Let‘s talk about love, sex and friendship.

Statt einer Einleitung

Liebe und Verliebtsein ist schön. Und kann ganz schön weh tun. Doch viele können auch dem vergeblichen Verknalltsein etwas abgewinnen, plötzlich ist man das erste Mal gern zur Schule gegangen. Liebe ist der Traum davon, händchenhaltend in den See zu springen. Anderen ist das zu kitschig.
Das Gerede über Liebe ist penetrant. Es gibt Zeiten, da dreht sich das Gespräch nur darum. Wer wen süß findet. Das hatte was von Gruppendruck, irgendwer ist zum begehrtesten Jungen der Klasse erkoren worden und plötzlich sind alle in den. Und die, die eigentlich überhaupt kein Interesse an dieser Frage haben, müssen trotzdem mitmischen, um nicht raus zu fallen. Viele fallen aber sowieso raus und sind nicht nur beim Sport die, die als letzte gewählt werden. Andere machen notgedrungen mit beim Jungstalk, wer jetzt das hotteste Mädchen sei, obwohl sie sich eigentlich eher für Jungs interessieren. Und fragen sich unaufhörlich, ob das, was sie gerade fühlen, nun das sei, wovon alle reden.

Parallel und damit verbunden gibt es das Gerede vom Sex. Hier von Gruppendruck zu sprechen, ist eine Untertreibung. „Das erste Mal“, allein dieser Ausdruck verbreitet für viele Schrecken. Macht man das jetzt, weil man es will oder damit man es morgen in der Schule erzählen kann?
Und wie verhalten sich Freund_innenschaften zu alledem? Bei vielen fristen sie ein Schattendasein (in diesem Text leider auch) – ist eine neue Beziehung am Start, sind Freund_innen oft abgemeldet. Dabei sind sie oft beständiger als Beziehungen. Sicher ist nur, dass wir nicht wie unsere Eltern und Großeltern werden wollen, die oftmals ihre Freund_innen gegen ihre_n Partner_in ausgetauscht haben und dabei eigenartig allein wirken.
Nun also eine Ausgabe der „Straßen aus Zucker“ zu Liebe. Zu Sex. Zu Freund_innenschaften und Beziehungen. Wollen wir linken Miesepetras jetzt auch noch diese schönen Themen kaputt reden? Nein, wir wollen nicht. Denn auch wir haben bei den Diskussionen über diese Ausgabe bemerkt, dass es auch für einige von uns die Liebe ist, worauf sie hoffen. Auch wir erinnern uns in unsereren Biographien vorrangig an Beziehungs- und Freundschaftsanfänge wie -enden und mit Schrecken an Verletzungen und Zeiten, in denen wir uns allein und ohne jede_n Freund_in fühlten. Und selbst unter uns gewieften Kritiker_innen bekommt Sex viele Likes. Worüber soll es dann in dieser Ausgabe gehen? Vielleicht: Darum wie das alles noch schöner sein könnte?

Diesem Gedanken steht oft aber die Vorstellung entgegen, dass Sex, Liebe und Beziehungen aller Art einfach seien, was sie seien. Veränderung ausgeschlossen. So hätten auch schon die Steinzeitmenschen gelebt und deren Erfahrungen prägen auch noch heute die Menschen. Gut, viele Liebesformen wie z.B. gleichgeschlechtliche seien heute möglich. Und die Ehe sei eine unter vielen Beziehungsformen geworden. Aber generell sei das alles eher nicht veränderlich. Das glauben wir nicht! So ist die Liebe, wie wir sie heute kennen, gar nicht so alt. In Athen vor 2500 Jahren war sie vor allem eine Angelegenheit unter Männern, heterosexuelle Kontakte waren nur für das Kinderkriegen da. Die Steinzeitmenschen, die immer herhalten müssen, wenn ‚erklärt‘ werden soll, warum das mit den Geschlechtern so ist, wie es heute ist, lebten ganz anders, als gemeinhin gedacht wird. Nichts von: Die Frauen warten in Höhlen auf die Männer, die beim Jagen sind. Vielmehr jagten sie mit, während die Großeltern auf die Kinder aufpassten. Ja, Frauen besorgten den Großteil des Essens.
Generell kann gesagt werden, dass die Geschichte voll von verschiedenen Beziehungsformen ist, mannigfaltige Formen der Arbeitsteilung hat es gegeben.

Nun wollen wir damit nicht behaupten, dass früher alles besser war. Mitnichten. Denn auch früher, vor dem Kapitalismus, war das Verhältnis zwischen Menschen durch strikte Do‘s & Dont‘s geprägt. Also gehört es zu dieser oft behaupteten ‚Natur des Menschen‘? Redet ‚der Mensch‘ per se einfach ungern über Bedürfnisse und setzt anstelle dessen ein striktes: ‚Das und jenes gehört sich nicht‘? Gibt es vielleicht sogar ein Norm-Gen? Nein, denn wir können ja jeweils spezifische Gründe dafür aufführen, warum sich bestimmte Normen entwickelten, die sich eben auch ziemlich oft änderten. Die Gene müssten ganz schön aus der Puste sein, so oft, wie die sich in all den Jahren geändert haben sollen.

„Gib mir ‘n kleines bisschen Sicherheit…“
Wir glauben also, dass man nicht über „die Liebe“ oder „die Freundschaft“ im Allgemeinen reden kann, sondern nur über bestimmte Formen in verschiedenen Zeiten. Heutzutage liegt all dem Hoffen auf die Liebe, dem Sehnen nach Mrs. Right und dem Gerede über Sex ein ziemlicher Verdrängungsprozess zugrunde. Ich flüchte mich in die Liebe, weil das sonstige Leben nur wenig Nettes bereithält. So allgemein könnte man es auch für andere Zeiten sagen, aber nun kommt das, was es heute anders macht: Hier und heute sind es eben gerade und vorrangig Liebe, Freizeit, das Private, die all das Unglück ausgleichen sollen, das in Schule, Ausbildung, Arbeit blüht. Die Neuerung liegt genau in dieser Trennung von Privatem und Öffentlichen, die es früher in dieser Weise nicht gab. Während also die kapitalistische Konkurrenz und der Staat notwendig und systematisch dafür sorgen, dass über meine Grenzen gegangen wird, ich klein gemacht werde und meine Bedürfnisse nicht viel zählen, hat sich die Sphäre des Privaten entwickelt, die das ausgleichen soll. In der ich mich regeneriere, um auch morgen für ‚mein‘ Unternehmen kraftvoll und kreativ zupacken zu können. Dem Himmelreich der Liebe wurde also eine klare, wenig romantische Funktion zugewiesen.

„…in einer Welt, in der nichts sicher scheint“
Dieser Funktion der Liebe, des Privaten führt dazu, dass es oft sehr viel ist, was da auf die Schultern der geliebten Menschen gepackt wird. Das ist auch kein Wunder in einer Gesellschaft, in der man das eigene Schicksal eben nie wirklich in der Hand hat: Letzten Endes sind Menschen in dieser Gesellschaft erstmal wichtig als (zukünftige) Arbeitskräfte. Und was die Zukunft bringt, können sie nur bedingt entscheiden, sondern sind von den Entwicklungen des Marktes abhängig. Dass wir da einen Menschen suchen, der einen einzigartig und sicher fühlen lässt, der behauptet, dass er oder sie für immer da bleibt, ist also nicht verwunderlich. Doch auch nicht verwunderlich ist, dass das die Beziehung und den Feierabend ziemlich überfrachtet, wenn hier all die Verwundungen und Aufregungen aufgefangen werden müssen. Das ist für uns auch einer der Gründe, warum es dann meist im Privaten auch gar nicht so nett aussieht. Gleichzeitig führt dieses stete Hoffen auf den Feierabend auch dazu, dass in der Schule, auf der Arbeit, überall dort, wo man die meiste Zeit seines Lebens verbringt, viel mehr ausgehalten wird. Anstatt es zusammen mit anderen so zu verändern, dass es einem besser geht.

Warum ist das Private politisch?
Mit dem Motto ‚Das Private ist politisch‘ haben Feminist_innen daraufhin hingewiesen, dass die politische Kritik an der Küchen- und Schlafzimmertür nicht halt machen dürfe. Gleichzeitig macht es deutlich, dass das scheinbar so abgekapselte Privatleben eine Menge mit dem, worum es in Schule und Arbeitsleben geht, zu tun hat. Mit Konkurrenz, mit Standortvorteilen, mit Eigentum.
So zeigt der, der den besonderen Menschen zu „meinem“ macht, all das Eigentumsdenken, das wir in dieser Gesellschaft mehr oder weniger selbstverständlich verinnerlicht haben: Weil jeder einzelne Gegenstand, jedes Stück Land und seit neuestem über Emissionshandel sogar die Luft jemandem gehört, klingt es fast plausibel, dieses Prinzip auch auf Personen auszudehnen. Gewalttaten aus Eifersucht – weil sich da „doch glatt jemand an meiner Freundin vergriffen hat“ – zeigen dies.
Auch das Ranking nach Aussehen und anderen Statusmerkmalen, das jede und jeder hier im Kopf hat, und in das man sich und die Anderen einsortiert, erinnert nicht zufällig an Mechanismen der Konkurrenz. Beziehungsenden wirken dann nicht selten wie eine Kalkulation à la „Mein sexueller Marktwert gibt mehr her als Dich“. Jede_r will sich möglichst teuer verkaufen, ‚leicht zu haben‘ ist man schließlich nicht.

Von „leichten“ Jungs, Manizern und Woman-eatern
Der letzte Punkt, dass man nicht ‚leicht zu haben‘ sein will, bezieht sich jedoch auch heute noch nur auf Frauen. So absurd es ist: Jungs und Männer, die mit vielen Frauen schlafen, gelten als coole Typen, Mädchen und Frauen, die das andersrum machen, als Schlampen. Das scheint sich beeindruckend langsam zu wandeln. Und das ist nur eins von vielen Beispielen, weswegen uns das Geschlechterverhältnis, trotz aller Reformen, immer noch ein sicherer Garant fürs Unglück zu sein scheint. Für Frauen sowieso, aber auch für Männer gilt das, für Menschen, die sich keinem Geschlecht zuteilen wollen, erst recht. Vielleicht sollten wir Geschlechter lieber gleich abschaffen? Aber für viele gibt diese Geschlechtereinteilung einen sicheren Halt und die vermeintlichen Unterschiede sind nicht nur für Mario Barth, sondern für viele Menschen erster Gesprächsinhalt. Und das wollen wir ihnen auch noch nehmen? Warum wir glauben, dass sie Mario Barth verlieren, aber eine Welt gewinnen würden, auch darum soll es in dieser Ausgabe gehen. Denn eins wissen wir mit Bestimmtheit: Das Leben und Lieben könnte schöner sein.

Zum Weiterlesen:
—Texte zu Liebe, Beziehungen u.a. – http://liebe.arranca.de
—Bücher von Eva Illouz: „Der Konsum der Romantik“ sowie „Warum Liebe weh tut“.
—Testcard # 17 zu Sex – http://testcard.de
—Wie war das wirklich in der Steinzeit? Hierfür „WDR Steinzeit“ bei Youtube eingeben.
—Lilly Lent / Andrea Trumann, Kritik des Staatsfeminismus. Oder: Kinder, Küche, Kapitalismus, 2015, 7,90 €

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