We don‘t have to take our clothes off to have a good time

Keine Lust auf Sex und glücklich

Ein Text über Asexualität in der SaZ über Sex, Liebe und Geschlechterverhältnisse – was soll das denn? Viele Artikel dieser Ausgabe beschäftigen sich mit Sex. Es gibt aber auch Menschen, die gar keinen Bock darauf haben. Und das in einer Welt, die uns den ganzen Tag vorspielt, dass alle immer Lust haben wollen müssen. Doch auch die Lust auf Sex ist nichts Natürliches, sondern hängt eng mit gesellschaftlichen Vorstellungen und Anforderungen zusammen: Ich laufe durch die Stadt und gucke auf Plakatwände. Ich fahre U-Bahn und sehe die Werbung. Ich sitze im Wartezimmer und blättere durch die Zeitschriften. Den ganzen Tag scheint klar zu sein: Sex wollen alle immer. Wer in dieser Welt dauerhaft keine Lust darauf hat und das auch noch sagt, verunsichert. Asexualität stellt die Norm in Frage, dass alle immer ficken oder gefickt werden wollen.
Auf der Grundlage eines Fanzines über Asexualität, das uns sehr gut gefallen hat (http://asexyqueer.blogsport.de/), haben wir folgende Fragen formuliert.

Kannst du bitte erstmal beschreiben, was Asexualität für dich ist?
Asexualität heißt, dass andere Menschen mich sexuell nicht anmachen. Du kennst sicher auch Menschen, von denen du dich überhaupt nicht sexuell angezogen fühlst, auch wenn du sie gerne magst. Viele stehen ja entweder auf Männer oder auf Frauen. Für mich sind halt Männer und Frauen sexuell so unattraktiv wie für andere Leute das Geschlecht, auf das sie nicht stehen. Ich finde andere Menschen überhaupt nicht eklig oder so. Ich habe halt einfach keine Lust, Sex mit ihnen zu haben.

Vielleicht hast du einfach noch nicht den oder die Richtige getroffen?
Das sagen mir viele und ehrlich gesagt nervt mich dieser Spruch mittlerweile. Nur weil du auf Frauen stehst, unterstelle ich dir doch auch nicht, dass du noch nicht den richtigen Typen getroffen hast.

Okay okay! Du fühlst dich also von anderen Menschen gar nicht angezogen?
Oh doch! Aber das hat für mich nichts mit Sex zu tun. Ich bin gerade Hals über Kopf verliebt – allerdings möchte ich keinen Sex mit ihr haben. Ich finde sie auch extrem attraktiv, allerdings halt eher, wie ich auch eine Landschaft schön finde.

Bist du dann wirklich nie sexuell erregt?
Dass ich keine Lust auf Sex mit anderen Menschen habe, heißt nicht, dass ich nie Lust hätte und die nie befriedige. Mit anderen Menschen hat das für mich aber nix zu tun. Ich habe aber auch asexuelle Freunde, die wirklich nie Lust auf Sex haben. Und andere, die sich auch nicht in andere Personen verlieben, sondern sich als „aromantisch“ beschreiben. Es gibt eben nicht eine einzige Form von Asexualität.

Für viele ist Sex eine wichtige Art, Zuneigung zu zeigen. Wir drückst du deine Sympathie aus?
Die Frage finde ich jetzt sehr fantasielos! Ist für dich Sex die einzige Art, deine Liebe zu zeigen? Ich hoffe nicht! Mir stehen ja alle anderen Wege offen!


Und wie gehen deine Partner_innen damit um, dass du keinen Sex mit ihnen haben möchtest?

Das ist in der Tat manchmal schwierig. Manche Menschen, die ich attraktiv fand und die zunächst auch an mir interessiert waren, hat meine Asexualität verunsichert. Sie wollten gerne Sex mit mir haben und waren gekränkt, dass ich keine Lust auf sie hatte. Sie haben es persönlich genommen und mir nicht geglaubt, dass es nichts mit ihnen zu tun hat. Das macht mich jedes Mal traurig!
Im Moment läuft es bei mir aber gut: Ich habe mich mit meiner Freundin darauf geeinigt, dass sie Sex mit anderen Leuten haben kann. So fühlt sie sich nicht verletzt oder verzichtet auf was, weil ich keinen Sex mit ihr haben will und ich finde es auch super so.

Ich habe den Eindruck, in letzter Zeit sehr viel über Asexualität zu hören und zu lesen. Woher kommt es, dass das Thema auf einmal so präsent ist?
Belege für die Existenz von Asexualität gibt es schon sehr lange. Es exisitieren medizinische Untersuchungen aus dem 19. Jahrhundert, in denen festgestellt wurde, dass manche Menschen einfach keinen Bock auf Sex haben. Die Sichtbarkeit hat aber in den letzten Jahren zugenommen. Und es gibt verschiedene Foren, in denen wir uns austauschen und informieren können. Das ist neu und hat mir auch sehr geholfen – vorher dachte ich immer, ich wäre unnormal. Durch den Austausch ist mir deutlich geworden, dass viele Menschen ähnliche Empfindungen haben.

Bestimmt hast Du schon mal den Tipp bekommen, wegen deiner Asexualität zu einem_r Psycholog_in oder Ärzt_in zu gehen?
Ja, aber wieso sollte ich das machen – ich habe ja überhaupt kein Problem damit und fühle mich sehr wohl! Manche Menschen respektieren meine Orientierung nicht und wollen mich „missionieren“ oder „heilen“. Das nervt! Aber das ist ja deren Problem, und sollte eigentlich nicht meins sein.

Zum Weiterlesen:
—http://asexyqueer.blogsport.de
—http://www.asexuality.org/de Asexual Visibility and Education Network (AVEN)

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