Gut, besser, selbstoptimiert

Selbstoptimierung spielt unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft perfekt in die Hände. Gedanken zu einem Phänomen, das uns alles andere als ein gutes Leben beschert.

Der Mitschüler, der am Ende des Schuljahres einen Blumenstrauß erhält, weil er sich von allen in der Schule am meisten verbessert hat. Die Sparkasse, die für jeden Einser auf dem Zeugnis Geld gibt. Der Klausurenmarathon, der ohne den kleinen Konzentrationshelfer Ritalin nicht zu bewältigen scheint. Das Rangeln um begehrte Ausbildungs- oder Studienplätze. Was sind das für Signale?
Das sind ganz klare Signale, die wir alle kennen: Wer etwas erreichen will, muss Leistung bringen – denn nur wer etwas leistet, wird belohnt. Konkurrenz ist in Schule, Ausbildung und Uni allgegenwärtig. Wir wachsen mit der Annahme auf, dass wir die Gestaltung unserer Zukunft selbst in der Hand haben, wenn wir nur gewisse Regeln einhalten – in erster Linie müssen wir Leistung erbringen. Wir definieren uns sehr stark über das, was wir können und das, was wir erreichen wollen. Das Argument: Die Zukunft! Ein Arbeitsplatz! Geld verdienen! Sicherheit!

Also: schneller, weiter, höher und besser. Selbstoptimierung – die Absicht, sich selber zum erfolgreich(er)en Menschen zu formen und das Beste aus sich rauszuholen – durchzieht das komplette Bildungs- und Ausbildungssystem, von der Kita bis zum „lebenslangen Lernen“. Hinzu kommen eine gesündere Ernährung, ein sportlicher Körper, ein aufregendes Sexleben und – on top – eine exzessive Freizeitgestaltung. Wir feiern bis zum Umfallen, um den Stress des Alltags zu vergessen. Auf dass wir ihn morgen wieder ertragen können. Der Clou des Ganzen: Wir treiben uns selber an und kontrollieren uns – es muss niemand neben uns stehen und mit möglichen Konsequenzen drohen, weil wir die längst verinnerlicht haben.

Work-Work-Balance
Erstmal klingt es ja spannend und gut, sich weiter zu entwickeln und dies und jenes besser zu können. Es hat durchaus seinen Reiz, viele Sprachen zu sprechen, sportlich zu sein, einen spannenden Essay schreiben zu können, kreatives Denken zu trainieren, eine Zeit lang im Ausland zu leben etc. Allerdings geht es bei all diesen Dingen viel zu oft nur darum, den eigenen Marktwert zu steigern und besser zu sein. Das gilt auch für unser Privatleben, in dem vorausgesetzt wird, dass ich eine gute Freundin oder ein guter Freund* bin, mich ehrenamtlich engagiere und mir im Sinne der Work-Life-Balance genügend Zeit für mich selber nehme.

Die Anforderungen steigen konsequent. Wir machen so lange mit, bis wir an den Punkt kommen, an dem der Druck im Magen zu stark wird. An dem sich das Gefühl einschleicht, dem Ganzen nicht (mehr) gewachsen zu sein, ständig unter Stress zu stehen, mit Angst in die Prüfung zu gehen oder in Konkurrenz zu den eigenen Freund_innen zu stehen.
Spätestens dann stellt sich die Frage: Wer oder was das ist, der, die oder das bestimmt, wie ich zu sein habe und was ich wie zu lernen habe? In wessen Interesse ist es, dass ich immer besser funktioniere? Bin ich das selber? Sind das meine Lehrer_innen, meine Eltern, meine Profs, mein Freund_innenkreis? Woher kommt der Druck, das Gefühl, nicht zu genügen und ununterbrochen an sich selber arbeiten zu müssen?
Mit der kapitalistischen Konkurrenz gehen Zwänge einher, die zu Wachstum und ständiger Produktivität auf Kosten des guten Lebens führen. Im Kapitalismus werden die Produktionsmittel zunehmend optimiert, um Wettbewerbsvorteile zu gewinnen. Eigentlich großartig, wenn beispielsweise die Arbeitskraft Mensch durch die Arbeitskraft Maschine oder Computer ersetzt wird und wir ganz viel Zeit gewinnen. Eigentlich! Denn leider führt das nicht dazu, dass wir ein entspannteres Leben führen, uns Zeit für intensive Gespräche nehmen, am See abhängen, unser Meerschweinchen kraulen, einem interessanten Hobby nachgehen oder uns politisch engagieren.

Das Mehr an Zeit führt zu einem Mehr an Konkurrenz um die knappen Arbeitsplätze. Die Kluft zwischen denen, die angeblich nichts können und keine oder ne beschissene Arbeit haben und denen, die Karriere machen und Erfolg haben, vergrößert sich unaufhörlich. Uns wird dabei suggeriert, dass uns Geld und Karriere zu glücklicheren Menschen machen. Und so lauert überall die Angst, zu den Verlierer_innen des Systems zu gehören. Die Konsequenz ist die Optimierung der eigenen Person in allen Lebensbereichen.

Bildung als Mittel zum Zweck
In einer Gesellschaft, die auf Wettbewerb aufbaut, ist Bildung kein Mittel der geistigen und individuellen Emanzipation, sondern vielmehr alleiniges Handwerkszeug des Erwerbsbetriebs. Bildung ist warenförmig organisiert und die Lernenden sind Marktteilnehmer_innen. Es geht nicht vornehmlich darum, was ich lernen möchte, weil es mich interessiert. Es geht darum, was ich mittels des Erlernten erreichen kann und wie ich mein Wissen ökonomisch verwerten kann. Anfangs stecken Erziehungsberechtigte für uns Ziele im Sinne der Wertsteigerung, später tun wir das selber und kontrollieren uns entsprechend. Wir funktionalisieren uns, ohne zu reflektieren, welchen Zwängen wir uns unterordnen. Wir merken oft, dass es uns nicht gut geht, aber wir hinterfragen selten die Ursachen davon.
Wem die nötige Kohle fehlt, die_der hat schlechte Chancen. Während sich die einen selbstoptimieren und in den Schulferien auf Sprachreisen fahren, um ihr Englisch zu verbessern, sehen die anderen blöd aus, wenn anschließend höhere Anforderungen im Englischunterricht gestellt werden. Menschen mit Lernschwierigkeiten, psychischen Problemen oder schlichtweg anderen Interessen bleiben schnell auf der Strecke.

Gutes Leben statt Selbstoptimierung!

Wir möchten an dieser Stelle mitnichten ein Plädoyer gegen das Lernen halten. Vielmehr geht es uns darum, was Bildung sein soll. Bildung soll kein Mittel zum Zweck sein, sondern Mittel zur individuellen Selbstermächtigung. Innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik funktioniert das nicht. Wir wünschen uns eine konkurrenzlose Gesellschaft, in der es nicht mehr darum geht, was sich wie verwerten lässt. Klar erhöht Selbstoptimierung den eigenen Marktwert. Klar wollen wir uns selbst gefallen, viele Dinge wissen und ein geiles Leben führen. Aber wir verweigern uns trotzdem der Idee der permanenten Leistung und des reinen Verwertungsdenkens.
Wie kann das innerhalb eines Systems funktionieren, das sich Kapitalismus schimpft und in dem es dank des Prinzips der Konkurrenz selbstverständlich und sogar zwingend ist, Menschen zu Verlierer- und Gewinner_innen auszubilden?
Es erfordert großen Mut, individuellen Widerstand zu leisten. Der stete Druck dazuzugehören wird kaum ganz verschwinden. Aber ein kleines Stück weit ist es trotzdem möglich, sein eigenes Ding zu machen. Unserer Meinung nach ist es wichtig, das Wie und Was des Lernens immer wieder zu hinterfragen, statt das ewig gleiche Mantra des Höher, Schneller und Weiter nachzuleiern.
In dieser Gesellschaft sind die Übereifrigen die Held_innen. Wäre es nicht schön, würden die Übereifrigen sich zusammen tun, um mit den weniger Eifrigen an den See zu fahren und alle Fünfe gerade sein zu lassen? Das ist einfacher gesagt als getan. Aber es sind kleine Schritte, die den Druck mildern. Es braucht nicht eine weitere perfekte Hausarbeit oder das sechste Plenum der Woche. Es ist völlig okay, auch mal nichts zu leisten. Das muss uns auf ’s Neue klar werden. Wenn mehr Menschen aus dem Hamsterrad der Leistungssteigerung aussteigen – so unsere Vision – können sich alle ein bisschen lockerer machen und das gute Leben in den Blick nehmen. Und damit meinen wir nicht Geld, Karriere und ne krasse Freizeitgestaltung, sondern eigene Bedürfnisse, Zufriedenheit und Solidarität. Warum sollen wir, die wir Bock haben für unser Leben zu lernen, das ausbaden, was gesellschaftlich gerade so richtig schief läuft?

Wenn ihr Lust habt, lernt. Lernt, was euch interessiert, lernt alleine, lernt zusammen, aber lernt nicht gegeneinander. Das System aus Verlierer_innen und Gewinner_innen kann uns mal.

Zum Weiterlesen:

Matthias Becker in der Konkret 2015 Alptraum 4.0

Jörn Schulz in der Jungle World: Plagellanten im Zen-Zustand

Text: Über das Elend im Studentenmilieu

Text: Staatsfeinde ohne Lehrstuhl, Überlegungen zum Akademismus

Deichkind Bück Dich hoch

Share:
  • Facebook
  • Twitter
  • email
  • MySpace
  • Tumblr