Wie Klassenzimmer Klassen zimmern

Wir müssen nur wollen?! Über soziale Ungleichheiten und welche Rolle unser Bildungshintergrund dabei spielt.

Wir lernen in unserer Kindheit und Jugend die unterschiedlichsten Dinge, wachsen je nach Bildungshintergrund, finanzieller Situation und Lebensumfeld recht verschieden auf. Das heißt: Soziale Ungleichheiten existieren. Die werden aber zum einen oft verschwiegen und es wird so getan, als könnten Menschen in einem bestimmten Alter eben alle das Gleiche, wenn sie nur wollten. Zum anderen geben den Maßstab immer noch die vor, für die es am einfachsten ist.

Montagmorgen, 1. Stunde: Klassenarbeit in Mathe.
Samira hat am Sonntag vorher mit ihrer Mutter geübt, die arbeitet als Physikerin, kennt sich hervorragend aus und konnte ihr gut helfen. Ausgeschlafen und mit ’nem gesunden Frühstück im Bauch geht sie optimistisch an die Arbeit.
Jasmin musste am Wochenende auf ihre zwei kleinen Geschwister aufpassen, weil ihre Eltern bei der Arbeit waren. Sie hat nachts kaum geschlafen, weil ihre Schwester krank ist und dauernd gehustet hat. Nachdem sie die beiden mit Frühstück versorgt und in die Kita gebracht hat, kommt sie kurz vor Stundenbeginn in der Schule an. So – und jetzt Lineare Algebra? Wird nicht einfach.

Auf die Plätze, fertig, aus.
Samira und Jasmin müssen für eine gute Note die gleiche Punktzahl erbringen. Nicht nur in dieser Prüfung, überhaupt in der Schule und auch später in Ausbildung und Uni werden Leistungen nach bestimmten Vorgaben mit Noten bewertet.
Alle mit denselben Maßstäben zu messen – dieser Ansatz legt nahe, dass alle Schüler_innen mit den gleichen Voraussetzungen beginnen würden. Damit alle auf dem gleichen Level sind, müssen manche viel mehr Arbeit leisten als andere und haben mit mehr Schwierigkeiten zu kämpfen. Ganz ehrlich, an Jasmins Stelle wären wir nicht mal zur Prüfung erschienen!

Kinder von Akademiker_innen machen mit großer Wahrscheinlichkeit Abi und Arbeiter_innen-Kinder öfter Mittlere Reife. Angebliches „Talent“ oder Begabung erklären das nicht, auch liegt es nicht an Fleiß oder Willen. Lernen braucht Zeit und Geld und Selbstbewusstsein, es zu schaffen. Es liegt auf der Hand, dass soziale und ökonomische Bedingungen für den Erfolg in der Schule entscheidend sind. Wir hören aber oft, Fleiß oder eine vermeintliche „natürliche Intelligenz“ seien Grund dafür, wie leicht Leuten das Lernen und Bestehen in der Schule fällt. Auch wenn es nicht stimmt, hat es trotzdem viel Einfluss auf das, was Leute über sich selber zu denken lernen.

Ein paar Beispiele zum besseren Verständnis: Wer als junger Mensch die Erfahrung gemacht hat, dass ihre oder seine Beiträge zum Gespräch mit Erwachsenen ernst genommen werden – und sei es nur am Abendbrottisch – dem oder der fällt es leichter, sich zu melden und vor der ganzen Klasse was zu sagen. Ganz anders, wenn Versuche mitzureden mit „Jaja“ und „ganz süß“ abgetan wurden. Wer viel gelesen oder vorgelesen bekommen hat und wer mit dem System Schule generell gut umgehen kann, hat bessere Voraussetzungen, in der Schule zu bestehen, als jemand mit Vorwissen, das hier nicht gefragt ist. Wer in Deutschland in die Schule kommt und vorher schon sicher in der Sprache ist, traut sich wahrscheinlich eher, Fragen zu stellen und vor der ganzen Klasse zu antworten. Wer eine andere Sprache besser gelernt hat, muss sich das erst aneignen. Wenn deine Eltern dir schon früh erklärt haben, dass Goethe und Schiller DIE Superstars der deutschen Literatur wären und dass der Tag der Deutschen Einheit ein wichtiger Feiertag sei und so weiter, dann weißt du schon viel von dem, was in der Schule abgefragt wird und gehst mit einem enormen Vorsprung dahin. Anders all diejenigen, die viel auf ihre kleinen Geschwister aufgepasst haben oder aus Zeitmangel der Eltern vorm Fernseher abgestellt wurden und denen die Kohle für Nachhilfe fehlt.

Dazu kommt, dass Eltern in vielen Fällen selbstverständlich davon ausgehen, dass ihre Kinder eine ähnliche Ausbildung machen wie sie selbst, angefangen beim Schulabschluss bis zur Frage nach Studium oder einer Berufsausbildung. Damit geht eine Tochter, für die früh klar ist, dass sie mal genauso studieren kann wie Mama und Papa das getan haben, mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein ins Klassenzimmer als die, deren Eltern gar nicht so genau wissen, wie Uni läuft, weil sie sich nie damit beschäftigt haben.

Diese ganzen Unterschiedlichkeiten sollen Leute jetzt ausbaden, damit sie mit den anderen „mithalten“ können. Was ist das denn für‘n Scheißdeal?

Wir müssen nur wollen!?
Gender – Migrationsgeschichte – Behinderung – Bildungshintergrund! Es gibt enorm viele Faktoren, die unsere schulische Laufbahn bestimmen. Das deutsche Bildungssystem ist weit davon entfernt, dafür zu sorgen, dass die soziale Herkunft der Schüler_innen keine Nachteile für sie hat.

Doch selbst wenn sich so was wie „Chancengleichheit“ wirklich herstellen ließe – also allen genau die gleichen Vorkenntnisse und Fähigkeiten zufliegen würden – im Kapitalismus bedeutete solche formale Chancengleichheit: Leute erarbeiten sich durch mehr Anstrengen die Chance, irgendwann mit vielen anderen um den besser bezahlten Job zu fighten.
Erstmal wollen wir natürlich auch studieren, wenn unsere Eltern das nicht vorgesehen, nicht vorgelebt und nicht ermöglicht haben. Aber die, die allein solche Chancengleichheit fordern, fordern nicht genug. Im Kapitalismus werden immer „gute“ und „schlechte“ Schüler_innen produziert werden. Leute mit Abi und welche mit mittlerer Reife und welche, die keinen Abschluss machen. Dann sind alle gezwungen, sich mehr anzustrengen und wenn es nicht klappt, sich selber schuld zu fühlen.
Vielleicht gehört Samira zu denen, die es leichter haben, weil ihre Eltern Zeit hatten, mit ihr zu lernen und selber studiert haben. Und es gibt andere, für die nur Platz im Niedriglohnsektor bleibt, auf die die Jobs warten, die sonst niemand machen will. Jasmins Chancen, ’nen 1er-Abschluss zu schaffen, sehen alles andere als rosig aus, weil sie früh viel Verantwortung zu Hause übernehmen musste und Schule zweitrangig ist.

Klar gibt es immer wieder Menschen, die Klassen überspringen – sowohl in der Schule als auch in der Gesellschaft.
Ich kann es zwar an die Uni schaffen, während meine Eltern seit fünfzehn Jahren im Betrieb arbeiten oder ’nen Bauernhof bewirtschaften. Aber es wird andauernd Momente geben, in denen es solche Aufsteiger_innen schwerer haben, in denen ihnen andere verdeutlichen, dass sie nicht dazugehören, dass sie eigentlich Ausnahmen sind.

Solange wir nicht lernen können, was wir wollen, nur weil wir eben wollen, solange gibt es für jede_n von uns viele gute Gründe, einfach gar nicht zu wollen.

Zum Weiterlesen:
Lux like comic – (un)mögliche Bildungswege

arbeiterkind.de

Christian Baron: „Zu hoch für dich“

Gruppen gegen Kapital und Nation: „Schule, was soll das?“

Share:
  • Facebook
  • Twitter
  • email
  • MySpace
  • Tumblr