quasseln zum Beispiel von „Linksfaschisten“, Projekte gegen Nazis müssen sich unter anderem von links abgrenzen, um staatliche Fördergelder zu erhalten. Die SaZ hingegen grenzt sich nicht ab, sondern präsentiert sich bekanntermaßen als linkes, ja links-radikales Blättchen. Aus welchen Gründen wir das tun, wollen wir hier erklären.

Woher noch mal?
Die Begriffe „links“ und „rechts“ kommen aus der Sitzungsordnung der Französischen Nationalversammlung nach der bürgerlichen Revolution 1789. Das erste Mal gründete sich eine Gesellschaft, die nicht wie vorher entlang von Ständen organisiert war, sondern entlang politischer Lager. Diejenigen mit revolutionären Ansichten saßen links, die Monarchie-freundlicheren rechts. Nach und nach bekamen diese Begriffe ein Eigenleben in Europa und der Welt. Allgemein standen die Linken dabei für egalitäres und emanzipatives Denken, also die Vorstellungen, dass alle gleiche Möglichkeiten haben und nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben sollten. Obwohl mit „alle“ erstmal nur „weiße“, heterosexuelle, als gesund angesehene Männer gemeint waren. Auch innerhalb linker Bewegungen musste (und muss immer noch) darum gekämpft werden, dass wirklich alle Menschen in die Forderungen eingeschlossen werden. Weiter verband Linke die Perspektive, dass Gesellschaft von Menschen gemacht und somit auch veränderbar ist, dass es keine „Natur des Menschen“ gibt, die diese an ihren vermeintlich natürlichen Platz in der Welt verbannt. Entsprechend waren und sind Linke oft für Feminismus, gegen Rassismus und Nationalismus und kritisch gegenüber kapitalistischer Produktionsweise und Herrschaft. Rechts sein bedeutete diesbezüglich Gegenteiliges, also von konservativ bis nationalistisch, später rassistisch zu denken und zu handeln.

Mein rechter, rechter Platz ist frei
Sicherlich ist was dran, dass politische Zuordnungen heute nicht mehr so klar sind. Es gibt gerade keine kommunistischen Massenparteien, Nazis versuchen sich mehr der Mitte der Gesellschaft anzubiedern, CDU und SPD treten als „Parteien der Mitte“ auf und Konservative haben sich seit dem Einfluss der 68er-Bewegung tatsächlich modernisiert in Hinblick auf Frauen- oder LGBTI-Rechte. Es gibt ehemalige Linke wie Jürgen Elsässer, der sich heute „Nicht links, nicht rechts, sondern vorwärts!“ sieht. Manchmal ist auch zu hören: rechts, links, scheissegal! Dieser Versuch, linke und rechte Bewegungen zu verbinden, wird als „Querfrontstrategie“ bezeichnet. Extrem verwirrend! Bei all dem Abgegrenze und Zusammengeschmeiße ist der Blick auf die Inhalte wichtig, denn dort lässt sich erkennen und politisch einordnen, was wirklich gewollt ist. Wenn die französische Partei Front National zur EU-Wahl mit dem Slogan „Weder rechts noch links – französisch!“ antritt, dann sind damit starker Nationalismus, Abschottungspolitik gegenüber Flüchtlingen und andere menschenfeindliche Forderungen gemeint, die klar aus einer rechten Tradition stammen. Oder wenn bei den „Ich bin kein Rassist, aber…“-Bewegungen wie PEGIDA von „kriminellen Ausländern“, „Asylflut“ und „Islamisierung“ gefaselt wird, dann ist das deutlich am rechten Rand. Da hilft der Versuch, sich von einem politischen Label freimachen zu wollen, nicht. Denn der wird knallhart in Wort und Schrift ausgehebelt. Auffällig ist, dass diese Skepsis gegenüber den Labeln und der Populismus der „kleinen Leute gegen die da oben“ meist von Rechten betrieben wird – vielleicht, weil „rechts“ eine politische Selbstbezeichnung ist, die nur noch Wenige offen vor sich hertragen. Gleichzeitig wird alles, was nicht rechts ist, automatisch als links gelabelt und codiert und als sogenanntes „Gutmenschentum“ verspottet.

What’s left?
Auch wenn wir glauben, dass Begriffe nicht so wichtig sind wie Argumente, ist auffällig, dass jene, die die Koordinaten links/rechts abschaffen wollen, in dieser Debatte absolut keine Sympathieträger sind. Wir denken deswegen, es macht strategisch weiterhin Sinn, sich als „links“ zu bezeichnen. Dabei geht es nicht darum, „Linkssein“ als Identität abzuhypen. Da besteht nämlich immer die Gefahr, dass es ganz bestimmte Regeln gibt, wie jemand „Linkes“ dann zum Beispiel auszusehen hat: Schwarzer Kapuzenpulli, eine bestimmte Marke Sneakers, Dreadlocks, Hardcore-Band-T-Shirt, SaZ-Jutebeutel… – je nach Szene. So ein Spiel von „Ich bin linker als Du“ finden wir ausschließend und überflüssig (obwohl unsere Beutel sauschick sind!). Denn es geht nicht um Aussehen, sondern um Inhalte. Und ganz bestimmt waren und sind nicht alle, die sich als „links“ bezeichnen, dabei aber autoritäre Führer, Antisemitismus, Transphobie, Antiamerikanismus und anderes liken, unsere Freund_innen. Es geht also nicht um eine Szene oder neue „Wir-Gruppe“, in der man nicht mehr hinterfragt, was die anderen machen. Sondern vielmehr darum, sich politisch zu positionieren für das, für was wir stehen. In Auseinandersetzungen und Debatten im Alltag – wenn der Lehrer einen rassistischen Spruch macht, wenn es auf der Familienfeier um „die Rolle der Frau am Herd“ geht, wenn an der Uni mal wieder der Kapitalismus mit Bezug auf eine vermeintlich egoistische „Natur des Menschen“ verteidigt wird – aber auch in Hinblick auf große Veränderungen und die Gesellschaft, die wir wollen. In unserem Denken und Handeln verhalten wir uns alle, ob bewusst oder unbewusst, zum gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft – „unpolitisch“ gibt es nicht. Dann sich doch lieber tatsächlich positionieren und sagen, wogegen und wofür man ist. Historisch wie gegenwärtig beschreibt die Bezeichnung „links“ dabei am konkretesten den Einsatz für eine Gesellschaft, in der Ausbeutung, Ungleichheit und Hierarchien abgeschafft sind. Und „linksradikal“? „Radix“ ist das lateinische Wort für „Wurzel“. Wir erinnern damit daran, dass Probleme „an der Wurzel gepackt“ werden müssen, dass nicht einfach nur ein paar Reförmchen ausreichen, sondern der Kapitalismus komplett verschwinden muss. Wir bei der SaZ sprechen ja sogar von „Kommunismus“, womit wir uns zwar auch immer wieder von vielen selbsternannten autoritären Parteikommunist_innen der Vergangenheit abgrenzen, aber doch an historische Erfahrungen erinnern und von ihnen lernen wollen. Für die kritische Reflektion politischer Vergangenheit, die unversöhnliche Intervention in die Gegenwart und den utopischen Blick auf die Möglichkeiten der Zukunft: An der nächsten Kreuzung bitte links abbiegen.

Zum Weiterlesen:
- Manfred Dahlmann: „»Linksextremist« ist keine Beleidigung!“, erschienen in der Jungle World

- Ingar Solty: Links/Rechts

- Markus Liske / Manja Präkels (Hg.), Vorsicht Volk!

- Ein kontroverses Buch über Leute, die in den 1920er/30er Jahren behauptet haben, dass es kein Links oder Rechts mehr gäbe: Zeev Sternhell: „Neither Left nor Right. Fascist Ideology in France“, erschienen 1996 bei Princeton University Press, 456 Seiten.

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