Archiv für Dezember 2014

Wenn aus Bildung Ausbildung wird – Fünf beliebte Weisheiten kritisiert

„Ich kann nur unter Druck lernen“
Wer das sagt, bringt eine Wirkung der Schule ziemlich genau auf den Punkt. Die Neugierde auf eigentlich Wissenswertes wurde ausgetrieben und was bleibt sind Lerninhalte, die vorgesetzt werden und die es zu schlucken gibt, um sie an einem bestimmten Zeitpunkt wieder ausspucken zu können. Spaß macht es nicht gerade, wenn die eigenen Bedürfnisse nichts zählen, das eigene Wissen benotet wird und immer das gelernt wird, was auf das Lehrer_innenpult kommt. Eine Folge davon ist, dass für viele Lernen zu etwas Negativem wird, zu dem es nur noch unter Druck kommt. Auf der anderen Seite kann aber auch fast jede_r von Lernerfolge berichten, bei denen der Druck kurz vergessen wurde und gerade dadurch gelernt werden konnte.

„Lehrjahre sind keine Herrenjahre“
Sprichwörter sind stets gut darin, Zeiten, in denen es einem nicht gut geht, als irgendwie notwendig zu verkitschen. In den Lehrjahren darf sich nicht über die Schikane der Lehrerin oder des Meisters beschwert werden, über miese Bezahlung oder schlechte Arbeitszeiten. Für all die Mühen und Demütigungen soll die Aussicht entschädigen, dass man selber irgendwann vor Azubis oder Schüler_innen sitzen wird und die dann nach Lust und Laune scheiße behandeln darf. Wie wär‘s stattdessen mit: Diese ganzen Machtspiele sein zu lassen und niemandem Lehrjahre zu bereiten.

„Du bist eher der handwerkliche Typ“
Verwandte und Lehrer_innen sind selten um eine ungefragte Bewertung Deiner Leistung verlegen. In dieser Gesellschaft ist dabei nicht selten noch eine eklige Einschätzung inklusive, was Dein Wesen so sei, wozu Du in der Lage bist und was Du nie lernen wirst. Wer von Kindesbeinen an hört, dass die Potenz des eigenen Gehirns angeblich nur für bestimmte Verwendungen auf dem Arbeitsmarkt taugt, glaubt das irgendwann. In diesem Fall vom „handwerklichen Typ“ heißt das: Richte Dich auf eine Position ein, in der Dir viel gesagt wird, Du wenig zu melden hast und in der Du weniger verdienst.

„Bildung darf keine Ware werden“
So lautet eine häufige Forderung auf Schüler_innen- und Student_innendemos. Auch uns nervt es, dass Bildung direkt auf die vermuteten Anforderungen des Arbeitsmarktes ausgerichtet wird. Bei dieser Forderung wird aber so getan, als hätte es eine Zeit gegeben, in der das Bildungswesen nichts mit dem Hauen und Stechen der Marktwirtschaft zu tun hatte. Bildung im Kapitalismus hatte aber immer den Zweck, gute Arbeitskräfte und Staatsbürger_innen zu erziehen. Außerdem ist es wichtig zu erinnern, dass die im Vergleich zu heute größeren Freiräume, die es in vielen Unis und Schule eine Zeit lang gab, nie für alle Menschen offen waren. Das Humboldt’sche Bildungsideal von Bildung als Selbstzweck, dem oft nachgetrauert wird, hat – wenn überhaupt – immer nur für eine kleine Elite gegolten. Deshalb nützt kein wehmütiger Blick zurück, sondern nur die Anstrengung, den Kapitalismus endlich abzuschaffen, damit Bildung sich nicht mehr den Anforderungen der kapitalistischen Nützlichkeit unterordnen muss.

„Der ist ja dumm, die ist superintelligent“
Wir halten nichts von Zuschreibungen wie „dumm“ oder „intelligent“. Wenn mal etwas nicht auf Anhieb verstanden wird, ist es sehr einfach zu sagen: “Du bist einfach zu dumm dafür.“ Dabei wird so getan, als wäre Intelligenz eine von vornherein feststehende Größe, mit der wir uns abfinden müssen. Allerdings werden wir nicht dumm geboren, sondern dumm gemacht. Denn wer immer zu hören bekommt, dass sie_er das sowieso nicht verstehen wird, wird irgendwann aufhören es zu versuchen. Es ist aber möglich, diese Zuschreibungen hinter sich zu lassen und einfach zu üben, was nicht sofort gelingt. Witzigerweise kann auch für IQ-Tests gelernt werden und somit die „Intelligenz“ ungemein erhöht werden.

Ist eine andere Schule möglich?

Das große SaZ-Schulranking: „Demokratisch“, „Waldorf“, Regelschule oder fordern wir wieder das ganz Andere?

Die Gründe, warum die Schule anders werden sollte, ja muss, sind zahlreich und immer auch individuell. Für die einen war es am schlimmsten, früh morgens angebrüllt zu werden, andere erinnern sich vorrangig an das An-die-Tafel-Müssen und nicht wenige kennen die Angst, als Letzte auf der Bank beim Mannschaftenwählen im Sportunterricht zu sitzen. Dieser stetige Druck und die Ausbildung zum funktionstüchtigen Menschenmaterial ist für viele auch etwas, was nicht unter gutem Leben läuft. In der Geschichte gab es immer wieder Menschen, die sich auch in diesen Fragen nicht mit kleinen Korrekturen begnügen wollten. Neue Schulen sollten her. Die Anfänge wurden bereits vor über 150 Jahren gemacht. In Russland gründete Leo Tolstoi 1859 eine anti-autoritäre Bauernschule, 1901 entwickelte in Spanien ein Kreis um den Anarchisten Francisco Ferrer die „Progressive Schule“ und 1921 entstand in England um A. S. Neill die Demokratische Schule Summerhill. In diesen Schulen wurde versucht, der Kritik an autoritärem Gehabe und dem vom Staat großzügig verteilten Leiden etwas Freundlicheres entgegenzusetzen. Eine zweite Welle von anti-autoritären Überlegungen zu Bildung und Schule erfasste dann die Welt in den 1960/70er Jahren. Doch was ist von den hieraus entstandenen Schulen zu halten? Was ist an denen netter, was weniger nett und an welche Grenzen stößt generell Nettigkeit im Schulwesen in dieser Gesellschaft?

Keine Alternative unter dieser Nummer?
Die Waldorf-Schule

Viele denken im deutschsprachigen Raum bei Alternativschulen an die christlichen Waldorf-Schulen, von denen es weltweit etwa 1000 gibt. Was die Waldorf-Pädagogik ausmacht, ist gar nicht so einfach zu sagen. Es gibt keinen Lehrplan und keine Kontrolle von außen. Wer sich die Schriften Rudolf Steiners, der die Schulen einst gründete, durchliest, stößt mindestens in jedem zweiten Gedanken auf Gruseliges. Eine Kostprobe? „Eine körperliche Strafe, von einer respektierten erwachsenen Person erteilt, kann mitunter einen günstigen, aufschreckenden Effekt haben“. Auch Steiners Aussagen über Frauen, über jüdische, asiatische und schwarze Menschen sind so widerlich, dass es einem die Schuhe auszieht (by the way: Steiner glaubte, dass das Lesen von Büchern „schwarzer“ Autor_innen bei schwangeren „weißen“ Frauen dazu führt, dass diese „schwarze“ Kinder bekommen. Fand der gar nicht gut). Dass die, die sich auch heute noch nicht zu einer eindeutigen Distanzierung von Steiner durchringen können, eine freundliche Schule machen, scheint schon mal fraglich. Aber doch müsste geschaut werden, inwieweit dessen Ideen noch heute im Schulalltag eine Rolle spielen. Wir stellten die Frage über Facebook und bekamen von Ex-Waldis entweder die Antwort, dass das in der Schule nur eine kleine Rolle gespielt habe, oder aber, dass sie damit ziemlich indoktriniert wurden. Empfehlungen für die Schule bekamen wir nur selten, ein „Nie wieder“ desto häufiger. Allen Außendarstellungen der Waldorf-Pädagogik ist jedoch – als Teil der dort beliebten absurden esoterischen Theorien – ein Anti-Intellektualismus gemein. Zwar nimmt auch die staatliche Schule oft jede Lust am Begreifen und Erklären, aber Kunst, Musik, Sport etc. wird nach der Langeweile und dem Still-Sein-Müssen dann oft herbeigesehnt. Aber die Kritik der Waldorf-Leute zielt gar nicht auf die Art der Wissensvermittlung und den Wissensinhalt, sondern meint, die staatliche Schulbildung sei zu „verkopft“. Eine Kritik, die absurderweise bisweilen auch Linke teilen. Dabei steht so eine Art von Kritik, die meist überhaupt nicht die Härte der Schulen ins Visier nimmt, auch noch jeder emanzipatorischen Veränderung entgegen. Denn für diese muss die Gesellschaft erst einmal auf „verkopfte“ Art begriffen und kritisiert werden. Eine Schule, in der die Lehrer_innen als Auserwählte, denen unbedingt zu folgen sei, fungieren, dürfte dabei wenig hilfreich sein.

„Fuck you, I won’t do what you tell me!“ – Demokratische, anarchistische, alternative Schulen
Während ich sehr glücklich bin, nicht auf einer Waldorf-Schule gewesen zu sein, sieht das bei den wirklichen Alternativschulen anders aus. Von diesen, die sich oft Demokratische Schulen nennen, existieren weltweit etwa 100, wobei jedoch einige nicht bekannt sein dürften. Die meisten finden sich in den USA und Israel, die größte in Moskau. Gemeinsam ist ihnen der Anspruch, dass Lernen ohne Zwang und Noten möglich sein soll. Ein ziemlich toller Anspruch, doch wird der eingehalten? Im deutschsprachigen Raum sind die Alternativschulen meist Gemeinschaftsschulen bis zur 10. Klasse. Dort sieht der Schulalltag ziemlich anders als an der Regelschule aus: Es gibt in einigen Schulen keine festen Klassen, keinen Lehrplan und keine Unterrichtspflicht. Ein Jahr nur Lust Fußball zu spielen? Kein Problem. Willst Du aber etwas lernen, dann stehen Dir, wenn Du willst, die Mitarbeiter_innen oder Teamis mit Rat zur Seite. Natürlich gibt es keine Noten und auch sonst keine ungefragten Einschätzungen. Doch am Ende steht doch oft die staatliche Prüfung, die teilweise in der Schule abgelegt werden kann. Die Schule kostet meist etwas, was – auch wenn es manchmal die Möglichkeit gibt, für Eltern, die Hartz 4 beziehen, nichts zu bezahlen – auf ärmere Menschen eine abschreckende Wirkung haben könnte.

Das System kennt keine Grenzen
Angenommen, die Eltern konnten sich das leisten, war die Schulzeit bis zur Prüfungszeit wenigstens schön und ohne Schulangst. Doch halten die Schulen was sie versprechen? Vielleicht liefert die Antwort ja ein „Spiegel“-Journalist, der sich bei einem Besuch einer Alternativschule dafür interessierte, „wie gut die Schüler mithalten können“ und zufrieden feststellte, dass keine „Leistungsverweigerung“ stattfand. Er hätte sich ja auch fragen können, ob es den Schüler_innen gut geht und wirklich kein Zwang existiert. Indem er stattdessen aber diese Fragen stellte, beklatscht er den Zweck der Ausbildung im Kapitalismus und fragt sich, ob die Herstellung von fittem Menschenmaterial, das in die jeweiligen Berufshierarchien einsortiert wird, in Alternativschulen auch gut genug klappt.
Im deutschen Grundgesetz heißt es, das „gesamte Schulwesen steht unter Aufsicht des Staates“. Alle, die eine eigene Schule gründen wollen, müssen nachweisen, dass sie dieselben „Lehrziele“ haben. Und die haben es in sich, werden sie doch an den Anforderungen des Standorts Deutschland gebildet. Wie aber gehen Demokratische Schulen damit um? Wird zum Beispiel immer darauf hingewiesen, dass es wirkliche Selbstbestimmung nicht geben kann, solange es diese „Lehrziele“ gibt? Dass es enge Grenzen für Alternativschulen gibt und sie zwar einiges netter machen dürfen, aber nur, wenn sie auch tendenziell fit für den Standort machen? Dass es die Gefahr gibt, dass der Zwang zwar nicht von außen kommt, aber die Einzelnen sich den Druck selber machen? Dass die Schüler_innen in diesen Schulen also lernen könnten, sich selbst so gut zu regulieren und zur Arbeit zu
zwingen, wie es kein Staat könnte? Leider fehlt das oft. Ja, einige Alternativschulen brüsten sich sogar mit dem beruflichen Erfolg ihrer früheren Schüler_innen. Wie absurd: Da wird eine Schule hingestellt, die die praktische Kritik an den staatlichen Regelschulen darstellen soll und deren ganz großer Erfolg ist was? Dass die hier ausgebildeten Schüler_innen später die Besten auf der Regelschule und in der kapitalistischen Konkurrenz sind. Auch eine Auseinandersetzung damit, dass es vielleicht gerade einen kapitalistischen Bedarf für Alternativschulen als Nische gibt, in denen eine gewisse Anzahl von highly kreativen Menschen hergestellt wird, sollte in den Schulen Gegenstand der Diskussion sein. Eine Demokratische Schule, die sich als Nische einrichtet, ist keine Alternative. Sie müsste auf diese Nische immer selber wie auf einen wunden Punkt hinweisen und kritisieren, dass aus ihren bereits aus eher reicheren Familien kommenden Schüler_ innen sicherlich meist nicht die Kellner und Hilfsarbeiterinnen der Zukunft werden, für die in einer marktwirtschaftlich organisierten Ökonomie nicht so viel Bildungsaufwand betrieben werden soll. In dieser müsste über die systemischen Grenzen freundlicher Bildung, über den Zweck von Ausbildung im Kapitalismus und über Lohndifferenzierung unterrichtet werden. In einigen Schulen geschieht das, aber es entspringt oft noch nur der persönlichen Motivation einzelner Mitarbeiter_innen.

Und nun?
Trotz dieser Kritik ist der Schulalltag in Demokratischen Schulen oft netter und ich hätte mir gewünscht, auf eine solche zu gehen. Doch wenn ich mir mal anschaue, wo ich am meisten gelernt habe, fällt mir auf, dass es da noch eine ganz andere Alternative gibt, die oft vergessen wird und in der es noch viel selbstbestimmter zugeht: Ich war in selbstorganisierten Wochenendseminaren, auf linken Kongressen und Sommercamps, diskutiere in politischen Gruppen und wenn ich mich für ein Buch besonders interessiert habe, habe ich das in selbstorganisierten Lesekreisen gelesen. Und genau in diesen ließe sich sicher so gut wie nirgendwo die Diskussion führen, ob eine andere Schule unter den Zwängen der kapitalistischen Produktionsweise möglich ist.

Zum Weiterlesen:
Peter Bierl: „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister.
Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik“, erschienen 1998 im Konkret Literaturverlag, 272 Seiten, 12 Euro.

„Die Antwort ist 27“ – Eine ganze Generation von Linken wurde von dem Kampf um Kinderläden und für antiautoritäre Erziehung geprägt. Doch das ist Vergangenheit. Heute gibt es keine linke Erziehung mehr. Text von Felix Klopotek

„Bundesverband Alternativschulen“

Lehr mich nicht voll

Wie der Terror in der Lehre weitergeht und was sich als Azubi dagegen machen lässt

„Junge? Warum hast du nichts gelernt?“ – 1,4 Millionen Menschen befanden sich 2013 in der sogenannten Berufsausbildung. Diese wird vom deutschen Staat und Arbeitgebervereinigungen als große Chance für Jugendliche angepriesen. Warum die weniger an deiner Zukunft oder deiner Person, sondern an deiner Arbeitskraft interessiert sind, und wie bisher und zukünftig versucht wurde, da trotzdem das Beste rauszuholen, versuchen wir hier zu klären.

Die Anzahl der Auszubildenden sinkt. Immer weniger Leute entscheiden sich für eine Berufsausbildung, also eine Ausbildung direkt in einem Betrieb, die mit theoretischer wie praktischer Prüfung beendet wird. Aber immer mehr Jugendliche machen Abitur, wenn sie können.
Unternehmen verschiedener Branchen beklagen, dass sie ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen können, weil sie keine_r haben will. Deshalb machen Firmen oder auch die Bundesagentur für Arbeit viel Werbung für ihre tollen Ausbildungsstellen. Die Leute sollen sich am Besten schon während der Schulzeit entscheiden, welchen Beruf sie erlernen wollen und sich dafür eine Stelle suchen. „Bäcker, Polizist, Astronaut“ (ausbildung.de) – angeblich ist alles dabei. Doch wieso braucht es überhaupt eine derartige Imagekampagne und wieso sinken die Bewerber_innenzahlen? Dass die Zahlen sinken, liegt unter anderem an der miesen Bezahlung und daran, dass die Arbeitsbedingungen während der Ausbildung besonders schlecht sind. Daran mal wieder mitschuldig ist, wer hätte es gedacht, der alte Arsch Kapitalismus.

Schlecht ausgebildet, gut ausgebeutet
In Deutschland gibt es verschiedene Formen der Berufsausbildung. Meistens ist so eine Ausbildung dual, das heißt: Leute gehen zum einen in die Berufsschule, wo es Unterricht in den üblichen Schulfächern und zu speziellen Fachkenntnissen gibt. Zum anderen arbeiten sie im Betrieb und erlernen dort die berufliche Praxis. Die Arbeit, die Azubis real machen und der Aufwand, der Berufsschule bedeutet, sind groß. Meist werden sie im Betrieb einfach als Vollzeitkräfte eingesetzt und viel Verantwortung an sie übertragen. Bezahlt werden Azubis aber schlecht. Die „Vergütung“ bei Azubis beträgt zwischen 300 und 650 Euro monatlich, je nach Beruf und je nach Lehrjahr. Bei einer durchschnittlichen Arbeitszeit von 30 – 40 Stunden pro Woche kommt man da auf einen kümmerlichen Stundenlohn von 4 Euro die Stunde. Also noch nicht mal die Hälfte des derzeitigen Mindestlohns, der ja auf Biegen und Brechen mit unzähligen Ausnahmen eingeführt wurde. Der geringe Lohn bedeutet, dass Auszubildende auf Unterstützung von Eltern und auf andere Förderungen angewiesen sind. Wer zuhause wohnt, bekommt keine staatlichen Förderungen.

Was all die anderen starten, sieht wie ’ne Landung aus.
Wer was davon hat, sind vor allem die Betriebe. Und natürlich Väterchen Staat. Oft wird die Ausbildungszeit zu lange angesetzt. Die wichtigen Skills hat man spätestens nach den ersten zwei Lehrjahren drauf, im dritten ist man vor allem eine unschlagbar günstige Arbeitskraft. Auch die Arbeitslosenstatistik für Deutschland sieht dann besser aus. Sobald Leute die Schule mit einem Abschluss oder nach Ende der Schulpflicht verlassen, befinden sie sich nämlich auf dem sogenannten „Arbeitsmarkt“. Das bedeutet auch, sie tauchen in der Arbeitslosenstatistik auf, wenn sie nicht in ein Beschäftigungsverhältnis kommen oder studieren gehen. Um die Zahlen zu senken, werden die Leute vom Jobcenter in wenig sinnvolle Umschulungs- oder Umorientierungskurse gesteckt. Wer das vermeiden will, muss sich eine Lehrstelle suchen. Also nix mit großen Chancen. Bildungsministerin Wanka hat es 2012 selbst in einer Broschüre ganz gut auf den Punkt gebracht: „Die berufliche Bildung qualifiziert junge Leute und sichert so den Fachkräftebedarf der Zukunft. Damit entscheidet sie auch über die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand unseres Landes.“ Also auch nix mit gutem Leben für alle, sondern Kapitalismus und Schland.

Wer ist hier der Boss? Leider keine Frage.
Für Azubis ist es schwerer als für Angestellte, Arbeitsrechte durchzusetzen und die Chefs dazu zu bringen, die Schutzgesetze einzuhalten. Rassistische Sprüche, sexistische Ansagen oder Übergriffe am Arbeitsplatz kommen fast überall vor. Zum Beispiel müssen Bewerber_innen mit Namen, die nicht deutsch klingen, durchschnittlich sieben Bewerbungen schreiben, bis sie irgendwann eingeladen werden. Hans Müller muss nur fünf schreiben. Hans Müller hat auch größere Chancen als Luise Mül ler, eine technische Ausbildung anzufangen. Denn Frauen werden in technischen Berufen immer noch weniger ernst genom men und müssen sich Sprüche anhören, warum sie denn nicht Krankenschwester werden. Sich dagegen zu wehren ist in diesen Abhängigkeitsverhältnissen alleine schwerer, als wenn man in einer großen Gruppe organisiert ist. Vor allem in kleinen Betrieben, in denen man vielleicht sogar jeden Tag mit den Arbeitgeber_innen zusammenarbeiten muss. So oder so ist es aufwendig, eine Ausbildung abzubrechen oder den Betrieb zu wechseln. Je nach Schulabschluss ist absehbar, dass nach einer Kündigung die Suche nach einer neuen Stelle noch schwerer sein wird. Wer nach einem neuen Ausbildungsbetrieb sucht, muss denen erklären, dass und warum er_sie abgebrochen hat.

Bück Dich Hoch
Ein weiteres Problem ist, dass es keine Garantie gibt, den Arbeitsplatz nach der Ausbildung zu behalten und eine feste Stelle zu bekommen. Nach den durchgestandenen Lehrjahren und der abschließenden Prüfung müssen sich Leute dann fragen: „Werde ich übernommen? Darf ich in diesem Betrieb bleiben?“ Obwohl Solidarität unter den Auszubildenden wichtig wäre, wird es durch diese Situation schwer gemacht, zusammenzuhalten. Für manche ist daher die Berufsschule der einzige Ort, wo sie sich mit anderen Azubis über ihre Erfahrungen und Missstände austauschen können und Verbündete haben, auch wenn die Zeit in der Schule selbst scheiße sein kann. Schulprobleme, von Langeweile bis Mobbing, gibt’s auch hier und schwänzen ist schwieriger, weil es viel strenger überprüft wird und überhaupt Fehlzeiten nur sehr gering sein dürfen. Trotzdem braucht es den Austausch mit anderen, um zu erfahren, dass es denen genauso geht, oder dass es eigentlich anders sein sollte. Und um sich gegen diese Umstände zu verbünden.

Strike The Pain Away
Dass der ganze Stress und die Hetzerei nicht jeden Tag geschluckt werden müssen, dass haben Lehrlinge schon einmal gezeigt. 1968 gilt als Jahr der Studierendenrevolte. Doch auch die Lehrlinge haben sich organisiert, gestreikt und gekämpft. 1967 war das Streikrecht für Lehrlinge noch stark eingeschränkt, sie galten in den Betrieben oftmals nicht als „richtige Arbeiter“, Gewalt kam oft vor und am Ende musste noch diverser Stuff für die Inneneinrichtung des Meisters gebaut werden. In den damals häufigen sogenannten „wilden Streiks“ (nicht gewerkschaftlich organisiert) solidarisierten sich jedoch Arbeiter_innen und Lehrlinge und konnten die Ausweitungen des Lehrlingsrechts erkämpfen. Von den ersten Erfolgen angespornt, gründeten sich bundesweit Aktionsgruppen, forderten ein garantiertes Mindesteinkommen, das Verbot von ausbildungsfernen Tätigkeiten (wie Kaffeekochen für den Chef usw.) oder gründeten Lehrlingskollektive und Kommunen. Auf dem Höhepunkt der Bewegung wurde ein Kongress organisiert, an dem über 1500 Lehrlinge teilnahmen. Ab 1972 zerfiel die Bewegung aus verschiedenen Gründen. Das Wissen um sie ist leider kaum noch präsent. Um die Frage zu klären, wie sich Lehrlinge heutzutage organisieren und für ihre Rechte streiken, haben wir ein Interview mit Azubis in der Pflegeausbildung geführt.

YOLO – Streiken für mehr Geld, weniger Arbeit, weniger Stress und mehr Streik
Gerade im Bereich der Pflegeberufe und der Pflegeausbildung berichten viele Auszubildende von einer hohen Belastung. Der Arbeitsalltag ist bestimmt von Stress. Oft werden den Azubis Aufgaben aufgebrummt, die sie eigentlich gar nicht übernehmen dürften. Die vielen Überstunden, die dann gemacht werden, sollten am besten gar nicht aufgeschrieben werden. Das sehen die Vorgesetzten nämlich gar nicht gerne. Pfleger_innen stehen in der Hierarchie dabei meist weit unten und werden höchstens als Handlanger_innen der Ärzt_innen gesehen. Versuche der Aufwertung des Berufs werden zurückgewiesen und der eigene Status verteidigt. So warnte Ulrich Montgomery, der Vorsitzende der deutschen Bundesärztekammer, doch ernsthaft vor einer „Überakademisierung“ des Pflegeberufs. So etabliert sich immer mehr sein Bild von „tatkräftig mit Hand und Herz“ statt mit guter Ausbildung. Der Idealismus der Beschäftigten macht sie dann leider auch oft erpressbar und an so etwas wie Streik ist natürlich schwer zu denken, wenn man Patient_innen hat, deren Leben und Wohlgefallen in deinen Händen liegt. Mit diesen Schwierigkeiten mussten sich auch die herumschlagen, die sich gegen ihre Arbeitsbedingungen wehren wollten. Tamara und Daniel waren Anfang 2014 beim Azubi-Streik dabei, der bundesweit stattgefunden hat.

Warum machen denn Auszubildende einen eigenen Streik?

Tamara: Zu dieser Zeit liefen gerade die Tarifverhandlungen von den Gewerkschaften des Öffentlichen Dienstes. Und weil bei diesen Kämpfen die Azubis normalerweise nur wenig berücksichtigt werden, wurde in verschiedenen Städten unter dem Label yolo2 ein eigener Streik organisiert. Die Forderungen sollten aber alle Beschäftigten betreffen.
Daniel und Tamara: Die Forderungen waren: unbefristete Übernahme für alle Azubis. Mehr Urlaub (30 Tage) für alle, 100 Euro mehr Ausbildungsvergütung und dazu 3,5% mehr Gehalt für Beschäftigte.

Tamara: Die Schwierigkeit war, dass nicht alle für den Streik freigestellt wurden. Obwohl das Recht auf Streik auch für uns Azubis gilt. Wir arbeiten in einem Krankenhaus und da herrschen ja bekanntlich sowieso schlechte Arbeitsbedingungen, aber wer sich dagegen wehren will, mit Protesten und gerade Streik, wird von vielen anderen Kolleginnen und Kollegen abgehalten. Sie waren genervt, weil sie mit der Arbeit, die eben trotzdem anfällt, nicht alleine sein wollten. Azubis wurden zum Teil persönlich unter Druck gesetzt, ihnen wurde die Verantwortung vorgehalten, die sie den Kollegen und den Patienten gegenüber hätten.

Daniel: Andere Azubis wurden auf ihren Stationen einfach nicht informiert und wieder anderen wurde von ausgelernten Fach kräften schlicht verboten zu streiken. Und die haben durch ihre Position einfach eine Autorität, die sehen wir dann auch jeden Tag wieder.

Tamara: Trotz alledem waren wir viele Auszubildende, die in der Stadt demonstriert haben. Wir haben noch weitere Azubis von ihren Berufsschulen abgeholt – eine komplette Erzieher_innenschule wurde sogar für den Tag geschlossen, weil alle Schüler_ innen weg waren!

Daniel und Tamara: Naja, aber die Forderungen wurden trotzdem nicht so wirklich erreicht: 28 Urlaubstage für Azubis und 30 für Beschäftige. Besonders beim Gehalt haben wir viel weniger bekommen, als gefordert. Und übernommen werden auch nicht alle, aber durch verlängerte Übernahmeregelungen soll es einfacher werden.
Daniel: Ein paar Tage nach dem yolo2 -Streik gab es noch einen für alle Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Aber da waren ganz, ganz wenige Angestellte aus unserem Krankenhaus. Die Ausreden waren fast immer die gleichen: Die Kolleginnen dachten, dass es nichts bringt und sogar mehr Arbeit macht, wenn „die anderen da hin gehen und sich nen schönen Tag machen, müssten sie „doppelt und dreifach“ arbeiten“. Wir haben versucht, mit einigen Kollegen darüber zu reden und ihnen zu erklären, wie wichtig es für alle ist, wenn viele Angestellte des Krankenhauses mitgehen. Aber es hat nichts genützt.

Tamara: Zum Schluss wurde mir nahegelegt, pünktlich zu meinem Dienst zu erscheinen. Aber wir freun uns schon auf das nächste Mal!

Zum Weiterlesen:
„Ausführliche Darstellung der Lehrlingsbewegung und ihrer Geschichte“

„Die Antwort ist 27“ – Eine ganze Generation von Linken wurde von dem Kampf um Kinderläden und für antiautoritäre Erziehung geprägt. Doch das ist Vergangenheit. Heute gibt es keine linke Erziehung mehr. Text von Felix Klopotek

Denn sie wissen nicht, was sie lernen…

Vom heimlichen Lehrplan und dem Sekundärtugendterror
Bruttoinlandsprodukt, Kurvendiskussion, mendelsche Regel … in der Schule werden wir geradezu überhäuft mit Inhalten. Schüler_innen bemängeln häufig, dass sie viel Erlerntes später nie wieder im Alltag brauchen werden. Und von Liberalen gibt es immer wieder die Forderung nach der Einschränkung von Fächern wie Kunst, Philosophie oder Literatur, die für die Wirtschaft kaum verwertbar sind. Wir hingegen sind der Meinung, dass ganz unterschiedliche Arten von Wissen dabei helfen können, diese Welt besser zu verstehen und dadurch auch zu verändern – das kann die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors oder ein Gedicht sein. Zwar würden auch wir uns wünschen, dass man in der Schule mehr über Rassismus, über Kapitalismuskritik oder die Geschichte des Feminismus erfahren könnte. Aber unser Problem mit der Schule in ihrer heutigen Form ist nicht nur dieses „Was“ – die Auswahl der Inhalte, das Ausblenden von grundlegender Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen – , sondern auch das „Wie“. Denn auch wenn wir im Unterricht vielleicht mal von deutschen Kolonialverbrechen erfahren, Texte von kritischen Autorinnen lesen oder die Gefahren der Atomenergie diskutieren: Die Form der Schule bleibt die gleiche und sie richtet uns auf eine Art und Weise zu, die uns zu funktionierenden Rädchen in dieser Gesellschaft macht, ohne dass wir es so wirklich merken. Denn in der Schule geht es nicht nur darum, gewisse Inhalte zu erlernen, sondern auch ganz nebenbei bestimmte „Tugenden“ zu verinnerlichen. Diese „Soft Skills“ sind auch in der späteren Lohnarbeit unerlässlich oder sogar wichtiger als in der Schule gelernte Inhalte. Nicht ohne Grund befürwortet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) „Leistungsbereitschaft, Disziplin und gute Umgangsformen“ und sein Bildungsexperte Thilo Pahl versichert: „In Zeiten eines verschärften Wettbewerbs um knappe Lehrlinge geben Betriebe zunehmend auch lernschwächeren Jugendlichen eine Chance – wenn die Persönlichkeitsfaktoren stimmen.“ Wir würden sogar sagen: Der heutige Schulunterricht taugt nicht besonders gut dazu, tatsächlich Inhalte zu verstehen, und das Erlernen von Wissen und Fähigkeiten ist auch gar nicht sein einziger Zweck. Was meinen wir damit?

Form follows function
Bei jeder Klassenarbeit gibt es Benotungen. Und immer gibt es gute und schlechte Arbeiten. Es werden niemals alle eine 1 oder alle eine 6 erhalten, sondern die Arbeiten werden aneinander gemessen, und heraus kommt so etwas wie eine Verteilungskurve. Wer gut ist, der sticht die anderen aus und macht sie damit zu Verlierer_innen. Das dahinterstehende Prinzip lautet: Konkurrenz. Auf dem Arbeitsmarkt, im kapitalistischen Alltag ist Konkurrenz das, was diese Gesellschaft am Laufen hält. Der Zweck des Schulbesuchs ist es, möglichst gute Noten zu bekommen, um sich in der Konkurrenz mit den Mitschüler_innen durchsetzen. Ganz klar, um eine gute Note zu bekommen, muss sich jemand einiges vom Unterrichtsstoff reinziehen, der bei den Prüfungen abgefragt wird. Da in erster Linie für die Prüfungen gelernt wird, ist es völlig egal, ob danach noch etwas hängen bleibt. Es zählt nur, zum richtigen Zeitpunkt das gewünschte Wissen in der vorgegebenen Zeit abzuliefern. Also trichtert Leute sich ein paar Tage vorher möglichst viel Lernstoff ins Gehirn, um ihn dann punktgenau wieder auszukotzen. Am Ende des Jahres wird dann bei der Abschiedsparty das verhasste Schulbuch ins Lagerfeuer oder zumindest die unterste Schublade geworfen. Dass in der Schule das tatsächliche Erlernen häufig nur Mittel zum Zweck ist, merkt man auch am Erfindungsreichtum von Schüler_innen beim Vortäuschen von Wissen und Verbergen von Unwissen. „Schummeln“ erscheint vielen als total normal, und ist doch irgendwie absurd und fürs Lernen unpraktisch: Würde es tatsächlich um die Inhalte gehen, wäre es doch am Vernünftigsten zuzugeben, dass ich etwas noch nicht begriffen habe und dann so lange daran weiterzuarbeiten, bis ich es eben verstehe. So wie beim freiwilligen Lernen: Wenn ich irgendeinen Skate-Trick noch nicht kann, dann übe ich den samstags im Skatepark so lange, bis ich es schaffe. Doch das individuelle Tempo und Interesse lässt der Notendruck nicht zu. Und im späteren Berufsalltag ist das Verbergen von Unwissen gegenüber der Chefin oft eine wichtige Fähigkeit.
Erfindungsreichtum ist auch angesagt, um sich gegen andere durchzusetzen. Da gibt es immer die Leute, die andere nicht abschreiben lassen – denn was wäre die eigene „1“ noch wert, wenn plötzlich alle eine hätten? Diese Verhaltensweise ist irgend- wie logisch, wenn man immer dazu angehalten wird, auf den eigenen Vorteil zu schielen, anstatt sich beispielsweise die Hausaufgaben zu teilen (Erdal macht Mathe, Yoshio Deutsch, Sophie Chemie, am Ende schmeißen wir zusammen und kriegen alle eine 1!). Spicker beim Lehrer petzen, sich bei ihm einschleimen, Seiten aus Büchern rausreißen, damit andere nicht die richtigen Informationen finden, Notizen nicht weitergeben (denn die faulen Hunde hätten sich ja ruhig mal selber anstrengen können!) – all solche Verhaltensweisen machen nur Sinn, wenn man ein Interesse daran hat, dass die anderen schlechter sind als man selber. Das „Nach oben buckeln, nach unten treten“ des Kapitalismus wird in der Schule fürs Leben gelernt. Wenn es wirklich um gemeinsames Lernen gehen würde, dann würden sie keinen Sinn ergeben: Oder zeigt ihr etwa Euren Freund_innen, wenn ihr Euch beispielsweise zusammen World of Warcraft beibringt, ganz gezielt nicht, wie man ins nächste Level kommt? Helft ihr eurer kleinen Schwester extra nicht, wenn sie ihre Hausaufgaben machen soll? Nein, denn Wissen weitergeben kann echt Spaß machen, und ganz besonders, wenn man gemeinsam was erreichen will. Dieses Steine-in-den-Weg-legen macht nur Sinn, wenn wir andere als Bedrohung unseres eigenen Status sehen. Genauso, wie später unser Arbeitsplatz immer als bedroht wahrgenommen wird, und wir für seinen Erhalt „besser“ als die anderen bleiben müssen: qualifizierter, deutscher, fitter. Diese Logik gilt übrigens auch bei den viel gepriesenen Gruppenarbeiten, die in der Schule zunehmend in Mode sind. Dann stehen eben Gruppen in der Konkurrenz nach außen, und nach innen setzen sich die Schüler_innen praktischerweise gegenseitig unter Druck, ganz ohne Zutun der Lehrerin.
Wie schön also, dass es für uns bereits in der Schule normal geworden ist, dass es eben „die da oben“ und „die da unten“ gibt. Landesweite Standards und Vergleichsarbeiten zementieren diese Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit und ermöglichen jedem und jeder zu wissen, wie „normal“ er oder sie eben im Vergleich zum Rest der Gesellschaft ist. Und wenn‘s dann jemand nicht schafft, dann liegt das am individuellen Versagen, und nicht etwa daran, dass es als Frau, Migrant_in oder Proletarier_in ungleich schwerer ist, nach oben zu kommen.

Mal müssen müssen
Andere Dinge, die man in der Schule „fürs Leben“ lernt, sind zum Beispiel das Überleben in einer Zwangsgemeinschaft: Niemand kann sich aussuchen, mit wem er oder sie in der Klasse ist – du musst dich irgendwie mit den anderen arrangieren. In der Praxis bedeutet das oft, dass sich die Schwächeren den Stärkeren unterordnen und deren Verhaltensnormen übernehmen müssen. Zusätzlich fordern die Lehrenden, sich mit dieser Zwangsgemeinschaft (=Klassengemeinschaft) zu identifizieren. Die scheinbar selbstverständliche Einordnung in die Gruppe wird gefördert durch Veranstaltungen wie Klassenwettbewerbe und identitär befeuert, wenn dann die Klasse „4a“ sich soviel cooler fühlt als die „4b“. Dass es miteinander konkurrierende nationale Kollektive gibt, erscheint in der Verlängerung dann ganz normal. Und dass man sich später nicht aussuchen kann, wie und mit wem man den größten Teil des Lebens verbringt, ebenso. Wir lernen auch, dass andere über unsere Lebenszeit verfügen. Es erscheint uns normal, dass eine Institution uns jeden Tag nötigt, bei Kälte und Dunkelheit aus dem Haus zu torkeln, Pünktlichkeit ist selbstverständlich, selbst vor dem Toiletten- gang muss schön gefragt werden, und eine Krankheit muss die Ärztin bestätigen. So wie später auch im Arbeitsleben kann niemand entscheiden, ob der Morgen nicht zu früh zum Aufstehen ist, ob jemand an einem sonnigen Nachmittag lieber an den See fahren will, wann endlich mal Urlaub angesagt ist. Klar ist es in jeder Gesellschaft notwendig, sich mit anderen abzustimmen bei gemeinsamen (Lern- ) Projekten und auf sie Rücksicht zu nehmen. Aber die Unterdrückung spontaner und individueller Bedürfnisse ist keine Notwendigkeit – Gesellschaft könnte auch anders eingerichtet sein. Doch 9 bis13 Jahre Schule lassen das alles schnell als natürlich erscheinen.
Damit geht einher, dass wir in der Schule lernen, die Autorität von Vorgesetzten zu akzeptieren. Deren Notengebung beeinflusst unser Selbstbewusstsein in der Gegenwart und entscheidet über unsere Zukunft – Schulempfehlungen, Ausbildungs- und Uniplätze – , obwohl Noten doch nur scheinbar objektiv sind, sondern auch von Sympathien, Neigungen und politischen Einstellungen der Lehrer_innen abhängt. Und anstatt Aufträge zu hinterfragen, sollen Schüler_innen einfach machen, was von ihnen verlangt wird und sich somit unter die Zwecke einer Auto- rität oder Institution unterordnen. Das schließt auch so absurde Sachen ein wie das Wahren einer bestimmten vorgegebenen Ordnung bei der Gestaltung von Heft oder Mappe – als ob gutes Lernen davon abhängt, ob ich an meine Zettelränder Strichmännchen male oder nicht. Doch „gute Schüler“ verinnerlichen eben Gebote und Verbote. Dann muss jemand gar nicht im Politikunterricht etwas über die Verfassung gelernt haben, um ganz nebenbei zur guten Staatsbürger_in zu werden.

Kopfnote – das war kein Selbstmord, das war Mord
Die kritische Bildungsforschung sprach nach der 68er-Bewegung in diesem Zusammenhang vom „heimlichen Lehrplan“. Doch so heimlich ist dieser Lehrplan gar nicht: So sollen die Schüler_innen in Bayern laut Schulgesetz zur „Ehrfurcht vor Gott, (…), Liebe zur bayrischen Heimat und zum deutschen Volk“ (kein Scheiß!) erzogen werden, in Berlin immerhin noch dazu „ihre Aufgaben als Bürgerinnen und Bürger … wahrzunehmen“. Sie erhalten also einen Grundkurs in sozialen Regeln, um in der Schule und damit auch der weiteren Gesellschaft klarzukommen. Das mag auch freundliche Seiten haben, wenn man etwa nebenbei erlernt, dass man andere ausreden lässt, Probleme nicht mit körperlicher Gewalt löst oder Menschen in der (Klassen-)Gemeinschaft auch in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren lernt. Aber schulische Sozialisation umfasst eben auch all die oben beschriebenen Verhaltensformen und sind gerade in Schulen, die nicht zum Abitur führen, einer der zentralen Lerninhalte. Die Klagen deutscher Chefs über „schlampige Azubis“ und einer Jugend, der mal wieder gehörig Benehmen beigebracht werden müsse, finden hier ihre Antwort. So bereiten die „Kopfnoten“, mit denen in einigen Bundesländern soziales Verhalten bewer- tet wird, auf die im Betrieb notwendigen „Soft Skills“ vor. Schule hat sich damit teilweise auch veränderten ökonomischen Bedingungen angepasst: Sie ist weniger autoritär geworden, und die Verantwortlichkeiten für „richtiges“ Verhalten werden zunehmend in die Schüler_innen selbst ausgelagert. Die Noten vergeben beispielsweise nicht mehr ausschließlich die Lehrer_innen, sondern Schüler_innen sollen sich gegenseitig oder selbst bewerten. Sie dürfen aber nach wie vor weder darüber entscheiden, was sie lernen wollen, noch darüber, nach welchen Kriterien und ob sie überhaupt bewertet werden wollen. Der Druck der Konkurrenz wird also nicht abgeschafft, sondern Schüler_innen sollen ihn sogar noch gegen sich selbst durchsetzen. Während man früher wenigstens auf ungerechte Lehrer_innen und ihre schlechten Noten schimpfen konnte, ist man jetzt für sein eigenes Unglück auch noch selbst verantwortlich, weil man sich die 5 mithilfe des Kontrollbogens selber eingetragen hat.
Die Schule ist angeblich zum Lernen da, aber dafür ist sie ziemlich unklug eingerichtet. Weder kann man sich aussuchen, was man lernt, noch mit wem zusammen man das lernt, noch wer einem diese Sachen beibringt. Und auffälligerweise werden diejenigen, denen Lernen am Schwersten fällt, in Schulen abgescho- ben („versetzt“), in denen sie auf jeden Fall sehr wenig lernen werden, anstatt sie ganz besonders zu fördern. Die Schere zwischen Schüler_innen, die bei Vergleichstests sehr gut oder eben sehr schlecht abschneiden, ist in Deutschland so groß, wie in nur wenigen anderen Ländern. Als Problem wird das aber nur gesehen, wenn auf einmal zu wenig Arbeitskräfte da sind: „Wir brauchen jeden“, heißt es dann zum Beispiel in der „Berliner Erklärung zur Nachwuchskräftesicherung für Unternehmen durch Ausbildung“. Allen Schüler_innen zu ermöglichen, möglichst gut und viel zu lernen ist also kein Selbstzweck, sondern dient nur dem Ziel, die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zu befriedigen. Und wenn der gerade wenig oder keine Menschen braucht heißt das im Zweifelsfall: Pech gehabt.
Ob nun bei Assassin‘s Creed oder im Skatepark mit Freund_ innen: Gutes Lernen geht eben anders.

Zum Weiterlesen:
„Deutschlands wichtigste Ressource“ – Die Broschüre der AG „Hitzefrei bei jedem Wetter“ der Gruppe redical m aus Göttingenkritisiert den Zweck von Pädagogik im Kapitalismus
„Wieso? Weshalb? Warum? Macht die Schule dumm?“ – Text von Freerk Huisken
„Mythos Intelligenz“ – Text der Zeitschrift Streifzüge
„Wie Krank feiern? Tipps“
Ronald M. Schernikau: „Kleinstadtnovelle“, Taschenbuch, 10 Euro.

Mach Dich besser, bück Dich hoch, burn dich aus

In Kürze erscheint die zehnte Straßen aus Zucker zu dem ganzen Elend der Bildung unter den hiesigen Verhältnissen und wie sie in Schule, Lehre und Uni zur Ausbildung verwurstet wird. Zur Einstimmung ein song, den doch immer wieder zu hören lohnt