Drugs are bad m‘kay!?

Warum sich der Staat so brennend für Deinen Stoffwechsel interessiert

Wir konsumieren täglich Substanzen, die in irgendeiner Weise auf den Körper und die Psyche wirken. Egal, ob als Zigarette in der Mittagspause, als Feierabendbier oder als Joint im Park. Ständig nehmen wir Sachen ein, um mit wechselnden Situationen und Ansprüchen klarzukommen und/oder um schlicht Spaß zu haben. Bin ich morgens zu müde? Ein Kaffee hilft. War die Woche hart? Dann geht‘s zur Entspannung in die Kneipe, in den Club oder zum Dealer. Die Auswahl ist groß, wenn es um Substanzen geht, die uns je nach Bedarf entspannen sollen oder konzentrierter und leistungsfähiger machen. Die Hauptsache dabei ist, dass wir Montag früh wieder einigermaßen erholt den Matheunterricht genießen oder bei der Arbeit zur Verfügung stehen. Was dabei als Droge definiert ist, scheint sich von selbst zu verstehen. Dabei ist es extrem wandelbar und immer abhängig von der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung und ihren Zumutungen an die Individuen, was als Rauschmittel gilt. Ebenso, wie viel die Bevölkerung wovon verträgt und was an Konsum individuell notwendig ist, wird immer wieder zum Thema öffentlicher Debatten und eigener Selbstbefragung gemacht. Oft werden Substanzen selbst zum Problem erhoben. Dabei lässt sich über „Drogengebrauch“ aber nur etwas Sinnvolles sagen, wenn man auch die Gesellschaft analysiert, in der bestimmte Substanzen konsumiert, problematisiert und verboten werden.

Mother‘s little Helper
So, wie der Kapitalismus massenweise erschöpfte, ausgebrannte und fast durchdrehende Menschen produziert, bietet die Pharmaindustrie auch Mittelchen dagegen an. Als zum Beispiel 1963 Valium auf den Markt kam, wurde es mit den Worten „Better Living Through Chemistry“ als Medikament angepriesen, um den Hausfrauenalltag besser auszuhalten. Verschrieben wurde und wird es gegen Probleme und Spannungen, deren gesellschaftlicher Grund überhaupt nicht hinterfragt wird. Heute nicht mehr frei verkäuflich, wird es immer noch im großen Stil gegen Angststörungen verschrieben oder illegal als „Rauschmittel“ erworben.
Auch amphetaminhaltige Pillen, die heute eher mit der Technoszene assoziiert werden, galten als zuverlässiges Diätmittel und wurden millionenfach zur Leistungssteigerung, gegen Stress, Erschöpfung und Depressionen verschrieben. Stimulanzien wie Speed und Ritalin erfreuen sich weltweit großer Beliebtheit, nicht nur bei fleißig büffelnden Student_innen und Patient_innen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS), sind sie doch die pharmakologische Verlängerung des täglichen „Koffein-Kicks“. Beim Militär ist man sich spätestens seit dem zweiten Weltkrieg einig: Auf Speed oder Crystal Meth schießt es sich besser und diese Substanzen helfen den Soldat_innen den „Anforderungen des Krieges“ besser stand zu halten. Alle kriegsbeteiligte Staaten verordneten es ihren Truppen. Das Gewaltmonopol drückt gerne mal ein Auge zu, wenn‘s um die Umsetzung seiner speziellen Ansprüche an das „Menschenmaterial“ geht. Nichts anderes gilt heute für die Jetpilot_innen im Irak- und Afghanistankrieg: Vorm Einsatz mit amphetaminhaltigen, so genannten „Go-Pills“ aufputschen und danach mit „No-Go-Pills“ genannten Downern den Körper wieder reif für‘s Feldbett bekommen. Die Kolleg_innen von der Afghanischen Nationalarmee dürfen sich dagegen mit Opium und Hasch wieder vom Einsatz erholen. Substanzen werden also, wie es dem jeweiligen „Gesetzgeber“ gerade passt, mal als Droge, mal als Genussmittel oder Medikament und mal als irgendwas dazwischen definiert. Was wir brauchen und wie viel uns zugestanden wird, um im Kapitalismus mitzukommen und arbeitsfähig zu bleiben, ist dabei Verhandlungssache.

Fit for Fun
Die Themen Drogen, Ernährung und Gesundheit sind ganz wesentlich für die Vermittlung kapitalistischer Werte und Normen. Hier wird definiert, was denn nun notwendig ist und was exzessiv. Die individuelle Lebensführung wird zum Gegenstand gesellschaftlicher Begutachtung und Kontrolle gemacht. Da wird gefragt, wie viel Alkohol die deutsche Jugend verträgt und ob zu viel Fast Food essen nicht schon krankhafte Schlemmerei sei. Ob es um den Konsum einer Packung Schokoriegel geht oder einer Zigarette – jedes Laster muss sich erst einmal legitimieren. Beim Thema Drogen werden sehr weitreichende Ansprüche an das Individuum verhandelt und gesellschaftliche Wertvorstellungen und Maßstäbe angelegt. Die Form, wie mit seinem Körper „vernünftig“ umzugehen sei, ist den jeweiligen kapitalistischen Zumutungen angepasst. Weil die umfassende gesellschaftliche Ordnung sich ganz natürlich und unveränderlich anfühlt, erscheint auch der Zwang zum beständigen „mit sich selbst wirtschaften“ als ganz selbstverständlich. Gegen alle, die selbst nicht die gewünschten Konsumentscheidungen treffen, hat der Staat ein ganzes Arsenal von Maßnahmen zur Steuerung, Kontrolle, Disziplinierung und Verfolgung parat. Wer mit illegalen „Betäubungsmitteln“ erwischt wird, wird schnell mal zu einer Verhaltenstherapie verdonnert. Die auf die Verwertung zugerichteten Arbeitskraftverkäufer_innen sollen ständig das Ideal des gesunden, fröhlichen und Mineralwasser trinkenden Konsumenten leben. Dass dabei nicht jeder Joint gleich Knast bedeutet, ist kein freundliches Wegsehen der Staatsgewalt. Gerade, dass nicht jede „Straftat“ verfolgt, sondern gleich die ganze persönliche Einstellung thematisiert wird, zeigt, wie total der Zugriff der Verhältnisse auf die Menschen ist.
Das abgrundtief Böse in Pulverform Heroin gilt gewöhnlich als schlagendes Beispiel für die Schädlichkeit von Substanzen. Hierbei wird die Rolle der Gesellschaft und insbesondere der staatlichen Drogenpolitik völlig ausgeblendet. Die Wurzel allen Übels steht schon fest: Es sei die Droge bzw. der Mensch, der sich durch sie zugrunde gerichtet hat. Reines Heroin ist korrekt dosiert aber nicht tödlich und führt auch nicht zwangsweise zur Verelendung. Elend und Tod von Konsument_innen sind nicht einfach Konsequenz des Konsums, sondern Folge der staatlichen Drogenpolitik. Unter „Schwarzmarktbedingungen“ gibt es Heroin nur sehr gestreckt und mit stark schwankendem Reinheitsgrad. Staatliche Kriminalisierung verhindert die Kontrolle des Reinheitsgrades. So kann es passieren, dass sich Konsument_innen ungeahnt reineres Heroin spritzen, was schnell versehentlich zu einer tödlichen Überdosis führt.
Die horrenden Preise, die oft in die Verelendung treiben und Beschaffungskriminalität nötig machen, sind nebenbei nicht auf geldgierige Dealer zurückzuführen, sondern auf die Tatsache, dass viele Sicherheitsmaßnahmen und Zwischenhändler notwendig sind, um eine kriminalisierte Substanz zu vertreiben.

Psssssst, willst du ein „E“ kaufen?
Die Unwissenheit und Angst der Menschen vor den Substanzen schlägt häufig um in die Angst vor denen, die angeblich zum Drogenkonsum verführen: Den „skrupellosen Dealern“ und dem „organisierten Verbrechen“. Dealer bringen nicht skrupellos Leute um, sondern versorgen – ganz den kapitalistischen Prinzipien folgend – lediglich eine Abnehmerschaft mit einer Ware. Wo der Staat nicht für die Einhaltung von Verträgen garantiert, entstehen eigene Strukturen um den „Schwarzmarkt“ zu organisieren. Wer im großen Stil Drogen vertickt bzw. Herstellung und Vertrieb organisiert, ist mit einer Marktsituation konfrontiert, in der mit Nettigkeit kein Blumentopf zu gewinnen ist. Auch hier will jede_r die Konkurrenz ausstechen und hält sich dabei nicht immer an die „zivilisierten“ Verkehrsweisen der bürgerlichen Gesellschaft.

Special K
Drogengebrauch ist nicht notwendigerweise subversiv und der Rausch nicht das „ganz Andere“ des kapitalistischen Alltags, sondern viel zu oft seine Stütze und Verlängerung. Glück und befreite Sinnlichkeit lassen sich nicht mit Substanzen gewinnen, sondern nur mit dem Kampf um gesellschaftliche Emanzipation.
M‘kay, man kann auch ohne Drogen Spaß haben. Aber wer sich persönlich lieber für Konsum entscheidet, sollte wissen, was die jeweiligen Substanzen eigentlich genau sind und wie sie auf Körper und Geist wirken.

Zum Weiterlesen:
http://drugscouts.de – großes und ausführliches Drogen-Informationprojekt
http://alice-project.de - Projekte zu Bewusstsein, Kultur und Veränderung

Share:
  • Facebook
  • Twitter
  • email
  • MySpace
  • Tumblr