Solidarität mit Pussy Riot!

Ein Interview mit einer Aktivistin und Musikerin der sibirischen Punkband Kissmybabushka

Die Nachricht ging um die Welt, Madonna, Sting und die Red Hot Chilli Peppers schickten Solidaritätsadressen: Drei Mitglieder der queer-feministischen Band Pussy Riot aus Moskau waren im März 2012 verhaftet worden und sollen nun für zwei Jahre ins Straflager. Wir sprachen mit der feministischen Punkband Kissmybabushka aus Novosibirsk über die Situation von Feminist_innen in Russland, über ihre Solidaritätsarbeit für Pussy Riot und ihre eigene Repressionserfahrungen. Denn von diesen musste auch Kissmybabushka einige machen: Als eines ihrer Mitglieder 2009 wegen des Engagements der Band ins Gefängnis musste, sammelten die Mitglieder von Pussy Riot Geld für den inhaftierten Künstlerkollegen. Jetzt sind es die Aktivist_innen von Kissmybabushka, die in Novosibirsk Zeichen der Solidarität mit den inhaftierten Frauen von Pussy Riot setzen.

SaZ: Im vergangenen Jahr wurden drei junge Frauen verhaftet, nachdem sie in einer Kirche vor dem Altar ein „Punk-Gebet“ gegen Kirche und Staat, gegen Abtreibungsverbot und „Gottesscheiße” veranstalteten. Die Anklage lautete auf „Rowdytum aus religiösem Hass“. Kannst Du beschreiben, was genau passiert ist?

Kissmybabushka: Einige Zeit vor der Wahl Putins veranstaltete die Gruppe Pussy Riot in der Christ-Erlöser-Kathedrale dieses „Gebet“. Die Kathedrale in Moskau gilt als die wichtigste Kirche Russlands, in ihr finden die offiziellen Gottesdienste statt, an denen Putin teilnimmt und welche im Fernsehen übertragen werden.
Das war nicht die erste Aktion der Punk-Feminist_innen, im Laufe des vorhergehenden Winters machten sie einige ähnliche Aktionen – in der U-Bahn, auf dem Dach einer Straßenbahn, in Modegeschäften und Bars (alle selbstverständlich nicht legal). Kurz bevor der Patriarch Kyrill alle Orthodoxen aufforderte, bei der Wahl Putin zu unterstützen, äußerte er : „Orthodoxe Menschen gehen nicht auf Kundgebungen“.

Waren denn eigentlich solche Folgen vorhersehbar?

Diese Folgen waren nicht vorhersehbar, erwartbare Strafen, im schlimmsten Falle, waren 15 Tage Arrest, was bei politischen Aktionen oft verhängt wurde. In den Kirchen traten nun die Priester auf und erklärten, dass es nötig ist, die „Heimat vor der Lästerung zu schützen“, in Moskau führte der Patriarch einen „Versammlungs-Gottesdienst“ gegen Pussy Riot an, d.h. die „Unzufriedenheit“ wurde bewusst angeheizt.

Wie gestaltet sich Eure Arbeit vor Ort? Gibt es Einschränkungen bei der Unterstützungsarbeit? Wie viele Teilnehmer_innen beteiligen sich in Novosibirsk und wie gefährlich ist die Arbeit dort?

In Novosibirsk wurde im April eine Kundgebung zur Unterstützung der jungen Frauen verboten. Seitdem wurden in der Stadt praktisch keine Kundgebungen mehr direkt verboten – stattdessen denken sie sich Gründe aus, wie z.B., dass der Platz bereits besetzt sei oder ähnliches.
Im März platzierten wir einige Plakate zur Unterstützung der Gruppe in Werbeanlagen. Dafür, dass sie eine Ähnlichkeit mit Ikonen hatten, habe ich drei Anzeigen erhalten („wegen Beleidigung religiöser Gefühle“). Später haben wir T-Shirts mit diesen Bildern bedruckt und dann auf Konzerten verkauft, um Pussy Riot Geld ins Gefängnis schicken zu können.
Polizisten in Zivil haben T-Shirts gekauft und daraufhin noch einmal mehrere Anzeigen gegen mich gestellt – wieder aufgrund der „Verletzung religiöser Gefühle“ (für jedes T-Shirt eine Anzeige). Diese Dinge sind bisher nicht zur Anklage gekommen, und dafür droht nur eine verhältnismäßig geringe Strafe (für die Plakate in den Leuchtkästen im Sommer musste ich nur 1000 Rubel (ca. 25 Euro) zahlen). Im Vergleich zu den zwei Jahren Gefängnis, welche die Frauen gekriegt haben, ist das lächerlich. Jetzt gerade beschäftigt sich das Parlament allerdings mit einem neuen Gesetz, um die Verletzung religiöser Gefühle mit drei Jahren Gefängnis ahnden zu können. Neben uns gibt es noch ein Dutzend linker und liberaler Aktivist_innen, die auch Pussy Riot unterstützen.
Zur Frage der Sicherheit: Die Situation ist ein bisschen angespannt, aber ich glaube nicht, dass wir wirklich festgenommen werden. Auch wenn ich selbst vor drei Jahren im Zusammenhang mit einer Aktion zum ersten Mai im Gefängnis saß, wegen untergeschobener Drogen.

Wie seid ihr politisiert worden?

Vor acht Jahren waren die ersten Wahlen, für die ich mich interessiert habe. Ich habe verstanden, dass das eine Imitation ist, zudem noch eine sehr schlecht gemachte: Niemand zweifelte, dass Putin siegen wird, die anderen Parteien haben nicht mal ihre Kandidat_innen aufgestellt.
Mir gefielen anarchistische Ideen und seit dem zähle ich mich zu den Linken, aber leider interessiert sich hier fast niemand dafür.

In den deutschen Medien werden „Pussy Riot“ gewöhnlich als Punk-Gruppe oder als Aktivistinnen beschrieben, die feministische Stoßrichtung der Gruppe findet seltener Erwähnung.

Ja, auch im Prozess spielte das keine Rolle, selbst die Rechtsanwält_innen von Pussy Riot haben die feministische Komponente der Aktion ignoriert und die Aufmerksamkeit nur auf den Protest gegen Putin gerichtet. Das wird sich jetzt mit neuen Anwält_innen hoffentlich ändern. Spannend für eine feministische Einschätzung ist auch, dass bei der Aktion in der Kirche nach den „Hintermännern“ gesucht wurde – schnell kam der Mann einer der Frauen von Pussy Riot in den Blick der Justiz. Die Frauen als eigenständig handelnde Personen wahrzunehmen, das geht nicht in den Kopf eines Sexisten.

Es ist ein Spiel mit dem rebellischen Image: Madonna und andere VIPs verkünden ihre Solidarität. Für Pussy Riot zu sein ist hip. Was hältst Du davon?

Es gibt tatsächlich Leute, die Pussy Riot nur dieser Mode wegen unterstützen, aber, ich denke erstens, solche Leute bilden nur 5-10 % der Unterstützer_innen und zweitens ist es nicht die allerschlechteste Mode.

Es wirkte in Deutschland schnell so, als wären alle für Pussy Riot. Doch wie das in der deutschen Öffentlichkeit verhandelt wurde, war teilweise ziemlich eklig. Da wird die russische Bevölkerung rassistisch als rückständig und traditionell dargestellt, um sich selber als Hort der Meinungs- und Redefreiheit in Europa auf die Schultern zu klopfen. Und weit geht die Unterstützung von Pussy Riot auch nicht: Als der Preis „Das unerschrockene Wort“ der Stadt Wittenberg an die Band vergeben werden sollte, wehrten sich dann schnell deutsche Kirchenvertreter und meinten: „Eine Lutherstadt sollte keine Gotteslästerung ehren“. Auch in Deutschland forderten in letzter Zeit viele Medien strengere Regeln gegen Blasphemie. Erleben wir gerade einen religiösen Rollback?

Die Kirche hat den Fall zu nutzen gewusst, aber gleichzeitig bekam sie auch viel Kritik ab. Nach der Verhaftung [von PR] sind sehr viele Geschichten mit Finanzaffären aufgeflogen, die früher niemand beachten wollte. Die Kirche sprach sogar davon, dass es eine „vom Westen initiierte Welle“ gegen sie gebe.


Straßen aus Zucker sind gegen jede Form von Staat und Regierung. Sicherlich lehnen wir reaktionäre Präsident_innen ab, aber wir wollen uns generell nicht regieren lassen. Doch in der deutschen Öffentlichkeit denken viele, dass das Ziel der Opposition in Russland einfach nur eine Regierung ohne Putin ist. Stimmt das denn? Wollen Pussy Riot einen besseren Präsidenten? Gibt es von eurer Seite eine grundlegendere Kritik am Staat und am Regiertwerden?

Ja, Putin ist nur ein Symbol. Niemand von uns sagt, dass wir einen anderen Menschen auf dem Platz des Präsidenten brauchen. Nur ein kleiner Teil der Protestierenden ist jedoch politisiert, man kann die meisten nicht links oder liberal nennen, das sind einfach „wütende Bürger“.

Kannst Du was dazu sagen, wie feministische Politik und wie radikale linke Politik in Russland funktionieren?

Im Vergleich zu europäischen Maßstäben gibt es kaum eine linke Bewegung in Russland. Ich meine die wirkliche linke Bewegung und nicht die „Kommunistische Partei“, die praktisch nur noch aus ihrer todgeweihten stalinistischen Scheiße besteht. Im Grunde sind es kleine Gruppen, bestehend aus 10-12 Leuten. Feminismus ist überhaupt exotisch. Vielleicht bin ich wirklich übermäßig skeptisch. Aber russische Proteste kann man nicht links nennen. Im Allgemeinen gibt es hier eine Krise mit der politischen Selbstbestimmung. Die Leute sind enttäuscht von der „Politik“ und suchen nach „Ehrlichkeit“ bei den Schriftsteller_innen und Journalist_innen. Amüsant.

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