Archiv für März 2014

Süßes kommt mit Saurem

Kolonialismus und die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise

Was haben Rassismus und Zucker gemeinsam? Sie sind heutzutage in aller Munde. Die Geschichte des Kapitalismus steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung rassistischer Vorstellungen und Strukturen. Da wir Straßen aus Zucker fordern, ist es notwendig der Geschichte dieses kolonialen Produkts auf den Zahn zu fühlen. Wie ihr merken werdet, ist der historische Beigeschmack alles andere als süß.

Erst seit etwa 1000 Jahren wissen die in Europa lebenden Menschen, dass es Zucker gibt. Die Geschichte des Süßstoffes kostete nicht nur vielen die Zähne sondern auch zahlreiche Menschenleben. Die Technologie des Zuckerrohranbaus wurde ursprünglich von Persern entwickelt. Seit dem 8. Jahrhundert wurde Zuckerrohr in Gebieten des Nahen Ostens und im Mittelmeerraum kultiviert. Spanische und portugiesische Kolonialisten errichteten seit dem 16. Jahrhundert Zuckerrohrplantagen in den gewaltvoll eroberten Gebieten der „Neuen Welt“.

Zucker, Brot und Peitschen
Der Wandel des Zuckers vom luxuriösen Statussymbol zum Massenprodukt in Europa wurde erst durch den Kolonialismus möglich. Portugiesische Eroberer gründeten im Jahre 1532 Brasiliens erste Zuckerrohrplantage. Der Reichtum der Kaufleute, die mit dem „Weißen Gold“ handelten, beruhte auf der Arbeit von Sklav_innen. Neben der Zuckerproduktion wurde die Sklaverei als Modell der Arbeitsorganisation auch in anderen Branchen üblich und zu einem zentralen Faktor für die Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise. Durch die hohe Anzahl von Versklavten wurden enorme Profite erzielt. Sie erhielten keinen Lohn und waren häufig lebenslang von den Kolonialherren abhängig. Wie auf den Zuckerplantagen, war auch die Produktion anderer Güter auf den Export orientiert. Anstatt die dort lebenden Menschen zu ernähren und nach ihrem Bedarf Lebensmittel anzubauen, wurde der fertige Zucker hauptsächlich nach Europa verschifft und verkauft. Da er als Konsumgut in Massen produziert wurde, wurden Kolonialwaren für die europäischen Arbeiter_innen verfügbar. Sie wurden zu den Hauptverbraucher_innen von u.a. Zucker, Tabak, Tee und Rum. In diesem Sinne wurde die koloniale Sklavenarbeit wirtschaftlich integriert, das heißt, europäische Arbeiter_innen stellten ihre Arbeitsfähigkeit durch den Konsum erschwinglicher Lebensmittel sicher. Zu den wichtigsten zählten Brot und die genannten Kolonialwaren seit den 1650ern. In einem größeren Zusammenhang betrachtet, also von der kolonialen Zuckerproduktion durch Versklavte bis zum Bauch des Arbeiters in Europas, war die Einrichtung von Plantagen entscheidend für die Bildung einer internationalen Arbeitsteilung. In dieser sind die europäischen Lohnabhängigen von den Sklav_innen geografisch und sozial getrennt. Beide waren, wenn auch unter sehr verschiedenen Bedingungen, dazu gezwungen für den Profit anderer zu arbeiten. Doch nicht nur die billige Sklavenarbeit verschaffte den kolonialen Zuckerkapitalisten einen enormen Konkurrenzvorteil auf dem entstehenden Weltmarkt. Ein ebenso lukratives Geschäft wurde der Sklavenhandel.

Dr(ei)eckshandel
Die ersten kolonialen Unternehmungen der europäischen Herrschaftshäuser und Handelsgesellschaften führten etwa in Südamerika, Teilen Nordamerikas und der Karibik zur Vernichtung von bis zu 95% der dort lebenden Bevölkerung. Die häufigsten Todesursachen neben gezieltem Mord waren die Arbeitsbedingungen und die neuen Krankheiten, die die Europäer_innen mitbrachten. Nach dieser massiven Entvölkerung konnten die Plantagen durch die Einfuhr afrikanischer Sklav_innen weiter betrieben werden. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts entwickelte sich ein Handelsverkehr über den Atlantik hinweg. Im Dreieck von Europa, Westafrika und den Amerikas wurden Güter getauscht und versklavte Menschen zu Waren gemacht. Beginnend in Europa ließen die Händler Schiffe u.a. mit Waffen, Textilien, Alkohol und Manufakturwaren beladen. Die Schiffe segelten zu westafrikanischen Küsten, wo sie die mitgebrachten Waren gegen Sklav_innen eintauschen konnten. Schon den Weg zum Schiff überlebte nur jede_r vierte afrikanische Gefangene. Im Kurs auf den amerikanischen Kontinent landeten die Schiffe auch in der Karibik und in Brasilien. Dort wurden die verschleppten Menschen auf Sklavenmärkten meistbietend versteigert. Die Zahl der systematisch nach Amerika deportierten Versklavten, die die Überfahrt überlebten, lässt sich auf 20 Millionen Afrikaner_innen schätzen. In 400 Jahren transatlantischem Sklavenhandel wurden insgesamt mindestens 40 Millionen Menschen als Sklav_innen verschleppt und verkauft. Auf dem Weg nach Europa wurden die Schiffe der Kaufleute hauptsächlich mit Zucker beladen, denn er wurde eine der wichtigsten kolonialen Exportwaren. Er war das Produkt der Arbeit von Versklavten, die auf den Zuckerrohr- und Baumwollplantagen unter den modernsten und zugleich härtesten Bedingungen schufteten.

Überall nur Unmenschen
Ein weiteres Produkt des europäischen Kolonialismus ist die Vorstellung, dass die „weiße“ gegenüber anderen angeblichen „Rassen“ überlegen sei. Was im 16. Jahrhundert mit Eroberung und Raub begann, wurde zu einem ausbeuterischen Kolonialsystem der Zwangs- und Sklavenarbeit ausgebaut. Rassismus ist die Ideologie mit der diese Ausbeutung gerechtfertigt wurde. So wandelbar wie heute waren rassistische Vorstellungen auch schon in ihrer Anfangszeit. Die vermeintliche Minderwertigkeit der Versklavten wurde als „natürlich“ erklärt im Fingerzeig auf ihre andere Hautfarbe. Die Gewalt erschien dadurch gerechtfertigt, dass „Schwarze“ von „Weißen“ nicht als Menschen anerkannt wurden. In Südamerika und auf den karibischen Inseln etwa erließen die Kolonialisten um 1640 rassistische Gesetze um die Versklavten gänzlich zu entrechten. Sie zu töten wurde zum Recht der „weißen“ Herren. Dagegen übten die Versklavten nicht selten Widerstand. Der Sklavenaufstand in der französischen Kolonie Sant-Dominique, dem späteren Haiti, führte zur Revolution. Die Versklavten töteten die „weißen“ Herrscher, zerstörten ihre Zuckerrohrplantagen und trieben damit die europäischen Preise für Zucker in die Höhe. Die Bestrebungen das „Weiße Gold“ in Europa zu produzieren wurden durch diesen Sklavenaufstand verstärkt und führten schließlich dazu die industrielle Verarbeitung von Rübenzucker zu fördern.

Von den Kolonien zur Herrschaft des Kapitals
Das Kolonialsystem beruhte auf brutalster Gewalt und bildete einen wichtigen Moment in der Entstehung des Kapitalismus. In der Produktion von Nahrungsmitteln wird der Unterschied zum vorherigen Feudalismus deutlich: In ihm gab es vornehmlich eine bedarfsorientierte, aber mangelhafte Selbstversorgung der zu Frondiensten verpflichteten Leibeigenen. Im Kapitalismus hingegen arbeiten Lohnabhängige auf die Profite einer bereits reichen Minderheit hin und müssen selbst für ihre Lebensmittel bezahlen. Zugleich hungert jede_r Achte, alle drei Sekunden verhungert heutzutage ein Mensch. Und Sklaverei gibt es immer noch. Als weltumspannende Produktionsweise hätte sich der Kapitalismus ohne Sklavenarbeit und -handel nicht in dieser Form durchsetzen können. Ausgehend von Europa beförderte auch die Entwicklung des modernen Staatsschulden- und Steuersystems die weltweite Etablierung kapitalistischer Verhältnisse. Das Startkapital für den Bau von Fabriken in Europa stammte zu einem großen Teil aus den kolonialen Profiten. Die fabrikmäßige Industrialisierung sicherte zwar den technischen Fortschritt, verschlechterte aber die Arbeits- und Lebensbedingungen vieler Europäer_innen. Karl Marx schrieb dazu, dass die unverhüllte Sklaverei in der „Neuen Welt“ die verhüllte Sklaverei in der Lohnarbeit ermöglichte. Durch den europäischen Kolonialismus wurden die Startbedingungen für den Wettbewerb auf dem Weltmarkt nicht nur ungleich verteilt, sondern die Kolonien waren z.T. jahrhundertelang ökonomisch, sozial und kulturell abhängig. Viele sind es heute noch, trotz ihrer Ablösung von der politischen Fremdherrschaft, welche vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg in Unabhängigkeitsbewegungen gelang. Einige der ehemaligen Kolonien europäischer Staaten sind trotz eigener Regierung und Verwaltung sogar ganz abgehängt in der Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Die internationale Arbeitsteilung geht nach wie vor mit einem ungleichen Tausch einher und zwingt arme Länder dazu ihre vermeintliche „Unterentwicklung“ weiter aufrecht zu erhalten. Ob weltweit unfaire Arbeitsteilung, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen oder moderne Sklaverei: sie alle sind unabdingbar mit dem Kapitalismus verbunden und werden weiterhin durch Rassismus (v)erklärt. Dagegen die weltweite Herrschaft des Kapitals abzuschaffen, bedeutet eine neue Welt zu gewinnen in der niemand mehr erobert wird, niemand mehr erobert.

Weiter zum Thema:

Globalisierung in der Zuckerdose

Kolja Lindner (2011): Eurozentrismus bei Marx.

Etienne Balibar & Immanuel Wallerstein (1990): Rasse-Klasse-Nation. Ambivalente Identitäten. Argument-Verlag.

Karl Marx (1867/68): Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1., Kapitel 24: Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation. Dietz-Verlag.

Routes Sucrées #2 online!

Titelblatt RS #2

„It doesn‘t matter, if you‘re black or white“. If only, Michael! It’s true enough that many do not mind. Skin colour: Mhhh… oatmeal? Pink?
Those who don‘t qualify as white know much more about this. In this second issue of Routes Sucrées we concerned ourselves with racism – another boundary of the world we did not agree on. We tried to find out how these structures arose, how they function and how they are
maintained – still separating us from the beautiful life. To work on this issue wasn‘t easy. How can we write about racism although we ourselves have no direct experience of it? There are people who can choose whether and when they want to deal with racism. That they come from Berlin-Kreuzberg may not be believed, but with a silent „Frankfurt“, „Hamburg“ or „Vienna“ the question about their origin is finally answered. They do not permanently need to explain their sound knowledge of German. They do not need to know the meaning of their name. No demand to integrate or „to leave again“.
What white lies are told to explain. Of overcrowded boats and empty plates. Why „Refugee“ means „fighter“, how activists struggle in the refugee camp in Berlin. And given that we demand streets made of sugar, les Routes Sucrées, it is time to suss out a colonial history that is anything but sweet.

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Sweet Talking: The toten Crackhuren im Kofferraum

The toten Crackhuren im Kofferraum (T.C.H.I.K.) Bei einem solchen Bandnamen muss eindeutig mehr dahinterstecken als Rumgeblödel und Tanzmusik. Oder vielleicht doch nicht? Was Lulu, Nura und Doreen vom Arbeiten vs. Harzen halten, wie die Tour im Vorprogramm von K.I.Z. gelaufen ist und warum sie keinen Bock mehr haben über Nazis zu reden. Hier im Interview.

Saz: Wir müssen euch ja gestehen, dass wir gerade ganz schön aufgeregt sind, mit so berühmten Leuten wie euch zu reden!
Lulu: Ach so nen quatsch, es kennen uns zwar wirklich mittlerweile viele Leute, aber ich muss immer noch zu ’nem Mindestlohn rumackern.
Saz: Na ja, bekannt zu sein bedeutet eben nicht automatisch, auch reich zu sein. Aber z.B. den Song „Ich und mein Pony“ kennen ja echt fast alle Leute.
Das ist uns klar geworden, als wir uns am Mittwoch noch mal getroffen haben und ein bisschen rein gehört haben. Deshalb wollten wir euch fragen: Warum habt ihr das zweite Album so gemacht, wie ihr es gemacht habt? Wie habt ihr euch musikalisch weiterentwickelt? Was habt ihr anders gemacht?

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