Archiv für Mai 2011

01.06. Berlin: „des rues de sucre“-Gala

Am 1.Juni gibt es im ://about blank (Markgrafendamm 24c, Ostkreuz) eine große Gala um die fünfte Ausgabe der „Straßen aus Zucker“ angemessen zu feiern. Für musikalische Unterhaltung sorgen Dirk von Lowtzow (Tocotronic), Mary Velo (Ntrop/Coincidence), Toni Haupt (Telekollegen), tiA ([ _ ]), Thomalla (Krakatau), Mehrton&Einklang (KaKü) und Disko Dna (Delikat).

Diskutieren mit den Sugars
Und wir laden euch alle ein vor der Gala mit uns über die Straßen aus Zucker-Texte zu reden, streiten und zu lästern. Los geht’s ab 22.00 Uhr im gemütlichen ://about blank- Garten. Danach kann noch ein Bier getrunken, Pommes genascht und bei entspannter Musik bis zur Partyeröffnung überbrückt werden. Wir freuen uns auf euch!

Infos: aboutparty.net & facebook.com/strassenzucker
Stra�en aus Zucker - Gala

„Zimt und Zucker“

Interview mit dem neuen Zeitungsprojekt aus Österreich

Wien im Jahr 2011: Eine antifaschistische Demonstration gegen einen Burschenschafterball mit illustren Gästen von NPD, DVU bis Front National wird verboten. Politische Aktivist_innen sind von massiver Repression betroffen. Österreich ist alles andere als eine Insel der Seligen. Doch dortige Genoss_innen haben sich an die „Straßen aus Zucker“-Crew mit der Idee gewandt, in Kooperation mit uns das Konzept der Zeitung auch auf die Alpenrepublik auszuweiten.
Die erste Ausgabe ist schon in Arbeit und daher haben wir uns gedacht, dass wir der „Zimt und Zucker“ ein paar Fragen stellen.

Was war Eure Motivation, das Projekt „Zimt und Zucker“ auf die Beine zu stellen?

„Zimt und Zucker“ hat mit Spannung die ersten vier Ausgaben der „Straßen aus Zucker“ mitverfolgt und auch in Österreich zahlreich unter die Leute gebracht. Viele fanden die Texte und Interviews ziemlich cool und die SaZ ist ein richtiges Gesprächsthema geworden. Weil einige Texte auf Deutschland spezifiziert sind, entstand die Idee, ein adaptiertes Projekt zu starten. Wir wollen ähnliche Themen behandeln, dabei aber auf die österreichischen Verhältnisse eingehen und diese ins Visier der Kritik nehmen.

Wo seht Ihr die größten Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich?

Ein großer Unterschied ist der Nationalismus, welcher hierzulande stark dadurch geprägt ist, dass sich Österreich als „Erstes Opfer des Nationalsozialismus“ inszeniert. Ein weiterer wichtiger Punkt sind Burschenschaften: Sie spielen in Österreich eine größere Rolle als in Deutschland und sind gut vernetzt in Parlament und Wirtschaft vertreten. Natürlich gibt es noch viele weitere Unterschiede, aber darauf gehen wir dann in den Texten genauer ein.

Was sind die Ziele?

Wir wollen einen Kontrast zu der ganzen bestehenden Scheiße schaffen. Aber hier in Wien, wo wir als Polit-Gruppe am aktivsten sind und sein möchten, gibt es unserer Meinung nach kaum ein vergleichbares Projekt. Wir wollen unsere Kritik an den bestehenden Verhältnissen in einer Art und Weise formulieren, die jede und jeder verstehen kann, ohne ein Fachstudium absolviert haben zu müssen.

Und wie geht es weiter?

Die Veröffentlichung der ersten Ausgabe „Zimt und Zucker” steht an! Die werden wir verteilen und auf Wunsch verschicken. Was sonst noch passiert, könnt ihr im Netz verfolgen. Neuigkeiten gibt’s auf unserem Blog, via Twitter und auf Facebook.

http://zimtundzucker.blogsport.de

PorNo? PorYes? PorHaps…

Warum nicht alle Pornos geil sind.

Pornografie ist laut Wikipedia „die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität oder des Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, wobei die Geschlechtsorgane in ihrer sexuellen Aktivität bewusst betont werden“. Für viele von uns ist sie mittlerweile Teil des Alltags. Vielleicht haben wir mal irgendwo in der hintersten Ecke der DVD-Schublade mit rotem Kopf die Filmsammlung unserer Eltern gefunden, von Freund_innen irgendwelche Handybilder gezeigt bekommen, vielleicht haben manche von uns schon mal auf youporn.de rumgeklickt, aber auch normale Spielfilme kommen selten ohne eine Sexszene aus. Laut Medien sind wir sogar die „Generation Porno“. Wenn dann darüber diskutiert wird, fallen meistens Schlagwörter wie Jugendschutz, PorNo, Zensur, Verlust der Unschuld etc.

I wanna sex you up
Wir haben weder Lust auf prüde Moralapostel, die mit ihrem Zeigefinger auf angeblich verdorbene Jugendliche zeigen, noch auf den allgemeinen Sexismus dieser Gesellschaft, der Frauen andauernd zu Sexualobjekten abstempelt. Und wir finden es gar nicht so einfach, uns eine Meinung zu Pornos zu bilden. Wir wollen trotzdem versuchen, ein paar Sachen ab- und aufzuklären.
Klar ist uns allen irgendwie: Sex ist nichts Böses. Zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen mensch dafür verheiratet sein musste. Aufklärung über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten ist leicht zugänglich, es ist zumindest ein Stück weit einfacher geworden, ein schwules oder lesbisches Coming-out zu haben, die Boulevardpresse findet: „Jede Frau darf masturbieren“ und selbst Monogamie kann man mittlerweile hinterfragen und sich überlegen, ob man nicht vielleicht lieber offene Beziehungen leben oder diese Kategorien von Freundschaft und Liebesbeziehung ganz auseinandernehmen will. Filme wie „Drei“ haben mittlerweile den Sprung aus der Subkultur geschafft. Sexualität kann sich super anfühlen und erst mal erscheint es sinnvoll, möglichst vielen Leuten zu ermöglichen, tollen Sex mit sich und einer, zwei, drei, vielen anderen zu haben. Wenn also Sexualität erst mal was Positives ist, warum dann nicht auch Pornofilme, deren Ziel ja, siehe oben, ist „den Betrachter sexuell zu erregen“ (und wenn es nach uns geht: auch die Betrachter_innen)?

There‘s no sex in your violence
Nun, da gibt es noch ein Problemchen: Sex ist in dieser Gesellschaft eben nicht nur mit Lust, sondern oft auch mit Gewalt und Sexismus verbunden. Laut einer Studie der Universität München hat jede fünfte Frau im Laufe ihres Lebens sexualisierte Gewalt erfahren und mehr und mehr wird auch sexualisierte Gewalt gegen Männer und Jungen thematisiert. Sexismus zeigt sich überall, wenn mal wieder nur Frauen den Abwasch machen, wenn auf einem Plenum nur Typen untereinander reden, wenn Frauen auf Demos nichts zugetraut wird, dazu Klischees in Werbungen, Filmen und so weiter. All diese Vorstellungen werden durch gesellschaftliche Strukturen hergestellt, zum Beispiel durch die staatliche Kinder- und Familienpolitik oder durch ungleiche Lohnbezahlung, aber eben auch durch unser eigenes alltägliches Denken, Fühlen und dem daraus resultierenden Verhalten. Back to the problem: Mainstream-Pornos sind fast alle sehr sexistisch. Frauen sind meist nur da, um den Männern Lust zu verschaffen, sie sind immer „willig“ und bereit und häufig eher niedlich und irgendwie handhabbar: als Schülerinnen, Babysitterinnen, Hostessen oder Krankenschwestern. Lesbischer Sex ist niemals gleichberechtigt, sondern geht immer bloß so weit, bis der Typ zur Tür reinkommt, total von den Frauen angemacht ist und ihnen dann zeigt, was ihnen die ganze Zeit gefehlt hat. Der Mann kann dabei natürlich immer und natürlich auch endlos lange Zeit. Klarerweise entsprechen alle Frauen den gängigen Körpernormen – bei Männern wird nicht so ganz genau darauf geachtet, weil der meist männliche Zuschauer keine Komplexe kriegen soll. Am Ende steht dann immer der „money shot“, bei der der Frau ins Gesicht gespritzt wird, meistens kniet sie dabei. Viele Pornos zeigen Gewaltfantasien von Männern gegenüber Frauen, die nicht BDSM-Sex (Bondage, Dominance, Submission, Masochism) sind, der auf Vertrauen und Absprache beruht, sondern angedeutete Vergewaltigungen. Mainstream-Hetero-Pornos sind oft genug ein Ausdruck des bestehenden Sexismus in der Gesellschaft. Und sie tragen gleichzeitig dazu bei, dass dieser immer wieder bestätigt wird, weil es eben keine anderen Bilder von Sexualität gibt. Das führt dazu, dass viele jüngere Jugendliche ihre ersten Vorstellungen von Sex aus Pornos haben und dann ziemlich gestresst sind, wenn sie wirklich das erste Mal mit wem in der Kiste landen – weil dann nämlich genau so eine Veranstaltung abgezogen werden muss wie auf dem Bildschirm.
Gleichzeitig, siehe oben, ist Sex eben was Schönes. Und es kann nett sein, anderen Leuten, und sei es nur im Film, beim Sex zuzuschauen und vielleicht auch inspirierend.
Die Debatte darum, ob Pornokonsum denn nun mit einer nicht-sexistischen, feministischen Einstellung vereinbar ist oder nicht, ist dabei keine neue. In der feministischen Bewegung der 1970er Jahre stellten Frauen Pornografie als einen wichtigen Einflussfaktor für sexistische Einstellungen in der Gesellschaft heraus. So wurde etwa behauptet, dass die Hemmschwelle für Gewalt gegen Frauen durch Pornokonsum sinken würde. „Pornografie ist die Theorie – Vergewaltigung die Praxis“ war ein Slogan der Zeit. 1987 startete Alice Schwarzer, die heute für die BILD schreibt, die vor kurzem wieder neu aufgelegte „PorNo“-Kampagne, die ein Gesetz gegen Pornografie fordert. Die These, dass Pornos direkt Gewalt verursachen und aus vorher harmlosen Männern Vergewaltiger machen, ist zwar mittlerweile widerlegt (in Ländern, in denen es zu einer Lockerung der Gesetzeslage kommt, war oft sogar ein Rückgang der Vergewaltigungen zu beobachten, hierbei spielt allerdings auch die Liberalisierung der Sexualität eine Rolle), aber am sexistischen Inhalt von Mainstream-Pornos hat sich seitdem wenig geändert.

Too sexy for this party
In den USA gründete sich als Antwort auf diese Bewegungen in den frühen 1980er Jahren eine feministische Bewegung, die sich selbst „sex-positiv“ nennt. Zwar kritisierten auch diese Feministinnen die sexistischen Bilder in der Mainstream-Hetero-Pornografie, wollten aber dem Stereotyp von Feministinnen als prüde und sexfeindlich etwas entgegensetzen. Statt als passive Objekte männlichen Begehrens ging es ihnen darum, weibliche Lust und aktive Beteiligung an Sexualität zu demonstrieren. Sie fanden, dass die pauschale Kritik an Pornografie die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen verleugnet.
Auch fanden sie, dass der Fokus auf Pornos von vielen anderen Orten ablenkt, an denen Sexismus medial vorkommt. Zum Beispiel in der klassischen Rollenverteilung in Vorabendserien. Sie sahen in Pornos auch eine Chance, denn im Gegensatz zur Alltagsrealität können in pornografischen Szenarien bewusst Machtverhältnisse inszeniert, überzeichnet und verkehrt werden. Nachdem man sich über die Rollenbilder Gedanken gemacht hat, kann man damit spielen und sie umkehren. Damit kann man dann starre und oft unsichtbare Zusammenhänge sichtbar und flexibel machen.
Kritisiert wurde von der sexpositiven Bewegung auch, dass PorNo-Feministinnen mit der Forderung nach einem Verbot von Pornografie konservativen Positionen zuarbeiten würden. Verschärfte Zensur traf in erster Linie tatsächlich immer erst lesbische und schwule Buchläden oder die BDSM-Community und erschwerte beispielsweise Sexualaufklärung. Außerdem ging diese strikte Anti-Porno-Position oft auch mit einer bemitleidenden und verachtenden Position gegenüber Pornodarstellerinnen und Sexarbeiterinnen einher, die sich aber selber gar nicht immer als Opfer sahen, sondern viel mehr klarstellen wollten, dass ihr Scheiß-Job eben nur einer unter vielen ist und sie eher bessere Arbeitsbedingungen und gewerkschaftliche Organisierung brauchen als Mitleid.

­She‘s got the look
Der sex-positive Feminismus hat es seitdem auch nach Europa geschafft und hat Auswirkungen auf die alternative Pornoszene. So gibt es mittlerweile immer mehr Produktionsfirmen und Pornomacher_innen, die Pornos mit einem feministischen oder emanzipatorischen Anspruch drehen. Die Vertreterinnen entwickelten dabei verschiedene Kriterien für feministische Pornografie. Es wurde auf menschen- und frauenverachtenden Kram verzichtet, das Verwenden von Kondomen oder Dental Dams wurde ins Spiel eingebaut, generell nur Safer Sex ausgeübt und es wurde versucht, die ach so üblichen Vorstellungen von Sexualität zu überschreiten. Und warum sollten die Darsteller_innen nicht auch mal miteinander lachen oder sich in den Arm nehmen? Die Produktion des Pornos sollte gerade durch die Beteiligung von Frauen geprägt sein, wie auch weibliche Lust in den Fokus gerückt werden sollte. Und wenn Gewalt dargestellt wird, dann nur, wenn die Absprachen, die daraus ein eindeutig markiertes Spiel machten, ebenfalls gezeigt werden. Eine Vielfältigkeit bei den Darsteller_innen in Bezug auf Alter, Geschlecht, Herkunft, Körpertypen und sexuelle Orientierung wird begrüßt. Auch im Bezug auf die gezeigten Praktiken gibt es Orientierungspunkte: Sex soll nicht immer als geradliniges Hinarbeiten auf die Ejakulation des Mannes dargestellt werden, keine penetrationsfixierte Leistungsschau sein. Vielmehr geht es um eine Erweiterung des sexuellen Spektrums, dem Spielen mit Geschlechterstereotypen und unkonventionellen Formen von Sexualität, bei der Orgasmen nicht das einzige Ziel sind.
Vertreten werden diese und ähnliche Richtlinien zum Beispiel beim ersten europäischen feministischen Pornofilmfestival, dem PorYes-Award, der seit 2009 in Berlin verliehen wird.

Let‘s talk about sex, baby!
Also alles easy? Wir schauen einfach alternative Pornos? Sicherlich keine schlechte Idee, mit dem, was einen selbst anmacht, herumzuexperimentieren und zu gucken, ob da nicht noch anderes möglich ist als das, was uns immer als „normaler“ Sex verkauft wurde. Davon hat man ja auch selber was. Warum soll beim Hetensex immer der Typ die Frau penetrieren, wenn es doch auch Umschnalldildos gibt? Warum muss überhaupt immer irgendwas penetriert werden? Warum immer eigentlich diese Fixierung auf den Orgasmus – so toll so was auch ist, das kann auch anstrengend sein und sich wie Sport anfühlen. Und dass alles immer so funktioniert wie im Porno, ohne Pannen, Peinlichkeiten, Lustverlieren, Klopausen, Müdewerden, Menstruationsblutflecken, Rumalbern, Dursthaben, eingeschlafene Körperteile und Krämpfe, das ist unserer Erfahrung nach auch nicht so. Außerdem, so super Sex auch ist: Manchmal hat man vielleicht auch keine Lust darauf oder die Nase voll. Es gibt nicht nur Leute, die sich selbst grundsätzlich als „asexuell“ definieren, sondern auch die Tatsache, dass Sexualität eben nicht immer locker-flocker-fluffig-einfach ist. Erfahrungen von sexualisierter Gewalt wirken sich häufig darauf aus, wie man Sexualität leben kann. Ob es zum Beispiel „Trigger“ geben kann, das heißt plötzlich gefühlte Erinnerungen an die frühere sexuelle Gewalt, ausgelöst durch eine bestimmte Geste, ein Wort, eine Handlung. Oder ein generelles Unwohlsein durch zu viel Sexualisierung. Um derartiges möglichst zu vermeiden, spricht man sich am besten vorher ab und folgt dem SSC-Prinzip (Safe, Sane, Consensual), also Safer Sex, gut durchdacht und beruhend auf dem Einverständnis aller Teilnehmenden. Klar ist: Das geht nicht ohne Kommunikation! In der Konsequenz heißt das für uns aber zum Beispiel auch die Notwendigkeit einer klaren Markierung von Medien und Räumen. Sei es, dass der Klappentext bei Pornos klarmachen sollte, welche Praktiken gezeigt werden und ob es z.B. gewalttätige Szenen gibt; sei es, dass der Flyer der alternativen Party darauf hinweist, dass Pornos gezeigt werden oder ein Darkroom eingerichtet ist usw.
Wir wollen uns nicht schlecht fühlen, weil wir Pornos gut finden. Aber wir wollen auf dem Schirm haben, was für Bilder man dabei eigentlich reproduziert und was für eine Sexualität damit auch immer wieder als die „eigentliche“ und „richtige“ bestätigt wird. Wenn man Pornos gut findet, dann lohnt es sich vielleicht mal, mit alternativen Filmen zu experimentieren. Und wir wollen keinen Druck aufbauen, dass Leute nur dann hip, cool und sexy sind, wenn sie mindestens einen Porno auf ihrer Festplatte haben. Schließlich wollen wir dafür sensibel sein, dass Sexualität zwar vor allem was Tolles ist, aber in einer strukturell sexistischen Gesellschaft eben auch mit Gewalt verbunden ist. Und es deswegen zwingend notwendig ist, ganz un-porno-like mit Sexualpartner_innen viel zu kommunizieren über die Sachen, die einen anmachen. Und jetzt mit oder ohne Sex: Habt viel Spaß!

Zum Weiterlesen und -gucken:
http://poryes.de – Feministischer Pornofilmpreis Europa.
http://realqueerporn.com – Infos zu queeren Pornofilmen und -filmemacher_innen.
http://sexclusivitaeten.de – Laura Méritt, feministischer Grundbedarf.

Ene, mene, muh und…

Vom Leben im Hamsterrad und dem Hass auf alle, die es angeblich aufhalten

Wenn wir uns unsere Lebensläufe einmal genauer anschauen, bemerken wir schnell, dass die Angst, ohne Job zu sein oder diesen zu verlieren, ziemlich zentral ist. Schon die Jagd nach einem Ausbildungsplatz, das angstvolle Büffeln fürs Abi oder das Hecheln nach Praktika und Qualifikationen sind der Anfang vom Lauf im Hamsterrad. Und die Forderung, dass es ein lebenslanges Lernen bräuchte, verstehen viele zu Recht als Drohung. Doch wenn wir fallen, wacht über unser Wohlergehen der Sozialstaat, sagt man uns. Haben wir also Glück gehabt? Wenigstens müssten Leute, für die es keine Lohnarbeit gibt, nicht gleich verhungern und erfrieren. Das Sozialsystem beschütze die Bürger_innen vor den schlimmsten Gefahren des freien Marktes. Wir fragen aber, was das schon heißt – angesichts des Alltags, der für viele weiterhin gerade von erniedrigenden Arbeitsbedingungen, Hungerlöhnen und Existenzangst bestimmt wird? Und was heißt das schon – im Vergleich zum schönen Leben, das für alle möglich sein könnte?
Dass Hartz IV besser ist als gar keine Unterstützung und acht Euro Aufschlag besser als fünf Euro, macht den Sozialstaat nicht zur menschenfreundlichen Veranstaltung. Sein Zweck war von Anfang an auch die Kontrolle über die Einwohner_innen. Zum Beispiel wurden die staatlichen Sozialversicherungen ab 1881 im Deutschen Reich vor allem eingeführt, um die erstarkende Sozialdemokratie zu bekämpfen. Außerdem sollten die Arbeiter_innen nicht zu früh verrecken – der aufkommende Kapitalismus hatte die Gesundheit der meisten Leute in dramatischer Weise ruiniert, die Körpergröße wie Lebenserwartung der Menschen sank.
Heute gewährt die Bundesrepublik mit ALG2, Schüler-Bafög und Co. seinen Bürger_innen bedingt das Recht auf eine minimale Existenzsicherung. Auf diejenigen, die Hilfen des Staates beanspruchen, weil sie ihr (Über)Leben nicht mehr aus eigener Kraft sichern können oder wollen, wartet ein ganzer Katalog an Disziplinar- und Überwachungsmaßnahmen: Die Erwerbslosen werden vom Jobcenter systematisch fertig gemacht. Statt, wie behauptet, als Hort der Wohlfahrt, präsentiert sich der Sozialstaat als Sanktionsregime gegen alle, deren Arbeitskraft momentan nicht gebraucht wird. Durch den Leistungszwang und die Druckmittel der Behörden muss jede_r Einzelne immer mehr leisten – um immer weniger zu bekommen. Dieser Mechanismus führt auch zu noch mehr Konkurrenz unter den Lohnabhängigen. Denn wer die Anforderung erfüllt und alles tut, um einen Arbeitsplatz zu bekommen, muss eben immer auch wollen, dass jemand anderes den Job nicht kriegt.

„Das ist Kapitalismus – mit menschlichem Antlitz!“
Angeblich profitieren alle Angehörigen – und vor allem die Schwachen – vom Sozialstaat. Ist er also
doch ein Helfer in der Not? Mitnichten! Schon, dass eine solche Institution überhaupt nötig ist, um die Gesellschaft zu organisieren, sollte stutzig machen. Das System der Lohnarbeit entspricht den Bedürfnissen der Menschen offensichtlich doch nicht so gut, wie gern behauptet wird. Der Staat macht aus den selbstverständlichen Bedürfnissen, nicht verhungern oder erfrieren zu wollen, überhaupt erst ein Recht. Und damit letztlich Paragraphen, die genau klären, wer wann aus welchem Grund Ansprüche stellen darf. Die Voraussetzung dafür ist, na klar: Bereitschaft zur Arbeit. Mit seinem Schutz vor den brutalsten Folgen des Wettbewerbs, bindet der ach so sorgende Staat die Menschen an die Idee der Sozialpartnerschaft. Wer sich zu den Schützlingen zählen darf, ist wiederum umstritten. Das Anrecht auf vermeintlich begrenzte Haushaltsressourcen wird verteidigt mit rassistischen Parolen und sozialchauvinistischen Zuschreibungen. Anders als beim Chauvinismus oder Nationalismus, bei dem der Ausschluss über die Nation funktioniert, werden Menschen im sozialchauvinistischen Denken über ihre vermeintliche Leistungsbereitschaft (bzw. -fähigkeit) auf- und abgewertet. So kritisierte ein Politiker der Grünen 2007, Erwerbslose würden ihren Lebenssinn darin sehen, „Kohlenhydrate oder Alkohol in sich hineinzustopfen“ und nicht zufällig wurde drei Jahre später der Anspruch von Hartz IV-Empfänger_innen auf Genussmittel wie Alkohol und Tabak gestrichen. Und der damals noch als SPD-Finanzsenator tätige Sarrazin riet allen, die ihre Heizrechnungen nicht mehr zahlen könnten, sie sollten sich überlegen, „ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können“.

„Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers“
Gegen die staatlichen Zumutungen regt sich nur spärlich Widerstand. Die Bevölkerungsmehrheit beteiligt sich stattdessen durch die Stigmatisierung von Erwerbslosen als „Schmarotzer_innen“ und von Einwander_innen als „Kriminelle“ zumindest verbal an deren gesellschaftlicher Ausgrenzung und Zurichtung. Zum „Schutze des deutschen Arbeitsmarktes“ unterstützen sogar die Gewerkschaften die rassistische Politik gegen osteuropäische Arbeiter_innen, anstatt ernsthaft zu versuchen, die Lohnabhängigen über Grenzen hinweg zu organisieren. Wenn diejenigen, die Arbeit haben, mit dem Finger auf die „Überflüssigen“ zeigen, machen sie sich die menschenfeindliche Logik des Standorts zu eigen. Die besagt: Arbeitslosigkeit verursacht der Gemeinschaft Kosten. Deshalb verlange es schon die Höflichkeit, dass Leistungsempfänger_innen keine allzu hohen Ansprüche stellen. Ihre Entwürdigung habe auch einen tieferen Sinn. Sie biete einen Ansporn, selbst etwas für die Gemeinschaft zu tun. Nämlich, zu noch so beschissenen Bedingungen zu arbeiten. Dieselbe Logik sagt, Erwerbslose seien höchstpersönlich für ihr „Versagen“ verantwortlich. Dabei werden Arbeitsplätze aufgrund wachsender technischer Möglichkeiten und unter dem ständigen Druck zur Profitsteigerung wegrationalisiert. Es gibt also immer weniger Jobs, ganz egal, wie sehr sich die Erwerbslosen anstrengen.

Erwerbslos zu sein oder es zu werden, ist die größte Angst der Staatsbürger_innen. Sie fürchten nichts mehr, als den sozialen Abstieg und die damit einhergehende vollkommene Ohnmacht. Je größer die Furcht vor den Folgen eines Jobverlustes, desto eher sind die Bürger_innen bereit, zu Gunsten der Firma auf Lohn und Freizeit zu verzichten. Deshalb ist Deutschland nicht nur Papst, Superstar und Weltmeister der Herzen, es ist auch Lohnminusmeister. Mit dem Verzicht auf 4,5 Prozent vom Reallohn zwischen 2000 und 2009 haben die Deutschen ihren Konkurrent_innen etwas voraus. So wurde zum Beispiel die griechische Wirtschaft schonungslos niederkonkurriert. Unter anderem dadurch wurde der Staatsbankrott Griechenlands verursacht, den die deutsche Öffentlichkeit aber meist als Resultat einer angeblichen südländischen Faulheit darstellte. Eine bemerkenswert unsolidarische Leistung. Aber mit dem deutschen Lohnverzicht ist es noch nicht genug: Über Leiharbeit und Ein-Euro-Jobs werden weitestgehend entrechtete Arbeiter_innen für die Marktanforderungen flexibel gehalten. Der Niedriglohnsektor ist staatlich gewollt und subventioniert. Wer in die Mühlen der Jobcenter gerät, wird mit der Drohung zur Arbeit gezwungen, sonst den Anspruch auf finanzielle Unterstützung zu verlieren. Das ist ja wohl eine verrückte Ordnung. Gegen die müsste mal etwas unternommen werden, anstatt sich für die Blumen zu bedanken.

On the run

Die überzeugte „Schwarzfahrerin“ Caro nimmt uns mit auf ihre täglich kostenlose Tour. Dabei verrät sie uns so einiges.

„Los, schnell rein hier!“, so begrüßt uns Caro auf dem U-Bahnsteig und wir drängeln uns in den vollgestopften Waggon mit den vielen anderen. Es ist voll und stickig. Die Leute sitzen und stehen dicht an dicht. Caro erzählt uns, dass das immer so um diese Zeit ist. „Die kommen grad alle von der Arbeit.“ Tatsächlich ist es so, dass die meisten Menschen entweder morgens oder abends die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. So sind auch die Fahrzeiten getaktet. Sie sorgen dafür, dass jede_r pünktlich an ihrem_seinem Arbeitsplatz erscheint. „Die sitzen hier immer wie die Zombies. Frühmorgens rein in die Fabrik, stundenlang ohne Pause schuften und spätnachmittags völlig kaputt nach Hause. Nee, ist nicht mein Ding. Und dann noch dafür bezahlen? Pff!“ Generell hat Caro was dagegen, dass man, egal ob‘s für die Busfahrt zum verabredeten Treffen mit Freunden oder für die U-Bahn nach einer durchzechten Nacht ist, auch irgendwas bezahlt. Wir fragen sie, wie lange sie schon ohne sich Tickets zu kaufen durch die Gegend fährt. „Ach, schon ’ne Weile. Glaub so vor‘n paar Jahren hat‘s angefangen. Da hat mich einfach alles genervt. Für jeden Kack muss man bezahlen.“ Ihrer Meinung nach könnte, wenn es anders organisiert ist, alles viel einfacher werden. Wir fragen weiter, ob sie schon mal erwischt wurde beim so genannten Schwarzfahren. „Anfangs ja, aber mittlerweile habe ich da so meine Tricks, obwohl es immer schwieriger wird, damit durchzukommen.“ Da hat sie nicht unrecht. Die Kontrollen nehmen stetig zu und der Ton wird rauer. Die meisten Verkehrsbetriebe stehen unter Druck. Die Menschen sollen immer höhere Preise bezahlen, obwohl sie sich immer weniger leisten können. Denn der Kapitalismus sorgt dafür, dass wenige viel besitzen und viele wenig oder kaum etwas. Und die, die viel besitzen, können das bezahlen oder brauchen keine Bahn und keinen Bus, denn sie düsen mit ihren teuren Wagen und Jets umher. Caro findet das Bullshit und ist für eine kostenlose Mobilität aller Menschen, ihretwegen gern auch in Luxusvehikeln.
An der nächsten Station steigen wir erstmal aus und gehen hoch zur S-Bahn. Auf dem Weg zum Bahnsteig fragt Caro uns, ob wir wüssten, was eigentlich das Wort „schwarzfahren“ bedeutet und wo es herkommt. Sprache spielt in der Gesellschaft eine entscheidende Rolle. Sie dient der Kommunikation, strukturiert unser Denken und ist immer auch Produkt sowie Spiegel der Gesellschaft. Das kann in einer rassistisch geprägten Gesellschaft nur heißen, dass auch unsere Sprache von Rassismus durchzogen ist. So eben auch hier, wenn auch unbewusst als selbstverständlicher Bestandteil der Alltagssprache. Weiterhin erklärt uns Caro den Ursprung des Wortes. „Der Begriff ‚Schwarzfahren‘“, so Caro, „kommt wie so viele Redensarten aus dem Jiddischen. ‚Shvarts‘ bedeutet arm – Schwarzfahrer_innen sind also Armfahrer_innen, die sich ein Ticket nicht leisten können.“ Und dies trifft auf eine Menge Menschen zu. Sinnverwandt taucht der Begriff auch in Wörtern wie „Schwarzmarkt“ und „Schwarzarbeit“ auf, welche dieselbe Wurzel wie „schwarzfahren“ haben und heute etwas Verborgenes und rechtlich gesehen Unerlaubtes bedeuten. Genau genommen ist es das aber gar nicht, denn der Gesetzgeber sagt nur, dass das Erschleichen von Leistungen verboten ist. Das heißt, wenn Ihr Euch mit einem Schild in die Bahn setzt oder beim Einsteigen in den Waggon nebenbei erwähnt, dass Ihr hierfür nichts bezahlt, dann gebt Ihr es ja öffentlich zu und habt Euch im Prinzip nichts erschlichen. Natürlich sieht das im Alltag ganz anders aus. Vierzig Euro muss man lappen, wenn man erwischt wird. Falls man einen Fahrausweis besitzt, ihn aber nicht dabei hat, kostet‘s nur sieben Euro. Na toll. Zudem tappen immer wieder ahnungslose Tourist_innen in den zum Teil undurchsichtigen Tarifdschungel. Kurzstrecke hier, Zeitkarte da, dazu noch Tarifbereiche A, B und xy – zahlen müssen sie alle. Hinzu kommt, dass man, falls man die Strafe nicht zahlen kann, schnell unfreundliche Inkasso-Unternehmen am Hals hat. Bei mehrmaligem Nichtzahlen kommt dann auch noch eine Strafanzeige bis hin zu Knast dazu. Kotz.
Am S-Bahnsteig angekommen, hören wir die Ansage, dass sich die nächste S-Bahn voraussichtlich um „wenige Minuten“ verspätet. Warten gehört ja zur Zeit mehr denn je dazu. Der Service wird weniger, aber die Preise steigen. Das ist zumeist die Auswirkung einer auf Gewinn angelegten Unternehmensphilosophie, wie sie im Kapitalismus im Buche steht. An allem sparen und noch mehr verlangen. Das merkt Caro auch in anderen Lebensbereichen und es nervt sie. „Da bezahlt man schon nichts und dann noch so was“, sagt sie verschmitzt. Ganz besonders schlimm mit den Verspätungen war es wohl im „Winter-Chaos“, berichtet sie uns. Zugleich war es aber auch eine gute Möglichkeit ohne kontrolliert zu werden von A nach B zu kommen, denn es war nahezu unmöglich Kontrollen unter solchen Bedingungen durchzuführen. Dies macht sie sich auch heute noch zu eigen. Manchmal sucht sie sich extra volle Züge aus. So ist die Wahrscheinlichkeit höher, unkontrolliert ans Ziel zu kommen. Eine Garantie ist es aber auch nicht. „Ein Auge für Kontrollettis muss man trotzdem haben.“, wirft sie ein. Neben den in Uniform der jeweiligen Verkehrsbetriebe gekleideten Angestellten arbeiten die meisten Kontrolleur_innen in zivil. Erkennen tut sie sie oft dennoch. Sie treten meist zu mehreren auf und sehen dabei auch irgendwie verdächtig aus. Und wenn der Zug dann anhält und die Türen aufgehen, verteilen sie sich ganz plötzlich an verschiedenen Türen. Auffälliges Merkmal ist zudem, dass meist eine_r aus der Gruppe ein Kontrollgerät um die Schulter hängen hat. „Dann sollte man lieber nicht einsteigen und einen anderen Zug nehmen. Am besten noch auf die Kontrolle hinweisen und so andere Freifahrer_innen warnen.“, rät uns Caro. Denn Solidarität ist selten geworden und jede_r kümmert sich um ihren_seinen eigenen Scheiß.
Endlich fährt der Zug ein. Wir blicken uns noch einmal um. Uns fällt eine Gruppe von Uniformierten auf und zögern deshalb. Caro gibt aber Entwarnung: „Security-Menschen, die tun meistens nichts.“ Sie fügt aber hinzu: “Ich hab trotzdem schon beobachtet, dass die gemeinsame Sachen mit den Kontrolletis machen und die Türen absichern. Nerven tun sie allemal, nicht nur, wenn sie grad mal wieder Wohnungslose in den Bahnhöfen drangsalieren.“ Also steigen wir erstmal ein. Tatsächlich wurden die Sicherheitsvorkehrungen zur präventiven Abschreckung in den letzten Jahren verstärkt. Aus Angst vor Terror und Gewalt werden immer mehr Bahnhöfe und Vorplätze mit Kameras ausgestattet und beobachtet. Big Brother lässt grüßen! Zudem patrouillieren meist schlecht bezahlte Sicherheitsbedienstete auf Leiharbeitsbasis. Auch die Kontrolleur_innen sind häufig unterbezahlt und frönen ihrer auf Zeit und Erfolg ausgerichteten Lohnarbeit.
Der Waggon hier ist schon ein wenig leerer und wir können sogar Sitzplätze ergattern. Endlich sitzend fragen wir sie, ob sie sagen könne, wo und wann häufig kontrolliert wird. „Naja, die großen Umsteigepunkte auf jeden Fall. Und zeitlich eigentlich von früh bis spät. Besonders zu Stoßzeiten, also Rush-Hour und so. Ich habe auch schon mal mitbekommen, dass die abends um zehn kontrollieren, um die party people abzugreifen.“ Aufgefallen ist ihr auch, dass besonders oft dort kontrolliert wird, wo die Wahrscheinlichkeit hoch ist, Leute zu erwischen. Neben besagten Knotenpunkten sind es vor allem Gegenden, die von sozialer Benachteiligung geprägt sind. Denn die Menschen, die dort leben, können es sich eben kaum leisten, sich jedes mal teure Tickets zu kaufen. Sie werden doppelt abgezockt. Oft sind dies Menschen mit Migrationshintergrund.

„Nächste Station: Karl-Marx-Platz.“, ertönt es aus den Lautsprechern. Caro möchte hier aussteigen und alleine weiterziehen. Sie verabschiedet sich von uns und hofft, dass das eine oder andere für uns interessant war. Wir wünschen ihr weiterhin alles Gute und allzeit freie Fahrt. Caro verschwindet im Getümmel der Menschen und wir haben mal wieder eine bemerkenswerte Frau kennengelernt, die ihren Weg in dieser beschissenen Gesellschaft fährt.

CARO SAYS
• Sucht Euch Menschen, die Euch kostenlos mitnehmen können (Freunde die ein Abo, eine Umweltkarte etc. haben)!
• Manchmal findet Ihr noch gültige Fahrscheine auf Bahnhöfen rumliegen bzw. werden sie sogar von netten Menschen angeboten – ist zumindest eine preiswerte Alternative.
• Sagt den Busfahrer_innen, Ihr hättet nur große Scheine dabei, dann haben die meist keinen Bock auf Wechselgeldgeschichten und Ihr seid auf der sicheren Seite!
• Nicht genutzte/abgestempelte Tickets bei der DB können zurückgegeben werden und Ihr erhaltet den Großteil des Geldes zurück.
• Informiert Euch über Freifahr-Aktionen!
• Macht auf Kontrollen aufmerksam, so dass auch andere Freifahrer_innen gewarnt sind!
• Solidarisiert Euch mit Betroffenen, hört zu und greift ein bei ruppigen Kontrollen!
• Macht Kontrollen zur Farce, kramt ewig nach Euren Tickets und lasst Euch alle Ausweise der Kontrolleur_innen extra zeigen!

„Die Antifa find ich super Scheiße“

Interview mit Sila Sönmez. Sie hat gerade den Roman „Das Ghetto-Sex-Tagebuch“ veröffentlicht.

Daraufhin wurde sie von BILD und Co. zur „härtesten Sex-Autorin“ ernannt – womit dann „Sex“ auch fast zum einzigen Thema für die meisten Interviews wurde. Was das Buch zeigt, fiel dadurch völlig unter den Tisch: den Alltag einer 17-jährigen, die versucht, sich inmitten der auf sie einprasselnden Etikettierungen ein bisschen Glück zu organisieren. Da geht es eben auch um Freund_innenschaften, Armut, Drogen und Langeweile, Rassismus, Religion und rich kids.
Wir saßen mit Sila vier Stunden zusammen und als wir sie auf den Antifa-Hoodie ansprachen, den sie laut der Wochenzeitung Jungle World trägt, stiegen wir direkt in die Diskussion ein.

Sila: Das war nur ein Hoodie mit dem Aufdruck: Schieß doch, Bulle. Die Antifa find ich super Scheiße. Ich war bei der 1. Mai-Demo und habe erlebt, wie die ihre eigenen Leute mit Steinen beworfen haben, weil sie‘s nicht gecheckt haben. Und so ein Klischee-Typ mit Rastas und ’ner PKK-Flagge machte mich als Türkin an. Dabei hatte ich ihn lediglich gefragt, warum er die Flagge trägt. Ich find einfach alles, was irgendwie menschenverachtend und nationalstolzfördernd ist, scheiße. Ist mir doch egal, ob ein Mensch Kurde, Türke, Albaner oder Deutscher ist.

SaZ: Das teilen wir schon, aber das ist für uns halt nicht „die Antifa“. In der Szene gibt es sicher auch ‚ne Menge Mackergesten, Patriotismus und Desinteresse. Aber für uns ist Antifaschismus halt erst mal ein Selbstschutz, also Arbeit gegen Nazis auf allen Ebenen. Und Randale, wenn sie nicht planlos ist, ärgert uns jetzt auch nicht so arg – da sehen wir halt einen Ausbruch aus dieser bleiernen Lethargie in jener Scheiße hier.

Sila: Ja, ein Mal geplant am 1. Mai machen wir dann Randale, hui. Ein Mal im Jahr dürfen wir alle ausrasten. Das ist doch nichts anderes als Karneval.

SaZ: Dann ist aber das „einmal im Jahr ausrasten dürfen“ das Problem? Aber klar, warum nicht öfters, warum gab es z.B. keine riots gegen Lesungen von Sarrazin – sorry, Du wolltest ja nicht mehr über den reden müssen. Aber: Da stellt sich einer hin, zündelt mit Rassenbiologie rum und hetzt dumpf gegen Migrant_innen. Warum passiert da so wenig?

Sila: Naja, ich glaub, es gibt da so ’ne Müdigkeit, sich dagegen zu wehren, weil sich viele migrantische Leute denken, dem wird ja auch in den Mainstream-Medien schon widersprochen. Und es gibt die Hoffnung, die Bedrohung wird schon nicht so schlimm, und dass man hier sowieso von der Mehrheitsgesellschaft nichts Freundliches erwarten kann. Ein Beispiel: Als ich mal überlegte, ob ich nicht ein Interview in meinem alten Kölner Ghetto-Kiez machen will, winkten voll viele meiner türkischen Leute aus dem Viertel ab. Die meinten, Fernsehteams wären schon öfters zu ihnen gekommen und hätten immer eine total herablassende Berichterstattung gemacht. Die filmen viele Stunden Gespräche mit Menschen und senden dann fünf Minuten, in denen irgendwelche Kids rumprollen und sagen: „Ey, yoyo, voll Ghetto hier.“ Die wollen nicht mehr in Dokus à la „Diese Jugendlichen lassen niemanden mehr an sich ran“ Statisten sein. Und diese Dokus haben bei YouTube die meisten Klicks und da bilden sich dann eben Bilder von der türkischen Community. Und in der das Gefühl, dass man sowieso nichts zu erwarten hat und die immer nur zu hören bekommen: „Hey, Kanake!“ Die gehen dann dort hin, wo sie ein sicheres „Wir“ finden. Und das ist eben allzu oft die Religion.

SaZ: Du – wie auch Deine Romangestalt Ayla – seid nicht gläubig, müsst Euch aber ständig als Muslima ansprechen lassen. Wie ist das?

Sila: Ja, ich bin nicht gläubig. Religion ist für mich der größte Mist. Wenn jemand gläubig ist, soll er das machen. Aber gesellschaftlich ist Religion einfach ein Rückschritt. Und ich bin auch nicht so erzogen worden. Meine Eltern sind recht links, sie haben für akademische und demokratische Rechte an der Uni gekämpft, für sexuelle Freiheit, gegen die Diskriminierung der Frau. Für die Beteiligung an diesen Revolten an den Universitäten und das Verfassen von linken Schriften kamen einige in Haft, einige wurden sogar umgebracht, mein Vater flüchtete nach Frankreich, kam nach Deutschland. Und wie krass ist das für ihn, wenn er sieht, dass hier die Jugend islamisch ist. Er hat für die Freiheit gekämpft und dann erlebt er so was. Meine Eltern haben mir auch immer gesagt: Du kannst mit jedem Freund nach Hause kommen, aber schlepp uns bitte keinen Religiösen an. Und ich hab gegen Religiöse dann auch immer gerne rebelliert und denen gesagt: Nein, so ist das nicht. Was aber Dir Probleme macht, Du hast irgendwann nur noch Stress. Und dann gehste zu den Deutschen und musst Dich für den Islam und deren orientalistische Stereotype verteidigen und bei den Türken musst Du Dich als verdeutscht beschimpfen lassen. Du bist nur noch in der Haltung: Ich muss irgendwas verteidigen, weil ich in irgend‘ne Kultur gesteckt werde.

SaZ: In der BILD sagst Du, dass Du Dich bei Deinem Vater für das Buch entschuldigt hast, beim Schweizer Blick, dass Dein Vater das Buch nicht lesen darf. Warum gerade Dein Vater nicht?

Sila: Das hat auch wieder die Presse gemacht. Ich hab gesagt, fänd ich eklig, wenn das meine Eltern lesen. Aber als Türkin muss ich natürlich gesagt haben: Mein Vater darf das nicht lesen. Eins der vielen Dinge, wie Bilder „vom Ausländer“ reproduziert werden.

SaZ: Du willst durch Aylas freien Umgang mit Sexualität das Klischee vom braven, passiven Mädchen brechen. Aber wenn der Kölner Stadtanzeiger „nymphoman“ schreibt, verfällt er schon wieder ins nächste Klischee. Wie, denkst Du, kann weibliche Sexualität aus diesen Rastern ausbrechen?

Sila: Ich beschreib in dem Buch ja ziemlich oft, dass Ayla genau mit diesen Etiketten beworfen wird und dann auch selber zweifelt, ob sie ehrlos sei. Und sich schämt. Das ist so doof, aber solche Labels gehen ja nicht spurlos an einer vorbei.

SaZ: Das fanden wir auch an Ayla cool – die will aus diesen ganzen Etikettierungen von „Deutsch-Türkin“ und Frau ausbrechen.

Sila: Ich fand es übelst cool, da eine Figur zu beschreiben, wenigstens eine, die nicht nach dem Stereotyp ist, den es hier gibt: die Frau, die Kinder gebärt, die eingeengt ist vom Vater und der Religion und die weggeschickt wird, wenn sie den oder den nicht heiratet. Es gibt eben ganz viele türkische Mädchen, die eben nicht so sind, die genauso normal… Naja, was heißt schon normal, die anderen sind ja auch „normal“. Mir war es eben wichtig, dass da eine Person ist, die einfach mal alles durchprobiert, auch sexuell. Normalerweise gibt es halt all die Bücher, wo das junge Mädchen sagt: Och, ich hab mich ja so verliebt. Und dann verhält sie sich ganz süß und trottelig. Das fand ich nervig und da wollte ich andere Realitäten zeigen. Und damit gilt sie dann als Schlampe, das kotzt mich so an. Typen, die mit vielen Frauen Sex haben, gelten als cool und Frauenschwarm, aber Frauen dürfen so was nicht. Echt kacke. Sex ist gut, Sex ist nett und wenn man das aus freien Stücken will, soll man es machen.

Dasselbe in grün

Klimawandel, Ozonloch, Artensterben – mit der Erde geht es den Bach runter. Doch Rettung naht – denn Umweltschutz ist voll angesagt. Wirklich? Warum das eigentliche Problem übersehen wird…

Nachrichten über Umweltprobleme sind keine schöne Angelegenheit. Apokalyptisch wird davon berichtet, wie es die Gesellschaften der letzten 200 Jahre geschafft haben, dass die Meere immer leerer werden, dass es ein riesiges Artensterben gibt, dass mitten auf dem Ozean Massen an Plastikmüll zu finden sind… Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Wir leben in einer Zeit, in der das Gegenteil von dem praktiziert wird, was man einen sinnvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen und Schadstoffausstoß nennen könnte. Es gibt so viel Plastik auf der Welt, dass sich Lösungsmittel wie Bisphenol A im Blut eines jeden Menschen nachweisen lassen.
Doch scheint es Grund für Hoffnung zu geben, denn Umweltschutz wird nicht mehr nur von irgendwelchen einflusslosen Ökos thematisiert. Nicht nur Al Gore, ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat, fordert, dass „wir es zu unserem Mantra machen müssen, grün zu wachsen“. Sogar der deutsche Industrieverband ruft zum Klimaschutz auf. Dabei gibt es unterschiedliche Ansichten darüber, wie Umwelt- und Klimaschutz funktionieren sollen.

Konzept eins: appellieren, appellieren, appellieren.
Die Leute verhalten sich voll unöko – immer Auto fahren, fliegen, ständig neue Klamotten, Heizung an, aber Fenster auf. Sie sollen ihr Verhalten ändern – ausschließlich Energiesparlampen benutzen, Standby ausschalten, spezieller Sparaufsatz für die Dusche. Die, die denken, dass sich das Umweltproblem durch Appelle löst, nehmen an, dass die Menschen zu maßlos leben und ihr Verhalten ändern müssen. Wenn alle anders und bewusster konsumieren und sich anders verhalten, dann sind Umwelt und Klima gerettet.
Das Konzept klingt erst einmal schlüssig. Wenn alle Konsument_innen z.B. aufhören würden, Atomstrom zu kaufen und zu einem Ökostromanbieter wechselten, dann müssten die Atomkraftwerke schließen. Wir könnten es uns sparen, Jahr für Jahr ins Wendland zu fahren, um dort gegen Castor-Transporte zu demonstrieren. Warum passiert das also nicht? Zuerst fällt auf, dass der Strom nicht nur von irgendwelchen einzelnen Personen konsumiert wird. In der Industrie wird dreimal so viel Strom verbraucht. Zudem können eher die Besserverdienenden den ganzen Ökokram bezahlen. Ausschließlich im Bioladen einkaufen zu gehen kann sich nicht jede_r leisten.
Zudem bekommen die Konsument_innen ganz Unterschiedliches zu hören. Auf der einen Seite sagen die Grünen, dass man nicht mit dem Auto fahren solle, weil das sehr stark zur Klimaveränderung beiträgt. Andererseits kommen dann die Autohersteller und erzählen, wie umweltfreundlich und problemlos ihre Produkte seien. Und die Unternehmen versuchen mit allen erdenklichen Mitteln, Menschen dazu zu bringen, möglichst viel zu konsumieren. Wenn diese tatsächlich anfangen würden, das weniger zu tun, würde eine Wirtschaftskrise die Folge sein.
Es gibt sogar staatliche Programme, die das befördern, wie z.B. die Abwrackprämie, die während der Wirtschaftskrise dazu angeregt hat, sich ein neues Auto zu kaufen. Wenn die Leute also nicht weniger konsumieren sollen, sondern möglichst viele umweltfreundliche Dinge, dann stellt sich zuerst die Frage, ob Klima- und Umweltschutz technisch überhaupt möglich ist. Hier setzt die zweite Strategie an.

Konzept zwei: die Technik regelt‘s.
Fahrzeuge und Flugzeuge stoßen CO2 aus, Atomkraftwerke verursachen strahlenden, tödlichen Müll und der ganze Plastikschrott verrottet nicht und wird die nächsten 50 Jahre irgendwo rumliegen. Um mit diesen ganzen Problemen klarzukommen, schlagen viele vor, einfach neue Techniken zu entwerfen, die wenig CO2 ausstoßen, nicht radioaktiv sind und deren Müll verrottet. Klingt im Gegensatz zur ersten Strategie viel besser: Wir müssen uns nicht mehr die moralischen Verzichtsanweisungen reinziehen, können munter weiterkonsumieren, um den Globus fliegen und uns immer das Neuste vom Neusten zulegen. Wir benutzen nur noch die umweltfreundlichste Technik oder erfinden im Zweifelsfall die passende neue. Dann machen wir einfach so weiter wie bisher. Viele der technischen Möglichkeiten gibt es ja schon heute. Es gibt Passivenergiehäuser fast ohne Heizbedarf, die sogar in Regionen funktionieren, in denen die Durchschnittstemperatur unter null Grad liegt. Die ganzen Energiesparlampen brauchen nur einen Bruchteil der Energie von herkömmlichen Glühbirnen und es gibt Einkaufsbeutel, die sich selbst zersetzen.
Hier stellt sich die Frage, warum neue Techniken das Umweltproblem nicht schon längst behoben haben. Das mit den technischen Lösungen ist eigentlich ein alter Hut. Wenn man die heutigen Fahrzeuge mit denen vor dreißig Jahren vergleicht, dann ist der Verbrauch bereits sehr rapide gefallen. Trotzdem ist der Gesamtausstoß aller Fahrzeuge stark gestiegen und steigt weiter, weil es immer mehr davon gibt. Das Problem scheint also mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun zu haben. Die Technik wird zwar immer besser, doch die immer größer werdende Produktion führt dazu, dass der Ressourcenverbrauch und die Verschmutzung stets zunimmt. Hier setzt die dritte Strategie an.

Konzept drei: der Markt regelt‘s.
Das Schlagwort heißt nachhaltige Entwicklung und so sollte es funktionieren: Damit sich auf dem Markt irgendwas „regelt“, muss man das Problem zuerst in einem Preis ausdrücken. Denn der Ökonomie kann man nicht irgendwelche Anweisungen geben – „Wirtschaftet doch bitte umweltfreundlicher!“ Man braucht Angaben für anfallende Kosten, um hier politisch agieren zu können. Wie soll das nun ablaufen? Die Volkswirtschaftler_innen stellen sich das so vor: Umweltverschmutzung bedeutet Schadenskosten. So wie bei einem Autounfall die Kosten für den Schaden berechnet werden können, soll das auch für die Umwelt passieren. Wenn alles so weiterläuft wie bisher, dann gibt es die Klimakatastrophe, diese verursacht Überschwemmungen, die richten dann Schäden an. Es würde viel teurer werden an Trinkwasser zu kommen. Es wird öfter Starkregen, Hochwasser und Hurrikane geben. Diese Schäden liegen aber in der Zukunft und in der kapitalistischen Konkurrenz kann es sich kein Unternehmen leisten, an irgendwelche Schäden in der Zukunft zu denken. Also soll der Staat das regeln. Er soll die Umweltzerstörung in der Zukunft bestimmen und dafür sorgen, dass diese in den heutigen ökonomischen Rechnungen auftaucht. Die Umsetzung dieser Strategie findet sich z.B. in der Ökosteuer. Auf fossile Energieträger wird eine höhere Steuer berechnet als für Windenergie, weil erstere mehr Schaden in der Zukunft anrichten als letztere. Klingt super, es wird einfach ein bisschen rumgerechnet, Steuer erhoben und dann ist alles geklärt.
Zunächst fällt bei diesem Konzept auf, dass die Umwelt nur geschützt oder als schützenswert erachtet wird, wenn es ökonomische Kosten gibt. Das ist eigentlich ziemlich perfide: Gegen den Klimawandel wird nicht etwas getan, weil in der Zukunft Menschen an den Folgen leiden, sogar sterben könnten. Allein die ökonomischen Kosten sind dafür ausschlaggebend, etwas zu unternehmen. Heute wird auf vielen Konferenzen davon gesprochen, die Klimaerwärmung auf 2°C zu begrenzen. Klimaforscher_innen gehen dabei aber bereits davon aus, dass dies weitreichende Folgen haben wird und den Tod von Millionen von Menschen bedeutet. 2°C resultiert aus einer ökonomischen Rechnung, in der Kosten gegeneinander gestellt werden.
Zudem ist die Ökosteuer völlig ungerecht, denn dann verschmutzen die Leute die Umwelt, die sich das leisten können. D.h. die Menschen, die durch kapitalistische Ausbeutung reich werden, können weitermachen wie bisher. Es wird eine Ungerechtigkeit weitergeführt, die es auch global gibt. Heute stoßen die Menschen in Europa und Nordamerika 44% des weltweiten CO2 aus, obwohl hier nur 16% der Weltbevölkerung leben.
Es stellt sich vor allem die Frage, ob so was wie die Ökosteuer überhaupt etwas ändern kann. Das grundsätzliche Problem scheint das wirtschaftliche Wachstum zu sein. Es gibt immer größeren Ressourcenverbrauch und immer größere Verschmutzung. Der Energieverbrauch nimmt zu, der Autoverkehr, die Anzahl der Flüge, die jährlich verkauften Produkte. Warum? Wachstum ist aus zwei Gründen von zentraler Wichtigkeit im Kapitalismus. Zum einen ist das Ziel von Unternehmen Profit zu machen. Diesen macht man aber nur, wenn man immer weiter produziert. Zum anderen investieren Unternehmen ihren Profit immer wieder neu, um zu wachsen und damit besser in der Konkurrenz bestehen zu können. Da das alle Unternehmen versuchen, müssen sich alle daran halten, sonst gehen sie unter. Wachstum resultiert also aus der Profitorientierung und der Konkurrenz der Unternehmen untereinander und ist zentraler Bestandteil unserer kapitalistisch organisierten Ökonomie.
Dann ist das kapitalistische Wachstum zentraler Bestandteil des Kapitalismus und zentrales Problem der Umweltverschmutzung. Denn dieses Wachstum bedeutet immer höheren Ressourcenverbrauch und immer verheerendere Verschmutzung. Dadurch läuft das Anliegen, die Umwelt zu schützen, dem ökonomischen Interesse, möglichst viel Profit zu machen, völlig entgegen. Ist der Kapitalismus selbst die eigentliche Ursache für die Umweltverschmutzung?

Ums Ganze…
Der Kapitalismus ist eine Gesellschaftsform, die beständig daran arbeitet, Voraussetzungen für ihr eigenes Fortbestehen – wie die Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen – zu untergraben. Durch das zwanghafte, profitorientierte Wachstum lässt sich nicht sinnvoll mit der Umwelt umgehen, denn die Verbesserungen in der Effizienz von Technologien werden vom Wachstum wieder überholt. Im Endeffekt steigt der Naturverbrauch und die Verschmutzung beständig.
Statt dies mal klar zu benennen, beschwören Ökonom_innen, Politiker_innen und auch viele Umweltschützer_innen mantrisch eines: die vermeintliche Vereinbarkeit von Ökonomie und Ökologie. Das klingt dann auch ganz geschmeidig: „Nachhaltige Entwicklung“, „Green New Deal“, „Green Capitalism“. In diesen wohlklingenden Konzepten wird aber nicht darüber gesprochen, dass das zwanghafte Wachstum und, damit verbunden, der Ressourcenverbrauch und die Verschmutzung das eigentliche Problem sind. Um diese Konzepte plausibel erscheinen zu lassen, wird wild schöngerechnet: Der erste nennenswerte Rückgang der CO2-Emissionen im Industriezeitalter ereignete sich nach dem Ende des Realsozialismus. Damals musste der größte Teil der Industrie im „Ostblock“ aufgrund der kapitalistischen Konkurrenz schließen. Wenn hier also jemand „klimafreundlich“ war, dann schlicht wirtschaftlicher Rückgang. Trotzdem werden diese Zahlen stets als Erfolg des Klimaschutzes hochgehalten.
Warum wird nicht darüber gesprochen, dass kapitalistisches Wachstum das offensichtliche eigentliche Problem ist? Dann müsste man eine Menge mehr in Frage stellen als lediglich den eigenen Lifestyle, die Technologie oder die ökonomische Rechnung. Es geht um die Frage, wie man diese unglaublich bescheuert organisierte kapitalistische Ökonomie los wird, die an Profitmaximierung und nicht an Bedürfnissen orientiert ist. Erst dann wird es möglich sein, damit aufzuhören, an dem Ast zu sägen, auf dem wir sitzen.

Zum Weiterlesen:
Stephan Kaufmann und Tadzio Müller: Grüner Kapitalismus. Krise, Klimawandel und kein Ende des Wachstums, erschienen 2009 im Karl Dietz Verlag Berlin, 269 Seiten, 19,90 Euro.