Ist eine andere Schule möglich?

Das große SaZ-Schulranking: „Demokratisch“, „Waldorf“, Regelschule oder fordern wir wieder das ganz Andere?

Die Gründe, warum die Schule anders werden sollte, ja muss, sind zahlreich und immer auch individuell. Für die einen war es am schlimmsten, früh morgens angebrüllt zu werden, andere erinnern sich vorrangig an das An-die-Tafel-Müssen und nicht wenige kennen die Angst, als Letzte auf der Bank beim Mannschaftenwählen im Sportunterricht zu sitzen. Dieser stetige Druck und die Ausbildung zum funktionstüchtigen Menschenmaterial ist für viele auch etwas, was nicht unter gutem Leben läuft. In der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die sich auch in diesen Fragen nicht mit kleinen Korrekturen begnügen wollten. Neue Schulen sollten her. Die Anfänge wurden bereits vor über 150 Jahren gemacht. In Russland gründete Leo Tolstoi 1859 eine anti-autoritäre Bauernschule, 1901 entwickelte in Spanien ein Kreis um den Anarchisten Francisco Ferrer die „Progressive Schule“ und 1921 entstand in England um A. S. Neill die Demokratische Schule Summerhill. In diesen Schulen wurde versucht, der Kritik an autoritärem Gehabe und dem vom Staat großzügig verteilten Leiden etwas Freundlicheres entgegenzusetzen. Eine zweite Welle von anti-autoritären Überlegungen zu Bildung und Schule erfasste dann die Welt in den 1960/70er Jahren. Doch was ist von den hieraus entstandenen Schulen zu halten? Was ist an denen netter, was weniger nett und an welche Grenzen stößt generell Nettigkeit im Schulwesen in dieser Gesellschaft?

Keine Alternative unter dieser Nummer?
Die Waldorf-Schule

Viele denken im deutschsprachigen Raum bei Alternativschulen an die christlichen Waldorf-Schulen, von denen es weltweit etwa 1000 gibt. Was die Waldorf-Pädagogik ausmacht, ist gar nicht so einfach zu sagen. Es gibt keinen Lehrplan und keine Kontrolle von außen. Wer sich die Schriften Rudolf Steiners, der die Schulen einst gründete, durchliest, stößt mindestens in jedem zweiten Gedanken auf Gruseliges. Eine Kostprobe? „Eine körperliche Strafe, von einer respektierten erwachsenen Person erteilt, kann mitunter einen günstigen, aufschreckenden Effekt haben“. Auch Steiners Aussagen über Frauen, über jüdische, asiatische und schwarze Menschen sind so widerlich, dass es einem die Schuhe auszieht (by the way: Steiner glaubte, dass das Lesen von Büchern „schwarzer“ Autor_innen bei schwangeren „weißen“ Frauen dazu führt, dass diese „schwarze“ Kinder bekommen. Fand der gar nicht gut). Dass die, die sich auch heute noch nicht zu einer eindeutigen Distanzierung von Steiner durchringen können, eine freundliche Schule machen, scheint schon mal fraglich. Aber doch müsste geschaut werden, inwieweit dessen Ideen noch heute im Schulalltag eine Rolle spielen. Wir stellten die Frage über Facebook und bekamen von Ex-Waldis entweder die Antwort, dass das in der Schule nur eine kleine Rolle gespielt habe, oder aber, dass sie damit ziemlich indoktriniert wurden. Empfehlungen für die Schule bekamen wir nur selten, ein „Nie wieder“ desto häufiger. Allen Außendarstellungen der Waldorf-Pädagogik ist jedoch – als Teil der dort beliebten absurden esoterischen Theorien – ein Anti-Intellektualismus gemein. Zwar nimmt auch die staatliche Schule oft jede Lust am Begreifen und Erklären, aber Kunst, Musik, Sport etc. wird nach der Langeweile und dem Still-Sein-Müssen dann oft herbeigesehnt. Aber die Kritik der Waldorf-Leute zielt gar nicht auf die Art der Wissensvermittlung und den Wissensinhalt, sondern meint, die staatliche Schulbildung sei zu „verkopft“. Eine Kritik, die absurderweise bisweilen auch Linke teilen. Dabei steht so eine Art von Kritik, die meist überhaupt nicht die Härte der Schulen ins Visier nimmt, auch noch jeder emanzipatorischen Veränderung entgegen. Denn für diese muss die Gesellschaft erst einmal auf „verkopfte“ Art begriffen und kritisiert werden. Eine Schule, in der die Lehrer_innen als Auserwählte, denen unbedingt zu folgen sei, fungieren, dürfte dabei wenig hilfreich sein.

„Fuck you, I won’t do what you tell me!“ – Demokratische, anarchistische, alternative Schulen
Während ich sehr glücklich bin, nicht auf einer Waldorf-Schule gewesen zu sein, sieht das bei den wirklichen Alternativschulen anders aus. Von diesen, die sich oft Demokratische Schulen nennen, existieren weltweit etwa 100, wobei jedoch einige nicht bekannt sein dürften. Die meisten finden sich in den USA und Israel, die größte in Moskau. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, dass Lernen ohne Zwang und Noten möglich sein soll. Ein ziemlich toller Anspruch, doch wird der eingehalten? Im deutschsprachigen Raum sind die Alternativschulen meist Gemeinschaftsschulen bis zur 10. Klasse. Dort sieht der Schulalltag ziemlich anders als an der Regelschule aus: Es gibt in einigen Schulen keine festen Klassen, keinen Lehrplan und keine Unterrichtspflicht. Ein Jahr nur Lust Fußball zu spielen? Kein Problem. Willst Du aber etwas lernen, dann stehen Dir, wenn Du willst, die Mitarbeiter_innen oder Teamis mit Rat zur Seite. Natürlich gibt es keine Noten und auch sonst keine ungefragten Einschätzungen. Doch am Ende steht doch oft die staatliche Prüfung, die teilweise in der Schule abgelegt werden kann. Die Schule kostet meist etwas, was – auch wenn es manchmal die Möglichkeit gibt, für Eltern, die Hartz 4 beziehen, nichts zu bezahlen – auf ärmere Menschen eine abschreckende Wirkung haben könnte.

Das System kennt keine Grenzen
Angenommen, die Eltern konnten sich das leisten, war die Schulzeit bis zur Prüfungszeit wenigstens schön und ohne Schulangst. Doch halten die Schulen was sie versprechen? Vielleicht liefert die Antwort ja ein „Spiegel“-Journalist, der sich bei einem Besuch einer Alternativschule dafür interessierte, „wie gut die Schüler mithalten können“ und zufrieden feststellte, dass keine „Leistungsverweigerung“ stattfand. Er hätte sich ja auch fragen können, ob es den Schüler_innen gut geht und wirklich kein Zwang existiert. Indem er stattdessen aber diese Fragen stellte, beklatscht er den Zweck der Ausbildung im Kapitalismus und fragt sich, ob die Herstellung von fittem Menschenmaterial, das in die jeweiligen Berufshierarchien einsortiert wird, in Alternativschulen auch gut genug klappt.
Im deutschen Grundgesetz heißt es, das „gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates“. Alle, die eine eigene Schule gründen wollen, müssen nachweisen, dass sie dieselben „Lehrziele“ haben. Und die haben es in sich, werden sie doch an den Anforderungen des Standorts Deutschland gebildet. Wie aber gehen Demokratische Schulen damit um? Wird zum Beispiel immer darauf hingewiesen, dass es wirkliche Selbstbestimmung nicht geben kann, solange es diese „Lehrziele“ gibt? Dass es enge Grenzen für Alternativschulen gibt und sie zwar einiges netter machen dürfen, aber nur, wenn sie auch tendenziell fit für den Standort machen? Dass es die Gefahr gibt, dass der Zwang zwar nicht von außen kommt, aber die Einzelnen sich den Druck selber machen? Dass die Schüler_innen in diesen Schulen also lernen könnten, sich selbst so gut zu regulieren und zur Arbeit zu
zwingen, wie es kein Staat könnte? Leider fehlt das oft. Ja, einige Alternativschulen brüsten sich sogar mit dem beruflichen Erfolg ihrer früheren Schüler_innen. Wie absurd: Da wird eine Schule hingestellt, die die praktische Kritik an den staatlichen Regelschulen darstellen soll und deren ganz großer Erfolg ist was? Dass die hier ausgebildeten Schüler_innen später die Besten auf der Regelschule und in der kapitalistischen Konkurrenz sind. Auch eine Auseinandersetzung damit, dass es vielleicht gerade einen kapitalistischen Bedarf für Alternativschulen als Nische gibt, in denen eine gewisse Anzahl von highly kreativen Menschen hergestellt wird, sollte in den Schulen Gegenstand der Diskussion sein. Eine Demokratische Schule, die sich als Nische einrichtet, ist keine Alternative. Sie müsste auf diese Nische immer selber wie auf einen wunden Punkt hinweisen und kritisieren, dass aus ihren bereits aus eher reicheren Familien kommenden Schüler_ innen sicherlich meist nicht die Kellner und Hilfsarbeiterinnen der Zukunft werden, für die in einer marktwirtschaftlich organisierten Ökonomie nicht so viel Bildungsaufwand betrieben werden soll. In dieser müsste über die systemischen Grenzen freundlicher Bildung, über den Zweck von Ausbildung im Kapitalismus und über Lohndifferenzierung unterrichtet werden. In einigen Schulen geschieht das, aber es entspringt oft noch nur der persönlichen Motivation einzelner Mitarbeiter_innen.

Und nun?
Trotz dieser Kritik ist der Schulalltag in Demokratischen Schulen oft netter und ich hätte mir gewünscht, auf eine solche zu gehen. Doch wenn ich mir mal anschaue, wo ich am meisten gelernt habe, fällt mir auf, dass es da noch eine ganz andere Alternative gibt, die oft vergessen wird und in der es noch viel selbstbestimmter zugeht: Ich war in selbstorganisierten Wochenendseminaren, auf linken Kongressen und Sommercamps, diskutiere in politischen Gruppen und wenn ich mich für ein Buch besonders interessiert habe, habe ich das in selbstorganisierten Lesekreisen gelesen. Und genau in diesen ließe sich sicher so gut wie nirgendwo die Diskussion führen, ob eine andere Schule unter den Zwängen der kapitalistischen Produktionsweise möglich ist.

Zum Weiterlesen:
Peter Bierl: „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister.
Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik“, erschienen 1998 im Konkret Literaturverlag, 272 Seiten, 12 Euro.

„Die Antwort ist 27“ – Eine ganze Generation von Linken wurde von dem Kampf um Kinderläden und für antiautoritäre Erziehung geprägt. Doch das ist Vergangenheit. Heute gibt es keine linke Erziehung mehr. Text von Felix Klopotek

„Bundesverband Alternativschulen“

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