Archiv für November 2013

Stop it!

Warum es immer noch Rassismus gibt, obwohl fast niemand Rassist_in sein will

Politik und Medien, Polizei und Behörden, Kirchen und Gewerkschaften, sie alle predigen ununterbrochen Respekt, Toleranz und Integration. Und trotzdem ist rassistische Diskriminierung Alltag. Und trotzdem werden in Deutschland und Europa tagein tagaus Menschen wegen ihres Aussehens oder wegen ihrer vermeintlichen Herkunft beargwöhnt, sortiert, benachteiligt und ausgegrenzt – in der Öffentlichkeit, in Schule und Uni, bei der Suche nach einer Wohnung oder einem Arbeitsplatz, am Wochenende beim Feiern, durch rassistische Polizeikontrollen und durch Schikanen der staatlichen Ausländerbehörde. Rassismus ist offenbar ein Denkmuster, das immer wieder durchschlägt.

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From protest to resistance

Ein Interview zu den Flüchtlingsprotesten in Eisenhüttenstadt

Frühsommer 2013 – Im Flüchtlingslager im brandenburgischen Eisenhüttenstadt nimmt sich ein 21-jähriger Mann, der zwei Monate in der „Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber“ leben musste, das Leben. Er und andere Aktivist_innen hatten eine Demonstration und andere Protesten gegen die untragbaren Zustände in dem Heim und gegen Abschiebungen im Allgemeinen geplant.
Wir sprachen mit einem Refugee-Aktivisten über die organisierten Proteste, sowie über die Probleme, mit denen die Aktivist_ innen zu kämpfen hatten. Aus dem Gespräch ist dieser Artikel entstanden.
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„Don‘t tell me sexism does not exist!“

Interview mit Kate Nash
Kate Nash ist Musikerin, Feministin, hatte ihren ersten Nummer-1-Hit mit 20 und hat nun vor kurzem ihr drittes Album „Girl Talk“ veröffentlicht. Wir sprachen mit ihr über Sexismus in der Musikbranche, ihr politisches Engagement in Ghana und Rassismus in England.

SAZ: Du hast eine neue Band, dein eigenes Record Label, spielst jetzt Bass und kein Klavier mehr. Warum hast Du das neue Album mit Crowdfunding finanziert?

Kate Nash: Ich hatte gerade eine eigenartige Zeit, hatte ziemlich viel Scheiße erlebt und wollte mich da einfach durcharbeiten, ich habe weiter an meinem Album geschrieben. Wenn ich das Album nicht veröffentlicht hätte, wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden, das war wichtig für meine seelische Verfassung. Während der Produktion hat mich das Label plötzlich gekickt.

Deine Musik ist teilweise sehr persönlich. Du hast in einem Interview gesagt, dass du in Songs bestimmte Sachen ausdrücken kannst, die Du sonst nicht sagen könntest. Wie fühlst Du dich, wenn Du solche Lieder dann vor Hunderten Menschen spielst und die Aussagen von Dir mitsingen, die mal sehr schmerzhaft waren?
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Dokumentation: Eine Literaturliste zur Planwirtschaft

Die nicht mehr existierende Gruppe paeris (http://www.paeris.net) hat eine leicht kommentierte Liste von Texten, die sich mit der Frage der Organisation einer postkapitalistischen Gesellschaft beschäftigen, gebastelt, die wir im Folgenden dokumentieren. Wer noch weitere Tipps hat, einfach Mail an saz@riseup.net

Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands, Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Rowohlt Verlag 1971 (ursprünglich erschienen 1930)

Rätemodell als Gegenmodell zu zentraler Planung, um damit verbundene Herrschaft wie im Realsozialismus zu vermeiden.

Cornelius Castoriadis, Workers‘ Councils and the Economics of Self-Managed Society, 1957 (online hier)

Ausführliche Beschreibung eines Rätemodells.

Ernest Mandel, In Defense of Socialist Planning, 1984 (dt.: Zur Verteidigung der sozialistischen Planwirtschaft)

Zentrale Planung plus Demokratie in einer geldlosen Wirtschaft. Reaktion auf die Kritik von Marktsozialist*innen, dass eine Planung der Wirtschaft nicht möglich sei. Wer sich nur für das Modell interessiert siehe hier Kapitel 7, S. 26-32.

Paul Cockshott/ Allin Cottrell, Towards a New Socialism, 1993 (dt.: Sozialistische Planwirtschaft ist möglich oder Alternativen aus dem Rechner, PapyRossa Verlag 2006, neue Ausgabe 2012, (online hier).

Modell demokratischer Planung der Ökonomie ohne Räte. Wie kann die Berechnung von Arbeitswerten der produzierten Güter stattfinden, ist eine zentrale Planung der Produktion mittels Computer beherrschbar.

Takis Fotopolous, Towards an Inclusive Democracy, 1997, (online hier) (dt.: Umfassende Demokratie, Trotzdem Verlag 2003).

Räumlich dezentrale demokratische Planung der Grundbedürfnisbefriedigung. Darüberhinausgehende Bedürfnisse über einen „künstlichen“ Markt vermittelt, um sowohl Bedürfnisbefriedigung als auch Wahlfreiheit zu gewährleisten. Wer sich nur für das Modell interessiert: 6. Kapitel, S. 255-274 (engl.), S.281-301 (dt.)

Michael Albert, Parecon, 2003 (dt.: Trotzdem Verlag 2006)

Dezentrale Planung, die aber nicht in räumlich dezentralen Einheiten stattfindet. Individuelle Pläne werden in einem Prozess zu einem gesellschaftlichen Gesamtplan zusammengefügt. Deutsche Übersetzung z.T. inhaltlich vom Original abweichend, deswegen besser die englische Originalversion lesen. Wer sich Langeweile sparen will, sollte bei Teil 2 des Buches anfangen. Deutschsprachige Kurzbeschreibung. Eine wichtige Diskussion hierzu.

Alfred Fresin, Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft, Peter Lang Verlag 2005 (online hier)

Zentrale Planung der Produktion zur Sicherstellung der Bedürfnisbefriedigung.

Christian Siefkes, Beitragen statt Tauschen, AG SPAK Bücher 2008 (online hier), ein Vortrag von Christian Siefkes Ende 2016

Peer Production: Alle arbeiten worauf sie Lust haben und teilen ihre Erträge mit anderen. Wie kann das nicht nur für immaterielle Güter funktionieren, sondern als Grundlage der materiellen Produktion einer Gesellschaft.

Weitere, teilweise aktuellere Texte und Diskussionen (von Straßen aus Zucker zusammengestellt):

- Eine Diskussion auf dem Ums Ganze-Kongress zum Thema: Wie realisiert man den Kommunismus?

- Eine Diskussion zwischen Thomas Ebermann und Rüdiger Mats, die Teile der Frage streift

- Rüdiger Mats über Was kann man heute bereits über die Organisation einer nachkapitalistischen Gesellschaft sagen?

- Einführung in die Veranstaltungsreihe „Where is an alternative“ der Leipziger Gruppe the future is unwritten

- Rüdiger Mats über Commonismus statt Kommunismus? – Über ein Konzept libertärer Ökonomie ohne Ausbeutung und Herrschaft

- Dietmar Dath, Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen, Konkret Verlag 2015, hierzu ein Gespräch von Thomas Ebermann und Dietmar Dath

- Phase 2 Ausgabe Nummer 36 zu Kommunismus (online hier)

- Felix Klopotek, Rätekommunismus, theorie.org, Frühjahr 2017, 10 Euro

- Ein Text der Londoner Gruppe Angry Workers namens Insurrection and Production, der recht detailliert und sachkundig (die arbeiten in Londoner Warenlagern) durchrechnet, wie in den Tagen nach der Revolution in Großbritannien die Lebensmittelversorgung etc. organisiert werden könnte: (online hier auf deutsch), (online hier auf englisch)

- Veranstaltungsreihe der Berliner Gruppen [pæris] und Plan E: No idea? Eine Diskussionsreihe über Konzepte befreiter Gesellschaft

- Veranstaltungsreihe der Leipziger Ums Ganze-Gruppe the future is unwritten: Where is an alternative?

- Veranstaltungsreihe der Göttinger Ums Ganze-Gruppe Redical M: Where is an alternative?

- Ein Vortrag der Düsseldorfer Gruppe Association debut d‘histoire: Von der Kritik zur Alternative, Teil zu: Computerkommunismus

- jour fixe initiative berlin (Hg.), „Etwas fehlt“. Utopie, Kritik und Glücksversprechen, 2013, 19.80 Euro

- Bini Adamczak, Kommunismus für Kinder. Kleine Geschichte wie alles anders wird, Unrast, Münster 2004

- Bini Adamczak, Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, 2. Auflage, edition assemblage, Münster 2011

- Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (Hg.): Was tun mit Kommunismus?!, 18 Euro, hierzu fanden verschiedene Diskussionsveranstaltungen statt, die als Audio-Datei vorliegen

- Howard Hawkin, Community control, workers‘ control, and the Cooperative Commonwealth“, in: Society & Nature, Vol. 1, No. 3 (1993) (online hier)

- Peter Hudis, Marx’s concept of the alternative to capitalism (online hier)

- Eine Kritik an dem obigem und warum man nicht mit einem „durchdachten planwirtschaftlichen Konzept“ für den Kommunismus werben sollte

Dokumentation: Wie entstand aus der Oktoberrevolution ein Horrorregime?

Wir dokumentieren hier im Folgenden den Text der Gruppe paeris:
„Der real gescheiterte Sozialismus und die real existierende sozialistische Linke“

Dieser Text wurde ursprünglich veröffentlicht in: Gruppe INEX (Hg.), Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik an Stalinismus und Realsozialismus, Unrast-Verlag 2012

Die Lehre aus dem Staatssozialismus ist nicht, die Marktwirtschaft zu verteidigen, sondern mehr über ihre herrschaftsfreie Abschaffung nachzudenken

Die Erfahrung des sich selbst als real existierend bezeichnenden Sozialismus belastet alle politischen Projekte, die sich erneut die Abschaffung gesellschaftlicher Herrschaft zum Ziel gesetzt haben. Einmal, weil der Horror des GuLags, von Überwachungsregimen, Schauprozessen und Mordanstalten jedem Menschen, der sich die befreite Gesellschaft auf die Fahnen schreibt, Schauer über den Rücken jagen muss. Anderseits aber auch, weil dieser Terror in der herrschenden Lesart direkt aus dem Versuch, die Produktion an Bedürfnissen auszurichten, hergeleitet wird. Wer die private Verfügung Besitzender über die Produktion und die Vermittlung über einen Markt ersetzen will durch bewusste Entscheidungen aller Gesellschaftsmitglieder über die Mittel zur bestmöglichen Befriedigung der Bedürfnisse, sieht sich einer gesellschaftlichen Stimmung gegenüber, die zu wissen meint, dass das schon einmal nicht geklappt hat. Deswegen sei es müßiges oder gefährliches Rütteln an gesellschaftlichen Grundfesten, die nicht emanzipatorisch zu überwinden, sondern bestenfalls sozial-staatlich auszugestalten seien. Die Skepsis, wie eine neuerliche Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln diesmal wirklich, wie angekündigt, größere Freiheit als im Kapitalismus ermöglichen könnte, lässt viele, sogar sich als sozialistisch verstehende Linke, lieber auf den Markt, und damit auf eine immerhin bewährte Institution zur Herstellung und Verteilung des Sozialprodukts setzen.

Als einzige Alternative zu Eigentum und Markt erscheint in dieser Sicht die Verstaatlichung der Produktion, die sich im historischen Versuch als teilweise noch herrschaftlicher als der Kapitalismus erwiesen hat. Statt einer Abschaffung des Staates kam es durch die Verstaatlichung der Produktion zu einer noch größeren Konzentration von Macht gegenüber den Lohnabhängigen in den Händen eines Staates, der nun sowohl über die Arbeitsbedingungen als auch die staatlichen Gewaltmittel souverän verfügte.

Dabei war das Ziel eine Demokratie gewesen, in der »zum ersten Mal in der Geschichte der zivilisierten Gesellschaften […] sich die Masse der Bevölkerung zur selbstständigen Teilnahme nicht nur an Abstimmungen und Wahlen, sondern auch an der laufenden Verwaltungsarbeit erheben [wird]. Im Sozialismus werden alle der Reihe nach regieren und sich schnell daran gewöhnen, dass keiner regiert.(«2) So stellte sich das Lenin noch im September 1917, also kurz vor der Oktoberrevolution, vor. »Die Arbeiter werden nach der Eroberung der politischen Macht den alten bürokratischen Apparat zerschlagen, […] sie werden ihn durch einen neuen Apparat ersetzen, gebildet aus eben diesen Arbeitern und Angestellten, gegen deren Verwandlung in Bürokraten man sofort die von Marx und Engels eingehend untersuchten Maßnahmen treffen wird: 1. nicht nur Wählbarkeit, sondern auch jederzeitige Absetzbarkeit; 2. eine den Arbeiterlohn nicht übersteigende Bezahlung; 3. sofortiger Übergang dazu, dass alle die Funktionen der Kontrolle und Aufsicht verrichten, dass alle eine Zeitlang zu >Bürokraten< werden, so dass daher niemand zum ‘Bürokraten’ werden kann.(«3) »Als Endziel setzen wir uns die Abschaffung des Staates, d.h. jeder organisierten und systematischen Gewalt, jeder Gewaltanwendung gegen Menschen überhaupt. [...] In unserem Streben zum Sozialismus sind wir überzeugt, dass er in den Kommunismus hinüberwachsen wird und dass im Zusammenhang damit jede Notwendigkeit der Gewaltanwendung gegen Menschen überhaupt, der Unterordnung eines Menschen unter den anderen, eines Teils der Bevölkerung unter den anderen verschwinden wird, denn die Menschen werden sich daran gewöhnen, die elementaren Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens ohne Gewalt und ohne Unterordnung einzuhalten.(«4)

1. Geschichtliche Entwicklung besteht aus getroffenen Entscheidungen und nicht- gewählten Optionen

Historisch ist die russische Revolution anders verlaufen. Ein ernsthaftes Bemühen, den Staat als der Gesellschaft gegenüber verselbständigte Macht abzuschaffen, kann in Sowjetrussland höchstens für eine sehr kurze Periode nach der Revolution, in den »real-sozialistischen« Staaten in der Folge der russischen Revolution gar nicht gesehen werden. Es entwickelte sich recht bald eine neue bürokratische Schicht, die schließlich die Herrschaft im Land ausübte: im Namen des Proletariats, aber weitgehend ohne Beteiligung der Lohnabhängigen, und durchaus auf den Erhalt der eigenen Macht bedacht. In der historischen Rückschau wird dieses Resultat politischer Auseinandersetzungen und Entscheidungen leicht zur logischen Konsequenz des Versuchs der Abschaffung von Staat und Kapital erklärt. Dabei gab es selbst unter den Bolschewiki in diesem bestimmten historischen Kontext unterschiedliche Einschätzungen und Ideen, welche Mittel und Wege die richtigen wären.

Mit dem Sieg der Bolschewiki in Russland stellte sich die Frage, wie in dem wirtschaftlich rückständigen, kriegsverwüsteten Land – das nicht nur den ersten Weltkrieg mitgemacht hatte, sondern anschließend unter tatkräftiger Beteiligung der westlichen Länder einen zweijährigen Bürgerkrieg auszuhalten hatte («5) — eine Produktion organisiert werden kann, die auch nur halbwegs den dringendsten Bedarf der Bevölkerung deckt. Die Bolschewiki waren, wie alle revolutionären Sozialistinnen dieser Zeit, von einer sich anschließenden Revolution in Westeuropa ausgegangen, die den Krieg beendet und Russland solidarische (Handels-)Beziehungen ermöglicht hätte, damit den Transfer von fortgeschrittener Technologie und organisatorischem Wissen zum Aufbau der Ökonomie. Die Revolution in anderen Ländern blieb aus bzw. wurde wie in Bayern und Ungarn mit Hilfe des Militärs niedergeschlagen. Hingegen verloren die Sowjets als Bedingung für das Ende der deutschen Aggression die Ukraine und das Donezbecken und damit ihre wichtigsten Rohstoffquellen, die Hälfte ihrer Industriegebiete und die wichtigsten Agrargebiete, was die Versorgungsprobleme enorm verschärfte.(«6)

Aus Mangel an organisierten und in der Organisation der Produktion geschulten Arbeiterinnen besannen sich die Bolschewiki zunächst auf die Einsetzung von kooperationsbereiten »kulturell hochstehenden Kapitalisten, die für den >Staatskapitalismus< zu haben und fähig sind, ihn durchzuführen, die dem Proletariat nützlich sind als kluge und erfahrende Organisatoren größter Betriebe, die wirklich Dutzende Millionen Menschen mit Produkten versorgen.(«7) Die ehemaligen Kapitalisten und kapitalistischen Techniker müsse man »als Leiter des Arbeitsprozesses und der Organisation der Produktion nehmen, denn andere Leute, die diese Sache aus der Praxis, aus der Erfahrung kennen, gibt es nicht.(«8)

Lenin zufolge gelangen ohnehin die Arbeiterinnen »zum Sozialismus gerade auf dem Wege über die kapitalistische Leitung der Trusts, über die maschinelle Großproduktion, über Betriebe mit Umsätzen von mehreren Millionen jährlich – nur auf dem Wege über solche Produktionsmaßstäbe und Betriebe.(«9) Er war überzeugt, »dass es unmöglich ist, den Sozialismus aufzubauen, oder einzuführen, ohne bei den Organisatoren der Trusts zu lernen. Denn der Sozialismus ist keine Erfindung, sondern bedeutet, dass die proletarische Vorhut, die die Macht erobert hat, das was die Trusts geschaffen haben, sich zu eigen macht und anwendet. Wo sollen wir, die Partei des Proletariats, die Fähigkeit hernehmen, die Großproduktion nach dem Typus des Trusts, als Trust, zu organisieren,[...] wenn nicht von erstklassigen Fachleuten des Kapitalismus?(«10)

Diese Vorstellung war innerhalb der Bolschewistischen Partei nicht unumstritten. Die Gruppe der Linken Kommunisten wandte sich scharf dagegen. »Wir sind nicht für den >Aufbau des Sozialismus unter der Leitung von Trustorganisatoren< . Wir sind für den Aufbau des Sozialismus durch die Klassenschöpferkraft der Arbeiter selbst, nicht durch die Befehle von >Industriekapitänen< . (…) Der Sozialismus und die sozialistische Organisation der Arbeit werden durch das Proletariat selber geschaffen, oder sie werden gar nicht geschaffen.(«11) Denn »die Einführung der Arbeitsdisziplin in Verbindung mit der Wiedereinsetzung von Kapitalisten in die Leitung der Produktion kann die Arbeitsproduktivität nicht wesentlich steigern, sie wird dagegen die klassenmäßige Selbständigkeit, Aktivität und Organisiertheit des Proletariats verringern. Sie droht die Arbeiterklasse zu versklaven, sie wird Unzufriedenheit sowohl in den rückständigen Schichten als auch in der Vorhut des Proletariats hervorrufen.(«12) Auf dem Ersten Gesamtrussischen Kongreß der Volkswirtschaftsräte Ende Mai 1918 konnte sich die Position der Arbeiterinnendemokratie weitgehend durchsetzen; der von Lenin unterstütze Vorschlag der Einzelleitung von Betrieben fiel durch. Der sich im Laufe des Jahres 1918 immer weiter ausbreitende Bürgerkrieg der vom Westen unterstützen konservativen Kräfte gegen das sowjetische Russland machte dem jedoch bald ein Ende, und die Arbeiterinnendemokratie wich auf Grund der militärischen Notwendigkeiten einer straff zentralistischen Organisation der Produktion. »Soweit die russische Industrie in der Verfügungsgewalt der Sowjetmacht blieb, musste sie sich den Notwendigkeiten der Kriegsführung anpassen. Zunächst wurde die Rüstungsproduktion, bald darauf die gesamte Wirtschaft einem militärischen Regime unterstellt.(«13) Erst nach dem Ende des Bürgerkriegs stellte sich erneut die Frage nach den Organisationsprinzipien der sowjetischen Wirtschaft. Die Fraktion der Arbeiteropposition innerhalb der Bolschewiki vertrat 1921 entschieden, dass der Aufbau einer kommunistischen Ökonomie nicht bürokratisch von oben, sondern nur durch die in den Gewerkschaften organisierten Arbeiterinnen erfolgen könne. Neue Formen der Organisation der Produktion, die die Initiative der Arbeiterinnen einbeziehen, könnten unmöglich von Beamtinnen oder von kapitalistischen Experten für kapitalistische Produktion entwickelt werden, sondern nur durch Ausprobieren durch die Arbeiterinnen, und Freiraum für solches Ausprobieren, entstehen. Wenn auch über die Einbindung bürgerlicher Spezialistinnen Konsens bestand, war die Frage, in welcher Funktion und mit welchem Ziel. Und welchen Lerneffekt im Hinblick auf die Organisation einer sozialistischen Produktion hätte diese Wiedereinsetzung der alten Fabrikbesitzer als nun kommissarische Leiterinnen der Produktion? Zur Debatte stand dabei keineswegs nur der beste Weg zur Steigerung der Arbeitsproduktivität, um den dringendsten Bedarf der Bevölkerung decken zu können, sondern unterschiedliche Vorstellung einer sozialistischen Ökonomie überhaupt – ohne dass dies immer ausdrücklich so diskutiert wurde. («14) »Das Wesen des Streits dreht sich darum, ob wir den Kommunismus mit Hilfe der Arbeiter verwirklichen werden, oder über ihre Köpfe hinweg vermittels der Sowjetbeamten. [...] Es ist falsch, anzunehmen, dass die Leute >der Praxis< , die Techniker, die Spezialisten des kapitalistischen Produktionsaufbaus es plötzlich fertigbringen werden, ihre gewohnten Ansichten und Methoden über die Arbeit, die ihnen anerzogen und von der sie organisch wegen ihres Dienstes für das Kapital durchdrungen sind, aufzugeben und neue kommunistische Wirtschaftsformen zu schaffen beginnen werden (und wesentlich ist ja gerade die Auffindung der neuen Produktionsformen, – die der neuen Organisation und Antriebe zur Arbeit).(«15) Durchgesetzt hat sich Lenins Vorstellung des Wegs zum Sozialismus, wonach zunächst durch Lernen von kapitalistischen Vorbildern die Produktivität gesteigert werden müsse, bevor die Produktion in die Hände der Arbeiterinnen übergehen kann. In den Worten Kollontais, einer prominenten Vertreterin der Arbeiteropposition: »Die Parteispitzen glauben nicht daran, dass die schwieligen Hände der technisch schlecht geschulten Arbeiter die Konturen der Wirtschaftsformen schaffen können, aus denen sich mit der Zeit ein einheitliches System der kommunistischen Produktion entwickeln wird. Es scheint den Genossen Lenin, Trotzki, Sinowjew und Bucharin, dass die Produktion etwas so >Ausgeklügeltes< sei, dass man ohne >Anleitung< nicht auskommen könne; zuerst müssen die Arbeiter >erzogen und gelehrt< werden und dann, wenn sie reifer geworden sind, kann man die Lehrer aus dem Obersten Volkswirtschaftsrat entfernen und den Produktionsgemeinschaften erlauben, die Verwaltung der Wirtschaft zu übernehmen.(«16) Dabei gab es bei allen Beteiligten Klarheit, dass die Produktion noch keineswegs eine sozialistische ist. Die Frage war, wie der Weg dahin aussehen könnte. »Die ganze Katastrophe unserer Wirtschaft, die noch auf dem kapitalistischen Produktionswesen (Bezahlung der geleisteten Arbeit mit Geld, Lohntarife, Kategorien der Arbeit usw.) fußt, in Betracht ziehend, suchen unsere Parteiführer in einer Anwandlung von Misstrauen in die schöpferischen Fähigkeiten der Arbeiterkollektive eine Rettung vor dem wirtschaftlichen chaotischen Zusammenbruch in den Überresten der bürgerlich-kapitalistischen Vergangenheit [...]. Sie sind es nämlich, die den lächerlich naiven Glauben verbreitet haben, dass es möglich sei, den Kommunismus auf bürokratische Weise durchzusetzen.(«17)

Ob der Vorschlag der Übernahme der Produktion durch die in den Gewerkschaften organisierten Arbeiterinnen statt durch die staatliche Plankommission sich unter anderen Umständen hätte durchsetzen können und welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung dieses Vorschlags aufgetreten wären, soll hier nicht diskutiert werden.(«18) Das ist letztlich müßige Spekulation. Beim heutigen Stand der Produktivität und heutigen Bildungsniveau ist eine Verwaltung der Gesellschaft und der Produktion durch die Bevölkerung selbst durchaus vorstellbar.(«19) Es gibt keinen Grund anzunehmen, Menschen könnten prinzipiell ihre eigenen Angelegenheiten nicht kollektiv selbst organisieren und bräuchten dazu immer eine übergeordnete Instanz, der sie unterworfen und zu Gehorsam verpflichtet sind. Deren Notwendigkeit ergibt sich vielmehr daraus, dass eine Mehrzahl für Zwecke tätig werden soll, die nicht ihre eigenen sind. Das sagt nichts darüber aus, was die Bolschewiki mit anderen Entscheidungen hätten erreichen können; das ist hier aber auch nicht die entscheidende Frage. Entscheidend ist, dass die Diskussion über verschiedene Möglichkeiten der Organisation der nachrevolutionären Ökonomie darauf verweist, dass die eingeschlagene Politik der Bolschewiki keineswegs die einzig diskutierte und also auch in diesem historischen Kontext nicht die einzig denkbare war – mithin schon gar nicht von einer sich notwendig aus der Idee des Sozialismus oder der Abschaffung des Privateigentums an Betrieben ergebenden Unterordnung der Arbeiterinnen unter staatliches Kommando die Rede sein kann. Sie zeigt vielmehr grundlegend unterschiedliche Einschätzungen, was eine sozialistischen Produktion bedeuten soll und wie sie erreicht werden kann, welche Bedürfnisse in der Produktion Berücksichtigung

finden können und sollen, welche nicht, und wer das festlegt: nur die Bedürfnisse nach Gütern oder auch die Bedürfnisse der Arbeitenden in der Arbeit, nach sinnvoller und menschengemäßer Betätigung, die dann ihrerseits möglicherweise Mittel zur Verbesserung der Güterproduktion sein könnte. Und entscheiden das kluge Organisatoren der Wirtschaft und der Gesellschaft oder die Arbeitenden selbst?

2. Schaffung von Gegensätzen, die herrschaftlicher Bearbeitung bedürfen

Die Einsetzung bürgerlicher Experten als Leiterinnen der Produktion verhinderte in Russland zunächst unmittelbar die Umsetzung des Prinzips der Wahl und Abwahl der Verantwortlichen, denn von den Spezialisten sollten die Arbeiterinnen ja erst lernen, auch wenn sie volle Einsicht in die Bücher bekommen sollten («20), und auch wenn Lenin darauf besteht, dass die Leitung den Kapitalisten von den Arbeiterinnenausschüssen übertragen wird und ihre Arbeit von den Sowjetorganen überwacht wird. («21) Wahl und Abwahl setzen eine Auswahl befähigter Personen voraus, die bei der Entscheidung für kooperationsbereite ehemalige Kapitalisten als Leiterinnen der Produktion kaum bestand. Und diejenigen, die ausgewählt werden konnten, waren per Definition nicht die Arbeiterinnen, die ja Betriebsverwaltung erst lernen sollten. Bürgerliche Spezialisten konnten auch nicht mit einer »den Arbeiterlohn nicht übersteigenden Bezahlung« für die Sache des Sozialismus gewonnen werden, sondern mussten mit hohen Gehältern gekauft werden. («22)

Problematischer als die Nicht-Anwendbarkeit der »von Marx und Engels eingehend untersuchten Maßnahmen« («23) war der Gegensatz von Leitung und Arbeiterinnenschaft, der dadurch wieder entstand. Aufgabe der Betriebsleitungen war es, eine effiziente Produktion zu organisieren, Aufgabe der Lohnabhängigen war es, sich diszipliniert daran zu beteiligen und sich daran zu gewöhnen, im Interesse aller und so auch im eigenen Interesse zu arbeiten. Dass die Arbeit im kapitalistischen Betrieb allerdings keineswegs unmittelbar das Interesse der Werktätigen ist, sondern oft ärgerliche Notwendigkeit, bleibt dabei außen vor, auch dass das Unschöne an der Arbeit nicht allein deshalb schon wegfällt, weil das Mehrprodukt nicht mehr in private Hände fließt. In einer Situation allgemeiner materieller Not ist zudem die Abhängigkeit des eigenen Wohlergehens vom gesellschaftlichen Zuwachs an Produktivität nicht offensichtlich bzw. übersetzt sich nicht unbedingt in eigenes materielles Interesse, wenn bessere Strategien, um für das eigene Auskommen zu sorgen, verfügbar sind. («24) Das wusste freilich auch Lenin, und forderte deswegen, »bis die höhere Phase des Kommunismus eingetreten sein wird […], die strengste Kontrolle seitens der Gesellschaft und seitens des Staates über das Maß der Arbeit und das Maß der Konsumtion. […] Und diese Kontrolle muss man nicht nur über die verschwindend kleine Minderheit der Kapitalisten […] einführen, sondern auch über diejenigen Arbeiter, die durch den Kapitalismus tief demoralisiert worden sind.« («25)

In einer kapitalistischen Marktwirtschaft besteht der »Anreiz« zu arbeiten, im Zwang, anderenfalls zu verhungern (oder moderner, für die Bundesrepublik: vom Amt seinen Anspruch auf Sozialleistungen gestrichen zu bekommen). Soll genau diese Drohung als unmenschliche aus der Welt geschafft werden, indem die Absicherung der Befriedigung allermindestens der Grundbedürfnisse gesellschaftlicher Zweck wird, stellt sich die Frage, wie die notwendige Beteiligung an der Arbeit und die zur Versorgung der Gesellschaft notwendige Produktivität zustande kommt. »Es ist der Arbeiterklasse, die vom Joch des Kapitals befreit ist, die Möglichkeit gegeben, ihr eigenes, neues, schöpferisches Wort auf dem Gebiete der Auffindung der Antriebe zur Arbeit und der Schaffung neuer, in der Menschheitsgeschichte noch nicht dagewesener Produktionsformen, zu sagen.« («26) Lenin, Trotzki und im Kern der größte Teil der alten Arbeiterinnenbewegung glaubten an eine Mischung von unmittelbarem Eigeninteresse, weil nun die Ausbeutung in der Arbeit wegfalle, und Gewöhnung an freiwillige Mitarbeit, der man gegebenenfalls durch Erziehung und gute Beispiele nachhelfen müsse («27), um die Arbeiter »zur Erfüllung ihrer Pflichten zu zwingen« («28). Hingegen verwiesen die Linken Kommunisten und später die Arbeiteropposition darauf, dass die staatskapitalistischen Wirtschaftsmethoden die Arbeiterinnen in ein passives Element des Produktionsprozesses verwandeln und jede spontane Initiative durch eine bürokratische Zentralisation der Verwaltung ersetzen. Genauso bewirke die von oben aufgezwungene und durch bürokratische Institutionen überwachte Arbeitsdisziplin eine Erziehung zur Passivität. Vielmehr komme es – gerade auch zur Steigerung der Arbeitsproduktivität – auf eine Neuorganisation des Produktions- und Austauschprozesses an. («29) Der Anspruch, durch menschengerechte Gestaltung der Arbeitsbedingungen und eine aktive Beteiligung der Arbeitenden an der Planung und Organisation der Produktion die Arbeit zu einer angenehmeren – oder zunächst realistischer: weniger unangenehmen – Tätigkeit zu machen, schied mit der Niederlage der Arbeiteropposition 1921 im Wesentlichen aus der Diskussion aus. Die Partei stellte sich den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft als ein von oben zu lösendes Problem, für das die richtigen Mittel und Hebel gefunden werden müssten. »Gemäß den Worten des Genossen Lenin hat die Partei die >Avantgarde des Proletariats< in sich aufgenommen, und die auserwählten Kommunisten forschen laboratorisch in enger Arbeitsgemeinschaft mit den Spezialisten in den Sowjetorganisationen nach den Formen der kommunistischen Wirtschaft.« («30) In unterschiedlichen historischen Perioden gab es entsprechend unterschiedliche Einschätzungen, welches geeignete und sinnvolle Mittel seien: mehr Markt und damit stärkeres materielles Eigeninteresse der Produzentinnen, oder mehr Staat und rigidere Vorgaben und Kontrollen, begleitet von Losungen, dass es um die gemeinsame, also auch die eigene Sache gehe – was der Erfahrung der Arbeitenden keineswegs immer entsprach.

Ob und in welchem Maße im Russland der zwanziger Jahre der Weg über eine stärkere Beteiligung der Arbeitenden an der Gestaltung der Arbeit und der Wirtschaftsbeziehungen möglich gewesen wäre und ob dabei eine hinreichende Produktivität zur Versorgung der gesamten Bevölkerung erreicht worden wäre, muss offen bleiben. Wenn aber diese Möglichkeit nicht verfolgt wird, ist bei Abschaffung der Zwänge des Marktes die Einführung von staatlichem Zwang vermutlich die notwendige Alternative. Insofern muss auch die ökonomische Politik Stalins gesehen werden als Versuch der Abschwächung der mit der marktwirtschaftlichen Neuen Ökonomischen Politik verbundenen enormen sozialen Ungleichheit mittels administrativer Vorgaben und letztlich extremen staatlichen Zwangs. Dieser Widerspruch konnte auch später in den realsozialistischen Ländern nicht überwunden werden, solange am unbedingten Führungsanspruch der Partei festgehalten werden sollte, sondern wurde durch jeweils unterschiedliche Politikformen von oben bearbeitet. («31) Moderne Sozialistinnen ziehen aus diesem Dilemma häufig den Schluss, eine Abschaffung des Marktes könne nur zu verschärfter staatlicher Herrschaft führen – denn ökonomische Beziehungen, die eine freiwillige Beteiligung an der Arbeit durch erfüllende Tätigkeit und Transparenz des bedürfnisorientierten Zwecks ermöglichen, werden auch hier nicht erwogen oder als utopisch abgetan.

3. Statt Führung der Massen oder blindem Vertrauen: vorhergehende breite Verständigung über Zwecke und Mittel

Der Führungsanspruch der Partei ist zum Teil Folge des Wissens, dass über das Ziel des Sozialismus und die Wege dahin in der Bevölkerung keine Einigkeit besteht. Wenn demokratische Entscheidungen, an denen alle beteiligt sind, bedeuten, dass die Entscheidung zu Gunsten von Konkurrenz und Markt und gegen die garantierte Befriedigung der Grundbedürfnisse aller ausfällt, sind Sozialistinnen in einem Dilemma. Dieses Dilemma ist jedoch nicht zu lösen durch die Abschaffung von Entscheidungsprozessen, in die die Willen aller eingehen, und Errichtung einer fürsorglichen Herrschaft zur Erziehung des Volkes zum Sozialismus. Das klappt schon deshalb nicht, weil Bedürfnisse je konkrete sind, die nur, wenn sie frei geäußert werden, auch befriedigt werden können. Nicht zuletzt kann die herrschaftliche Bearbeitung der Spannung von notwendiger Arbeit fürs Allgemeinwohl und individueller Beteiligung daran nicht zu einer Lösung führen, sondern erfordert immer neue herrschaftliche Absicherungen – im Extrem bis zur Existenzbedrohung nicht durch Unbrauchbarkeit am Arbeitsmarkt sondern bei Unangepasstheit nun durch den Staat. Es gibt keinen herrschaftlichen Weg zur selbsttätigen Regelung der gemeinsamen Angelegenheiten im Interesse aller. Eine sozialistische Gestaltung der Gesellschaft setzt eine mehrheitliche Zustimmung voraus, soll die sozialistische Gesellschaft demokratisch funktionieren und eben eine sozialistische sein.

Die Bolschewiki hatten im Oktober 1917 eine große Mehrheit hinter sich und besaßen zum Zeitpunkt der Revolution die Mehrheit in den Sowjets, eine Mehrheit allerdings, die das Ende des Krieges und Land für die Bauern wollte. Eine sozialistische Organisation der Ökonomie war keine breit diskutierte Frage. Die Bevölkerung beschäftigten andere Fragen, und selbst innerhalb der russischen Sozialdemokratie wurde ein Übergang zum Sozialismus als zunächst nicht anstehend betrachtet. («32) Es gab zu dem Zeitpunkt auch wenig historische Erfahrung mit der Organisation einer sozialistischen Produktion. In groben Zügen galt als ausgemacht, dass der Produktivkraftfortschritt des Kapitalismus eine sozialistische Produktion ermögliche, aber was genau das heißen würde, blieb vage. («33) Es zeigte sich in der russischen Diskussion um die Stellung der Gewerkschaften, dass die Arbeiteropposition durchaus andere Vorstellungen vom Weg zu einer sozialistischen Ökonomie vertrat als Lenin, jedoch wurde der darin aufscheinende Dissens über den Inhalt einer sozialistischen Produktionsorganisation wenig problematisiert. Einmal an der Macht, müssen Entscheidungen aber auch getroffen werden; Zwischenwege und Kompromisse sind denkbar, aber die gesellschaftliche Produktion muss organisiert werden. In der russischen Diskussion durchgesetzt hat sich die Fraktion der fürsorglichen Betreuung durch Staat und Partei, um die wenig aufgeklärte russische Arbeiterklasse zum Sozialismus zu führen.

Doch nicht nur die bolschewistische Partei, auch die deutsche Sozialdemokratie hat sich nach der Revolution 1918 entschieden, die politische Zukunft des Landes besser nicht den aufständischen Arbeiterinnen zu überlassen, und mit Hilfe rechter paramilitärischer Einheiten die Rätebewegung in Deutschland niedergeschlagen und die kommunistischen Führerinnen ermorden lassen. Beide, sowohl die bürgerlich-parlamentarisch orientierte SPD als auch die revolutionären Bolschewiki, haben der Bevölkerung nicht zugetraut, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu verwalten und an deren Stelle wieder den Staat eingesetzt. («34) In Deutschland führte das zu einer Restauration der alten preußischen Eliten, die von Anfang an der Weimarer Demokratie misstrauisch gegenüber standen und später einen der wichtigsten Träger des Nationalsozialismus bildeten. In Russland kam es zur Verfestigung einer neuen Bürokratie, die auf den Erhalt und Ausbau ihrer Privilegien bedacht war und die in der letztlich mit terroristischen Mitteln betriebenen Industrialisierung des Landes den Weg zum Sozialismus sah.

Wenn es nun aber so ist, dass es eine selbstverwaltete Produktion am Maßstab der Bedürfnisse aller nur als demokratische und nicht staatlich geleitet geben kann («35), wären die Voraussetzungen gesellschaftlicher Selbstverwaltung stärker in den Blick zu nehmen. Was muss denn gegeben sein, damit eine Bevölkerung ihre eigenen Angelegenheiten selbst regeln kann und demnach keine weisen Herrschenden braucht, die das für ihr Volk übernehmen? Dieses Problem stellt sich auch in der bürgerlichen Diskussion um direkte Demokratie, wenn noch nicht einmal von der Aufhebung kapitalistischer Produktion die Rede ist. In diesem Zusammenhang wird regelmäßig verneint, dass es zumutbar oder gar zulässig sei, die Massen über gesellschaftliche Angelegenheiten selbst entscheiden zu lassen, weil sie die Zusammenhänge nicht verstünden und zu launenhaft seien. Auch heutzutage, im parlamentarisch-demokratischen Kontext, wird die Bevölkerung als relativ unmündige betrachtet, der man nur einmal in vier Jahren die Auswahl ihrer Führerinnen, die hier gewählte Repräsentanten heißen, zutrauen kann. Gleichwohl ist es in der Tat keine Selbstverständlichkeit, dass die Menschen, wenn man sie nur lässt, tatsächlich Entscheidungen zum Wohle aller treffen und Maxime des Handelns die Berücksichtigung und Befriedigung der Bedürfnisse aller ist. Insofern haben auch jene Linke durchaus recht, die sich der Ressentiments der Massen bewusst sind. Nur was folgt daraus? Dass es Zwang und Herrschaft fürs Zusammenleben der Menschen notwendig brauche und man sich nur für die weniger unschönen Formen der Herrschaft entscheiden könne? Die mit dem Attribut geringerer Herrschaftlichkeit belegten Formen Markt und bürgerlicher Staat gelten unter anderem deshalb als weniger unschön, weil sie als Herrschaft weniger sichtbar sind. Das wäre allerdings eine seltsame Beruhigung.

Will man das ändern, aber nicht einfach optimistisch darauf vertrauen, dass wenn man Leute nur machen lässt, die Bevölkerung sich schon nicht noch einmal die Butter vom Brot nehmen lässt und auch irgendwie das nötige Wissen akkumuliert haben wird, eine Gesellschaft bedürfnisorientiert zu organisieren, dann muss man sich als Kommunistin darum bemühen, die Voraussetzungen einer demokratischen Selbstverwaltung zu schaffen. Und das heißt zunächst auch einmal, politische Zwecke breit öffentlich zu diskutieren, um nicht nach einer vielleicht irgendwann mal stattfindenden Revolution enttäuscht festzustellen, dass mit dieser Bevölkerung eine befreite Gesellschaft nicht zu machen ist. Wollen denn alle eine Gesellschaft in der alle gleichermaßen an den Ergebnissen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung partizipieren und in der weitestgehende Sicherung der Bedürfnisbefriedigung aller Einzelnen der Zweck der Produktion ist, und zwar auch der Bedürfnisse in der Arbeit? Aber nicht nur die Zwecke, sondern auch mögliche Mittel zu ihrer Erreichung müssen diskutiert werden. Das aktive Eintreten für bestimmte Zwecke hängt nicht zuletzt auch an der Einschätzung ihrer Realisierbarkeit. Zwecke, zu deren Verwirklichung keine Mittel erkennbar sind, sind bestenfalls Hoffnungen. Dabei hat jedoch das Wissen, das nötig ist, um eine emanzipatorische Gesellschaft aufzubauen, nicht den Charakter einer Blaupause oder eines Masterplans, sondern einer weit verbreiteten Urteilsfähigkeit, einem Wissen über mögliche ökonomische und politische Organisationsformen und ihre Effekte.

Am Beispiel des Staatssozialismus: Abgesehen von seiner – von uns verneinten – Wünschbarkeit, was soll den kapitalistischen Arbeitszwang durch die Drohung, zu verhungern, in einem staatssozialistischen System ersetzen, wenn nicht staatlicher Zwang? Eine Gesellschaft, die die kapitalistische Drohung des individuellen Untergangs aufhebt, muss zwangsläufig auch die kapitalistische Organisation der Ökonomie aufheben und nach Wegen freiwilliger Beteiligung an der Arbeit suchen, die nicht auf Erziehung der Arbeitenden oder moralischem Druck, sondern auf der subjektiven Zustimmung zu den gesellschaftlichen Formen von Arbeit und Verteilung beruhen. Die realsozialistischen Gesellschaften sind mit diesem Widerspruch auch später nie fertig geworden, weil sie ihn nicht offen thematisieren konnten oder wollten. Die Sicherung der Vormachtstellung der Partei schließt die Selbstorganisation der Arbeitenden weitgehend aus bzw. beschränkt sie auf für die Partei ungefährliche Bereiche. («36)

Doch auch eine Selbstorganisation der Arbeit ist nicht vor solcherart Widersprüchen gefeit. So stellt sich z.B. bei räumlich dezentraler Organisation der Produktion die Frage, wie die verschiedenen Einheiten aufeinander bezogen sind, und welche Abhängigkeiten es zwischen ihnen gibt. Sind die selbstverwalteten Einheiten nicht Teil einer allgemeinen Planung, und sollen sie nicht einfach autarke Produktionseinheiten bilden – was bei einer modernen Produktion schon auf Grund der nur regionalen Verfügbarkeit von Rohstoffen unplausibel ist –, müssen Arbeitsprodukte zwischen den verschiedenen Einheiten verschoben werden. Dabei besteht die Gefahr der Abkapselung solcher Einheiten gegeneinander und der Wiederherstellung des Tauschprinzips, damit der Erpressungsmacht der Verfügenden gegenüber den auf bestimmte Rohstoffe, Produkte oder Einkommensquellen Angewiesenen. («37)

Wie verbindet man aber größstmögliche Selbstbestimmung mit der in einer arbeitsteiligen Gesellschaft notwendigen Integration und Planung der Produktion? Wie organisiert man eine tatsächlich gesellschaftliche Verfügung über Produktionsmittel, wie z.B. bestimmte Rohstoffquellen, so dass nicht wiederum die darüber unmittelbar Verfügenden den Willen entwickeln, andere von deren Nutzung auszuschließen? Welche Vorschläge und Versuche gab es in der Vergangenheit und welche Folgen hatte das? Um solch ein gemeinsames Verständnis zu erzeugen, braucht es eine breite Diskussion über politische Zwecke und über Mittel, diesen Zweck zu erreichen, und es braucht eine Praxis herrschaftsfreier Diskussion und Entscheidungsfindung.

Der öffentliche Mainstream qualifiziert solche Fragen von vornherein ab und ist bisher nicht mit dem Druck konfrontiert, von dieser Nichtbeschäftigung abzurücken. Von revolutionär gesinnten Linken werden diese Fragen häufig als welche behandelt, die noch nicht anstünden, weil gar keine revolutionäre Situation gegeben sei. Doch betrachtet im Licht von Lenins Einschätzungen unmittelbar vor und kurz nach der Oktoberrevolution, wird es stattdessen zu einer vordringlichen Aufgabe der Linken, diese Diskussion, dieses Wissen und diese Erfahrungen, soweit möglich genau jetzt schon, in nicht-revolutionären Zeiten, zu erarbeiten. In einer revolutionären Situation müssen bestimmte Entscheidungen getroffen und eine gesellschaftliche Produktion organisiert werden. Dabei wird – und muss notwendig – auf Erfahrungen zurückgegriffen und an Gedanken angeknüpft werden, die vorher schon gemacht bzw. entwickelt wurden. Denn Revolutionen gehen meist nicht nach einem vorher ausgedachten Plan vor sich, sondern entwickeln sich spontan, d.h. aber auch, man kann nicht unbedingt darauf setzen, später genügend Zeit für Reflexion und Durchdenken von Entscheidungen zu haben. Je eher man damit anfängt, eine ernsthafte Diskussion um Zwecke und Mittel einer Umgestaltung von Ökonomie und Gesellschaft zu führen, um so weniger muss man sich überraschen lassen oder auf guten Glauben setzen. Herrschaftlichen Lösungen, die mit der Dringlichkeit der Aufgabe begründet werden, kann nur etwas entgegengesetzt werden, wenn alternative Ansätze entwickelt sind und Erfahrungen damit bestehen. Und die Organisation herrschaftsfreier Diskussionen und Entscheidungen sind auch jetzt schon wichtige Aufgabe einer linken Bewegung, revolutionäre Zeiten hin oder her. Wie organisiert man es, dass nicht einfach die selbstbewusstesten, schnellsten und lautesten in Diskussionen zu Wort kommen, dass nicht die mit der meisten Zeit oder dem meisten Wissen faktisch die Entscheidungen treffen? Das sind keine Fragen, die warten können, und das Nachdenken und Experimentieren mit Formen, die eine breite und herrschaftsfreie Beteiligung aller ermöglichen, wird auch keine verschwendete Zeit sein, wenn es nie wieder eine sozialistische Revolution geben wird.

FUßNOTEN

*Wir verwenden im Text sowohl die weibliche als auch die männliche Form der Substantive und meinen damit unabhängig von der Schreibung in der Regel alle Geschlechter.

1 Wir fassen den Begriff »sozialistische Linke« hier sehr weit, und meinen damit alle, die sich heute auf ein Projekt der emanzipatorischen Überwindung der bestehenden Gesellschaft beziehen, bezeichnen sie sich selbst nun als Kommunistinnen, Anarchistinnen, Sozialrevolutionäre oder Sozialistinnen.

2 Wladimir Iljitsch Lenin, »Staat und Revolution«, in: W.I. Lenin, Ausgewählte Werke, Band 2, Berlin 1982, S.416. Kursiv im Original.

3 Lenin, Staat und Revolution, S.410. Kursiv im Original.

4 Lenin, Staat und Revolution, S.386. Kursiv im Original.

5 Vergessen wird bei der Besprechung des Verlaufs der Oktoberrevolution, dass der Bürgerkrieg der Weißen, der teilweise pogromartig geführt wurde, tatkräftig von westlichen Regierungen unterstützt wurde. Für eine Darstellung der Schrecken des Bürgerkrieges siehe: Ernest Mandel, Oktober 1917 – Staatsstreich oder soziale Revolution. Zur Verteidigung der Oktoberrevolution, Köln 1992, S.61-65.

6 Vgl. Richard Lorenz, »Wirtschaftspolitische Möglichkeiten der Sowjetmacht nach dem Brester Frieden«, in: Peter Hennicke (Hg.), Probleme des Sozialismus und der Übergangsgesellschaften, Frankfurt a.M. 1973, S.261f.

7 Wladimir Iljitsch Lenin, »Über >linke< Kinderei und Kleinbürgerlichkeit«, in: W.I. Lenin, Ausgewählte Werke, Band 2, Berlin 1982, S.795.

8 Lenin, Über >linke< Kinderei, S.800. Kursiv im Original.

9 Lenin, Über >linke< Kinderei, S.800.

10 Lenin, Über >linke< Kinderei, S.800f. Kursiv im Original.

11 Walerie W. Ossinski 1918, in: Kommunist [dem Organ der Linken Kommunisten], Nr.2, S.5-6, zitiert nach: Lorenz, Wirtschaftspolitische Möglichkeiten, S.274.

12 Nikolai Bucharin 1918, in: Kommunist, Nr.1, zitiert nach: Lenin, Über >linke< Kinderei, S.799.

13 Lorenz, Wirtschaftspolitische Möglichkeiten, S.281.

14 Die Auseinandersetzung verlief größtenteils entlang der Frage, wie am besten und schnellsten die (unbedingt notwendige) Steigerung der Produktivität zu erreichen sei. »Die bürokratische Methode, mit der gegenwärtig der wirtschaftliche Aufbau angepackt wird, verhindert jedoch die Erlangung größtmöglicher Produktionsergebnisse und trägt Uneinigkeit, Misstrauen und Demoralisierung in die Reihen der Arbeiter. [...] Die schwierige wirtschaftliche Situation unseres Landes, der Mangel an Metallen, Brennstoffen u.a.m., an Ausrüstungen und Rohstoffen aller Art, erfordert unverzüglich heroische Maßnahmen, die die nahende Katastrophe abwenden können. Die wichtigsten Maßnahmen zur Hebung der Produktivität bestehen darin, dass eine Wirtschaftspolitik nach den Vorstellungen der Arbeiterorganisationen der Gewerkschaften durchgeführt und ihnen ein entscheidender Einfluss in den staatlichen Wirtschaftsorganen eingeräumt wird [...].« O.V., »Die Aufgaben der Gewerkschaften. Thesen der Arbeiteropposition zum X. Parteitag«, in: Gottfried Mergner (Hg.), Die russische Arbeiteropposition. Die Gewerkschaften in der Revolution, Reinbek 1972, S.124f.

15 Alexandra Kollontai, »Die Arbeiter-Opposition in Russland«, in: Gottfried Mergner (Hg.), Die russische Arbeiteropposition. Die Gewerkschaften in der Revolution, Reinbek 1972, S.150f.

16 Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.153f.

17 Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.142.

18 Dass dies unter den damaligen Umständen unmittelbar möglich gewesen wäre, wird von Mandel verneint: »Wie war es möglich, sich im Russland von 1920 wirksam dem Prozess der Bürokratisierung entgegenzustellen; also in einem ausgebluteten Land, das von Hungersnot heimgesucht wurde, dessen Transportsystem völlig desorganisiert war, mit einer Arbeiterklasse, die nur noch weniger als die Hälfte, wenn nicht gar kaum ein Drittel dessen ausmachte, was sie 1917 gewesen war? Eine Arbeiterklasse, die sich rasch demobilisierte - nicht wegen des Endes des Bürgerkrieges, sondern auf Grund der absoluten Notwendigkeit, sich individuell mit Lebensmitteln zu versorgen. Unter solchen materiellen und sozialen Bedingungen waren die sofortige Wiederherstellung der Räte- oder Sowjetdemokratie oder gar entscheidende Schritte in Richtung auf die Arbeiterverwaltung eine offenkundige Utopie. Die Führung von Partei und Staat musste der Wiederankurbelung der Produktion - vor allem in der Landwirtschaft -, der Erhöhung der Arbeitsproduktivität, der Wiederherstellung von Arbeitsplätzen Priorität einräumen.« Er verweist allerdings darauf, dass mit dem Beginn der Neuen Ökonomischen Politik sich die Bedingungen geändert hätten, und eine Ausweitung der Sowjetdemokratie und Arbeiterinnenbeteiligung zu diesem späteren Zeitpunkt möglich und notwendig gewesen wäre. Siehe: Mandel, Oktober 1917, S.101.

19 In einer überwiegend kleinbäuerlichen Gesellschaft wie im post-zaristischen Russland, mit wenig entwickelter Technologie und einem Großteil der Bevölkerung, die weder lesen noch schreiben können und keine Erfahrung im Umgang mit Maschinen haben, steht eine kollektive und herrschaftsfreie Organisation der Produktion – die immerhin ausreichend produktiv sein soll, um alle satt und halbwegs zufrieden stellen zu können – tatsächlich vor objektiven Schwierigkeiten. Bei allen Unterschieden in Bildung und Ausbildung können heutzutage, zumal in westlichen Gesellschaften, nahezu alle lesen und schreiben und hinreichend viele Computeranwendungen bedienen; das schafft andere Voraussetzungen für die Kommunikation, die für eine kollektive Organisation der Produktion notwendig ist. Neues Wissen und neue Informationen sind im Internetzeitalter leichter zugänglich bzw. prinzipiell leichter zugänglich machbar, auch wenn dessen Verbreitung heute oft durch Lizenzen und Eigentumsrechte verhindert wird. Auch die betriebliche Mitbestimmung der Gewerkschaften beispielsweise, oft als Co-Management gescholten, hat unter anderem den Effekt, Wissen auch über die Verwaltung eines Betriebs auf Seiten der Arbeiterschaft zu akkumulieren.

20 Bestimmungen über die Arbeiterinnenkontrolle, die das Recht von gewählten Betriebsräten auf Einsicht in alle Unterlagen sowie den Zugang zu allen Vorräten und Maschinen festschrieben, wurden schon Mitte November 1917 verabschiedet.

21 Lenin, Über >linke< Kinderei, S.799.

22 Lenin: »Wenn man es >Paktierertum< nennt, dass wir in einer Lage, wo wir das Land verwalten können und müssen, bemüht sind, unter den vom Kapitalismus geschulten Elementen die kulturell am höchsten stehenden, ohne mit Geld zu knausern, heranzuziehen, sie in unseren Dienst zu stellen gegen den kleinbesitzerlichen Zerfall, so heißt das, dass man überhaupt unfähig ist, über die ökonomischen Aufgaben des sozialistischen Aufbaus nachzudenken.« Lenin, Über >linke< Kinderei, S.797.

Eine hohe Bezahlung bürgerlicher Experten, um ihre Kooperationsbereitschaft zu sichern war dabei als aktuelle Notwendigkeit unkontrovers zwischen der Mehrheit und der linken Opposition, vgl. Lenin, Über >linke< Kinderei, S.793f.

23 Lenin, Staat und Revolution, S.410. Siehe oben S.2: Wählbarkeit und jederzeitige Abwählbarkeit aller Funktionärinnen, Arbeiterlohn nicht übersteigende Bezahlung zur Verhinderung der Verfestigung von Hierarchien, und Rotation aller Funktionen unter allen Arbeiterinnen.

24 Beispiele können Diebstahl, Betrug oder Schwarzhandel sein.

25 Lenin, Über >linke< Kinderei, S.804.

26 Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.161f.

27 Eine wichtige Rolle bei der Erziehung der Arbeitenden sollten die Gewerkschaften spielen. Über die Art, wie diese Erziehung stattfinden solle, gab es eine breite Diskussion. Vgl. Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.155-158.

28 Leo Trotzki, »Über die gegenwärtigen Aufgaben des wirtschaftlichen Aufbaus. Rede auf dem IX. Kongress der Kommunisten Partei Russlands (Moskau, April 1920)«, in: Gottfried Mergner (Hg.), Die russische Arbeiteropposition. Die Gewerkschaften in der Revolution, Reinbek 1972, S.104.

29 Siehe Lorenz, Wirtschaftspolitische Möglichkeiten, S.272f.

30 Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.157.

31 Vgl. Mathias Wiards, Krise im Realsozialismus. Die Politische Ökonomie der DDR in den 80er Jahren, Hamburg 2001, der das für unterschiedliche Phasen der DDR-Ökonomie zeigt.

32 Es sollte vielmehr zunächst um die Herstellung bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse in Russland gehen – eine Einschätzung, die Lenin erst im Laufe des Jahres 1917 in Anbetracht des Verlaufs der Februarrevolution revidierte.

33 Vgl. Maurice Dobb, »Die Diskussion in den zwanziger Jahren über den Aufbau des Sozialismus«, in: Peter Hennicke (Hg.), Probleme des Sozialismus und der Übergangsgesellschaften, Frankfurt a.M. 1973, S.282. Dobb weist darauf hin, dass der Weg zum Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft nach der Oktoberrevolution zum ersten Mal diskutiert werden musste, da es keine genaueren Vorstellungen davon gab, erst recht nicht vom Aufbau des Sozialismus in einem unterentwickelten Agrarland.

34 Der Anspruch auf Führung der Massen war keine bolschewistische Besonderheit. Auch die Menschewiki widersetzten sich 1917 in Russland vehement allen Initiativen für Arbeiterinnenkontrolle, die direkt aus den Betrieben kamen, und belangten die Arbeiterinnen, wenn sie sich über diese Einschätzung hinwegsetzten. Mandel sieht darin eine generelle Tendenz zum Substitutionismus in den Organisationen der Arbeiterbewegung, also der Einschätzung, die Arbeiterinnen können die Gesellschaft nicht selbst verwalten, weswegen die Partei oder der Staat das für sie tun müsse. Siehe: Mandel, Oktober 1917, S.116.

35 Es sind freilich staatliche Politiken denkbar, die eine Selbstorganisation begünstigen würden.

36 Kollontai lästert über Trotzkis Vorstellung der Selbsttätigkeit der Massen, die sich im Zuschütten von Pfützen im Fabrikhof und der Beschaffung neuer Fenster ausdrücke, vgl. Kollontai, Arbeiter-Opposition, S.160. Aber auch im kapitalistischen Alltag, sei es in der Universität, im Betrieb oder in Kommunen, beschränkt sich die Selbstverwaltung in der Regel auf Geringfügigkeiten, die die herrschende Ordnung nicht in Frage stellen.

37 Vgl. die Diskussion zweier aktuellerer Vorschläge zur möglichen Gestaltung politischer und ökonomischer Strukturen einer befreiten Gesellschaft bei Annika Beckmann und Daniel Fastner, »Ernsthafte Gedankenspiele: (dezentrale) ökonomische Modelle reflektieren«, in: Das Argument 286, 2/2010, S.205-212. Sie beziehen sich dabei auf »Parecon« von Michael Albert und »Inclusive Democracy« von Takis Fotopoulos.