Archiv für November 2011

Culture? I’d rather kiss a wookie!

Kultur und Rassismus

Wem kommen folgende Aussagen nicht bekannt vor, sei es am elterlichen Abendbrottisch, in der U-Bahn oder in der Zeitung: „Muslime stehen der westlichen Lebensweise mit ihren demokratisch verankerten Freiheiten abneigend gegenüber. Sie bleiben deswegen unter sich, statt sich zu integrieren. Die Männer bestimmen über alle Lebensbereiche, während Frauen ungefragt Folge zu leisten haben. Sie sind unreflektiert und fanatisch aufgrund ihrer Religion.“ Leider handelt es sich bei dem Quatsch nicht um Einzelmeinungen: Drei Viertel aller nicht-muslimischen Deutschen gaben in einer Umfrage der Uni Bielefeld an, dass ihrer Meinung nach die „islamische Kultur“ nicht oder eher nicht in „unsere westliche Kultur“ passe – Kulturalisierung und anti-muslimischer Rassismus sind in Deutschland Alltagsphänomene.

Jedi Mind Tricks
Die obigen Bilder werden im Fall der Muslime verwendet, um jede_n einzelne_n mit bestimmten festgelegten Merkmalen zu versehen, sie somit als einheitliche Gruppe von der eigenen abzugrenzen und dann abzuwerten. Dabei wird dann gar nicht mehr gesehen, dass jemand zwar Eltern haben mag, die aus Saudi-Arabien kommen, deswegen aber noch lange nicht an Gott glauben muss. Oder, dass es Leute gibt, die zwar offiziell „muslimisch“ sind und an manchen Familienfeiern teilnehmen, das für sie aber ungefähr so viel oder wenig bedeutet wie wenn manche Christ_innen sich an Jesus’ Geburtstag mit Geschenken überhäufen. Uninteressant ist auch, ob jemand z.B. iranische Kommunistin oder syrischer Anarchist ist – das bestimmende Merkmal ist die vermeintliche Zugehörigkeit zur „islamischen Kultur“. Auch die Tatsache, dass es im Islam wie in allen Religionen viele verschiedene Denkschulen gibt, orthodoxe wie liberale, wird einfach mal so unter den Tisch fallen gelassen. (mehr…)

„Was ist da bei Ihnen durchgebrannt, Herr Stadlober?“*

*(BILD-Zeitung vom 12.6.11)

Interview mit Robert Stadlober

Der aus den Filmen „Sonnenallee“, „Sommersturm“ und „Crazy“ bekannte Schauspieler geriet diesen Sommer als „Sympathisant“ von „Autozündlern“ in die Schlagzeilen. Er war in einer Antifa-Gruppe, findet Deutschland nicht so gut und hat den Hamburger Kommunisten Thomas Ebermann zum Vorbild. Dass damit eine Menge Leute Probleme haben ist klar – wir nicht! Deswegen haben wir ihn an einem regenfreien Tag zum Bier trinken getroffen.

Du hast ein Interview für das Berliner Stadtmagazin ZITTY gemacht, das noch mal Bezug auf deinen viel zitierten Satz aus der ARD-Talk-Show „3 nach 9“ vom 12. Juni nimmt: „Solange in Hoyerswerda keine Asylantenheime brennen, sind mir brennende Autos relativ egal.“

Ich wurde ja zum Staatsfeind Nummer 1 erklärt und das war noch so ein letzter Nachschlag. Das war auch kein wirkliches Interview in der ZITTY, sondern ein Text, den ich geschrieben habe. Nach der Talkshow wollte ich einfach ein paar Sachen klarstellen. Vor allem nachdem mir BILD-Zeitungsleser Morddrohungen und ähnliches geschickt hatten. (mehr…)

Kirchenaustritt D.I.Y.

Wie auch immer Du da rein geraten bist, so geht‘s raus:

Vielleicht hat Dich Ned Flanders zur Nottaufe gezerrt – vielleicht hat Dir jemand aus Versehen Weihwasser über den Kopf gekippt, vielleicht wolltest Du Omi damals einen Gefallen tun, mit der Taufe und Kommunion viel Geld absahnen oder vielleicht haben Deine Eltern einfach für Dich entschieden, als Du noch nichts einwenden konntest – jedenfalls gehörst du jetzt durch irgendwelche höheren Mächte offiziell zu einer staatlich anerkannten Glaubensgemeinschaft.

Ned hin und Omi her – in Deutschland giltst Du ab dem vierzehnten Lebensjahr als religionsmündig und kannst so auch über das Ende Deiner Zugehörigkeit zur Kirche selbst entscheiden.
Je nachdem, wie dein Umfeld so drauf ist, kann das zu Unverständnis führen. „Herrgottsakrakruzifixnocheins!“Die Verwandtschaft schüttelt den Kopf, droht mit Enterbung oder einem Anruf beim Exorzisten.
Wie die jeweilige Glaubensgemeinschaft eine solche Entscheidung verkraftet, sei an dieser Stelle dahingestellt. Wir kümmern uns nur um die säkulare Gesetzgebung: Im Grundgesetz ist festgehalten, dass verfassungsgemäße Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaften unter bestimmten Umständen berechtigt sind von Ihren Schäfchen finanzielle Abgaben, quasi Mitgliedsbeiträge, zu erheben und unter bestimmten Umständen durch den Staat als Steuer eintreiben zu lassen. Wenn Du offiziell Geld verdienst, wird Dir entsprechend Deiner Konfession von den römisch-katholischen Bistümern, von den Evangelischen Gemeinden oder den Jüdischen Gemeinden dieser Beitrag von deinem Gehalt direkt durchs Finanzamt abgezogen – das sind zwischen acht und neun Prozent der Einkommenssteuer. Viele Menschen zahlen diesen Beitrag entweder aus Unwissenheit einfach mit, oder sie zahlen für‘s gute Gewissen. Schließlich seien viele soziale Einrichtungen durch kirchliche Träger finanziert. Aber Pustekuchen: Als Arbeitgeberin tut sich die Kirche ohnehin eher durch besonders miese Bedingungen für Krankenpfleger_innen, Sozialarbeiter_innen und Erzieher_innen hervor. Dafür verlangen christliche Arbeits- oder Freiwilligenorganisationen dann auch noch von ihren Angestellten entsprechende Kirchenzugehörigkeit.

Es gibt also viele Gründe, die Beziehung zu beenden. (Zutreffendes bitte ankreuzen)
Leider reicht es nicht, diese Begründungen an den Papst zu schicken, denn der Kirchenaustritt muss persönlich erklärt werden. Du musst also selbst den Weg zum Amtsgericht oder Standesamt zurücklegen. Dort braucht es nur deinen Ausweis, eine Unterschrift und du bist raus. Je nach Wohnsitz ist diese Amtshandlung einmalig kostenpflichtig, in Berlin, Brandenburg und Bremen gibt‘s den Kirchenaustritt gratis!
Und weil die Kirche eben nicht unfehlbar ist, lohnt es sich, die Bescheinigung für immer aufzuheben. Nach zehn Jahren vergisst sie oft, wer ausgetreten ist und zieht dann die Steuer fälschlicherweise vom Gehalt wieder ab, bis mit der Bescheinigung der Austritt belegt wird.

Gott, Gene und fiese Kapitalist_innen

oder: Warum viele Religionskritiker_innen ähnliche Fehler machen wie ihr Gegenüber

Leute, die in ihrer Freizeit mit irgendeiner heiligen Schrift rumlaufen und anderen daraus vorlesen, findet eigentlich keine_r richtig cool. In der Schule ist Reli oft eins der Fächer, bei denen selbst diejenigen schwänzen, die sonst keine Stunde verpassen. Und auch sonst sind da ganz viele einer Meinung: Religion sei ignorant und altmodisch, ganz klar, weil man ja mittlerweile wisse, dass die ganzen heiligen Bücher einfach nicht recht haben. Urknall, Einzeller, Dinosaurier und so weiter zeigten, dass die Schöpfungsgeschichte allenfalls ein nettes Märchen sei. Und im Weltraum seien wir auch schon gewesen, Gott haben wir aber nicht gefunden. Stattdessen solle man sich ja mal vor Augen führen, was Religion statt dem von Gott versprochenen friedlichen Leben wirklich verursacht habe: Nichts als Krieg und Elend. Nachdem etwa in London einige evangelikale Christ_innen auf die Idee gekommen waren, auf öffentlichen Bussen Werbung für das Christentum mit Sprüchen wie „Ungläubige werden Höllenqualen leiden“ zu machen, fühlten sich einige Atheist_innen dazu berufen, ihre eigene Buskampagne in mehreren europäischen Staaten zu starten. Auch in einigen deutschen Städten waren zum Beispiel Werbeflächen mit dem Text „Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott“ zu sehen. (mehr…)