Archiv für Oktober 2010

3. Marx-Herbstschule in Berlin

Am Wochenende findet die 3. Marx-Herbstschule in Berlin statt. Von Freitag bis Sonntag gibt es verschiedene AG´s zum dritten Band des Kapitals, eine Podiumsveranstaltung und ein rauschendes Fest.

Für Interessierte ohne Vorkenntnisse wird im Rahmen der Herbstschule diesmal eine AG zur Einführung in den ersten Band des Kapitals angeboten.

Die Marx-Herbstschule ist eine Ergänzung der in den letzten Jahren wieder verstärkt auftretenden Kapital-Lesekreise. Sie ist nicht nur Vertiefungsmöglichkeit, sondern auch bundesweite Vernetzungsplattform. Veranstaltet von Helle Panke Berlin, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Top Berlin und Ums-Ganze!, Marx-Gesellschaft e.V. und dem Berliner Verein zur Förderung der MEGA-Edition.

herbstschule2010

5 x Pro Nation = 5 x Falsch

Argumente gegen Nationalist_innen

Jede nationale Idee behauptet, dass Menschen als Kollektiv zusammengehören, als Nation eben. Diese nationale Zusammengehörigkeit soll angeblich vor dem Staat da gewesen sein. In Wahrheit ist es genau umgekehrt. Wer Mitglied einer Nation ist, entscheidet der jeweilige Staat. (Siehe Kasten). Alle Begründungen für Nationen sind Märchen. Trotzdem sind Nationen mehr als kollektive Einbildungen: Dadurch, dass eine Anzahl von Menschen einer staatlichen Gewalt unterworfen ist, erzeugt der Staat Gemeinsamkeiten unter ihnen: Sie sind alle seinen Gesetzen unterworfen, müssen seine Sprache lernen oder für ihn in den Krieg gegen andere Nationen ziehen. Die Lüge von der Nation und von einem gemeinsamen nationalen Interesse wird erst „praktisch wahr“, wenn massenweise Menschen daran glauben (z.B. im Namen „ihrer“ Nation gegen andere Menschen Krieg führen, die das Gleiche gegen sie tun). Menschen, die sich als Teil einer Nation begreifen (also sich als Deutsche_r, Holländer_in, Ägypter_in usw. fühlen) haben die nationale Scheiße gefressen. Sie sehen nicht, dass durch den Kapitalismus ihre Bedürfnisse nur dann zählen, wenn sie Geld haben. Geld, um die Mittel zur eigenen Bedürfnisbefriedigung auf dem Markt bezahlen zu können. Sie sehen nicht, dass Staaten die Bedingungen setzen und durchsetzen, die das kapitalistische Wirtschaften zur Folge haben. Und damit die Konkurrenz aller gegen alle um Jobs und Geld. Beim heutigen Stand der Technik müsste niemand auf der Erde mehr verhungern und alle könnten ein gutes Leben haben. Wir müssten nur gemeinsam über die Produktionsmittel verfügen und überlegen, wie wir die Mittel zur Befriedigung der Bedürfnisse aller vernünftig herstellen und verteilen.
Dass heutzutage alle staatlicherseits in Nationen und Völker eingeteilt sind, ist im Kapitalismus genauso normal wie im Mittelalter die Vorstellung, dass Gott die Menschen in Leibeigene und Adel einteilte. Nationalist_innen sind nicht bloß die Nazis, sondern alle, die es normal finden, sich als Deutsche_r, Brasilianer_in, Chines_in usw. zu denken, und die jeweils „ihren“ Staat gut finden. Für die Erklärung, warum wir alle in Nationen und Völker aufgeteilt sein sollen, werden unterschiedliche nationalistische Argumente vorgebracht (gemeinsame „Rasse“, Sprache, Geschichte, Kultur, Werte). Fünf dieser Begründungen sollen im Folgenden vorgestellt und widerlegt werden.

„Wir sind eine Nation, weil wir gemeinsames Blut haben / weil wir ein Volk sind, das durch biologische Gemeinsamkeiten entstanden ist.“
Die Vorstellung, dass Nationen durch biologische Gemeinsamkeiten zustande kamen, oder dass Menschen in „Rassen“ aufgeteilt werden können, ist falsch. Seit es Menschen gibt, gibt es Wanderungsbewegungen. Und die Landesgrenzen (und darin die Bevölkerungen) der Nationalstaaten (deren ältester jünger als 250 Jahre ist) verdanken sich zufälligen Faktoren: Gewonnene oder verlorene Kriege während ihrer Gründung und Geschichte. Die Vorstellung von Nationen als biologisch einheitlichen Kollektiven ist also lächerlich. Und selbst wenn sie stimmen würde: Nur weil wir mit anderen körperliche Merkmale gemeinsam haben, folgt daraus kein gemeinsames Wesen, kein gemeinsames Denken und Handeln. Und auch kein Argument für eine Parteinahme für die Nation, in die wir zufällig geboren wurden. Wer rassistisch denkt, erklärt das (reale oder imaginierte) Vorliegen von Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen von Menschen damit, dass sie einer bestimmten „Rasse“, Nation, kollektiven Menschennatur zugehören würden. Für Rassist_innen entsteht das Verhalten letztendlich aus der Natur – und nicht aus bestimmten sozialen Verhältnissen, die wir vorfinden und zu denen wir uns so oder so stellen können. Eine gängige biologische Unterscheidung hinsichtlich des Blutes sind die Blutgruppen. Diese kommen bei allen Menschen vor. Keine Nation kann eine eigene Blutgruppe für sich reservieren. Natürlich haben Menschen Unterschiede (Variationen) in allen möglichen Körpermerkmalen (Fingerlänge, Augenfarbe, Ohrenform, Pigmentierung der Haut, Zungenroll skillz, usw.) – je nachdem, was da warum auch immer verglichen wird. Jede Vorstellung von „Rasse“ setzt voraus, dass eine kollektive Menschennatur von anderen Menschennaturen abgegrenzt werden kann. Und das haut nicht hin: Alle Einteilungen und Sortierungen von körperlichen Merkmalen sind willkürlich. Weder gibt es kollektive Menschennaturen, noch gibt es damit verbundene Charaktereigenschaften. Daher lassen sich Nationen auch nicht auf biologische Sortierungen und Eigenschaften zurückführen.

„Wir sind eine Nation, weil wir eine gemeinsame Sprache sprechen.“
Ebenso wenig wie durch Natur lässt sich die Nation durch Sprache begründen. Die Schweiz mit ihren vier Landessprachen zeigt, dass eine Sprache nicht entscheidend für die Nation sein kann. Ebenso wird Deutsch nicht nur in D-Land gesprochen. Wann etwas als Sprache, wann etwas als Dialekt gilt, lässt sich nur willkürlich unterscheiden. Friesisch z.B. ist dem Holländischen und Englischen viel näher als dem Bayerischen, welches wiederum österreichischen Dialekten näher ist. Darüber hinaus: Sowohl das „Horst-Wessel-Lied“ der Nazis als auch „Die Internationale“ der Arbeiter_innenbewegung können auf Deutsch gesungen werden – aber beide Lieder sind in Inhalt und Absicht voll unterschiedlich. Und umgekehrt: Ein und derselbe Gedanke kann in verschiedenen Sprachen ausgedrückt werden – und Sprachen können gelernt werden. Welche Art zu labern durch den Staat zur Landessprache erhoben wurde, war willkürlich und zufällig. Erst durch den bürgerlich-kapitalistischen Staat kamen Nationalsprachen in die Welt und wurden auf dem jeweiligen Staatsgebiet verbreitet und durchgesetzt (u.a. durch die allgemeine Schulpflicht bzw. Schulen). Nationale Einheitssprachen sind also Erfindungen und Resultat von staatlichen Maßnahmen und Verordnungen.

„Wir sind eine Nation, weil wir die gleiche Kultur haben.“
Auch die Vorstellung, dass eine Nation durch gleiche „Sitten und Gebräuche“ und gleiche kulturelle Vorlieben erklärt werden könnte, ist Quatsch. Wer darüber nachdenkt, merkt schnell, dass der Punk aus der Kleinstadt, die trendige Managerin aus Berlin und der Kneipenwirt aus dem Dorf ziemlich unterschiedliche kulturelle Vorlieben und „Sitten und Gebräuche“ haben. Die meisten Deutschen haben „ihren“ Goethe in der Schule gelangweilt über sich ergehen lassen, während viele Ausländer_innen seine Texte zu schätzen wissen. Jede Vorliebe für eine bestimmte Musik, literarische Epoche, Malerei, Gewürze, Verhalten usw. ist eher eine Frage des individuellen Geschmacks und der zufälligen Gewohnheiten. In einigen Regionen sind Karnevalsbräuche fester Bestandteil des Kulturlebens, in anderen sind sie weitgehend unbekannt. Und was hat die friesische Teezeremonie mit dem bayerischen Schuhplattler gemeinsam? Die Nationalität entscheidet nicht über kulturelle Vorlieben und Abneigungen. Und kulturelle Vorlieben und Abneigungen gaben nie die Grundlage einer Nation ab. Wahr ist, dass der moderne Staat überhaupt erst die „Nationalkultur“ erfunden hat: Dabei tat und tut er einiges, um das kulturelle Empfinden seiner Untertan_innen zu beeinflussen. Die Schulfächer „Deutsch“ und „Gemeinschaftskunde“ z.B. vermitteln jungen Staatsbürger_innen die Einheitssprache, eine Auswahl von Schriftsteller_innen und die Regeln der herrschenden Ordnung. Was zur nationalen Kultur gerechnet wird, ist also Ergebnis der jeweiligen staatlichen Definition.

„Wir sind eine Nation, weil wir eine gemeinsame Geschichte haben.“
In der Schule wird die Geschichte der „eigenen“ Nation unterrichtet. Und es gibt einige Familiengeschichten, wie der Urgroßvater gegen „die Russen“ oder „die Amis“ in den Krieg zog oder wie die Uroma die Trümmer danach wegräumte. Aber dass diese Geschichten sich so ähnlich sind, liegt ja auch schon daran, dass die Vorfahren bereits als staatlicher Zwangszusammenhang, als Nation zusammengefasst worden waren – für die sie dann z.B. in den Krieg gezogen sind. Davon abgesehen unterscheiden sich die Familiengeschichten z.B. von einer Fabrikbesitzer_innenfamilie erheblich von denen der Arbeiter_innenfamilien, die dort beschäftigt waren. Aber selbst wenn alle Mitglieder einer Nation tatsächlich eine gemeinsame Geschichte hätten – so wäre das noch lange kein Argument dafür, sich positiv zur jeweiligen Nation zu stellen; eher im Gegenteil. In den 1950er Jahren wurde die Nazi-Vergangenheit D-Lands totgeschwiegen – während heutzutage deutsche Politiker_innen gerade aus ihr eine „besondere nationale Verantwortung“ ableiten, um Kriegseinsätze in aller Welt zu rechtfertigen. Durch Schulunterricht, Gedenkstätten, Museen, Bildungsprogramme etc. zeichnet der Staat ein bestimmtes Bild (Nationalgeschichte), um seine jeweiligen politischen Ziele zu untermauern. Wird Geschichte als ein oder gar als der Grund für eine Nation angegeben, so werden die wahren Zusammenhänge auf den Kopf gestellt: Weil Menschen als Staatsbürger_innen einem Staat unterworfen sind und als nationale Gemeinschaft konstruiert und behandelt werden, bekommen sie in dieser Hinsicht erst ein gemeinsames „Schicksal“ (z.B. zusammen für D-Land in den Krieg ziehen). Ohne Nationalstaat keine nationale Geschichte.

„Wir sind eine Nation, weil wir die gleichen Grundwerte teilen.“
Der letzte Versuch, die Nation zu rechtfertigen nennt sich selber Verfassungspatriotismus und behauptet, es gäbe eine Art gemeinsamen Beschluss, den die Mitglieder einer Nation gefällt hätten: Weil sie nämlich bestimmte Werte und die Ordnung des Staates miteinander teilen würden. Sorry, aber bei dem Beschluss muss ich gefehlt haben. Es mag ja schon sein, dass die Staatsbürger_innen der meisten Staaten jeweils „ihre“ staatliche Herrschaft akzeptieren und sich mit ihr identifizieren. Es also normal finden, als Deutsche_r, Schweizer_in, Brasilianer_in usw. definiert zu werden. Nur: Wurden sie je gefragt, ob sie überhaupt damit einverstanden sind, dass die Erde in kapitalistische Nationalstaaten aufgeteilt ist? (Und selbst wenn die eigenen Eltern oder Großeltern gefragt worden wären, so wäre das für uns nicht bindend.) Und können Menschen Mitglied einer Nation werden, nur weil sie deren Verfassung gut finden? Offensichtlich nicht. Gleiche Werte sind also nicht der Grund dafür, zu welcher Nation eine Person gerechnet wird. In einem demokratischen Nationalstaat ist erwünscht und gefordert, dass sich alle Staatsbürger_innen mit einer Ordnung einverstanden erklären, über die sie in Wirklichkeit nicht zu bestimmen haben. Darauf läuft die hochgelobte bürgerliche Freiheit hinaus: Demokratie ist die freiwillige Unterwerfung des Einzelnen unter den Staat im Namen der Nation.

Kritik im Handgemenge, Bremen
eine Gruppe von Junge Linke gegen Kapital und Nation

Tipp zum Weiterlesen:
Selbst Genetiker_innen und Anthropolog_innen haben für sich festgestellt, dass es keine „Rassen“ gibt.
(www.akdh.ch/ps/ps_82Ausnahmen-Rgel.html)

20 Jahre grenzenlos?

Der Ausblick ist wirklich wunderschön. Der Abgrund, der in die Tiefen des Elbtals geht, ist nur ein paar Schritte entfernt und gibt den Blick auf viele Felsformationen frei. Franziska ist völlig erschöpft und sucht sich einen Platz, an dem sie sich setzen kann. ‚Eigentlich doch ganz nett hier‘, denkt sie sich und ist für einen Moment nicht mehr von „Willi“ genervt, wie er inoffiziell von allen genannt wird. Erst seit ein paar Monaten ist er Klassenlehrer. Und: Er ist Wanderfreak. Das wurde bei der Entscheidung, wo die Klassenfahrt hingehen solle, schnell deutlich. Alle fanden die Idee super, nach Amsterdam zu fahren. Willi schien zwar nicht zu begreifen, dass ein wichtiger Grund für diesen Vorschlag grün ist und in kleinen Tütchen verkauft wird. Trotzdem wurde Wandern durchgedrückt und nun steht der Großteil der elften Klasse ziemlich entnervt inmitten der Sächsischen Schweiz.

Franziska wollte nicht mitkommen, weil sie keinen Bock auf die ostdeutsche Provinz hat. Hier fährt sie eigentlich nur hin, wenn es einen Naziaufmarsch gibt und ihre zwei Freunde von der Antifa sie dazu motivieren, zur Gegendemonstration mitzukommen. Doch Anna – eine Mitschülerin, mit der sie seit einigen Monaten immer enger befreundet ist – hat sich, nachdem die Sächsische Schweiz als Reiseziel durchgedrückt war, krankschreiben lassen. „Ich fahr da nicht hin, das ist zu gefährlich für mich“, diesen Satz hat Franziska seitdem im Kopf. Als Weiße, die immer als deutsch wahrgenommen wird, war das für sie neu. Franziska wollte nicht in die Sächsische Schweiz, weil sie Naturerlebnissen nicht so viel abgewinnen kann, deutsche Dorfkultur abschreckend findet und lieber neue Städte erkundet. Doch für Anna, die nicht weiß ist und nie als Deutsche durchgeht, scheint es Grenzen in Deutschland zu geben, die Franziska nicht bewusst sind. Bei der Ankunft ist ihr das sehr deutlich geworden: Als sie den Bahnhofsvorplatz betreten, fällt ihr im Vorbeigehen das „Thor Steinar“-Basecap auf, das die eigentlich sympathisch wirkende junge Mutter trägt, die in Richtung Bahnhof läuft. Hmm, junge Mütter, die mit Klamotten von Neonazi-Labels rumlaufen? Die Gruppe, die sie da abholt, gleicht eher einem Gruselkabinett, das die restliche Collection des Basecaps zu tragen scheint. Franziska hatte sich ein bisschen erkundigt. „Die Sächsische Schweiz?“ meinte Anna, „da weiß ich nicht, wo ich anfangen soll.“ Dann berichtete sie, dass in einem Dorf 25 Prozent die NPD gewählt haben, diese Partei sogar im Landtag sitzt, es sehr gefestigte Nazi-Strukturen gibt, die mit Gewalt und Übergriffen versuchen, „national befreite Zonen“ zu schaffen, in denen es nur noch weiße, deutsche Menschen gibt, die den rechten Konsens nicht infrage stellen. Seitdem ist Franziska nicht nur davon genervt, dass sie diesen Wanderschwachsinn mitmachen muss, sondern, dass sie Teil dieser Gruppe von weißen Armleuchtern ist, die nicht im Entferntesten auf die Idee kommt, sich im Vorfeld über Annas Perspektive Gedanken zu machen.

Richtig los geht es aber erst, nachdem sie am Abend der ersten Wanderung zurückgekommen sind. Franziska kann ihr Entsetzen nicht verbergen, als fast alle aus der Gruppe das noch übrig gebliebene Hirn bereitwillig gegen Deutschland-Fahnen, -Schminke, -Armbänder und -Trikots eintauschen, um zum nächstgelegenen Public Viewing aufzubrechen. Sie hatte ja diesen Artikel für die Schülerzeitung geschrieben. Deutschland sei eine Erfindung, die sich erst im 19. Jhd. herausgebildet habe, ebenso das „deutsche Volk“. Der Prozess dieses „Erfindens“ sei in Deutschland untrennbar mit Kolonialimus, Krieg, Nationalsozialismus und Holocaust verbunden gewesen. Zudem gebe es kein einziges sinnvolles Argument für dessen Fortbestehen, so hatte sie geschrieben. Seit der Veröffentlichung ist sie mehrmals die Woche in leidige Nationalismus-Debatten verstrickt. Und auch diesmal ist ihr Unvermögen, den Schock aufgrund des Deutschlandwimpelmeeres zu überspielen, der Anstoß zur Diskussion. „Also ich bin auf jeden Fall für Deutschland“, legt Willi vor, „und finde es super, dass es seit 20 Jahren wiedervereinigt ist und keine Grenze mehr hat“. Stolz präsentiert er dazu ein T-Shirt mit der Aufschrift „20 Jahre grenzenlos“. ‚Welche Merchandise-Geschmacklosigkeiten man sich so ausdenken kann …‘, denkt Franziska und versucht, sich zu sortieren.

Eigentlich hat Franziska alle Argumente irgendwann schon einmal in die Diskussion geworfen und dabei immer versucht, möglichst verständlich zu sein: Dass sich unter die deutsche Geschichte des Nationalsozialismus nicht einfach ein Schlussstrich ziehen lässt, zeigt die rechte und rassistische Gewalt nur zu deutlich. Die Idee des deutschen „Volkes“ kann es nur geben, wenn andere gewaltsam ausgeschlossen sind, indem beispielsweise schwarze Menschen nicht als Deutsche anerkannt werden. Diesen alltäglichen Rassismus gibt es gerade wegen der blöden Idee „Deutschland“. Und die deutsche Nation ist ein wichtiger Teil der kapitalistischen Ökonomie. Sie muss als Ganzes gegen andere Nationen konkurrieren und ist so an der Armut in anderen Ländern mit beteiligt. All diese Argumente hat sie angeführt, erklärt, wiederholt … und ist auf Unverständnis und Abwehrreaktionen gestoßen. Manchmal hat sie angefangen, sich selbst unsicher zu fühlen und an ihren Positionen, die sie sehr einleuchtend findet, zu zweifeln.

Und nun ist dieses „20 Jahre grenzenlos“-Shirt in ihr Blickfeld gerückt. ‚Am Auffälligsten ist‘, denkt sie sich‚ ‚dass die Betroffenheit um die Toten an „der Mauer“ und der Jubel um deren Ende vollkommen schizophren ist‘. Wie kann denn der Mauerfall bejubelt werden, wenn jedes Jahr 7.000 Menschen abgeschoben werden und Europa Grenzen besitzt, die der „Mauer“ in nichts nachstehen? Sie fand die Bezeichnung „Festung Europa“, die sie mal gehört hat, sehr passend. Seit den 1990ern sind fast 15.000 Menschen an europäischen Grenzen gestorben. Erst baut Europa in mehreren Jahrhunderten materiellen Reichtum durch koloniale Ausbeutung auf. Und wenn jemand kommen und davon was abhaben will, wird mit gewaltvoller Abschottungspolitik reagiert. Eigentlich basiert der heutige Reichtum in den westlichen Ländern nicht nur auf der kolonialen Vergangenheit. Im „freien“ Kapitalismus führt die koloniale Vergangenheit heute immer noch dazu, dass die westlichen Nationen besser dastehen und davon profitieren. ‚Das führt vielleicht ein bisschen weit‘, denkt sie und versucht, sich wieder auf den Trachtenverein in schwarz-rot-gold, der vor ihr steht, zu konzentrieren.
Besonders widerlich findet Franziska den 20 Jahre grenzenlos-Slogan auch, seit sie auf der Adriano-Gedenkdemo war und ein Bild vom wiedervereinigten Deutschland bekommen hat, welches Willis T-Shirt-Motiv völlig entgegensteht. Alberto Adriano, ein schwarzer Deutscher aus Dessau, war im Jahr 2000 von drei Neonazis zusammengeschlagen worden und später an seinen Verletzungen gestorben. Auf der Demo wurde gesagt, dass es nach der Wiedervereinigung eine riesige Welle an rechter Gewalt gab. Unzählige Menschen sind Opfer dieser geworden, über 150 Menschen wurden wie Adriano getötet. Es gab Pogrome gegen Asylbewerberheime, bei denen „ganz normale Deutsche“ dabeistanden und applaudiert haben. Das ist 20 Jahre grenzenlos?

Während Franziska weiter vor sich hin sinniert, wirft sich der schwarz-rot-goldene Karnevalsverein vor ihrer Nase die nationalistischen Bälle gegenseitig zu, um sich in seiner Deutschlandliebe zu bestätigen. Sie fühlt sich verloren und hat keine richtige Lust, in diese Diskussion einzusteigen. Alle erwarten, dass sie wieder die selbe Kritik anbringt, und schielen zu ihr herüber. ‚Warum soll ich mit denen diskutieren?‘ fragt sie sich. Das Problem ist doch nicht, dass man keine guten Argumente hätte. Grund ist auch, dass die anderen in einer mächtigeren Position sind. ‚Der Trachtenclub hat Millionen von anderen Fußballfans hinter sich, die allgemeine öffentliche Meinung, die 20-Jahre-Wiedervereinigungs-Propaganda und alles möglich andere‘, denkt Franziska und erinnert sich an ihren Mitschüler Daniel. Der war nach einer dieser leidigen Diskussionen zu ihr gekommen und meinte, dass er ähnlich denke wie Franziska. „Warum hast du nicht selbst was gesagt?“ hatte sie ihn gefragt. „Ich hab den Eindruck, dass das sowieso nichts bringt. Außerdem fühle ich mich zu unsicher“. Daran denkt sie noch, als sie sich überlegt, was sie jetzt machen soll. Sie hat wirklich keine Lust, wieder in Erklärungsnot zu kommen und sich so ausgequetscht zu fühlen. Also dreht sie den Spieß einmal um: „Wofür braucht man denn so eine nationale Identität?“ startet sie und lässt sich alle möglichen einfachen, manchmal noch etwas ungeschickten, provokanten, rhetorischen und blöden Fragen einfallen. Die anderen sollen mal ihre Ansichten erklären, was sie nicht wirklich können. Denn schon zu der ersten Frage gibt es keine sinnvolle Antwort.

Wenn die Bienen zu den Blumen fliegen…

Warum Geschlecht und Staat ein Verhältnis miteinander haben

Sex, Sex, Sex … Aufmerksamkeit erhascht? Bei Leuten, die sich gerade wundern, warum in einem linksradikalen Blatt so etwas steht – sicherlich. Und bei Leuten, die nun auf einen „geilen Artikel“ hoffen – ebenfalls. Dann kann es ja nun offenbart werden: Es geht um die Frage, was Geschlecht und Staat so miteinander treiben, und um den Feminismus. Feminismus? Wartet mal, ist das nicht so‘n alter Hut, von wegen wild kreischende, nackige Frauen aus den 60ern? Warum denn damit wieder anfangen?

Alte Beziehungskiste …
Darum: Ob nun blöde Sprüche und Anmachen, männerdominiertes und mackerhaftes Redeverhalten in der Schule, auf der Arbeit, im Freundeskreis oder der Antifa-Gruppe – Sexismus ist immer noch Alltag. Von Männerbündeleien in den Strukturen an der Uni und in der Wirtschaft, die dafür sorgen, dass Frauen nicht in besser bezahlte Positionen kommen, über Physiklehrer, die immer noch glauben, dass Mädchen nicht so logisch denken können wie Kerle (was wiederum stilles und unsicheres Verhalten hervorbringt) bis hin zu verbaler und körperlicher Gewalt, wenn zwei Frauen sich auf der Straße küssen oder vielleicht nicht so ganz in das Bild passen, wie eine „richtige Frau“ auszusehen hat.
Die Rollenbilder, die auch wir durch solche Vorstellungen und Bemerkungen tagtäglich reproduzieren, sind dabei gar nicht neu. Ideen davon, wie Mädchen und Jungs, Männer und Frauen zu sein haben, wirken schon seit Jahrhunderten. Mit der Entwicklung des Kapitalismus im 19. Jahrhundert entstand eine recht eindeutige Trennung zwischen Hausarbeit und Lohnarbeit in den Fabriken und Kohlegruben. Aufbauend auf bereits vorher existierenden Rollenvorstellungen entwickelten sich sehr klare „Geschlechtscharaktere“. Es wirkte ganz natürlich, dass von nun an die Frau auf Heim und Kinder aufpasst, putzt, für die Familie kocht, die sich an ihrer Schulter ausweint und für die sie generell eine Menge Emo-Arbeit leistet … – kurzum: dass sie für die Reproduktion des Mannes verantwortlich ist, damit dieser am nächsten Tag wieder richtig powerful schuften kann.
Obwohl sich Familienstrukturen seitdem auch geändert haben, ist das meistens heute immer noch der Fall. 90% der Alleinerziehenden sind Frauen. Und auch im Bereich der Lohnarbeit sind es meistens die Frauen, die kleine Menschen hüten, kranke Menschen pflegen oder alte Menschen putzen – alles Jobs, die im Schnitt sehr schlecht bezahlt sind.

Wer unten liegt, muss kochen
Nichtsdestotrotz: Da sieht doch heute in den westlichen Ländern einiges viel besser aus! Du meinst, immerhin hätten doch die Frauen selber dafür gesorgt, dass es ihnen heute okayer geht: Frauenwahlrecht, sexuelle Revolution und eine Ausbildung oder ein Studium gelten vielen Mädchen und Frauen als Selbstverständlichkeit. An dieser Stelle soll auch nicht bestritten werden, dass sich da einiges getan hat in den letzten paar hundert Jahren, und gerade seit den 1960ern hat die Frauenbewegung (genau die „Emanzen“, über die sich immer so gerne lustig gemacht wird) dem kleinbürgerlich-verkorksten Hausfrauen-Dasein ordentlich zugesetzt. Diese Kämpfe haben sich schließlich auch in Gesetzestexten niedergeschlagen: Wählen dürfen Frauen in Deutschland seit 1918 (in der Schweiz hat es bis 1971 gedauert). Mussten unsere Mütter oder Omas noch ihren Mann um Erlaubnis bitten, bevor sie einen Arbeitsvertrag unterschrieben, gilt ab 1977 die freie Wahl des Arbeitsplatzes auch für Frauen. Seit 1979 hat der Vater in „Erziehungsfragen“ nicht mehr das letzte Wort. Vergewaltigung in der Ehe ist seit 1997 strafbar (wurde aber bis 2004 nur auf Antrag der Frau überhaupt rechtlich verfolgt). Und so weiter, und so fort. Ja, mensch könnte fast denken, dass der Staat eigentlich der größte Feminist von allen ist. Denn ohne finanzielle Anreize wie das Elterngeld würden sicherlich so manche Väter das Windelwechseln nicht erlernen wollen. Diese staatliche Leistung kriegen Familien nun mal dann länger, wenn beide Elternteile nach Geburt eines Kindes eine Auszeit vom Job für die Kinderpflege nehmen. Und gegen Diskriminierung, zum Beispiel bei der Einstellung, gibt es seit einiger Zeit das Antidiskriminierungsgesetz, welches einer Frau ermöglicht, vor Gericht zu gehen.
Alles gut und schön, aber: In diesem Artikel wollen wir zeigen, dass es zumeist bestimmte Gründe für staatliches Handeln im Bereich der Geschlechterverhältnisse gibt. Und die liegen nicht vorrangig darin, dass Sexismus bekämpft werden soll, sondern hängen – direkt oder indirekt – mit ökonomischen Interessen zusammen. Nun könnte darauf ja gesagt werden: Ist doch egal, solange die richtigen Sachen passieren. Naja, das hat einen Haken: Erstens kann den einzelnen Gesetzen bereits angesehen werden, dass es da nicht um Emanzipation geht. Und zweitens: Wer sich auch im Bereich der Geschlechterverhältnisse die Emanzipation auf die Fahnen schreibt, wird, wenn sie_er auf den Staat setzt, immer an notwendige Schranken stoßen. Und wir wollen eben nicht die sexistischen Zustände nur leicht reformiert und alte Scheiße neu verpackt bekommen.

Wenn der Storch kommt …
Zunächst einmal haben Staaten eine bestimmte Aufgabe: Sie müssen dafür sorgen, dass der Kapitalismus auf ihrem Staatsgebiet möglichst reibungslos über die Bühne geht. Denn nur dann haben sie eine Chance, gegenüber anderen Staaten auf dem Weltmarkt gut dazustehen. Hierzu braucht es nicht zuletzt auch eine Bevölkerung, die einigermaßen zufrieden ist und nicht so schnell aufbegehrt. Jede Emanzipationsbewegung wird nun vom Staat auf dieser Grundlage betrachtet: Forderungen und Reformbemühungen, die dem Zweck nicht entgegenstehen, werden vielfach anerkannt, andere bekämpft. Dies war auch bei der Frauenbewegung der Fall. Moderne Industriestaaten können es sich nicht leisten, die Hälfte der Bevölkerung nicht als zu allem fähige und bereite Arbeitskräfte zu vernutzen. Dies bedeutet ebenfalls, dass eine strikte Rollenverteilung und blöde sexistische Bilder auch einmal als hinderlich betrachtet werden können. Hieraus erklären sich die obigen Verbesserungen.
Gleichzeitig ändert das nichts am staatlichen Interesse an Familien- und Bevölkerungspolitik, also am Interesse am „weiblichen“ Körper, an Geburtenregelung, an Kinderaufzucht und daran, wer mit wem ins Bett geht. Immerhin geht es da ja um die zukünftigen Bürger_innen, also auch um zukünftige Arbeitskräfte. So heißt es im Artikel 6 des Grundgesetzes: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.“ Aha, da haben wir‘s sogar schriftlich: Immer noch ist die Familie eine ganz wichtige Einheit in der Gesellschaft. Viele sagen auch, sie sei die „Keimzelle des Staates“, igitt. Aber nicht irgendwelche Eltern sollen diese „Keimzelle“ bilden: Vom oben erwähnten Elterngeld zum Beispiel profitieren vor allem Besserverdienende, die ja auch häufig besser ausgebildet sind – und das ist auch so gewollt. So sagte Bundeskanzlerin Merkel beim Deutschen Arbeitgebertag 2006, dass „wir heute das Problem haben, dass nämlich 40 % der Akademikerinnen keine Kinder haben (…). Auch das ist ein Zustand, den sich ein Land, das sich als hoch entwickelt bezeichnen will, nicht leisten kann.“ So funktioniert moderne Bevölkerungspolitik.

Blau oder rosa?
Mit seinem Regelwerk zementiert der Staat auch noch die Zweigeschlechtlichkeit und lässt kein Dazwischen gelten. Überall treffen wir auf Muster und Normen, in die wir reinpassen müssen – benimm dich mal wie eine feine Dame, jetzt beweis mal, dass du ein echter Mann bist … Menschen, die sich weder als das eine noch das andere fühlen, die einfach nur keinem der (vor)herrschenden Rollenbilder entsprechen wollen, werden zu Außenseiter_innen in Schule, Sportclub, auf Arbeit, im Freundeskreis… Der Staat hilft nach, denn für den Perso muss nun mal entweder „männlich“ oder „weiblich“ angekreuzt werden. Intersexuelle Menschen, die mit sogenannten uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren werden, kommen kurz nach der Geburt unters Messer, um die Eindeutigkeit wieder herzustellen.

Kuscheln, knutschen, Kommunismus
Was wir zeigen wollten: Im Laufe der Geschichte hat sich viel getan und sicherlich will niemand hinter diese gemachten Fortschritte zurückfallen. Dennoch sollten wir uns keine Illusionen machen: Diese Art von Reformen, für die zudem viel gekämpft wurde, stellen eben nur eine Erweiterung der Normen im Kapitalismus dar. Das heißt, es bleibt alles irgendwie, wie‘s ist: Der Kapitalismus wird nicht besser, nur weil gleichgeschlechtliche Ehen eingegangen werden können, weil es die Pille gibt oder weil mit dem zweiten Kind endlich mal ein ordentlicher Satz Kindergeld ins Haus kommt – er passt sich nur den neuen Bedingungen an, damit es mit dem Horror auch noch morgen klappt.

Ich will aber noch mehr als bloß genauso viel arbeiten zu dürfen wie ein Mann bzw. mit denen genauso um Arbeitsplätze konkurrieren. Ich habe auch keine Lust, Gebärmaschine zu sein für neue Deutsche. Emanzipation und Gleichberechtigung heißen für mich mehr als das gleiche Recht zu haben, ausgebeutet zu werden. Sowieso: Dass die „Gleichberechtigung“, von der da immer die Rede ist, kein tolles Ideal für alle Menschen ist, spüren die, die davon gar nix abhaben können. Denn es profitieren nicht alle Frauen davon, sondern nur deutsche: Migrant_innen ohne deutschen Pass sind erst mit der Annahme der Staatsbürgerschaft als deutsche Bürger_innen vor dem deutschen Gesetz gleichberechtigt. Nur durch die gnädige Aufnahme in die nationale Familie und die Anerkennung ihrer staatlichen Spielregeln kann überhaupt auf eine gleichberechtigte Behandlung gehofft werden. Das mag das Leben von Leuten natürlich erstmal real verbessern! Aber es bleibt dabei: Gleichberechtigung ist auch für die, die teilhaben nicht cool, denn eine Emanzipation, die Staat und Nation braucht, ist keine wirkliche Emanzipation. Das heißt, dass neben all den alltäglichen Kämpfen gegen Sexismus auch weiterhin der für eine Gesellschaft ohne Kapitalismus und Staaten geführt werden muss – und umgekehrt. Falls es wen interessiert, was ich im Bett so treibe, der sei verraten: The revolution is my girlfriend!

Zum Weiterlesen: Trumann, Andrea: Feministische Theorie – Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus (theorie.org)

Deutschland? „I‘m gonna love you either way“


Als das deutsche Pop-Sternchen Lena Meyer-Landrut Ende Mai 2010 den Eurovision Song Contest (ESC) gewann, hieß es unter anderem in der Boulevardpresse zu diesem Ereignis: „Wir sind Lena“. Angeblich seien „die Deutschen“, also „wir alle“, nunmehr „Song-Meister“. Das ist zunächst einmal ziemlich seltsam: Gibt es doch in Deutschland genug Leute, die der jungen Hannoveranerin und ihrem Liedchen „Satellite“ (übrigens komponiert von einem Dänen und getextet von einer US-Amerikanerin), bestenfalls nichts abgewinnen können und den Song für ein belangloses Stück Disco-Pop halten. Man könnte die Stellung zu dieser Sängerin und ihrer Musik also für eine bloße Geschmacksfrage halten. Dennoch meint die Zeitung mit den vier großen Buchstaben offensichtlich, alle Menschen mit deutschem Pass hätten wegen Lenas Sieg beim ESC großen Grund zum Jubeln.

Diese Zusammenfassung aller Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit zu einer großen (etwa 80 Millionen Leute umfassenden) Gruppe namens „die Deutschen“ kommt häufiger vor. „Wir sind Weltmeister“, „Wir sind Papst“ usw. hieß es schon vor dem ESC 2010 bei BILD. Doch auch auf handfesteren Gebieten des Lebens taucht dieses „Wir“ immer wieder auf: „Wir sind Export-Weltmeister“, „Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt“, „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“, „Wir sind im Krieg“ – egal, ob es um Handelsbilanzen, Armut und Reichtum, Krieg und Frieden geht, ständig wird eine Gemeinsamkeit von Leuten behauptet, von denen viele kaum bis gar nichts gemeinsam haben. Unternehmer_innen und Lohnabhängige, Konservative und Autonome, Stadt- und Dorfbewohner_innen – alle sollen sie etwas Deutsches gemeinsam haben.
Wenn die Menschen, die in diesem Land wohnen, dann auch noch unabhängig von ihren Interessen zu diesem Staatswesen halten, ist das ziemlich praktisch für dessen Fortbestand. Wie der frühere US-Präsident John F. Kennedy einmal sagte: „Frage nicht, was Dein Land für Dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst.“ Damit die Leute das tatsächlich tun, hilft es ungemein, wenn sich „die Deutschen“ mit „ihrem“ Deutschland identifizieren. Sie könnten ja zum Beispiel auch auf die Frage kommen, warum es überhaupt „ihr“ Land sein soll, bloß weil sie zufällig dort geboren wurden oder schon ihre Eltern zufällig Bürger_innen dieses Landes waren oder sie nach vielen bürokratischen Hürden nachträglich für Wert erachtet wurden, Bürger_innen dieses Staates zu werden. Stattdessen sollen sie irrsinnig stolz auf Deutschland sein, weil eine 19-jährige Frau aus dem Hannoveraner Stadtteil Miesburg-Anderten, von der sie ein Jahr zuvor noch nie gehört hatten, einen Gesangswettbewerb gewinnt.

Auch aus anderen Ereignissen aus den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft sollen die Leute Stolz auf „ihr“ Land ziehen. Die Bürger_innen des Staates Frankreich etwa begehen jedes Jahr den 14. Juli als Nationalfeiertag, an dem sie stolz auf eine Revolution sein sollen, die an diesem Datum vor über 200 Jahren begann. Doch in Deutschland gibt es da einen ziemlichen Haken an dem Stolz auf die „eigene“ Geschichte. Weltweit wird die Geschichte Deutschlands vor allem mit einem Ereignis verbunden: dem Holocaust, der industriellen Ermordung von ca. sechs Millionen Juden und Jüdinnen in Auschwitz und anderen extra zu diesem Zweck erbauten Vernichtungslagern.
Zwar liegt das schon weit über 60 Jahre zurück, doch ändert das nichts an der Tatsache, dass es durch eine ziemlich große Menge an Bürger_innen des Vorgängerstaates der Bundesrepublik Deutschland und im Auftrag ihrer damaligen Regierung begangen wurde. Eine bruchlose positive Identifizierung mit Deutschland und seiner Geschichte ist also nur schlecht möglich. Und jede Erinnerung an den Holocaust erschwert erneut eine positive Identifikation mit Deutschland, muss doch die_der deutsche Bürger_in immer Auschwitz mitdenken, wenn sie_er an den deutschen Staat und dessen Geschichte denkt. Jeder lebende Jude, jede lebende Jüdin jedoch steht der Abwehr der Erinnerung an den Holocaust durch seine bloße Existenz im Weg. Der Psychoanalytiker Zwi Rex hat das auf die Formel gebracht: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Dass der Satz auch im Jahr 2010 noch gültig ist, zeigen die Reaktionen vieler User_innen von sozialen Medien wie Twitter und Facebook auf die Tatsache, dass „unsere Lena“ aus Israel keine Punkte bekam. Nun könnte man einfach zu dem Schluss kommen, dass viele Israelinnen und Israelis einfach Lenas Musik nicht mochten – so wie vielleicht viele Deutsche den ESC-Beitrag des israelischen Künstlers Harel Skaat nicht mochten, bekam er doch aus Deutschland genauso wenig Punkte wie Lena aus Israel, nämlich keine. Doch die User_innen auf Twitter wussten es besser: „Die Juden sind immer noch pissig wegen damals…“, „die Juden sind sehr nachtragend“, „die Juden vergessen uns das nie“ usw., um sich dann beleidigt zu beklagen: „Und wir bauen den Juden ein Denkmal in Berlin“ – da könnten sie sich doch ruhig mal ein bisschen dankbarer zeigen … Schließlich ließen viele ihrem Unmut freien Lauf: „Scheiß Juden“ hieß es in diversen Posts. So harmlos wie die von den Medien als „süß“ gepriesene Lena Meyer-Landrut ist der aus Nationalismus gespeiste Antisemitismus dieser Fans nämlich nicht. Denn während die ESC-Gewinnerin wenigstens an einen namenlosen Schwarm singt: „I‘m gonna love you either way“, wollen die zitierten User_innen gerne Deutschland lieben – egal wie und auf wessen Kosten.

Kritik im Handgemenge, Bremen
eine Gruppe von Junge Linke gegen Kapital und Nation

Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Ja, wir schaffen das! (Bob, der Baumeister)

Schlaaand! Lena! Podolski! Faule Griechen! und Deutschlands „Partynationalismus“ waren in diesem Sommer mal wieder total hip. Gleichzeitig steckten „wir alle“ bis vor Kurzem mitten in einer fetten Krise – damit es auch morgen noch Kapitalismus geben kann, mussten viele Staaten ganz schön viel Geld ausgeben. Wie solche Krisen entstehen, konntet Ihr ja bereits in der ersten Ausgabe der „Straßen aus Zucker“ lesen. Diesmal ist unser Thema, was Krise und Nationalismus miteinander zu tun haben.

Eine Krise im Kapitalismus hat Auswirkungen für alle Beteiligten. Wenn Unternehmen Pleite machen oder gerade noch davor gerettet werden, verlieren Menschen ihre Arbeitsplätze. Auch Staaten können dabei ins Schlingern geraten und müssen sich Geld leihen, um die eigene Wirtschaft anzukurbeln und andere Ausgaben zu begleichen. In der Krise haben sich auch in Europa alle Staaten in astronomischer Höhe neuverschuldet, um den Kapitalismus zu retten. In so genannten „Rettungspaketen“ wurde für wichtige Banken gebürgt, damit die weiter funktionieren konnten. Die Kosten hierfür waren enorm, aber Staatsschulden haben eine Besonderheit gegenüber Schulden, die wir so machen: Sie können meist durch neue Schulden zurückgezahlt werden (soviel auch zu dem Blödsinn, dass „die Jugend“ das dann alles einmal zahlen muss). Ein Staatshaushalt ist nämlich was ganz anderes als ein Geldbeutel, in dem Ebbe herrscht: der Staat kann Geld selber drucken oder auch alte Schulden mit Neuen bezahlen. Die Märkte entscheiden dann darüber, ob die Schulden zu hoch sind, indem sie neue Kredite nur unter höheren Zinsen vergeben oder der Währung nicht mehr so viel Vertrauenswürdigkeit zusprechen. Das ist der Wink für den Staat, die eigene Ökonomie aufzumöbeln. Ob die Kosten hierfür vorrangig Lohnabhängige oder andere eher arme Menschen zu tragen haben, hat immer auch was damit zu tun, wie viele sich dagegen wehren. In Deutschland ist kaum Gegenwehr zu befürchten, so dass sich für viele Menschen die Lebensbedingungen enorm verschlechtern werden: Löhne sollen, obwohl sie bereits seit Jahren immer geringer werden, noch weiter sinken und Sozialleistungen sollen gekürzt werden. Immer weniger Geld bleibt zum Leben übrig, der Besuch eines Schwimmbades oder eines Konzertes wird für viele zu einer sauteuren Angelegenheit.

Wir haben ja noch uns!
Eigentlich total absurd, dass Staat und Nation gerade in dieser Situation noch bejubelt werden: Dass zu einem Zeitpunkt, an dem die überwiegende Mehrheit unter immer beschisseneren Lebensbedingungen leidet, die Leute „ihren“ Staat und ihre Nation immer toller finden. Sind es doch diese Institutionen, die dafür sorgen, dass ein gutes Leben nicht möglich ist. Doch gleichzeitig ist es nicht einfach eine Illusion, sein Schicksal an den Erfolg des „eigenen“ Staates zu knüpfen. Denn dieses ist ja in gewisser Weise auch wirklich mit dem Erfolg und vor allem mit dem Misserfolg des Staates verknüpft. Und zwar dadurch, dass der Staat Eigentum schützt, d.h. für die meisten: dafür sorgt, dass sie für Gewinn Anderer arbeiten müssen, weil sie außer ihrer Arbeitskraft nichts besitzen. Schneidet der „Standort Deutschland“ in der Weltmarktkonkurrenz nun schlecht ab, ist der eigene Lebensstandard dadurch mit Sicherheit bedroht. Umgekehrt sorgt jedoch der Erfolg des „eigenen“ Standorts nicht für das eigene Wohl. Dem „eigenen“ Land deswegen die Daumen in der Konkurrenz zu drücken, hat nur scheinbar einen realen Kern. Denn wenn Menschen nun die verbreitete Ideologie fressen, dass sie „dem Standort zuliebe“ niedrige Löhne und Sozialstandards akzeptieren sollen, setzen sie ja gerade die verhängnisvolle Konkurrenzspirale nach unten in Gang. Diese ist sowohl für den eigenen Horror als auch für das Elend der Menschen in anderen Ländern verantwortlich! Denn die Lohnabhängigen in Griechenland und Spanien müssen sich ja gerade deswegen gegen so manche Verelendungspläne ihrer Regierungen stemmen, weil „ihr“ Standort u. a. von Deutschland in der mörderischen Konkurrenz geschlagen wurde.

Statt aber die Krise oder die wirtschaftliche Situation von Staaten zu erklären, fassen sich die Menschen in „Völker“ zusammen und grenzen sich gegen die anderen weniger erfolgreichen Nationen in rassistischer Weise ab. Absurde Anklagen werden gegenüber Nationen erhoben, deren Standort vom „eigenen“ nieder konkurriert wurde: Die Probleme in Griechenland und Spanien lägen nur daran, dass die Menschen dort faul, korrupt und ungebildet wären. Die Regierungen seien außerdem unfähig, ihre Länder zu regieren, und damit selber schuld. Deutschland dagegen wähnt sich als Vorbild. Geradezu eifrig hilft die Bevölkerung beim Sparen und übt sich im freiwilligen Verzicht. Wer nicht mitmacht, riskiere – vermeintlich schlechtere – „griechische“ Zustände, lautet die Parole.
Dass die Menschen in der Krise eher dazu bereit sind, sich in nationale Kollektive einzufügen, liegt daran, dass sie sich im Kapitalismus über ihre Verwertbarkeit definieren müssen. In der Krise wird dies noch deutlicher: Einerseits müssen die Einzelnen mehr als sonst um ihren eigenen Arbeitsplatz und damit ihre Existenz kämpfen. Das ist hart, macht den meisten keinen Spaß und schafft auch eine ungeheure Angst. Als Ausweg sehen sie das nationale Kollektiv. Hier hoffen sie auf einen Platz, wo sie sich durch den Verlust ihres Jobs nicht gleich wertlos fühlen, sondern allein durch den Zusammenhalt ihren Beitrag zum Gewinnen des Teams leisten können. Genau das ist das Versprechen der nationalen „Volksgemeinschaft“. Statt der ewigen Konkurrenz auf Arbeits- und Warenmarkt haben die Menschen das Gefühl einer Einheit, die über den Zwängen des Marktes steht. Mit Events wie denen zur Wiedervereinigung und den Schlaaaand-Parties wird an dieses „Wir“-Gefühl appelliert. Es wird eine gemeinschaftliche Situation beschworen, die „wir“ alle durchstehen sollen. In Bundestagsreden und Bürgerfesten wird an eine vermeintliche Freundschaft erinnert: Die Message lautet: „Ey, Atze – weißte noch? Wir haben schon schlimmere Zeiten gemeinsam durchgemacht. Geteiltes Volk und so. Du und Deutschland sind doch ein starkes Team. Da schaffen wir die Krise auch noch.“ Schon vor 200 Jahren fasste der Philosoph Schopenhauer diesen Zustand gut zusammen: „…jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er Stolz seyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, stolz zu seyn: hieran erholt er sich und ist nun dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen sind, (…) zu vertheidigen.“

Staat und Nation sind nicht Deine Buddys
Mit der Hoffnung auf eine „Volksgemeinschaft“ als Schutz vor der unerbittlichen Konkurrenz des kapitalistischen Alltags verarschst Du Dich aber nicht nur selber. Sie ist zudem immer ein ausschließendes Prinzip, das oft zu rassistischen und antisemitischen Äußerungen führt: Im Fall des Standortwechsels des Unternehmens Nokia von Deutschland nach Rumänien spielte sich der CDUler Jürgen Rüttgers (auch so ein erbärmlicher Tropf) plötzlich als Gewerkschafter auf und ergriff Partei für die deutschen Arbeitnehmer_innen. Aufgrund ihrer jeweiligen „Volkszugehörigkeit“ besäßen deutsche und rumänische Arbeiter_innen verschiedene Fähigkeiten. „Der Rumäne“ sei im Gegensatz zum „Deutschen“ unzuverlässig und unordentlich, behauptete er und versuchte damit den Standortwechsel als unsinnig darzustellen. Wie eklig. Auch die etablierten Vertreter_innen der Arbeiterklasse lassen sich im gemeinsamen Kampf um „ihren“ Standort gern auf Kompromisse ein. Im Umkehrschluss wird erwartet, dass die Einzelnen auch von einer funktionierenden Wirtschaft profitieren. Hoch gepokert: Denn dass Du von Deutschlands Erfolg einfach so was abbekommst, ist ziemlich unwahrscheinlich. Einschnitte in die Sozialleistungen bleiben meist auch dann tief, wenn sich die Wirtschaft erholt hat. Die Erwartungen an ein besseres Leben werden durch Sparsamkeit und Pflichtbewusstsein nicht erfüllt. Wer nicht arbeitet, hat auch beim Aufschwung einfach Pech gehabt. Das schöne Gefühl, Teil des Ganzen zu sein, macht Dich dann auch nicht satt. Die Krise zusammen meistern? Wohl besser nicht. Viel besser: Diese Krise im Kapitalismus zur letzten Krise des Kapitalismus machen. Damit aus der Menschheit noch einmal was Vernünftiges wird.

Zum Weiterlesen:
Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft: Thesen zur Krise (www.klassenlos.tk/thesen_zur_krise.php)

Junge Linke: Text über die Hetze der BILD-Zeitung gegen Griechenland.
(www.junge-linke.org/de/die-deutsche-presse-und-der-fall-griechenland)

Wer hat hier was gegen pure Lebenslust?

Über Fußball und Nationalstolz und was ich Deutschland-Fans entgegnen würde

Am 4.7.2010 wurden Guiseppe L. und Francesco S. in einer Bar in Hannover von Holger B. hingerichtet, einer der Getöteten hatte laut einer Augenzeugin auf Knien um sein Leben gebettelt. Was hatte den Todesschützen so wütend gemacht? Die Deutsch-Italiener hatten behauptet, dass die italienische Herrenfußballmannschaft mehr WM-Titel als die deutsche Auswahl gewonnen hätte – womit sie übrigens auch recht hatten. Ein ziemlich drastisches Beispiel für „fröhlichen Patriotismus“. Die konservative Tageszeitung „Die Welt“ beeilte sich deswegen auch, die zu dieser WM schon wieder in Nationalfarben schwelgenden Massen aus dem Blick zu nehmen, indem sie erklärte, es habe sich ja nicht um einen Streit um die aktuelle, sondern um vergangene Weltmeisterschaften gehandelt. Die aus dem gleichen Lager stammende „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vermerkte den ganzen Vorfall gleich ganz unter „Kneipenstreit“, während die Staatsanwaltschaft Hannover erklärte, sie gehe „von einer Tat aus Mordlust aus“.

Ja, Spinner gibt es immer, sagen sie. Und sie haben teilweise Recht: So krass der Vorfall ist, so wenig können mit ihm doch all die Leute, die in der Party in „Schwarz-Rot-Geil“ einfach nur ein fröhliches Fest sehen, die meinen, „wir Deutschen“ sollten uns endlich mal entspannen, wirklich kritisiert werden. Denn wer will schon behaupten, dass alle, die Deutschlandfahnen schwenken, im nächsten Moment Leute erschießen? Auch an den z.B. in Lüdenscheid und Düsseldorf stattgefundenen Jagden auf (vermeintliche) Spanier_innen nach dem verlorenen Halbfinalspiel beteiligten sich nur wenige. Und wenn Linke auch zurecht auf die meist ungestörten und zahlreichen Nazi-Vorfälle wie Verteilen von Flugblättern und Sieg Heil-Geschrei auf den Fanfeiern verweisen, so will dieser Text aufzeigen, dass die reine Skandalisierung dieser Fälle, so krass sie und die Ignoranz der Presse auch sind, den wichtigsten Kritikpunkt verdeckt: Die Kritik richtet sich gerade gegen den Normalzustand, den handelsüblichen, demokratischen Bezug auf die „eigene Nation“.

Warum mich das „Für-Deutschland-sein“ nicht nur zur WM stört

»Wir werden kämpfen, dafür sind wir bekannt.
Jeder Moment schwimmt in Unsterblichkeit.
Ein Tag ganz ohne Zeit, ein Stückchen Ewigkeit.
Die Hand aufs Herz, Ihr kennt den Weg,
an Eurer Seite werden Millionen geh‘n.
Wenn Du dann müde ins Bett fällst, das Lächeln nicht los wirst,
den Augenblick festhältst, und einschließt in Dir,
kann Dir niemand mehr nehmen, was dich grad berührt hat,
und das ist mehr als nur mal eben.«

(Zeilen aus dem WM-Song von Thomas Godoj, DSDS-Sieger 2008)

Erst einmal ist der Gedanke an Deutschland für viele hier geborene Menschen einfach nur ein schönes Gefühl. Ein Gefühl aber für letztendlich etwas „Selbstverständliches“, selbstverständlich ist man Deutsche_r, warum sollte man das nicht auch sagen. Diese Emotion währt ewig, nicht so vergänglich wie beispielsweise die zu einem Menschen. Das feste Gefühl, selber endlich mal vorzukommen und nicht nur Mrs. oder Mr. Unwichtig zu sein, die_der innerhalb von 80 Jahren die Welt ohne Spuren wieder verlässt. „Wir“ hinterlassen große Spuren in der Geschichte.

Internationale Fußballmeisterschaften sind für viele das Spektakel, wo sie dieses Gefühl, diesen „nationalen Schauer“, das erste Mal in ihrem Leben spüren. Leute, die dieses nationale Spektakel stören, die vielleicht einfach nur für ein anderes Team fiebern als das von allen anderen „natürlich“ gewählte, gelten schnell als komisch. Gerade war noch alles nur ein Spiel und Spaß, schon herrscht eine seltsame Verhärtung bis hin zur krassen Aggressivität beim Gegenüber. Man dürfe doch wohl noch feiern, diese Verkrampftheit mit Deutschland solle auch einmal aufhören, Bevölkerungen in anderen Ländern würden das doch auch machen. Außerdem sei so eine Ablehnung nun auch wieder nur „typisch deutsch“ und dass das alles nicht „rechts“ sei, zeige doch, dass auch viele, die (oder deren Eltern) hier mal aus anderen Ländern herzogen, das auch machen.
Hier zeigt sich, dass auch all die scheinbar nur Party-Machenden genau wissen, dass es hierbei nicht einfach nur um ein Spiel geht. Es geht um mehr. Und genau dieses Mehr kritisieren wir. Sicherlich ist Männerfußball als Ort, wo Typen noch richtige Typen sein dürfen mit all dem doofen Rumgemacker, wo Schwule als seltsam bis abstoßend gelten, Frauen höchstens als Spieler-Frauen=Trophäen eine Rolle spielen und Konkurrenz, Körperideale & eklige „Tugenden“ gepriesen werden, schon als solches ein Problem. Aber hier soll es um das „Mehr“ bei einem Wettstreit von Nationen gehen.

Das erste Problem bei der Diskussion mit Deutschland-Fans während der WM ist jedoch oft, dass sie so tun, als wüssten sie nichts von diesem „Mehr“. Es sei doch alles nur Spaß und was ich denn dagegen habe, schallt es einer_m entgegen. Wer die gesellschaftliche Norm(alität) auf ihrer_seiner Seite hat, kann Kritik einfach abtropfen lassen, indem er_sie sich auf diese Normalität als „selbstverständlich“ und „natürlich“ bezieht. Aber: Was tun? Ich würde die Person begründen lassen, Beweislastumkehr! Wie sie es sich denn erklärt, dass hier zufällig alle für Deutschland sind und nicht für das Team, das schöner spielt. Dass schon vor dem Spiel klar ist, für wen die Leute brüllen? Und schnell wird kommen: Warum Du Dich denn nicht auch für die „eigene Nation“ erwärmen würdest, das sei doch „Dein Land“. Was daran stimmt, ist, dass die Leute, die hier wohnen, sehr oft auch den Pass dieses Landes besitzen. Das heißt, es ist ihnen erlaubt, hier zu leben und zu arbeiten. Wenn sie keine Arbeit finden, ist es dann eine Behörde „Deines Landes“, die sie nervt und zu irgendeiner Arbeit zwingt. Es ist „Dein“ Land, das einer_m eine Welt voller Konkurrenzsituationen anbietet (Rückgabe ausgeschlossen), das in Kindergarten und Schule verständnisvoll lehrt oder auch nur einprügelt, dass mensch sich anstrengen muss um zu überleben. So ist z.B. der Sportunterricht dabei für „die Anstrengungsbereitschaft und die Erfolgszuversicht besonders bedeutsam“, wie der Lehrplan des übrigens rot-rot regierten Landes Berlin weiß. Das alles, weil der „eigene Staat“ sich gegen andere Nationen behaupten will, „Exportweltmeister“ werden will oder anderes und ich dummerweise auch noch davon abhängig bin. Und wenn „Dein“ Land beschließt, dass nun irgendein anderer Staat(enbündnis) gerade der „Feind“ ist und die Berufssöldner_innen nicht mehr ausreichen, darf ich mich auch noch totschießen lassen, coole Sache das.

Klar, so wird es der „Deutschland-Fan“ nicht ausdrücken, für sie_ihn ist das erstmal nur ein großes Glück, hier leben zu dürfen. Dankbar sein solle man dafür, anderswo wäre es doch noch schlimmer und immer nur klagen führe zu nichts. Manchmal wird dann noch drangehängt: „Geh doch woandershin“. Aber warum sollte ich von meinen Freund_innen weggehen, in anderen Ländern ist es ja auch nicht anders. Lieber versuche ich doch, mit diesen zusammen das Leben hier für mich und andere schön zu machen.
Gleichzeitig steckt in dieser Sehnsucht nach dem deutschen „Wir“ genau auch all die oben beschriebene Erfahrung drin. Wenn die Lehrerin Frau Bollinger nach der WM 2006 in das Poesiealbum meiner Kusine in der Rubrik „Das sollte es öfters geben“ schreibt: „Menschen, die sich so freuen können wie jetzt bei der Fußball-WM und alle so freundlich zueinander sind“, dann weiß sie, dass das sonst anders ist. Dass Leute sich normalerweise an der Supermarktkasse anrempeln, in der Klassenarbeit einen nicht abschreiben lassen, auf der Arbeit mobben, permanent sich in Konkurrenz sehen, weil sie es sind, die die Ellenbogen ausfahren und sich über die ausgefahrenen Ellenbogen der_des anderen beklagen. Das alles soll dieses „Wir“ vergessen machen. Da würde ich doch lieber diese Konkurrenz abschaffen, als sie für einen Monat alle zwei Jahre notdürftig mit Bier und Fanmeile zu verkleistern.

Während der WM wurde von linksliberaler Seite eingewandt, dass doch gerade die migrantische community die Lappen in Schwarz-Rot-Gold aufhängen würde. Das stimmt. Was aber kein Zeichen ist, wie schön das alles ist, sondern eher aufzeigt, wie krass Deutschland zu diesen Migrant_innen war und ist. Denn das ganze Fahnenschwenken ist oft ein verzweifelter Versuch, endlich dazuzugehören. Verzweifelt, weil klar ist, dass sie spätestens nach der WM wieder die Leute sind, die höchstens mit der Müllabfuhr betraut werden. Und die, auch wenn sie einen besseren Job ergattern konnten, eben doch irgendwie „fremd“ und „anders“ bleiben – auch wenn sie hier geboren sind und einen deutschen Pass haben. Übrigens ein recht altes Phänomen, dass Menschen, die in einer Nation als nicht zugehörig angesehen wurden, sich besonders anstrengen, ihren Nationalismus zu zeigen. Und falls sie doch für das Land, aus dem sie oder ihre Eltern herzogen, fiebern (übrigens auch nicht weniger nationalistisch), kann ihnen eben auch irgendein Holger in Hannover begegnen.
Dieses alberne „Die ‚Anderen’ tun es doch auch“ gibt es auch noch in der Spielart, dass gesagt wird, dass das Fahnenrumgeschwenke doch in „anderen“ Ländern auch üblich wäre. Das stimmt, aber ist ein Argument – für nichts. Das sagen nämlich die gleichen, die sonst immer den Satz: „Und wenn andere aus dem Fenster springen, würdest Du das auch tun?“, parat haben, wenn’s ihnen nützt. Aber in dem Argument steckt noch etwas anderes, nämlich das Bedürfnis, endlich auch eine „normale Nation“ sein zu dürfen. Das ist eine Besonderheit des „Wirs“ in Deutschland, hier muss damit umgegangen werden, dass das ja angeblich über all die Jahrhunderte existierende „deutsche Wir“ vor gar nicht allzulanger Zeit sechs Millionen Juden und siebenundzwanzig Millionen Sowjet-Bürger_innen ermordete und die halbe Welt verwüstete.

Als weiteres „Argument“ wird dann häufig vorgebracht, nicht mitzufeiern sei einfach griesgrämig. Aber wie soll ich mitfeiern, wenn ich all das oben weiß? Wenn ich weiß, dass es um mehr als nur ein schönes Spiel geht (denn dann würden sie sich über Chancen der spanischen oder italienischen Mannschaft auch freuen). Wie soll ich feiern, wenn ich weiß, dass die große Niederlage meines Lebens auf den Namen Deutschland hört? Der Staat, der mir das im konkurrierenden Verbund mit den anderen Staaten der Welt hier alles eingebrockt hat, weshalb ich, falls ich irgendwann Rente bekommen sollte, zu alt und kaputt bin, um damit noch irgendeine nette Zeit zu haben. Und bis dahin, das heißt mein Leben lang, ich mich schon am Montag aufs Wochenende freue. Wenn ich das alles weiß, warum sollte ich mich als „Wir“ mit all den Menschen fühlen, die dagegen nichts machen wollen? Die gern, wenn es ihnen gesagt wird, für den Erfolg „ihrer“ Nation den „Gürtel enger schnallen“ und mich bei alledem als Spielverderber betrachten? Die lauthals und begeistert den Namen ihrer Herrschaft rufen, deren Siege gegen die Herrschaft von anderen Menschen feiern und andere schon dafür am liebsten hauen würden, dass sie beim Gegröle von „Steh auf, wenn Du ein Deutscher bist“, sitzen bleiben? Just a game? Dieses Spiel verderbe ich gern.

assoziation gegen kapital und nation, Berlin
eine Gruppe von Junge Linke gegen Kapital und Nation

Zum Weiterlesen:
Mandi – Comic gegen Patriotismus (mandi.blogsport.de)
Junge Linke: Was ist Nationalismus? (www.junge-linke.org/de/was_ist_nationalismus)