Archiv für Mai 2010

Straßen aus Zucker #3 – alle Texte online!

Nach der PDF-Version sind nun auch alle Texte einzeln online verfügbar:

Intro

Ziemlich extrem
Der verschärfte „Kampf gegen den Linksextremismus“

„Let‘s push things forward“ Interview
Kampagne gegen rechte Zeitungen.

Alles Böse kommt von oben.
Zur Kritik der Verschwörungstheorien.

„Straßen aus Zucker“-Merchandise
T-Shirts, Beutel und Hoodies

Wissen macht K!
Argumente gegen Argumente gegen den Kommunismus.

Deichkind Interview
DJ Phono von Deichkind beantwortet die eigenen Fragen

„Die sind schuld“
Antisemitismus

Völkisch daneben
„Antikapitalismus“ von rechts

Deutsch=weiß?
Rassismus und Kolonialismus

Interview „Let‘s push things forward“

Seit April gibt es in Berlin und Brandenburg das Projekt „Let‘s push things forward – Kampagne gegen rechte Zeitungen!“ Ein Interview über die Ziele und Inhalte der Kampagne.

gegen rechte zeitungen

SaZ: Hallo Isabell, Du hast mit anderen die „Kampagne gegen rechte Zeitungen“ gestartet. Erklär’ doch mal kurz, worum es da geht.

Isabell: An vielen Kiosken und in etlichen Supermärkten werden ganz offen rechte Zeitungen verkauft. Das reicht von der Wochenzeitung „Junge Freiheit“ über das Monatsmagazin „Zuerst!“ bis zur NPD-Parteizeitung „Deutsche Stimme“. Konkretes Ziel der Kampagne ist es, diese und andere rechte Zeitungen aus dem offenen Verkauf zu drängen. Außerdem geht es natürlich um eine grundsätzliche Kritik an deren reaktionären Inhalten, die aber leider nicht auf diese Zeitungen beschränkt sind.

SaZ: Was meinst Du damit?

Isabell: Die inhaltlichen Ausrichtungen der Zeitungen und Zeitschriften sind auf den ersten Blick sehr unterschiedlich – von rechts-konservativ bis offen neonazistisch ist alles dabei und die Grenzen sind oft fließend. Gemeinsam haben alle aber eine Festschreibung von Individuen aufgrund von z.B. Herkunft, Geschlecht oder Religion. Diese Festschreibungen sind jedoch kein Problem, das nur am „rechten Rand“ auftritt. Vielmehr finden sie sich überall in unserer Gesellschaft und stehen einer Welt, in der alle wirklich die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben, entgegen.

SaZ: Es handelt sich also um ein allgemeines Problem, das nicht auf rechte Zeitungen beschränkt ist…

Isabell: Genau, in den Zeitungen werden z.B. Nationalismus oder autoritäre Hierarchie- und Ordnungsvorstellungen nur in noch krasserer Form propagiert. Sie stehen also für etwas, das unseren Vorstellungen von einer solidarischen Gesellschaft noch weniger entspricht als die aktuelle. Deshalb sind sie Ziel der Kampagne, quasi um einer Verschlechterung der allgemeinen Situation entgegenzuwirken. Doch da eben auch aktuell schon die Menschen nicht nach ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten leben und arbeiten können, ist die Kampagne gegen rechte Zeitungen nur ein Teil unseres Strebens nach dem guten Leben für alle.

SaZ: Und wie können sich die Leute konkret an der Kampagne beteiligen?

Isabell: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum einen findet Ihr auf unserer Internetseite verschiedene Locations, in denen das Kampagnenmaterial (Aufkleber, Flyer und Aufrufe) abgeholt werden kann, um es überall zu verbreiten. Außerdem gibt es auch Flyer zum Download, um sie selber ausdrucken und kopieren zu können, denn wir wollen mit der Kampagne natürlich möglichst viel Öffentlichkeit schaffen. Zum Anderen ist es sehr wichtig, die Kioskbetreiber_innen über die Zeitungen zu informieren und sie aufzufordern, diese nicht mehr zu verkaufen. Das Problem ist, dass viele Kioske von großen Vertriebsfirmen beliefert werden und quasi ein Komplettpaket annehmen und anbieten müssen. Da hilft es langfristig nur, den politischen Druck auf diese Vertriebsfirmen zu erhöhen.

SaZ: Warum bezieht sich der Aufruf für die Kampagne nur auf Berlin-Brandenburg?

Isabell: Das hat ausschließlich praktische Gründe. Wir leben in Berlin und Brandenburg und haben deshalb erstmal hier angefangen. Das Problem gibt es aber überall und somit ist es natürlich wünschenswert, dass auch in anderen Regionen die Initiative ergriffen wird, um die rechten Zeitungen und ihre Propaganda zu stoppen. Wir haben dafür einen Rahmen geschaffen und helfen auch gerne mit Material und Tipps weiter.

SaZ: Hast Du noch letzte Worte für unsere Leser_innen?

Isabell: Ja, natürlich! Schaut auf unserer Webseite vorbei, da gibt es weitere Informationen zu den Zeitungen und der Kampagne. Auch auf Myspace und Facebook sind wir zu finden. Und wir freuen uns über jede Unterstützung, denn nur gemeinsam können wir was bewegen. Let‘s push things forward!

http://pushforward.blogsport.de
http://www.myspace.com/letspush
http://www.facebook.com/pages/Lets-push-things-forward

Deutsch = Weiß?

Oder: Was an der „Entdeckung“ Amerikas nicht stimmt. Was „Edeka“ mit dem deutschen Kolonialismus zu tun hat. Warum „schwarz“ und „weiß“ keine Farben meinen.

Wenn Deutschland ein bisschen über 100 Jahre ist und schon immer in dieser Zeit nicht-weiße Menschen hier gelebt haben, warum denken die Leute dann eigentlich, dass nur die Weißen deutsch sind? Wenn eine x-beliebige Person gefragt wird, wie sie sich eine_n Deutsche_n vorstellt, dann entgegnet sie meist: „Blond und blauäugig“. Will ein Großteil der Deutschen Joseph Goebbels die Stelle als Propagandaleiter streitig machen, der im Nationalsozialismus dafür zuständig war, so einen Blödsinn zu verbreiten? Scheinbar findet sich das Wissen der Nazis immer noch wie selbstverständlich in unseren Vorstellungen. Menschen, die nicht als weiß angesehen werden, werden täglich als „Ausländer“ oder „Migranten“ beschimpft und müssen sich jeden Tag fragen lassen, wo sie herkommen. Einige Rapper, durch die der Hip Hop in Deutschland entstanden ist, haben immer wieder genau darüber getextet. Torch von Advanced Chemistry schrieb, dass er in Deutschland geboren ist, einen deutschen Pass hat und sich trotzdem fremd im eigenen Land fühlt. „Wo kommst du her?“ „Aus Heidelberg.“ „Nee, ich mein jetzt, so wirklich.“ Oder, wie es der Berliner Buchautor Mutlu Ergün beschreibt:

Was meint der gemeine Teutone mit dieser Begrüßungsformel: „Wo kommst du her?“ Hinter dieser Frage verbirgt sich kein wohlmeinendes Interesse. Um die germanische Denkweise zu veranschaulichen, verwende ich den neandertalischen Satzbau. „Wo kommst du her?“ bedeutet: „Du nicht Weiß. Weil du nicht Weiß, du nicht sein kannst deutsch. Also: Wo kommst du her? Ich sein Weiß, ich schon vorher hier, du gekommen später. Weil ich schon vorher hier, ich mehr Rechte.“ Außerdem impliziert die Frage „Wo kommst du her?“ gleich die zweite Frage: „Wann gehst du wieder zurück?“

Hier wird mal wieder deutlich, dass die Nation an sich etwas extrem Unschönes ist, ohne die es sich viel besser leben ließe.
Aber zurück: Warum diese absurde Annahme mit deutsch gleich weiß, wenn es Millionen von Deutschen gibt, die als nicht-weiß gelten? Wenn man das herausfinden will, muss die Geschichte des Kolonialismus betrachtet werden. Um 1500 haben die Europäer_innen damit angefangen, fast die ganze Welt zu erobern. Die größten Mächte waren Frankreich, Spanien, Großbritannien, Portugal und die Niederlande. Du hast das sicherlich schon im Geschichtsunterricht gehört. Es gab diese grauenvollen Sachen wie den Dreieckshandel, wo Menschen aus Afrika versklavt und nach Amerika transportiert wurden und das verdiente Geld nach Europa kam. Zudem gab es unzählige Genozide, in denen sehr, sehr viele Menschen ermordet wurden. Kurz gesagt: Die Europäer_innen sind in die ganze Welt ausgezogen und haben sich wie die letzten Unmenschen benommen. Doch dabei gab es ein moralisches Problem. Denn gleichzeitig mit dem Kolonialismus entstand in Europa die Aufklärung, in der darauf gepocht wurde, dass nicht alles was die Kirche sagt und was in der Bibel steht, für wahr genommen werden soll. Diese Aufklärer_innen hatten keinen Bock mehr auf die unterschiedlichen Stände (Bäuer_innen, Kaufleute, Bürgertum, Adel), weil dadurch sehr viele Menschen unterdrückt wurden und gelitten haben. Also wurde gesagt, dass alle Menschen gleich sind. Vielleicht erinnerst Du dich noch an den Ausspruch von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, der aus der französischen Revolution hervorgegangen ist.

Wie konnte nun aber der Kolonialismus gerechtfertigt werden, wenn die Gleichheit aller Menschen gefordert wurde, gleichzeitig sich aber die Minderheit der Europäer_innen an der Ausbeutung eines Großteils der Weltbevölkerung bereichert hat? Ganz einfach, es entstand das Konzept der „Rassen“. Damit wurde fälschlicherweise behauptet, dass es unterschiedliche Menschengruppen gibt, die unterschiedliche biologische Eigenschaften, wie unterschiedliche Tugenden oder Intelligenz hätten. Klar gibt es Unterschiede zwischen Menschen. Doch dass diese an zum Beispiel Hautfarbe festgemacht werden und nicht an Fußgröße oder Form der Ohrläppchens, ist willkürlich. Und die Behauptung, dass es klare Grenzen zwischen diesen Gruppen gäbe, ist schlicht falsch. Selbst die Biolog_innen sprechen heute von einer Kontinuität menschlicher Vielfalt ohne eindeutige Grenzen. Also, die Menschen sind in dem Konzept der „Rasse“ auf einmal doch nicht mehr gleich. Die Parole der französischen Republik gilt nun nur noch mehr oder weniger für die weißen Menschen – um genau zu sein, galt die die Parole nur für weiße Männer. Damit: Widerspruch gelöst.

Deutschland hat auch so eine Kolonialgeschichte – auch wenn das im Geschichtsunterricht gerne ausgelassen wird. Auf den Gebieten des heutigen Togo, Ghana, Kamerun, Nigeria, Tschad, Tansania, Ruanda, Burundi, Neuguinea, Mikronesien, Papua-Neuguinea, Samoa, China, Mosambik und der Zentralafrikanischen Republik hatte es von 1884 bis 1919 Kolonien. Diese Herrschaft setzte Deutschland mit blutiger Waffengewalt durch. Eines der grauenvollsten Ereignisse der Kolonialzeit spielte sich in den deutschen „Schutzgebieten“ ab: der Genozid an den Herero und Nama, die sich gegen die deutsche Herrschaft gewehrt haben.

Noch heute ist diese Geschichte des Kolonialismus in Deutschland präsent. So sind zahlreiche Straßennamen nach deutschen Generälen aus den Kolonien benannt. Manche Straßen tragen sehr rassistische Namen oder verehren frühere Kolonialgeneräle. Zum Beispiel trägt eine Straße sowie eine U-Bahn-Station in Berlin die Bezeichnung „Mohr“, einem Begriff, mit dem schwarze Menschen sehr abwertend bezeichnet wurden und werden. Der unscheinbare Name der Ladenkette Edeka bedeutet „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler“. Sie war ein Zusammenschluss von Händler_innen, die mit Kolonialwaren nicht nur aus den deutschen Kolonien im 19. Jhd. gehandelt haben.

Eine Folge dieser kolonialen Geschichte ist, dass wir mit ziemlich viel rassistischer Ideologie vollgepumpt werden. Früher haben wir in der Kita ganz selbstverständlich „Zehn kleine Negerlein…“ gelernt, ein Lied, welches schwarze Menschen rassistisch abwertet, besser gesagt: gewaltvoll beschimpft. Im Geschichtsbuch in der Schule steht heute immer noch „Entdeckung Amerikas“, so, als ob die Menschen, die vor Columbus dort gelebt haben, keine richtigen Menschen gewesen seien. Denn könnte von der Entdeckung Deutschlands gesprochen werden, wenn jemand das erste Mal hierhin reist? Wenn im Biologiebuch „der Mensch an sich“ abgebildet ist, dann ist das in fast allen Fällen ein weißer Mann. Die weißen Männer, der Nabel der Welt?

Europa wird als der Hort alles Guten und Zivilisierten verstanden. Fast niemand weiß, dass beispielsweise die Seife, ein Ding, welches als eine der Errungenschaften der Zivilisation angesehen wird, im arabischen Raum erfunden wurde. Und dass Mathematik kein europäisches Projekt ist, sondern zu großen Teilen ihre Geschichte in Afrika und Asien hat, ist nicht bekannt. Diese kolonialen Denkweisen existieren also weiterhin und wir stecken mittendrin.

Auch die kapitalistische Wirtschaft ist grundlegend danach strukturiert. In den 1950er und 1960er Jahren hat in der BRD die sogenannte Arbeitsmigrationspolitik angefangen. Das wichtigste Abkommen schloss die BRD 1961 mit der Türkei, um die Anwerbung von „Gastarbeitern“ zu regeln. Die Folge dieser Politik für die deutsche Wirtschaft war, dass weiße deutsche Arbeiter_innen in besser bezahlte Jobs konnten, es eine „Unterschichtung“ der deutschen Gesellschaft gab. In der kapitalistischen Konkurrenz führt Rassismus generell dazu, dass weiße Menschen die besseren Karten haben und in die besseren Positionen kommen, mit angenehmeren Arbeitsbedingungen und höherer Bezahlung (Was nicht heißt, dass Lohnarbeit im Kapitalismus etwas Sinnvolles ist).
Dass die Annahme deutsch gleich weiß immer noch so stark in unserem Bewusstsein verankert ist, hat also nicht nur was mit der vergangenen Nazi-Propaganda zu tun. Vielmehr ist sie Teil der bis heute andauernden kolonial-rassistischen Machtverhältnisse, die genauso wie der Kapitalismus dringend abgeschafft gehören.

Zum Weiterlesen:
Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss, erschienen 2008 bei Goldmann, 332 Seiten, 8,95 Euro.

Naturfreundejugend Berlin: Kein Mensch ist illegal, download unter: https://naturfreundejugend-berlin.de/node/187

Broschüre der Autonomen Neuköllner Antifa (A.N.A.)
»Der Genozid an den Herero und Nama – Deutscher Kolonialismus in Namibia«:
http://strassenauszucker.blogsport.de/images/Kolonialismus.pdf

black & white
Wenn in diesem Artikel von „weiß“ und „schwarz“ die Rede ist, dann sind keine Farben gemeint. Das klingt erstmal ein bisschen absurd. Zuallererst kann festgestellt werden, dass die, die als weiß gelten, eigentlich eine Hautfarbe haben, die ins Rosa geht. Dann fällt auf, dass manche Menschen, die als schwarz gelten, eigentlich eine genauso helle Hautfarbe wie weiße, manchmal sogar eine hellere als manch als weiß geltender Mensch haben. Also können „schwarz“ und „weiß“ nicht einfach Farbbezeichnungen sein. Aber was sind sie dann? Die einfache Antwort ist, dass diese „Rassen“-Theorien und das rassistische Wissen, von dem im Artikel die Rede ist, in unseren Köpfen rumspuken und uns dazu bringen, Menschen genau danach einzuteilen (und eben nicht nach unterschiedlichen Fußgrößen). Deshalb bezeichnet „weiß“ und „schwarz“ keine Farben, sondern diese rassistischen Ideen in unseren Köpfen bzw. in der Gesellschaft.

Völkisch daneben

Kapitalismuskritik von (Neo-)Nazis versteht weder den Kapitalismus, noch will sie ihn abschaffen.

Warum setzen wir uns überhaupt damit auseinander?
Rechter Antikapitalismus ist kein neues Phänomen. Aus ihrem rassistischen und antisemitischen Weltbild und dem positiven Bezug auf Volk, Staat und Arbeit – völkisches Weltbild – folgte schon nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine einfache und falsche Erklärung der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse und sozialen Probleme des armen deutschen Volkes: „Die sind Schuld!“ Neu ist aber, dass sich Neonazis mit Globalisierung befassen und ihr Auftreten und ihre Slogans denen der G8-Gegner_innen angepasst haben. Bei Antiglobalisierungsprotesten, Montagsdemos und Protesten gegen die Krise haben Neonazis von der NPD bis zu den „Freien Kameradschaften“ Anschluss gesucht.
Von den Medien, der „Rechtsextremismus“-forschung und Teilen der Linken wurde das Interesse von Neonazis am Antikapitalismus überrascht aufgenommen. Das sei doch ein linkes Thema – wie kann es sein, dass linke Themen von Rechten aufgegriffen werden? Für „Extremismustheoretiker“ war dieses Phänomen ein weiterer Beweis dafür, dass sich die beiden „Extreme“ aneinander annäherten und womöglich im Kapitalismus einen gemeinsamen Feind gefunden hätten. In der globalisierungskritischen Linken gab es hingegen die Vermutung, dass es sich um einen Trick handeln müsse, um „echte“ Globalisierungsgegner_innen auf die rechte Seite zu locken. So wurde gewarnt, hinter vordergründig antikapitalistischen Parolen würden sich Neonazis „verstecken“. Beide Reaktionen bestreiten, dass es Gemeinsamkeiten mit der eigenen Position geben könne. Einige der rechten Argumente und Thesen haben aber tatsächlich einige Anknüpfungspunkte mit populären und linken Erklärungsweisen des Kapitalismus und seinen Erscheinungen.
Während wir mit (Neo-)Nazis nicht diskutieren wollen, finden wir es wichtig, uns mit diesen Denkweisen innerhalb der Gesellschaft und auch in der Linken auseinanderzusetzen.

Wurzeln, Heimat, Volksgemeinschaft – mehr als knapp daneben
Wenn (Neo-)Nazis Kapitalismus sagen, meinen sie nicht wie wir ein System, an dem alle beteiligt und dem alle unterworfen sind. Und das wir alle jeden Tag neu herstellen, wenn wir was zu Essen kaufen, zur Arbeit gehen oder irgendwo wohnen wollen. Sie behaupten, Kapitalismus sei eine Erfindung und Inszenierung von wenigen Einzelnen (im Jargon: „Kapitalistenkaste“), die so den Rest der Menschheit regierten. Sie beziehen sich dabei auf eine naturgegebene Weltordnung, die Menschen ihrer „Abstammung“ nach in „Völker“ und „Rassen“ einteilt. Danach sollen alle ihren „ursprünglichen“ Platz auf der Weltkarte und in der Rangordnung haben. Zu welchem Volk Du gehörst, entscheidest Du dabei nicht selbst, sondern die Volkszugehörigkeit wird sozusagen vererbt. Nach dieser Zuordnung werden Dir auch Eigenschaften zugeschrieben. Dieses Volk soll immer gut zusammenhalten und eine starke Nation bilden, denn die Völker müssen sich gegeneinander im Kampf um Ressourcen und Territorium durchsetzen. Dazu braucht es einen starken Staat. Aha. Klingt rassistisch und ist auch so gemeint. Volk, Land, Staat, Nation … auf diesen Weltbild basiert: „Antikapitalismus von rechts“.
Die Kamerad_innen wollen also die eigene Volksgemeinschaft schützen. Und wovor? Das Volk – das deutsche besonders – sei völlig „entwurzelt“. Durch die vorangeschrittene Globalisierung, Migration, Arbeitslosigkeit und Fastfoodketten, die deutsche Gastwirtschaften ablösen. Neben diesen wirtschaftlichen Bedrohungen gehören auch Hollywood-Filme und ähnliche kulturelle, „nicht-deutsche“ Einflüsse, vor allem aus den USA, zu den Gefahren, weil sie dem Volk „Sitten und Bräuche“ entreißen würden.
Entwurzelt sei auch die Arbeit, denn der Mensch arbeite ja im Kapitalismus nicht für die Stärkung der Volksgemeinschaft, wie es sein natürliches Bedürfnis und Bestreben sei. Im Aufruf zum Ersten Mai, dem „Tag der Deutschen Arbeit“, schreiben Neonazis aus Berlin: Die Arbeit sei „charakterformend“ und ermögliche den Menschen eine Lebensgrundlage zu schaffen. Menschen sollen also weiterhin für ihre Arbeit nach dem Leistungsprinzip bezahlt werden, als Belohnung für ihren Einsatz für die „Volksgemeinschaft“. Im Kapitalismus schuftet der Arbeiter hingegen für den Profiteur, den Kapitalisten.
Erklärungsmuster von Verschwörungstheorien bis hin zum offenen Antisemitismus werden benutzt, um diese „Kapitalisten“ zu benennen und ihre Macht zu erklären. Wieso sollte die Mehrheit der Menschen zum persönlichen Wohl von sehr wenigen arbeiten? Weil, so die Behauptung, die Menschen mit Hilfe des sogenannten „raffenden Kapitals“ versklavt werden. Dieses Kapital entstamme nicht ehrlicher, schaffender Arbeit, sondern würde aus Aktiengeschäften, Zinseinnahmen, Spekulationen, internationalem Handel geschöpft und vermehre sich irgendwie von selbst. Im Gegensatz zu einer nationalen, unabhängigen Produktionsweise der Volksgemeinschaft, sei diese internationale Form „wider die Natur“. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts hat sich an den nationalsozialistischen Parolen im Übrigen wenig geändert. Schon die NSDAP hatte sich die „Brechung der Zinsknechtschaft“ 1919 ins Parteiprogramm geschrieben. Sie forderte das Ende des „arbeits- und mühelosen Einkommens“, worunter sie Anleihenhandel, das Bankwesen und das Zinsnehmen summierte. Unter dem Motto „Arbeit statt Dividende“ veranstaltete die „Antikap-Kampagne“ von Freien Kameradschaften eine Demonstration in Frankfurt am Main 2006.
So lautet die Antwort der NPD auf die Krise dann auch „Sozial geht nur national“ und stellt wieder mal Forderungen, mit der sie die Gesellschaft möglichst „deutsch“ halten will: Abschaffung des Asylrechts und die Kopplung eines deutschen Passes an in Deutschland geborene Eltern sowie die Ausgliederung aller „Ausländer“ aus der Sozial- und Rentenversicherung und die „Stärkung von Volk und Land“ mit einer „Raumorientierten Volkswirtschaft“.

Leistungsprinzip und Warenproduktion werden hier nicht als die Probleme angesehen, sondern das Leiden der Volksgemeinschaft. Soziale Konflikte, die sich unter anderem aus diesem verrückten Verhältnis ergeben, werden in der völkischen Denkweise zu Konflikten umgedeutet, die durch die Vermischung der Völker und Kulturen entstehen würden. Durch die Ideologie von „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital wird eine Unterscheidung gemacht, die es so gar nicht gibt. Unternehmen, egal ob die kleine Firma von nebenan oder die große aus Neuseeland, alle handeln nach der gleichen Logik. Sie stehen mit anderen Unternehmen in Konkurrenz und müssen sich durchsetzen. Ebenso wie Du Dich als Arbeitnehmer_in bei Bewerbungen gegen andere durchsetzen und aufpassen musst, dass Du Deinen Job behältst. Keine Frage, dass Jobs unterschiedlich gut bezahlt werden und das Leben im Kapitalismus unterschiedlich komfortabel ausfällt. Aber es gibt niemanden, der oder die ganz außerhalb dieser Abläufe steht und die Fäden in der Hand hält.

Das ist ein Punkt, an dem sich verkürzte Kapitalismuskritik und völkischer Unsinn treffen: bei der Gegenüberstellung von „guten“ und „bösen“ Unternehmen, bei der Unterscheidung von heimischen Betrieben, die grundsätzlich besser sein sollen als internationale Konzerne.
Seit Beginn der Krise 2007 wurde deutlich, welche Vorstellung viele Menschen vom Kapitalismus haben. Der wird zum einen meist als unumgänglich und notwendig erachtet. Zum anderen wird die Krise als Fehler verstanden, den irgendjemand verursacht haben muss.
In den Reaktionen auf die Finanzkrise tauchen in verschieden Zeitungen in Deutschland meist zwei Rollen auf: Gewinner, die zugleich auch Täter sind, und die Opfer der Krise.
Schuld am „Zusammenbruch der Wirtschaft“ seien Gier, die Manager und die Banken. Oder auch der Staat, der sich nicht um seine Bürger_innen gekümmert habe und mit den Unternehmen nicht streng genug gewesen sei. Unter den Folgen der Krise leiden nun die ehrlichen Arbeiter_innen, die Leute mit den Sparbüchern und dem guten Glauben an Sicherheit, die deutsche Wirtschaft und viele Unschuldige mehr.
Der Spiegel betitelt 2009 eine Ausgabe zum Thema Krise mit „Casino Global“. Ein Bild, das die Aktienmärkte als ein großes Glücksspiel darstellt, bei dem Börsenhändler_innen sich damit vergnügen würden, anderer Leute Geld zu verspielen; zum Leidwesen dieser Anderen, die hart für dieses Geld arbeiten mussten. Ebenso die Analyse des erfolgreichen Filmemachers Michael Moore, der in seinem Streifen „Capitalism – a Lovestory“ den Kapitalismus als eine ursprünglich gute Idee bezeichnet. Sie sei nur durch Übermut der Unternehmer_innen und der Politik entgleist.
Diese Sichtweise entspricht nicht dem offenem Antisemitismus der (Neo-)Nazis. Aber auch hier wird ein Unterschied zwischen gutem und schlechtem Kapitalismus gemacht und Bilder geschaffen, die denen vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital sehr nahe kommen.
Davon ausgehend, dass allein Gier und Aktienhandel das Problem seien, wäre die Lösung einfach: Nur die schlechten Angewohnheiten der Menschen müssten sich ändern. Piff Paff: Ein gerechterer Kapitalismus? Wohl kaum. Schlechte Angewohnheiten mag es geben, aber sie sind es nicht, die Menschen zu Aktiengeschäften und Lohnarbeit zwingen. Deshalb ist es auch vergebens, mit moralischen Maßnahmen dagegen vorgehen zu wollen.

Um den Kapitalismus sinnvoll zu kritisieren, muss man ihn also verstehen und in diesem Zusammenhang auch Staat und Nation. Mit dem Weltbild von NPD und ihren Geistesverwandten ist das vollkommen aussichtslos. Deren Blut und Boden-Ideologie bringt uns jedenfalls nicht zu besseren Verhältnissen, im Gegenteil. Grade wer mit denen nichts am Hut haben will, sollte sich fragen, woher die Parallelen zu ihren Thesen kommen. Denn Überschneidungen mit den Forderungen von (Neo-)Nazis bedeuten nicht, dass die was richtig machen, sondern dass man selbst falsch liegt.

Zum Weiterlesen:
Broschüre der Gruppe Theorie.Organisation.Praxis (TOP B3rlin) „Nationaler Sozialismus – ‚Antikapitalismus‘ von völkischen Freaks“: http://strassenauszucker.blogsport.de/images/VoelkischeFreaks.pdf

„Die sind schuld!“

Kapitalismus. Krise. Konflikte. Jüdinnen und Juden müssen als Erklärung für vieles herhalten. Antisemitismus ist Realität in Deutschland und kommt von überall – auch von links.

Antisemitismus gehört zu den ältesten und hartnäckigsten Vorurteilen gegenüber einer Gruppe von Menschen. Er wird im Alltag geäußert, ob offen und gewalttätig oder als stille Meinung oder Einstellung. Das Spektrum reicht dabei von judenfeindlichen Graffiti auf Straßen und jüdischen Einrichtungen, Schändungen jüdischer Friedhöfe, über seltsame Vergleiche zwischen Israel und Nazideutschland, bis zu antisemitischen Statements aus Politik und Medien. Auf Schulhöfen hört man „Du Jude“ als Schimpfwort und in der Wirtschaft wird über „Heuschrecken“ geschimpft. Selbst antisemitische Verschwörungstheorien, wie zu den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center, finden große Beliebtheit. So erstaunt es nicht, dass nach einer Studie des Pew Research Centers in Washington D.C. von 2008 rund ein Viertel aller Deutschen als antisemitisch eingestuft werden. Das Problem ist aber nicht nur auf Deutschland beschränkt: Antisemitismus gibt es in Europa, arabischen Ländern und vielen anderen Regionen der Welt.

Doch was ist Antisemitismus eigentlich genau?
Am häufigsten wird Antisemitismus als Überbegriff für jede Form von Judenfeindschaft verwendet. Geschichtlich gesehen gab es die schon lange, bevor der Begriff „Antisemitismus“ überhaupt auftauchte. Jüdinnen und Juden werden schon seit langer Zeit als Bedrohung wahrgenommen. Ob in der Antike oder im Mittelalter, sie waren fast immer Schuld an irgendwas. Ihre bloße Existenz wurde dabei als Ursache für religiöse, kulturelle und soziale Probleme gesehen. Antisemitismus beschreibt unterschiedlich ausgeprägte feindselige Vorstellungen gegenüber Jüdinnen und Juden. Er bedient sich einer Vielfalt zugeschriebener und ausgrenzender Vorurteile. Du hast ja vielleicht auch schon mal davon gehört, dass „die Juden“ Schmarotzer, raffgierig und hinterlistig seien. Es werden also allen Jüdinnen und Juden bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Antisemitismus steht aber nicht nur für Vorurteile gegenüber Jüdinnen und Juden, sondern auch für eine eigene Welterklärung. In dieser werden Jüdinnen und Juden für alles Schlechte in der Welt verantwortlich gemacht. Das unterscheidet den Antisemitismus auch vom Rassismus: „Die Ausländer“ werden hierbei meist als unterlegen beschrieben, als faul und minderwertig. „Die Juden“ hingegen werden meistens als einflussreich und machtvoll beschrieben und genau deswegen gehasst. Sie sind also nicht nur schlecht und bedrohlich sondern auch noch übermächtig.

Woher kommt der ganze Quatsch?
Bereits zu Beginn des Christentums entstand ein religiös motivierter Judenhass, der Antijudaismus. Er diente den Christ_innen der Abgrenzung zum Judentum, das grundlegend mit dem Bösen gleichgesetzt wurde. Im christlichen Mittelalter (5. bis 15. Jahrhundert) verbreitete sich der religiös motivierte Judenhass weiter. Zu ihm gesellten sich immer mehr antijüdische Mythen. Viele Bilder – z.B. das des reichen und geldgierigen Juden – stammen aus dieser Zeit. Ungefähr vor zweihundert Jahren, mit der Epoche der Moderne, veränderte sich der Antisemitismus deutlich. Religiöse Vorurteile wurden in ökonomische, politische und kulturelle umgedeutet. In dieser Zeit gab es viele gesellschaftliche Veränderungen. Umwälzungen, wie z.B. der Kapitalismus, wurden von vielen nicht verstanden und brachten Angst mit sich, sodass einfache Erklärungen willkommen waren: „Die Juden“ würden die Kultur zersetzen, die Politik beherrschen sowie die Wirtschaft bestimmen. Diese Zuschreibungen führten fast zwangsläufig zu der Annahme, dass „die Juden“ außerordentlich mächtig seien – so mächtig, dass sie sogar die Welt beherrschen wollten.

Gleichzeitig wirkte die Wissenschaft intensiv bei der Konstruktion einer „arischen Rasse“ und damit der rassischen Begründung des Antisemitismus mit. Unter Anlehnung an die pseudowissenschaftliche, biologistisch argumentierende Rassenlehre des 19. Jahrhunderts wurden Jüdinnen und Juden nicht als eine kulturelle oder eine Glaubensgemeinschaft betrachtet, sondern als eine eigene „Rasse“ mit bestimmten Eigenschaften. In Deutschland führte diese rassistisch begründete Judenfeindschaft zum industrialisierten Massenmord an über sechs Millionen europäischer Jüdinnen und Juden, der mit nichts gleichzusetzen ist.

Wie sich Antisemitismus heute zeigt…
Ganz einfach. Indem althergebrachte antisemitische Muster aufgegriffen und der jeweiligen Weltlage angepasst werden. Dadurch entstehen neue Projektionsflächen innerhalb der Diskussionen um Nahostkonflikt, USA, sowie Globalisierungs- und Kapitalismuskritik. Hier können vereinfachende Erklärungen für aktuelle Probleme ansetzen und ihren Antisemitismus neu ausrichten und dann sind wieder einmal „die Juden“ schuld an allem. Hinzu kommt die Erinnerungs- und Schuldabwehr vieler Deutscher, die eine wesentliche Rolle im aktuellen Antisemitismus spielt. Doch eines nach dem anderen.

Nach 1945 entwickelte sich eine neue Form von Antisemitismus, die sich allein aus der spezifisch deutschen Situation erklären lässt. Dieser sekundäre Antisemitismus beschreibt die Judenfeindschaft nach dem Holocaust aus dem Motiv der Erinnerungs- und Schuldabwehr. Nicht trotz, sondern wegen „Auschwitz“ werden Ressentiments gegen Jüdinnen und Juden geäußert. Das heißt, dass viele Deutsche keinen Bock hatten oder immer noch haben, sich damit auseinanderzusetzen, dass sie selber, ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern mitgemacht haben bei der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden – aktiv, durch Wegschauen, durch unterlassenen Widerstand. Sie jammern also rum: Wie lange man denn noch büßen müsse und ob die unschuldigen Enkel und Urenkel noch für den Holocaust zahlen müssten, lauten die Schlachtrufe heute. Auch Vermutungen, Jüdinnen und Juden würden sich auch am Völkermord über eine sogenannte „Holocaust-Industrie“ noch bereichern, geistern durch die Gegend. Dem Wunsch nach Normalisierung wird mit Leugnung, Relativierung und Schlussstrichforderungen geholfen. Mal wird Auschwitz gleich als komplette jüdische Lügengeschichte hingestellt, ein anderes Mal wird die Bombardierung Dresdens mit dem Holocaust oder die Politik Israels mit der Nazideutschlands gleichgesetzt. Weiterhin werden Jüdinnen und Juden als diejenigen angesehen, die die Deutschen ständig an die NS-Verbrechen erinnern – auch noch nach 65 Jahren. Die Forderung nach einem Schlussstrich dient hierbei nichts anderem als dem endgültigen Abhaken des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichtsschreibung, das einem „gesunden Nationalbewusstsein“ noch im Weg steht.

…und warum und wie es ihn sogar unter Linken gibt.
Ein Bezugspunkt für gegenwärtig auftretenden Antisemitismus ist der Nahostkonflikt. Häufig wird unter dem Vorwand, die Politik Israels zu kritisieren, ein Ventil geöffnet, um gegen „die Juden“ insgesamt zu wettern – gerade auch, weil so richtig deutlicher Antisemitismus seit dem Holocaust öffentlich nicht mehr ganz so akzeptiert ist. Er ist aber auch nicht einfach verschwunden und muss sich deswegen andere Ausdrucksformen suchen. Da bietet der jüdische Staat, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet hat, eine willkommene Projektionsfläche. Sicher, nicht jede Kritik an der Politik Israels ist antisemitisch, aber häufig werden Grenzen zu Antisemitismus überschritten. Da wird mal eben das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht eines Landes in Frage gestellt, während man kein Problem hat mit allen möglichen anderen Staaten und Kriegen auf der Welt. Oder der Fernsehmoderator Michel Friedman wird als deutscher Jude gefragt, was er denn von der Politik seines Landes hält. Gemeint ist natürlich Israel. Er muss somit als Stellvertreter für Israel herhalten, obwohl er in Deutschland lebt. Auch wenn Israelis als Nazis bezeichnet und vom „Holocaust in Palästina“ gesprochen wird, handelt es sich um Antisemitismus – denn damit wird eigentlich gesagt, dass die Opfer von damals die Täter_innen von heute seien, die genau das gleiche machen wie früher. Das ist natürlich auch eine krasse Relativierung des Holocaust und so ganz nebenbei erscheint die eigene deutsche Schuld nicht mehr ganz so groß. Tja, diese Form von Antisemitismus findet sich leider auch in linken Kreisen wieder. Auch in der propalästinensischen Bewegung lassen sich manche solcher Positionen erkennen: Zum Beispiel wird der palästinensische Befreiungskampf hierbei pauschal mit dem Kampf für Frieden, für die Menschenrechte und für das politische Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser_innen untrennbar verbunden. Es wird ausgeblendet, dass z.B. Selbstmordattentate mal so gar nichts mit Emanzipation zu tun haben. Auch wird nicht gesehen, dass es bei Gruppen wie der Hamas oder der Hizbollah einen radikalen Antisemitismus gibt. Wenn die sich durchsetzen würden, dann hieße das den Tod von fünf Millionen israelischen Jüdinnen und Juden. Aber auch Schwule, Lesben, Feminist_innen, Transgender oder auch nur Leute, die einfach nur zu lauter Musik tanzen wollen, hätten, nach der Vorstellung der Hamas, nichts zu lachen – wie vermutlich der ganze Rest der Bevölkerung. Komische Organisationen für eine linke Solidarität, oder?

Auch in der Globalisierungs- und der mit ihr häufig in Verbindung gebrachten Kapitalismuskritik tauchen manchmal antisemitische Bilder auf. Die negativen Auswirkungen der Globalisierung z.B. werden (nicht nur da) dann als eine Verschwörung von „bösen Kapitalisten“ und „imperialistischen Politikern“ gesehen. Oder gar der Kapitalismus selbst wird nicht mehr als ein gesellschaftliches Verhältnis gesehen, bei dem Menschen arbeiten gehen müssen. Denn das ganze System ist so komplett irre eingerichtet, dass es nicht um die Bedürfnisse der Leute geht, sondern um das Profitmachen. Es wird dabei nicht gesehen, dass Produktion nun mal heißt, Gewinn zu machen – und zwar nicht, weil die einzelnen Unternehmer_innen so habgierig sind, sondern weil die Konkurrenz dies erzwingt. Kapitalismus wird stattdessen verstanden als das Werk einzelner Kapitalist_innen oder Konzerne – Kapitalist_innenkritik statt Kapitalismuskritik sozusagen. Oder die Leute haben nur dann am Kapitalismus was auszusetzen, wenn es um Zinsen oder die Finanzmärkte geht. Es wird nicht gesehen, dass die Finanzsphäre mit der Produktion von Waren eng zusammenhängt und nicht für sich genommen kritisiert werden kann. Und dass das eigentliche Übel in einer Produktionsweise liegt, in der die Leute durch Lohnarbeit ausgebeutet werden.

Was hat das mit Antisemitismus zu tun? Wie wir oben gesehen haben, ist die Gleichsetzung von Jüdinnen und Juden mit Geld und Geldherrschaft seit Jahrhunderten fest im westlichen Denken verankert. So eine „verkürzte Kapitalismuskritik“ bietet also stets das Angebot, das Judentum für die Auswirkungen der kapitalistischen Gesellschaftsform verantwortlich zu machen. In dieser Logik muss es stets eine Gruppe von Menschen geben, die gerade diejenigen Eigenschaften besitzen, die „den Juden“ seit Jahrhunderten nachgesagt wurden: die sogenannten „Spekulanten“ zu sein, die wie „Heuschrecken“ über etwas herfallen, „das Volk“ auf hinterlistige Weise ökonomisch über Zinsen „aussaugen“ und dadurch „die ganze Welt beherrschen“. Hier wird also bewusst oder unbewusst an antisemitische Stereotype angeknüpft. Diese „verkürzte Kapitalismuskritik“ findet sich auch bei Nazis, wurzelt da aber eher in ihren völkischen und nationalistischen Vorstellungen.

Noch mal kurz
Antisemitismus ist nicht nur irgendein irres Vorurteil gegen Jüdinnen und Juden, sondern stellt eine noch irrere Form der falschen Erklärung dafür dar, was alles in der Welt schief läuft nach der Formel: „Die sind schuld!“ Die Begründung und Motivation für Antisemitismus waren und sind nicht immer gleich, antisemitische Bilder werden meist der jeweiligen Weltlage angepasst. Dadurch hört man sie innerhalb der Diskussionen um den Nahostkonflikt, die USA oder Globalisierungskritik. Und weil auch Linke Teil einer von Antisemitismus geprägten Gesellschaft sind, sind sie natürlich nicht einfach gegen solche Stereotype immun. Grund genug, sich damit zu beschäftigen, wie denn eine richtige Kapitalismuskritik geht, wie es in Nahost wirklich aussieht und warum An-Deutschland-denken immer noch An-Auschwitz-denken heißt!

Zum Weiterlesen:
Werner Bergmann: „Geschichte des Antisemitismus“, erschienen 2002 im C.H. Beck Verlag, 140 Seiten, 7,90 Euro.

Mathias Brosch u.a.: „Exklusive Solidarität – Linker Antisemitismus in Deutschland“, erschienen 2007 im Metropol-Verlag, 440 Seiten, 24 Euro.

Deichkind Interview

Deichkind gilt Vielen als eine „irgendwie“ politische Band. Ob Textzeilen, die linken Parolen entliehen sind, oder Auftritte bei antifaschistischen Aktionen, wie etwa der Kundgebung gegen einen Naziaufmarsch im September 2009 in Dortmund – einiges spricht dafür. Wir wollten es genauer wissen und haben ein kurzes Interview mit DJ Phono von Deichkind geführt. Allerdings haben wir den Interview-Spieß diesmal ein wenig umgedreht und Fragen genommen, die Deichkind in einer Umfrage selbst ihren Fans gestellt haben. Here we go:

SaZ: Findest Du, dass Deichkind eine politische Band ist? Kritisch, radikal oder angepasst? Wenn ja: Worin drückt sich dies aus?

Phono: Wir bestehen aus vielen verschiedenen Menschen mit völlig unterschiedlichen Interessen. Einige von uns sind politsch interessiert und motiviert andere wiederum überhaupt nicht. Die meisten von uns gehören einem der größeren Lager innerhalb der Band an. Den Dinkels oder den Kapitalos. Es gibt also durchaus kritische Tendenzen in der Formation, die auch immer wieder erkennbar sind.
Allerdings hat sich das Konzept Deichkind als Erscheinungsbild formal für eine Unterhaltungsgruppe, die in der Pop- und Massenkultur verortet ist, entschieden, weswegen man auch von einer Anpassung an den Kontext, in dem wir wirken wollen, sprechen kann.

SaZ: Ist Deichkind für oder gegen das herrschende System?

Phono: Wir haben was dagegen, wir wollen das so nicht haben.

SaZ: Was sagen Dir Parolen wie „Kein Gott, kein Staat, lieber was zu saufen“ oder „Arbeit nervt“? Wie sind diese Parolen gemeint?

Phono: Nix und alles. Ich habe diese Texte nicht verfasst, aber ich denke die meisten von uns betrachten Deichkind als eine Projektionsfläche. Ein leeres Gefäß, in das jeder das reinfüllen kann, was er will. Daniel Richter formulierte recht passend sinngemäß nachdem er eine Show gesehen hatte: Deichkind bedient sich bei allem, was in den letzten Jahrhunderten mit Fantasie zu tun hatte, und klatscht es in zerstümmelter Form zusammen.
Das Gleiche gilt wohl auch für die Texte. Deichkind ist aber nicht beliebig, nicht haltungslos.
Und ich möchte in diesem Zusammenhang das immer wieder auftauchende Missverständnis korrigieren, dass sich ein Lied wie „Arbeit nervt“ gegen Empfänger sozialer Leistungen richten würde. Hier wurde der Interpretationsspielraum verlassen.

SaZ: Sind die auf der Bühne agierenden Protagonisten austauschbar?

Phono: Ja, sind sie. Das beweisen mehrere Umbesetzungen. Das Konzept Deichkind untersucht auch Themen wie Authentizität im Pop durch Anonymisierung der Protagonisten.
Zudem versuchen wir dadurch auch Fan/Band-Hierarchien abzuschwächen. Die Idee Deichkind ist universell und funktioniert unabhängig von Personen, denn sie bedient sich der allgemein verständlichen Sprache des Spektakels und der Musik. Ein Austausch ist aber nicht beliebig möglich.

SaZ: Könnten Deiner Meinung nach auch Frauen bei Deichkind in Zukunft mitmachen?

Phono: Ja, unbedingt! Ich würde das begrüßen. Weniger Proll und Machismo können sicher nicht schaden.

SaZ: Wie viele Leute sind Deichkind?

Phono: Ich bin gerade zu faul genau nachzuzählen, aber ich schätze die Zahl auf ca. 15-20 Personen, die Deichkind zu dem machen, was es ist.

SaZ: Hast du schon mal bei H&M geklaut?

Phono: Nö, aber ich plane gerade einen größer angelegten Unterwäscheklau.

SaZ: Viel Erfolg und Danke für das Interview!


Wissen macht K!

Argumente gegen Argumente gegen den Kommunismus.

Alle reden von Politikverdossenheit und motzen über das Haar in der Gesellschafts-Suppe. Da wirfst Du das Wort Kommunismus in die Runde und schon, PENG PENG, folgen dumme Kommentare – Dein Gegenüber kontert mit klassisch fiesen Totschlagargumenten. Uns ging das auch schon oft so: Wir hatten keine Antworten parat, uns brach der Schweiß aus, wir gerieten ins Stammeln oder sind einfach nur total entnervt weggestampft.

Für solche hilflosen Situationen ist „Wissen macht K!“ genau das Richtige! Wir haben versucht Argumentationsansätze und Gedanken zu sammeln, um mit diesen Situationen besser umgehen zu können. Es erwarten Euch keine endgültigen Antworten, sondern „nur“ ein paar Denkanstöße. Ob im Park, in der Schule, in der Kneipe oder auf Arbeit – überall kommt es zu solchen Diskussionen, die wir hier mal fiktiv nachgestellt haben, um zu zeigen, wie so ein Gesprächsablauf aussehen könnte. Mit Hilfe dieses hosentaschenkompatiblen Faltblättchens – mit den Argumenten to go – kannst Du rhetorisch ordentlich backbashen!

Die DDR zum Beispiel hat doch gezeigt, dass Kommunismus nicht funktioniert!

Wenn Du von Kommunismus sprichst, sollten wir erst mal klären, was das genau ist. Kommunismus ist nur ein Wort. Wir könnten genauso gut auch „befreite Gesellschaft“ oder schlicht „Straßen aus Zucker“ sagen. Das Wort „Kommunismus“ versucht eine Gesellschaft zu beschreiben, die nach den Bedürfnissen der Menschen produziert. Und dies nach einem Wirtschaftsprinzip, welches ohne Konkurrenz und ohne jegliche Ausbeutung funktioniert.

Schön und gut, aber sollte die DDR nicht genau das sein, eine „befreite Gesellschaft“?

Das stimmt. Tatsächlich jedoch entwickelte sich in den Ländern des Ostblocks keine kommunistische Wirtschaftsweise. Es gab keinen grundlegenden Bruch mit den Prinzipien, welche die Wirtschaft im Kapitalismus bestimmen. Eigentlich ahmten die dortigen Machthaber_innen den Kapitalismus und seine Mechanismen nur nach. Im Prinzip tauschten sie einfach das Firmenschild „Aktiengesellschaft“ durch „Volkseigener Betrieb“ aus. Kapitalistische Produktionskriterien wie Tausch, Geld, Lohn und Profit wurden dagegen nicht überwunden. Dies ist beispielsweise daran ersichtlich, dass auch die „realsozialistischen“ Staaten in Konkurrenz zueinander standen oder auch daran, dass die politischen Entscheidungen trotzdem noch von Parteifunktionär_innen und nicht von allen Menschen entschieden wurden. Wie Du siehst, hat dieser „Kommunismus“, den es angeblich in der DDR gab, nicht viel mit dem Kommunismus zu tun, den wir meinen.

Der Mensch ist doch von Natur aus viel zu egoistisch für so was wie euern Kommunismus!

Zuerst einmal kannst Du Dir hinter die Ohren schreiben, dass solche biologistischen Erklärungen, von wegen „die Natur des Menschen ist…“, reaktionär sind – mal ganz abgesehen davon, dass sich der Naturbegriff immer wieder wandelt. Wer hat denn die Berechtigung zu sagen, was Du bist oder nicht? Etwa ein paar olle Typen in weißen Kitteln? Nein. Du selbst kannst nämlich weitestgehend entscheiden, wie Du Dich verhältst. Und dann mal gleich zum Egoismus-Begriff hinübergeschaut: Wenn wir an egoistische Menschen denken, dann sind das Leute, die alles nur für sich selbst tun, aus purem Eigennutz, und die rücksichtslos gegenüber anderen sind. Oder: Sobald Du etwas Gutes tust, lieb zu anderen, nett und hilfsbereit bist – machst Du das nicht auch, um ebenfalls so behandelt zu werden? Wir notieren: Das Wort Egoismus ist ziemlich negativ besetzt und hat viele Gesichter.

Und wo liegt das Problem?

Egoismus entspringt immer gesellschaftlichen Verhältnissen – es gab noch nie eine Gesellschaft ohne Egoismus, weil es noch nie eine befreite Gesellschaft gab. Lass uns einfach mal Abstand nehmen von der negativen Bedeutung des Wortes. Einigen wir uns darauf, dass so ein bisschen Egoismus nicht verwerflich ist: Man will sich selbst und auch anderen etwas Gutes tun, etwas Positives erfahren – das ist im Grunde nichts Schlechtes. Es stellt sich viel eher die Frage, wann und warum Du an Dich denkst, mit welchem Ziel Du also „egoistisch“ bist. Gerade im Kapitalismus herrscht ein tägliches Drum-Prügeln und Für-Pieksen, ein ganz gewöhnliches Gegeneinander und Auf-Sich-Gestellt-Sein durch Wettbewerb und Verwertung. So wird der negativ behaftete Egoismus zum Zwang für fast alle und mündet in gegenseitigem Misstrauen. Der ökonomische Egoismus färbt also auf den sozialen ab.
Würden aber die Leute im Gegenteil ein bisschen mehr Egoismus für ein besseres Leben aufbringen, wäre das ein erster Schritt auf dem Weg zu einer besseren Gesellschaft.
Wie’n das?

Wir könnten Egoismus einfach als Durchsetzungsvermögen für eine gute Sache bezeichnen, weil das Wort normalerweise immer nur das Wollen und Streben des Einzelnen disst. Spätestens im Kommunismus sollten wir ein neues Wort finden, um den unegoistischen „Egoismus“ zu benennen. Denn natürlich sind wir allesamt auch noch in einer kommunistischen Gesellschaft „egoistisch“, aber weil für alle genug da ist, gibt’s da kein Problem. Kommunismus heißt nicht gleich Aufhebung des Ichs für das Wohl aller anderen und auch nicht, dass keine_r mehr an sich selber und seine Bedürfnisse denken darf. Friedrich Engels, best buddy of Marx, hat mal gesagt, „dass wir erst eine Sache zu unserer eigenen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können …“. Machen wir den Kommunismus zu unserem egoistischen Gedanken schlechthin!

Wenn im Kommunismus kein Mensch mehr etwas besitzt, kann ich mir dann einfach Deine Zahnbürste nehmen?

Warum würdest Du denn meine Zahnbürste nehmen wollen? Kommunismus würde in erster Linie bedeuten, nach den Bedürfnissen der Menschen zu produzieren. Also würde es kein Problem sein, eine eigene Zahnbürste zu bekommen.

Was ist denn überhaupt so schlimm daran, dass Menschen etwas „besitzen“?

Der Besitz von privaten Gegenständen (Zahnbürste, Handy, Fahrrad, …) ist erst mal kein Problem. Das Problem ist allerdings, dass manche Menschen Produktionsmittel, Rohstoffe und Land besitzen und andere nicht. Diese sind nötig, um den Reichtum der Gesellschaft herzustellen.

Was sind denn beispielsweise Produktionsmittel? Und was meinst Du mit „Reichtum der Gesellschaft“?

Die Maschine, die meine Zahnbürste herstellt, gehört jemandem. Sie ist also das Produktionsmittel und die Zahnbürste ein Teil des Reichtums dieser Gesellschaft. Der Staat schützt das Eigentum und garantiert uns, dass wir Sachen besitzen können. Das Problem dabei ist, dass in der Gesellschaft, in der wir leben, nur wenige im Besitz von diesen Produktionsmitteln sind. Damit werden erstmal viele vom Reichtum der Gesellschaft ausgeschlossen. Dieser Ausschluss wird für andere zum Vorteil, indem Dir beispielsweise jemand die Zahnbürste gewinnbringend verkauft.

In einer befreiten Gesellschaft sollen diese Produktionsmittel genauso wie Rohstoffe und Land nicht Einzelnen gehören, sondern allen zugänglich gemacht – vergesellschaftet – werden. Dann könnten alle gemeinsam entscheiden, was hergestellt werden soll. Niemand besitzt die Maschine für die Herstellung von Zahnbürsten. Also kostet sie nichts. Du kannst dir einfach Deine Zahnbürste in einem „Laden“ abholen – ob grün, blau oder Glitzer – alles ist möglich!

Gleichheit für alle? Müssen dann alle in Uniformen rumlaufen? Wo bleibt denn da die Individualität?

Nicht so flott. Erstmal ist Gleichheit nicht gleich Gleichheit. Wenn alle Menschen gleich sein sollen, heißt das nicht, dass sie, wie im Hier und Jetzt, formell vor dem Gesetz gleich behandelt werden. Sondern vielmehr, dass alle die gleichen Voraussetzungen und materiellen Rahmenbedingungen haben sollen. Wir wollen also eine Gleichheit, die keinen Platz für Unfug wie die Gleichbehandlung von Ungleichen zulässt. Dass ein obdachloser Mensch formell die gleichen Rechte wie ein_e Multimillionär_in hat, bringt ihm herzlich wenig. Beiden ist es gleichermaßen verboten im beheizten U-Bahnhof zu übernachten oder Dinge zu „stehlen“. Die staatlich garantierte Gleichheit blendet somit die Stellung der Individuen trotz ihrer unterschiedlichen materiellen Voraussetzungen völlig aus. „Jede_r ist des eigenen Glückes Schmied“ heißt es dann noch zynisch. Tolle Gleichheit!
Also: Die Gleichheit, von der wir sprechen, meint, dass jeder Mensch, egal welchen Alters, Geschlechts, Aussehens etc. die gleiche materielle Absicherung haben soll. Ohne Grundeinkommen, ohne HartzIV. Einfach, weil nach den Bedürfnissen der Menschen produziert wird.

Na toll, was hat das nun mit Individualität zu tun?

Individualität funktioniert im Kapitalismus quasi wie ein riesiger Katalog. Beim Durchblättern entscheidest Du, welche Mode, Marken und Musikgeschmack Dir gefallen oder welche „Apps“ wie z.B. Sprechweise und Verhalten Du runterlädst. Was nicht im Katalog zu finden ist, muss erst „produziert“ werden, damit es Deine Individualität werden kann. Was Du Dir also unter Individualität vorstellst, ist ziemlich austauschbar. Da ändert die selbstgestrickte Mütze oder die mühsam gemachte Nietenweste auch nichts dran. Hey, wir finden fesche Adidas-Sneaker auch verdammt heiß und freuen uns ebenso über jeden neuen iPod. Aber wäre es nicht viel cooler, wenn ein Gegenstand, wie beispielsweise ein Handy, nicht als Statussymbol mit Lebensgefühl gelten würde, sondern nur seine Funktionalität entscheidend wäre?
Wie eine Individualität im Kommunismus aussehen könnte, wissen wir auch nicht genau. Aber zu sagen, dass Gleichheit in Form von materieller Absicherung aller die Individualität einschränken würde, ist schlicht Blödsinn.

Im Kommunismus gibt es doch keinen Fortschritt! Der Kapitalismus ist doch der Motor allen Fortschritts.

Da hast Du teilweise recht. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte hat es so einen rasanten technologischen Fortschritt wie im Kapitalismus gegeben. Aber Neugier und Forschungsdrang sind keine Eigenschaften des Menschen, die erst durch den Kapitalismus entstanden sind. Wichtige Erfindungen, wie zum Beispiel das Rad oder der Buchdruck, sind in vorkapitalistischen Gesellschaften entstanden. Doch schauen wir mal genauer, wo und zu welchen Zwecken Fortschritt im Kapitalismus geschaffen wird. Das sind vor allem Orte wie Universitäten, Institute und Forschungsabteilungen von Unternehmen. Das sind Einrichtungen, die entweder dem Staat oder Kapitalbesitzer_innen gehören oder durch eben diese finanziert werden. Folglich können sie auch darüber bestimmen, welches Wissen aus der Forschung entnommen und bestimmten Zwecken unterworfen wird.

Wie entnommen? Und was für Zwecke überhaupt?

Nationalstaaten und Kapitalbesitzer_innen brauchen in der Konkurrenz des Weltmarkts technologisches Wissen als Konkurrenzmittel. Als Mittel, um sich gegen die Anderen (Nationen, Unternehmen etc.) durchzusetzen. Es besteht demnach keinerlei Interesse an Grundlagenforschung im Sinne aller. Es geht vielmehr um Anwendungsfragen Einzelner: „Wie kann ich Profit machen? Was muss ich dafür erforschen?“. Das Problem an solch einem Umgang mit Forschung und Fortschritt ist, dass er nur nach der Verwertungslogik des Marktes gefiltert wird. Und dass Forschung und Fortschritt auch nur im Besitz dieser Einzelnen sind. Nur sie dürfen bestimmtes Wissen und Technologien nutzen. Durch ein Patent können sie sich das Recht an einem Produkt sichern, so dass es niemand ohne ihr Einverständnis nutzen oder weiterentwickeln darf. Mit dieser Verknappung von Wissen lässt sich im Kapitalismus eine Menge Geld verdienen. Wer kein Patent an der Neuerung hat oder sich das Nutzungsrecht nicht leisten kann, der bleibt auf der Strecke. Für die Bedürfnisse der Menschen ist das ganz und gar nicht fortschrittlich, sondern vielmehr schädlich.

Jaja, Du meckerst nur rum! Und wie will Dein Kommunismus diese Probleme nun lösen?

Ein besonderes Beispiel, das schon im Hier und Jetzt zeigt, wie es gehen könnte, ist das Phänomen der Freien Software. Viele Menschen sind auch ohne finanzielle Anreize bereit neue Sachen zu entwickeln. Das ist ihnen aber auch nur möglich, wenn ihr Lebensunterhalt gesichert ist. Kooperation statt Konkurrenz. Denn bei der Beibehaltung des Konkurrenzprinzips ist jede Firma, jedes Labor und jeder Staat auf sich allein gestellt und es kommt eher zur gegenseitigen Verheimlichung von Wissen – die anderen könnten ja davon profitieren – als zum „nötigen“ Fortschritt. Die Entdeckungen und Erfindungen könnten in einer kooperativen Gesellschaft gemeinsam genutzt werden und bestehende Probleme könnten schneller gelöst werden. Wissen könnte eine tolle Sache sein, wenn es vernünftig verwendet wird und dem Wohle der Menschen und ihren Bedürfnissen dient. Wenn ich mein Wissen weitergebe, schadet es mir nichts. Wenn die anderen das Wissen weitergeben, wissen es bald alle. Und vielleicht erfahre ich morgen etwas Neues, weil jemand anderes genau das getan hat. Auch Wikipedia deutet solch ein Verfahren an. Natürlich lassen sich solche Beispiele nicht einfach genauso in den Kommunismus übertragen, aber sie sind allemal ein kleiner Hinweis auf die Möglichkeiten, die wir haben könnten.

Aber wenn es alles umsonst gibt, dann werden doch alle alkoholabhängig, sind dauerbreit und stopfen sich massenweise Kuchen rein!

Nur weil Du das aus Deinem All-Inclusive-Urlaub auf Mallorca kennst, muss das im Kommunismus nicht so laufen. Frag Dich doch mal, warum die Leute die ganze Zeit an der Bar hängen oder das Buffet plündern. Weil‘s sonst nichts für umsonst gibt; deswegen muss mal richtig reingehauen werden. Bei 25 Tagen Urlaub im Jahr – nachvollziehbar!
In der kapitalistischen Gesellschaft musst Du Waren kaufen, wenn Du bestimmte Bedürfnisse befriedigen willst, und kannst dies nur, wenn Du genug Geld hast. Um dieses Geld zu bekommen, musst Du mit anderen Menschen in Konkurrenz treten. Ob kleine_r Arbeiter_in oder Geschäftsmensch – es geht immer darum, sich auf dem Markt zu beweisen. Arbeit und Konkurrenz das ganze Jahr. Um all das zu ertragen, muss man den Urlaub in vollen Zügen genießen – wir tun es nicht anders. Doch stell Dir mal vor, Dein ganzes Leben wäre All-Inclusive! Wenn jede Sekunde ein Highlight sein könnte, dann wäre es nicht mehr nötig, sich nur an ein paar Tagen im Jahr von der Lohnarbeit auszuruhen oder sich aus dem Leben zu schießen. Wenn es jeden Tag 20 Flaschen Wodka umsonst gäbe, würdest Du sie trinken? Einmal vielleicht. Aber jeden Tag? So geil ist Kotzen dann auch wieder nicht.

Das ist doch alles viel zu kompliziert!

Niemand sagt, dass es einfach ist. Aber es ist auch nicht einfach, sich jeden Morgen früh aus dem Bett zu quälen, um entweder in der Schule zu pauken oder malochen zu gehen – sprich, Dinge tun zu müssen, die keinen Spaß machen und Dich ankotzen.

Ja, schon blöd, aber so sieht’s eben aus …
Muss es aber nicht! Schon immer haben Menschen ein besseres Leben eingefordert und dafür gegen die dreckigen Verhältnisse gekämpft. Sie haben auch das Feudalsystem überwunden und den Sklavenhandel abgeschafft. Und die bürgerliche Demokratie, die wurde auch nicht einfach so aus dem Hut gezaubert. Dass Menschen einmal selbst wählen dürfen, wer sie regiert, war damals völlig unvorstellbar. Vorraussetzung dafür war in erster Linie der Wille etwas zu verändern.

Das klappt doch sowieso nicht …

Nur weil’s den Kommunismus noch nicht gibt, kannst Du trotzdem die jetzigen Verhältnisse hinterfragen. Darüber definiert sich u.a. der Kommunismus: an der Kritik am Bestehenden. Ob nun Demokratie oder Playstations, beides war zu gewissen Zeiten völlig undenkbar und doch kannst Du heute beispielsweise in einem sogenannten demokratischen Staat auf Deiner Playstation zocken. Und überhaupt: Langt Dir der Rotz hier etwa nicht, um etwas zu ändern? „Zu kompliziert“ ist kein Argument. Es ist eine Sache des Wollens!

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Zum Weiterlesen bieten sich folgende Texte aus den ersten zwei SaZ-Nummern an:

ES GIBT IMMER WAS ZU TUN
EINE ANNÄHERUNG AN DEN KOMMUNISMUSBEGRIFF

REALSOZIALISMUS
DER SOZIALISMUS, IN DEM ALLES REAL WAR – AUSSER DEM SOZIALISMUS

EINE ABSAGE AN STAAT UND NATION