Was (und was wir nicht) gegen Religion haben…

Wenn Menschen von höheren Mächten treu und still umgeben sein möchten, anstatt diese abzuschaffen

Ich will keine Versprechen, die mir Menschen geben,
die sie dann wieder brechen, so sind Menschen eben!

Xavier Naidoo, gläubiger Schlagersänger

In einer Zeit, in der die Welt restlos aufgeklärt scheint, jeder Winkel der Erde, ja selbst unser Sternensystem erforscht ist, erscheint der Glaube an Gottheiten erstmal nur als lustige, individuelle Verschrobenheit. Doch bei näherem Betrachten hat der Glaube nicht nur einen individuellen Charakter. Er entspringt nämlich offensichtlich einem großen Bedürfnis bei vielen Menschen. Religiöse Vorstellungen sind in ihrer heutigen Form – und nur um diese wird es in diesem Text gehen – eine nahe gelegte Umgangsweise mit der Katastrophe eines Lebens im Kapitalismus. Dieses Leben ist eins im ständigen Misstrauen: „Der tut doch nur so nett“, „Im Leben wird Dir nix geschenkt“. All die ausgefahrenen Ellbogen gehören zur täglichen Erfahrung, die jede_r in dieser Gesellschaft macht. Ja, sogar notwendigerweise machen wird, da man sich permanent an der Konkurrenz aller gegen alle beteiligen muss, um an die Dinge zu kommen, die man zum Leben braucht.

Die christliche Religion – evangelisch wie katholisch –, um die es in diesem Artikel vor allem gehen wird, bietet nun zu dieser Situation zweierlei an. Einerseits sei diese Konkurrenz und die Herrschaft von Menschen über Menschen nicht zu ändern und wer es doch will, wird gedisst: 1878 hieß das beim damaligen Papst noch, dass „die Kirche eine Ungleichheit unter den Menschen auch in Bezug auf den Besitz von Gütern für weit ratsamer und nützlicher“ erachte als die Gleichheitspläne dieser „todbringenden Seuche, die die innersten Organe der menschlichen Gesellschaft befällt“ und die auf die „fast barbarischen Namen Sozialisten, Kommunisten“ höre. Heute nimmt Papst Ratzinger bereits Kritik auf: „Wenn der Protest gegen Gott angesichts der Leiden dieser Welt verständlich ist, so ist der Anspruch, die Menschheit könne und müsse nun das tun, was kein Gott tut und tun kann, anmaßend und von innen her unwahr“. Was für eine Frechheit: Wir können Gründe für bestimmtes Leid, für Hunger und viele Tode benennen und wollen diese Gründe abschaffen – aber dann wird gesagt: sorry, soll nicht sein, weil wäre anmaßend. Gleichzeitig ist dieses Papst-Wort für viele aber auch ein lohnendes Angebot: Das, was ist, ist gut so (irgendwie). Das kann Sicherheit schaffen, denn vielen macht es Angst wohlbekannte Pfade zu verlassen. Unfreiwillig aber liefern sogar Kirchenleute viele Beispiele, dass sich grundlegend was ändern kann – auch das eigentlich über alle Zeiten festgetackerte „Wesen des Menschen“ ändert sich bei denen alle paar Jahre. Dafür muss man sich nur mal kirchliche Bilder von Homosexualität oder Frauen anschauen, auch wenn da noch eine Menge Luft nach oben ist. Und vom Glauben, dass Menschen immer einen König bräuchten, ist auch der Papst mittlerweile abgekommen – aktuell ist, welch‘ Überraschung, die Marktwirtschaft in punkto Gottgefälligkeit der absolute Hit.

Die andere Seite, wie das Christentum auf das von ihnen in salbungsvolle Worte eingepackte Hauen und Stechen des Kapitalismus reagiert, ist die Seite der Hoffnung und Liebe. Denn Jesus & Co. lieben Dich. In einem Psalm heißt es: „Gott schläft nicht. Er führt meine Füße bei jedem Schritt“. Da ist eben jemand, der immer für Dich da ist, der Kumpel, dem Du blind vertrauen kannst. Und in religiösen Gemeinschaften findest Du Menschen, die Dir sagen: „Du bist okay so, weil Du so wie wir bist.“ In einer Zeit, in der Du Dich eher nicht so attraktiv und geliebt fühlst und depressiv den Sonntagnachmittag verbringst, ist das schon eine Menge. Das soll auch gar nicht kleiner gemacht werden. Gerade in den dörflichen Gewaltkulturen, in denen einige von uns in Süddeutschland, Griechenland und Österreich aufwachsen mussten, in denen der Alltag sich zwischen Bierfesten, Tanzkurs, Freibad-Catwalk und Familien- und Schulterror bewegt und diese Gewalt als natürliche Hintergrundstrahlung gilt, kann so was nett sein. Für andere gehörte die Religion in ihrer Kindheit hingegen gerade zu dieser Gewaltkultur. Sie sollte Angst machen, einschüchtern. Überall hingen tote Männer an der Wand und es fielen Dich kleinmachende Worte wie Schuld und Buße, Sünde und Demut.
Dennoch bietet die Religion für viele ein Gefühl von Aufgehobensein. Doch was unterscheidet dieses vom Kegelverein; und auch mein Kuscheltier liebt mich ja und ist immer für mich da? Es ist die Sinngebung im Rahmen einer großen Gemeinschaft, die Verbindung Deines als klein eingeschätzten Lebens mit Ewigkeit und Kosmos. Ein wichtiger Teil hiervon ist die Sinngebung Deines Leidens. Zum Beispiel antwortet die Kirche denen, die Armut abschaffen wollen, es gebe einen „christlichen Sinn der Armut“. Damit die Hungerleidenden der Welt sich nicht nehmen, was sie brauchen, wird ihnen die fürchterliche Tugend der Bescheidenheit eingeimpft. Und die wenigen, die aus ihrem Glauben heraus hier grundsätzlich was ändern wollten, haben diese Abweichung von der christlichen Tradition auch nicht lange überlebt. Diese Tradition fasst Papst Ratzeputz gut mit den Worten zusammen, dass „nicht die Vermeidung des Leidens“ den Menschen „heilt“, sondern „die Fähigkeit, das Leiden anzunehmen und in ihm zu reifen, in ihm Sinn zu finden durch die Vereinigung mit Christus, der mit unendlicher Liebe gelitten hat.“ Wer dieses in vielen Religionen zur Prüfung verklärte Leiden durchsteht, dem Winken in Christentum oder Islam ein besseres Leben nach dem Tod, im Hinduismus die Wiedergeburt auf dem Oberdeck oder im Buddhismus der Ausstieg aus der ganzen Wiedergeburts-Chose.

Bisher ging‘s hier darum, welche Bedürfnisse die Religion dem_der Einzelnen befriedigt und was sie dem_der Religiösen zu erklären scheint. Und gleichzeitig fällt auf, dass für die meisten religiösen Menschen in Deutschland ihr Glaube nicht wirklich wichtig ist. Die einen beteten gerade noch, sie wollten keine Götter neben ihrem haben, schon warnen sie vor dem bei den Inkas für 2012 vorhergesagten Weltuntergang, während man sich in ihren Traumfängern verheddert und über ihren Yin&Yang-Kitsch stolpert. Dass Reli nur Nebenfach ist, treibt auch niemanden auf die Barrikaden. Religion ist heute im deutschsprachigen Kontext zu Wellness geworden. Wie Yoga gönnt man sich hier mal was und Pilgerwanderungen werden für die angeboten, die dringend Pause von ihrem Blackberry benötigen. An die Storys der Bibel haben sie als Bodenständige mit ihrem Diplom in Maschinenbau sowieso nie geglaubt. Erst bei Krankheit oder im Alter wird es manchmal ein wenig prinzipieller.
Was stört uns also daran, wenn sich jede_r raussucht, womit es ihr_ihm besser geht? Die Antwort mag in der SaZ verwundern: Wir wüssten nichts. Solange aus dieser Lebensweise keine irrationalen Argumente folgen, die sich gegen die Abschaffung dieser Leid produzierenden Gesellschaft richten. Wer fröhlicher durch den Glauben ist, dass wir nach dem Tod auf Wolken rumhängen, soll das tun – doch eben bitte ohne Aufnahmebedingungen für die Himmelfahrt. Als Spleen, der Menschen besser fühlen lässt, lässt sich nichts dagegen sagen, aber sobald der Glaube Auswirkungen auf andere Menschen hat, findet er unsere Kritik:
Diese macht sich also an den Konsequenzen des Götterglaubens fest. Doch nur bei den wenigsten hat dieser keine Konsequenzen, denn selbst der ungeglaubte Glaube meint die Welt erklären zu können.

Du führest mich zum… schlüsselfertigen Reihenhaus mit Kiesauffahrt
An die Stelle der Vorstellung, dass Gott auf Erden alles lenkt, traten nicht Aufklärung und Wissen über diese Gesellschaft, das den Menschen ermöglichen würde, endlich ihr Leben kollektiv selber in die Hand zu nehmen. Stattdessen stiegen die höheren Wesen auf die Erde herab. Heute ist es der Markt, der auf Erden alles lenkt und über uns richtet. So nimmt dann die Hoffnung, dass der Krisenkelch an „uns“ vorbeigehe, „Vollbeschäftigung“ zurückkehre und der Glaube an die neueste Konjunkturprognose durchaus religiöse Züge an. Und viele Aussagen von Kirchenleuten hören sich mit diesem Wissen auch recht erklärend an. Wenn z.B. die Ex-Chefin der Evangelischen Kirche Käßmann predigt: „Fürchten und zittern, ob das eigene Leben gelingt, darum geht es. Und erkennen, dass ich fast nichts dazu beitragen kann. Das einzige, was wir wohl schaffen können, ist, uns öffnen für diese Gotteserfahrung“, hat sie nämlich gar nicht so unrecht. In dieser Welt sind die Bedingungen, in denen Du Dein Leben lebst, von Dir nicht wirklich bestimmbar. Zwar gibt es Wahlmöglichkeiten: Du kannst mitentscheiden, ob die Grünen oder die CDU den Standort Deutschland und die Umstrukturierung der Bundeswehr voranbringen. Das mag im Einzelnen zugegebenermaßen ziemlich anders aussehen, aber eben nicht grundsätzlich anders. Pastorin Käßmann meint indes bei ihrer Ohnmachtserfahrung über „das Leben“ zu reden und beschreibt doch nur den Zustand unter dem Joch einer unvernünftigen Ökonomie und ärgerlicher Konventionen. Ein Leben voller Arbeit, mit Langweile, mit Sehnsucht nach dem „kleinen Glück“ und doch wieder nur der Trennung nach einigen Jahren mitsamt „Glaube an die Liebe“-Verlust. Und es kann immer noch schlimmer kommen: Wird Dein Job durch Computer ersetzt, heißt es eben nicht: „Strand, ich komme!“, sondern es folgt der Weg zum Arbeitsamt. Doch der alte Schicksalsglaube kann die modernen Ich-AGs mit ihrer „Pack mer‘s an!“-Attitüde nicht mehr recht begeistern. Die haben sich längst neue religiöse Verarbeitungsweisen der Konkurrenz gesucht, quasi den „Schicksalsglauben 2.0“. Im pausenlosen An-sich-und-dem-eigenen-Lebenslauf-Feilen, auf dass Deine Selbst-Präsentation erhört, der Erfolg komme und Dir Deine Girokonten-Schuld vergeben werde, drückt sich ihre Hoffnung aus.
Diese ewig Rastlosen können oft mit den alten Ritualen der Kirche nicht mehr viel anfangen, treten aus und verlangen nach schamanischer, Chakren-öffnender Seelenbetüdelung. Doch was als große Neuerung erscheint, ist doch nur eine Modernisierung der Fesseln, und alte und neue Religiosität sind sich in einem Punkt ganz einig: An den Umständen, unter denen wir unser Leben fristen, sollen wir nicht viel ändern können. Und so singen sie das populäre Kirchenlied „Danke für meine Arbeitsstelle“ im Duett. Und verkünden vereint das jahrtausendealte Mantra der religiösen Tradition, das da heißt: So wie es ist, bleibt es. Zittert, dass es nicht schlimmer wird. Verhöhnt und bekämpft die, die das ändern wollen. Doch wir höhnen zurück, denn wir sind, wie es in Judas 1,8 heißt, die, die „das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und lästern die überirdischen Mächte“. Alles andere findet sich dann schon, glaubt uns nur…

Zum Weiterlesen:
Zur Religion und Religionskritik ein Text von Lars Quadfasel im Extrablatt (Teil 1) (Teil 2) (Teil 3)

Ein Text der Gruppen gegen Kapital und Nation zur Kritik der Esoterik

Zum Dalai Lama finden sich viele wichtige Fakten in Colin Goldners Buch „Fall eines Gottkönigs“ von 2008. Oder, wer lieber TV-schauen mag: Es gibt auch einen Vortrag mit dem Titel Hinter dem Lächeln des Dalai Lama, den Colin Goldner an der Universität Wien am 18.05.2012 gehalten hat.

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