Deutschland? „I‘m gonna love you either way“


Als das deutsche Pop-Sternchen Lena Meyer-Landrut Ende Mai 2010 den Eurovision Song Contest (ESC) gewann, hieß es unter anderem in der Boulevardpresse zu diesem Ereignis: „Wir sind Lena“. Angeblich seien „die Deutschen“, also „wir alle“, nunmehr „Song-Meister“. Das ist zunächst einmal ziemlich seltsam: Gibt es doch in Deutschland genug Leute, die der jungen Hannoveranerin und ihrem Liedchen „Satellite“ (übrigens komponiert von einem Dänen und getextet von einer US-Amerikanerin), bestenfalls nichts abgewinnen können und den Song für ein belangloses Stück Disco-Pop halten. Man könnte die Stellung zu dieser Sängerin und ihrer Musik also für eine bloße Geschmacksfrage halten. Dennoch meint die Zeitung mit den vier großen Buchstaben offensichtlich, alle Menschen mit deutschem Pass hätten wegen Lenas Sieg beim ESC großen Grund zum Jubeln.

Diese Zusammenfassung aller Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit zu einer großen (etwa 80 Millionen Leute umfassenden) Gruppe namens „die Deutschen“ kommt häufiger vor. „Wir sind Weltmeister“, „Wir sind Papst“ usw. hieß es schon vor dem ESC 2010 bei BILD. Doch auch auf handfesteren Gebieten des Lebens taucht dieses „Wir“ immer wieder auf: „Wir sind Export-Weltmeister“, „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“, „Wir sind im Krieg“ – egal, ob es um Handelsbilanzen, Armut und Reichtum, Krieg und Frieden geht, ständig wird eine Gemeinsamkeit von Leuten behauptet, von denen viele kaum bis gar nichts gemeinsam haben. Unternehmer_innen und Lohnabhängige, Konservative und Autonome, Stadt- und Dorfbewohner_innen – alle sollen sie etwas Deutsches gemeinsam haben.
Wenn die Menschen, die in diesem Land wohnen, dann auch noch unabhängig von ihren Interessen zu diesem Staatswesen halten, ist das ziemlich praktisch für dessen Fortbestand. Wie der frühere US-Präsident John F. Kennedy einmal sagte: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst.“ Damit die Leute das tatsächlich tun, hilft es ungemein, wenn sich „die Deutschen“ mit „ihrem“ Deutschland identifizieren. Sie könnten ja zum Beispiel auch auf die Frage kommen, warum es überhaupt „ihr“ Land sein soll, bloß weil sie zufällig dort geboren wurden oder schon ihre Eltern zufällig Bürger_innen dieses Landes waren oder sie nach vielen bürokratischen Hürden nachträglich für Wert erachtet wurden, Bürger_innen dieses Staates zu werden. Stattdessen sollen sie irrsinnig stolz auf Deutschland sein, weil eine 19-jährige Frau aus dem Hannoveraner Stadtteil Miesburg-Anderten, von der sie ein Jahr zuvor noch nie gehört hatten, einen Gesangswettbewerb gewinnt.

Auch aus anderen Ereignissen aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft sollen die Leute Stolz auf „ihr“ Land ziehen. Die Bürger_innen des Staates Frankreich etwa begehen jedes Jahr den 14. Juli als Nationalfeiertag, an dem sie stolz auf eine Revolution sein sollen, die an diesem Datum vor über 200 Jahren begann. Doch in Deutschland gibt es da einen ziemlichen Haken an dem Stolz auf die „eigene“ Geschichte. Weltweit wird die Geschichte Deutschlands vor allem mit einem Ereignis verbunden: dem Holocaust, der industriellen Ermordung von ca. sechs Millionen Juden und Jüdinnen in Auschwitz und anderen extra zu diesem Zweck erbauten Vernichtungslagern.
Zwar liegt das schon weit über 60 Jahre zurück, doch ändert das nichts an der Tatsache, dass es durch eine ziemlich große Menge an Bürger_innen des Vorgängerstaates der Bundesrepublik Deutschland und im Auftrag ihrer damaligen Regierung begangen wurde. Eine bruchlose positive Identifizierung mit Deutschland und seiner Geschichte ist also nur schlecht möglich. Und jede Erinnerung an den Holocaust erschwert erneut eine positive Identifikation mit Deutschland, muss doch die_der deutsche Bürger_in immer Auschwitz mitdenken, wenn sie_er an den deutschen Staat und dessen Geschichte denkt. Jeder lebende Jude, jede lebende Jüdin jedoch steht der Abwehr der Erinnerung an den Holocaust durch seine bloße Existenz im Weg. Der Psychoanalytiker Zwi Rex hat das auf die Formel gebracht: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Dass der Satz auch im Jahr 2010 noch gültig ist, zeigen die Reaktionen vieler User_innen von sozialen Medien wie Twitter und Facebook auf die Tatsache, dass „unsere Lena“ aus Israel keine Punkte bekam. Nun könnte man einfach zu dem Schluss kommen, dass viele Israelinnen und Israelis einfach Lenas Musik nicht mochten – so wie vielleicht viele Deutsche den ESC-Beitrag des israelischen Künstlers Harel Skaat nicht mochten, bekam er doch aus Deutschland genauso wenig Punkte wie Lena aus Israel, nämlich keine. Doch die User_innen auf Twitter wussten es besser: „Die Juden sind immer noch pissig wegen damals…“, „die Juden sind sehr nachtragend“, „die Juden vergessen uns das nie“ usw., um sich dann beleidigt zu beklagen: „Und wir bauen den Juden ein Denkmal in Berlin“ – da könnten sie sich doch ruhig mal ein bisschen dankbarer zeigen … Schließlich ließen viele ihrem Unmut freien Lauf: „Scheiß Juden“ hieß es in diversen Posts. So harmlos wie die von den Medien als „süß“ gepriesene Lena Meyer-Landrut ist der aus Nationalismus gespeiste Antisemitismus dieser Fans nämlich nicht. Denn während die ESC-Gewinnerin wenigstens an einen namenlosen Schwarm singt: „I‘m gonna love you either way“, wollen die zitierten User_innen gerne Deutschland lieben – egal wie und auf wessen Kosten.

Kritik im Handgemenge, Bremen
eine Gruppe von Junge Linke gegen Kapital und Nation

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