„What the F******!“

Warum Frauenrechte nicht nur was für deine Mudder sind

Franziska: Was steht denn da auf deinem Beutel? „Still loving feminism!“? Wie oldschool ist das denn – haste den von deiner Mum?
Alex: Nein! Der ist meiner, hat mir mein Bruder geschenkt. Was heißt denn hier oldschool?
F: Feminismus war vielleicht früher mal wichtig. Aber Gleichberechtigung, also dass Frauen die gleichen Rechte haben wie Männer – das ist doch längst Realität! Frauen werden gar nicht mehr benachteiligt! Sogar im Grundgesetz steht Gleichberechtigung, das haben wir in der Schule besprochen. Und sogar der deutsche Bundeskanzler ist eine Frau!
A: Ja, im Gesetz steht, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sein sollen. Das zeigt doch aber schon, dass das nicht selbstverständlich ist: Es muss nochmal extra gesagt werden.
Ich weiß ja nicht, in was für einer Welt du lebst – in meinem Alltag werden immer noch Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht, gleiche Gesetze hin oder her: Nerviges Machogehabe, angeblich „zufälliges“ Angegrabsche auf Partys. Und wenn ich hinterher alleine nach Hause gehe und kein Mensch mehr auf der Straße ist, habe ich oft ein doofes Gefühl. Jungs geht das nicht so!
F: Okay, das ist jetzt vielleicht deine persönliche Wahrnehmung. Aber es zwingt dich doch niemand, das rosa Zeug zu kaufen und Hausfrau zu werden. Du kannst doch machen, was Du willst.
A: Wenn das so einfach wäre, hätte ich es schon längst gemacht – alleine kommst du aus diesem Mist aber nicht raus! Es ist ganz schön schwer, einfach eigene Ideen umzusetzen, die nichts mit den Vorstellungen der Gesellschaft zu tun haben sollen. Google mal „sexy“: Da findest du als hundert erste Treffer Bilder von nackten Frauen. Warum sollen denn nur die sexy sein? Mario Barth füllt ganze Stadien mit seinem frauenfeindlichen Gelaber. Frauen verdienen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen, werden viel seltener Chefs und für Hausarbeit werden sie gar nicht bezahlt. Da dran ändert sich erst mal nix, nur weil ich meine Einstellung verändere.
F: Und woher willst denn ausgerechnet du wissen, was gut für alle ist? Guck‘ Dir nur mal die Berufswünsche in unserer alten Klasse an! Die Mädchen haben sich ihre Jobs doch selber ausgesucht…
A: Versuch doch mal alleine, dein eigenes Ding zu machen und dich gar nicht von den Rollenklischees beeinflussen zu lassen: Die Menschen basteln sich die absurdesten Erklärungen, damit ihr bescheuertes Mann-Frau-Weltbild nicht ins Wanken gerät.
Wenn ich irgendwas selbst repariere, muss ich mir skeptische Kommentare dazu anhören, weil mir doch das „natürliche Gespür für Technik” fehle. Da vergeht den meisten doch die Lust, weiter zu basteln. Oder ich mache weiter, werde immer besser und darf mir dann anhören: Für ne Frau nicht schlecht! Wenn ein Typ nicht mit seinem Fahrrad klarkommt, wird das meistens mit fehlendem individuellen Talent erklärt. Kann eine Frau keine Gangschaltung einstellen, wird das als Beweis genommen, dass Frauen nun mal nicht so gut logisch denken können.
F: Das ist doch nur die eine Seite der Medaille. Frauen sind gefühlsbetonter. Frauen können besser kommunizieren. Frauen können besser multitasken. Genau diesen Quatsch erzählen Feministinnen doch auch immer.
A: Ja, deine Mudda! Wenn solche Leute sich heutzutage noch als Feministinnen bezeichnen, bin ich super angenervt. Die wollen zwar auch die Rechte von Frauen stärken, betonen aber die ganze Zeit die angeblichen natürlichen und biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Die vermeintlich weiblichen Fähigkeiten sollen aufgewertet werden: So was wie Kommunikationsfähigkeit und Multitasking würden Frauen dann zu besonders guten Führungskräften machen.
Auch Frauenmagazine machen ja oft einen auf feministisch und versprechen ihren Leserinnen ein selbstbewussteres und erfolgreicheres Leben als Frau. Darunter verstehen sie dann aber so was wie einen Blowjob-Guide, wo erklärt wird, wie sie den Würgereiz beim Blasen überwinden können. Als gäbe es für Frauen nix geileres, als „ihm“ alles recht zu machen.
Es gibt ja keine biologischen Ursachen für Geschlecht, aber eben diese Vorstellung von Männlein und Weiblein, die weiterhin Bestand hat…
F: Aber woran liegt das denn dann deiner Meinung nach? Es gibt halt Sachen, die machen mehr Frauen und Sachen, die machen mehr Männer. Es gibt kein Gesetz, dass das vorschreibt. Und dieser ganze Genetikquatsch ist doch auch totaler Blödsinn! Weil Männer angeblich vor 15 000 Jahren fürs Jagen zuständig waren und nicht fürs Sammeln, gucken sie jetzt lieber Fußball? Blödsinn!
A: Dass diese Genetikerklärung Blödisnn ist, finde ich auch. Weißt du, das mit dem Unterschied, also, (mit erhobenem Zeigefinger) im Kapitalismus…
F: Oh nee ey. Du immer mit deinem Scheiß Kapitalismus!
A: Ja, den finde ich auch scheiße: Im Kapitalismus wird in Arbeit unterschieden, die bezahlt wird, z.B. im Büro oder in der Fabrik. Jobs halt. Die bringen meistens auch soziales Ansehen. Kommt halt auf den Job an. Und dann gibt es noch einen Haufen Arbeit der nicht bezahlt wird, vor allem Zuhause stattfindet und meistens nicht so beliebt ist: Kinder groß ziehen, alte Menschen pflegen, Essen kochen, Wohnung putzen usw… Na und rate mal, wer dafür zuständig ist?
F: … also bei uns in der WG: niemand. Aber mal im Ernst: Willst du behaupten, dass Frauen immer noch Zuhause rumsitzen? Das ist doch 1000 Jahre her! Frauen gehen doch genauso für Geld arbeiten.
A: Da geb ich Dir ja auch Recht. Viele Verbesserungen wurden von der Frauenbewegung erkämpft – oft gegen den erbitterten Widerstand der meisten Männer und vieler Frauen. Auf der anderen Seite haben sich die Ansprüche der Gesellschaft an „die Frauen“ verändert: Früher war es wichtig, dass sie zu Hause bleiben und die Kinder groß ziehen, heute benötigt man sie auch als Arbeitskräfte. Dadurch haben sich auch neue Spielräume ergeben. Dabei ging es aber nie darum, die Lage von Frauen zu verbessern – sie wurden einfach so dringend benötigt. Frauen „durften“ z.B. immer dann arbeiten, wenn zu wenig männliche Arbeitskräfte vorhanden waren, z.B. im Krieg oder in Boom-Zeiten. Wurden weniger Arbeitskräfte benötigt, waren sie immer die ersten, die gehen mussten.
F: Na aber jetzt arbeiten doch die meisten Frauen in Jobs.
A: …und sind zusätzlich immer noch für die ganze unbezahlte Arbeit verantwortlich. Vor allem Kindererziehen bleibt doch meistens immer noch an Frauen hängen. Und das steht der Unabhängigkeit dann oft im Weg. Falls ausnahmsweise trotzdem mal eine Frau Karriere macht, wird sie meist doppelt ­belastet: Schuften für den Job draußen und die ganze Hausarbeit zuhause – das kann es ja wohl auch nicht sein. Wer macht denn bei euch in der WG das Klo sauber?
F: Äh, niemand, aber das ist jetzt mal ein ganz anderes Thema.
A: Das ist ja immerhin geschlechtergerecht. Diese Trennung in bezahlte und unbezahlte Arbeit ist für den Kapitalismus auf jeden Fall wesentlich.
F: Du immer mit deinem Kapitalismus. Der ist ja wohl echt an allem Schuld und ohne wäre die Welt ein Paradies, was?!
A: Das sage ich doch gar nicht! Man kann Sexismus nicht nur damit erklären, wie wir arbeiten. Die eindeutige Unterscheidung der Geschlechter gibt es nicht nur im Kapitalismus. Aber er macht sie verwertbar. Allein schon in der Art wie wir sprechen, wiederholen wir ja den ganzen Tag lang die Zweiteilung in Männlein und Weiblein: die, der, das, er, sie, es. Das finden wir so natürlich, dass wir gar nicht mehr drüber nachdenken.
Bis vor 60 Jahren haben in Europa fast alle gesagt, dass Gott für Männer und Frauen unterschiedliche Aufgaben vorgesehen hat. Seit fast kein Mensch mehr an Gott glaubt und alle an die Naturwissenschaft, sind es auf einmal die Gene oder die Evolution.
F: Genau, ich mein: Geschlechter sind doch eh nur eine Erfindung, sagst du doch selbst: Männer und Frauen gibt es gar nicht, diese Unterscheidung ist nur ausgedacht. Und wenns so was wie Männer und Frauen gar nicht gibt, sondern nur Geschlechterrollen, dann isses doch sowieso egal. Dann wär‘s sogar super oldschool, von Frauen und Feminismus zu sprechen. Damit machst Du doch selber wieder den Unterschied, den Du nicht haben willst.
A: Jahaa, aber solange diese Kategorien noch bestehen, solange es noch Geschlechter gibt, macht es Sinn, sich dafür einzusetzen, dass Frauen bessere Möglichkeiten bekommen.
F: Oooookay, feminism ist vielleicht noch aktuell. Aber bedruckte Stoffbeutel – wie oldschool ist das denn?

Zum Weiterlesen:
—Andrea Trumann: „Feministische Theorie“. Schmetterling Verlag, 10 Euro
—Antisexismus Bündnis Berlin: Reader downloadbar unter http://asbb.blogsport.de

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