„Was ist da bei Ihnen durchgebrannt, Herr Stadlober?“*

*(BILD-Zeitung vom 12.6.11)

Interview mit Robert Stadlober

Der aus den Filmen „Sonnenallee“, „Sommersturm“ und „Crazy“ bekannte Schauspieler geriet diesen Sommer als „Sympathisant“ von „Autozündlern“ in die Schlagzeilen. Er war in einer Antifa-Gruppe, findet Deutschland nicht so gut und hat den Hamburger Kommunisten Thomas Ebermann zum Vorbild. Dass damit eine Menge Leute Probleme haben ist klar – wir nicht! Deswegen haben wir ihn an einem regenfreien Tag zum Bier trinken getroffen.

Du hast ein Interview für das Berliner Stadtmagazin ZITTY gemacht, das noch mal Bezug auf deinen viel zitierten Satz aus der ARD-Talk-Show „3 nach 9“ vom 12. Juni nimmt: „Solange in Hoyerswerda keine Asylantenheime brennen, sind mir brennende Autos relativ egal.“

Ich wurde ja zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und das war noch so ein letzter Nachschlag. Das war auch kein wirkliches Interview in der ZITTY, sondern ein Text, den ich geschrieben habe. Nach der Talkshow wollte ich einfach ein paar Sachen klarstellen. Vor allem nachdem mir BILD-Zeitungsleser Morddrohungen und ähnliches geschickt hatten.

Was waren das für Drohungen?

Naja, sowas wie: „Wenn ich wüsste wo dein Auto steht, dann würde ich dich dran binden und es anzünden!“. Oder: „Leute wie du gehören aus der Gesellschaft ausgeschlossen!“. Das krasseste war dann in Braunschweig vor dem Stadttheater. Als ich das verlasse, kommen
 drei Typen an, die meinten: „Ey man, bisher fand ich dich echt gut, aber 
pass mal auf, damit schmeißt du echt deine Karriere weg.“ Darauf ich: „Hä, so schlimm war‘s doch gar nicht!“. Und dann sie: „Doch man, damit hast du jeden einzelnen Deutschen beleidigt!“.
Ich nehme meinen Satz allerdings nicht zurück. Vielleicht war er ein bisschen hitzig, aber an dem Abend in dieser Talkshow hatte ich einfach keine Lust mit diesen Berufsaufregern verständnisvoll zu diskutieren. Was mich im Nachhinein sehr verwundert hat, war die Tragweite des Ganzen. Dass sich Leute in solch einem Maße über mein Aussage aufregen, anstatt über die Zustände in unserer Gesellschaft. Der momentane Diskurs um soziale Probleme geht ja im Augenblick nur in eine Richtung und die Schwierigkeiten der Leute gehen dabei leider vollkommen unter. Ich habe halt das Gefühl, dass bestimmte Stimmen in diesem Diskurs absichtlich nicht gehört werden. Und der ein oder andere fängt dann halt an, Autos anzuzünden. Natürlich sind solche Aktionen nicht die Lösung des Problems und führen leider auch in den seltensten Fällen dazu, dass man sich mehr Gehör verschafft.

Ganz schön krass ist auch, dass öffentliche Stellungnahmen fehlten, die dich unterstützten. Wir fanden es lustig und gut was du gesagt hast!

Naja, Christiane Rösinger, die Solomusikerin und Mitglied der Band ‚Britta‘, hat mich unterstützt, aber auch leider nur auf dem Blog von Fm4, das haben also nur Österreicher gelesen. Und in der letzten KONKRET gab es ein Protokoll meines Gespräches bei 3 nach 9 mit Kommentar.

So, jetzt aber mal zu deinem Beruf. Du bist sicher oft auf Filmevents, laufen da viele Idiot_innen rum?

Kommt sehr auf den Film oder das Event an. Zum Glück gibt es aber einige, die nicht total gehirnamputiert sind. Viele sind durchaus reflektiert, ich will jetzt keine Namen nennen. Wie weit jemand sich öffentlich zu seiner politischen Haltung bekennt, sollte jedem selbst überlassen sein. Es gibt aber genug Leute wie mich, die eigentlich ein vollkommen anderes Leben führen, außerhalb von diesem komischen Promizirkus. Die mischen natürlich darin mit, haben aber durchaus eine eigene Meinung. Die vertreten sie dann nicht unbedingt ständig in der Öffentlichkeit. Meistens ist es so, dass ich mich bei den Events dann mit ein paar Leuten, die ich schon kenne, in irgendeine Ecke verziehe und das Buffet plündere. Yeah, umsonst Getränke!

Glaubst du, dass mit Filmen etwas politisch verändert werden kann?

Ich glaube, dass mit Filmen Leute schon anders erreicht werden als mit anderen Medien, also auf einer viel emotionaleren Ebene.
Aber natürlich ist Filme machen immer ein Kompromiss. Weil, ganz klar: Es ist eine auf ein Publikum gerichtete Kulturform. Du musst daher immer für dich selber abwägen, wie weit du gehen kannst und ab welchem Punkt es dann nicht mehr tragbar ist. Da gibt‘s gerade als Schauspieler auch oft Momente, wo man Ausrutscher hat, weil man schwer einschätzen konnte, wie das Projekt dann wirklich wirkt. Das liegt daran, dass man oft den Leuten, die im Endeffekt darüber zu bestimmen haben, wie der Film wird, auf gewisse Art ausgeliefert ist. Es gibt aber auch genug Leute, auch in meinem Alter, die sehr gern populäre Filme machen und die ich überhaupt nicht verurteile. Ich für meinen Teil, versuche halt nur, seit ich angefangen habe Kinofilme zu machen, zumindest ein bisschen anspruchsvoll zu bleiben, ich will keine bloße Popcornunterhaltung!

Der neue Lieblingsbegriff in Deutschland ist ja grade Integration. Wir arbeiten gerade auch dazu bzw. dagegen. Wie stehst du zu dem Thema bzw. Begriff?

Also ich weiß einfach nicht, worin sich jemand integrieren soll? Ich glaube nicht, dass es in den letzten 60 Jahren in Deutschland oder sonst wo in Europa jemals eine Gesellschaft gab, die so geschlossen war, dass es irgendetwas gab, in das man sich hätte integrieren können. Darum halte ich ‚Integration‘ für einen ziemlichen Quatschbegriff, an dem die ganze Zeit nur rumgedoktert wird, weil sich kein anderes Wort finden lässt. Es geht doch nur wieder darum jemanden zu finden, den man für unsere Probleme verantwortlich machen kann, statt zu überlegen woher diese Probleme eigentlich kommen. Natürlich kann man schnell mal sagen: Die jungen türkischstämmigen Menschen in Berlin-Neukölln sind schuld, dass unsere Gesellschaft vor die Hunde geht. Da schreien natürlich viele: „Ja, Mann! Ich hab‘s dir doch schon immer gesagt!“ Nur, dass der, der da ruft, nicht merkt, dass es ihm genauso scheiße geht wie dem in Neukölln, und dass der in Neukölln den deutschen Pass hat – genauso wie seine Mutter und genauso „integraler“ Bestandteil dieses Landes ist, das wird gern übersehen. Eigentlich müssten die ja zusammenstehen, denn uns geht’s allen gleich scheiße.

Und warum geht es uns so dreckig?

Naja, dass es uns so dreckig geht, liegt ja recht offensichtlich am Kapitalismus. Leider steht die Revolution aber auch nicht gerade vor der Tür. Mir wär‘s zwar recht, aber ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob die Kreuzung, an der wir hätten abbiegen müssen, nicht schon weit hinter uns liegt. Also ich glaube nicht dass ‚ne Marktwirtschaft an sich fähig ist eine solidarische Gesellschaft zu schaffen. Und ich glaube, dass der Weg auf dem wir uns gerade befinden schwer umkehrbar ist. Es wurde ja durchaus in einigen Ländern versucht, marktwirtschaftlich eine sozial gerechte Gesellschaft zu erreichen. Das ist aber bis jetzt immer grandios gescheitert. Außerdem denke ich nicht, dass es eine tolle soziale Revolution in einem einzigen Staat geben kann und da herrscht dann Milch und Honig. Wenn, dann alles und überall.

Im September kommt ja der Papst nach Deutschland…

Ja, da mach ich auch was mit Thomas Ebermann! Der Abend nennt sich: „Papst gefälscht!“. Das ist ein Text nach André Gide und wir lesen das. Das werden wir in Berlin und Leipzig machen, wenn der Papst dann da ist.

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