Archiv für Januar 2010

SaZ-News und Termine in den nächsten Wochen

Hallo Welt,
seit die Straßen aus Zucker#2 herauskam, waren wir mit Verschickung und Verteilen von Zeitungen und Aufklebern beschäftigt und beantworten nach Kräften all eure Mails.
Die Sticker sind seit einiger Zeit aus und wir kümmern uns derzeit mit Nachdruck um Nachdruck, um die bereits bestellten Päckchen in die Welt zu senden. Außerdem bereiten wir die dritte Ausgabe vor und freuen uns auf wärmere Tage.
Wer aus irgendwelchen Gründen die Zeitung noch immer nicht lesen konnte:
Wie die erste gibts auch die zweite „Straßen aus Zucker“ als PDF zum runterladen auf dem Blog.

Apropos Blog – finde, follow und freundschafte uns!
* http://www.myspace.com/strassenauszucker
* http://www.facebook.com/pages/Strassen-aus-Zucker/175174016544
* http://twitter.com/saz_crew

Netzwerken geht aber auch offline:
Im Februar gibts ein weiteres offenes „Straßen aus Zucker“ – Treffen.
Wir laden Dich ein, vorbeizuschauen, zu diskutieren, nachzufragen, mitzumachen oder es beim vorbeischauen zu belassen.

19.02. Berlin: offenes Treffen des „Straßen aus Zucker“-Bündnisses
18.00 Uhr im Cafe Morgenrot (Kastanienallee 85 – 10435 Berlin)
Infos: http://strassenauszucker.tk

Weitere Dates im Januar und Februar:

Januar

28.01. Berlin: Mobilisierungs und Infoveranstaltung zu Dresden „Keine Versöhnung mit Deutschland“
Der Dresden Mythos – Geschichtsrevisionismus am Beispiel Dresdens.
20.00 Uhr im Projektraum Neukölln (Hermannstr. 48).
Infos: http://neukoelln.antifa.net & http://pankow.antifa.net

29.01. Wien: Demonstration gegen den rechtsextremen WKR-Ball
En Garde! WKR-Ball anfechten! Gegen das rechtsextreme Tanzevent in der Hofburg.
Für eine Gesellschaft jenseits kapitalistischer Herrschafts- und Verwertungszusammenhänge!
18.00 Uhr Europaplatz Wien.

Infos: http://nowkr.wordpress.com

30.01. Berlin: Workshop zu Psychoanalyse und Antisemitismus
Mit Micha Böhme und im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Antisemitismus und Krise“.
12-18 Uhr im JUP (Florastr. 84, 13187 Berlin)
Infos: http://antisemitismus.blogsport.de

30.01. Wien: Antifa-Kongress rund um den WKR-Ball
ab 14.00 Uhr im Depot (Breite Gasse 3 – 1070 Wien) – Themen:
„Perversion und Glück – Bürgerliche Männlichkeit im Bund: Faschos, Homos, Sados“
„Dresden 2010 – Gegen Naziaufmarsch, deutsche Opfermythen und bürgerliches Gedenken“
„Kärntner SlowenInnen in der deutschen Volksgemeinschaft“
Infos: http://antifaw.blogsport.de & http://www.myspace.com/aakoroska

30.01. Frankfurt/Main: Studi-Demonstration „Die Uni gehört allen – Unser Leben in unsere Hände!“
14.00 Uhr an der Bockenheimer Warte
Infos: http://krise.blogsport.de
bildungsstreik-ffm

30.01. Berlin: Liebig 14 – Demo
Start ist um 18.00 Uhr am Heinrichplatz in Berlin-Kreuzberg. Liebig 14 Bleibt! – Keine Räumung unter dieser Nummer! Mieterhöhungen stoppen!
Infos: http://liebig14.blogsport.de
l14

Februar

01.02. Berlin: Info-VA zu Geschlecht & Nation
„Geschlechterfantasien. Du musst den Scheiß fühlen!“
Vortrag und Diskussion mit Marcel Wolters (Wien) um 19.30 Uhr in der Tristeza (Pannierstr. 5, Berlin-Neukölln – U Hermannplatz)
Infos: http://tristeza.org

04.02. Berlin: Wirklichkeit und Permanenz der Krise – von der gewaltförmigen Vergleichung zum Massenwahn
Mit Martin Dornis und im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Antisemitismus und Krise“.
19 Uhr in den Räumen des Subversiv e.V. (Brunnenstr. 7 – 10119 Berlin)
Infos: http://antisemitismus.blogsport.de

05.02. Berlin: Antifa-Soli-Party
Soli-Party für einen guten Zweck. Mit Musik von DJ Elo, NoPoPNo Style und DJ Benny Behave.
21.00 Uhr in den Räumen des Subversiv e.V. (Brunnenstr. 7. – 10119 Berlin-Mitte – U8 Rosenthaler Platz)

05.-07.02. bei Hannover: Seminar zu Finanzkapital und Finanzkrise
Infos/Anmeldung: www.junge-linke.de

06.02. Berlin: Tagesseminar zu Arbeit, Kapitalismus und politischer Kritik
Infos/Anmeldung: www.paeris.net

06.02. Berlin: Antifa-Soli-Party
Die Autonome Antifa Neukölln [ANA] macht eine Soli-Party zur Finanzierung ihrer politischen Arbeit. Mit vorzüglichen Getränken und bester elektonischer Musik von FOOTLOOSE DJ SQUAD (Three Decades Of Disco Trash), KAI KANI (electro/techno), DADO (electro/techno/minimal)
22.00 Uhr in den Räumen des Subversiv e.V. (Brunnenstr. 7. – 10119 Berlin-Mitte – U8 Rosenthaler Platz)
Infos: http://neukoelln.antifa.net
ana-party

07.02. Berlin: Dresden-Diskussionsveranstaltung
Staat. Nation. Dresden. Scheisse. – Von Bomben und Nazis, Gedenken und Deutschland
Diskussionsveranstaltung mit Avanti – Projekt undogmatische Linke (No Pasarán!), ¡Venceremos! Antifa Dresden (Keine Versöhnung mit Deutschland) und TOP B3rlin ab 20 Uhr in der K9 (Kinzigstraße 9, U5 Samaritersstraße).
Infos: http://www.top-berlin.net

11.02. Berlin: Neoliberalismus und Antisemitismus
Mit Gerhard Stapelfeldt und im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Antisemitismus und Krise“.
19 Uhr in der Alice-Salomon-Hochschule, Audimax (Alice-Salomon-Platz 5 – 12627 Berlin)
Infos: http://antisemitismus.blogsport.de

12.&13.02. Dresden: Aktionen gegen Nazi-Aufmarsch und deutsche Opfermythen
Aufrufe:
No Pasaran!
Keine Versöhnung mit Deutschland!
Staat. Nation. Dresden. Scheisse.
Bomben, Nazis, Gedenken und Deutschland.
Deutschland, Dresden: Alles Opfer

19.02. Berlin: offenes Treffen des „Straßen aus Zucker“-Bündnisses
18.00 Uhr im Cafe Morgenrot (Kastanienallee 85 – 10435 Berlin)
Infos: http://strassenauszucker.tk

19.02. Berlin: Soliparty „Raus aus den Schulden!“
22.00 Uhr in der Villa Felix (Schreinerstr. 47 – 10247Berlin) mit alltime favs.
Infos: http://top-berlin.net

19.-21.02. Berlin: Eine Einführung in die Schulkritik
Infos/Anmeldung: www.nfj-seminare.de

19.-21.02. Berlin: Wochenendseminar zum Rechtsstaat
Infos/Anmeldung: www.junge-linke.de

26.02. Berlin: Finanzkapital, USrael und Antisemitismuskeule – Eine Einführung in die Antisemitismustheorie
Mit Ljiljana Radonic und im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Antisemitismus und Krise“.
19 Uhr in der Tristeza (Pannierstr. 5 – 12047 Berlin)
Infos: http://antisemitismus.blogsport.de

26.02. Berlin: communisme sucré – Party
Soliparty mit all time favourites und Disco-Pop-Trash.
23.00 Uhr in den Räumen des Subversiv e.V. (Brunnenstr. 7. – 10119 Berlin-Mitte – U8 Rosenthaler Platz)
Infos: http://communisme.blogsport.de

27.02. Aschaffenburg: Tagesseminar zur Einführung in die Kapitalismuskritik
Infos/Anmeldung: www.junge-linke.de

27.02. Berlin: Pink Rabbit-Party
22.00 Uhr in der K9 (Kinzigstr. 9 – 10247 Berlin)
Infos: http://www.pink-rabbit.org

Und noch mehr Termine gibts unter Termine… ;-)

Total Extrem? Extremismusbegriff und Totalitarismustheorie

Begleitend zur zweiten Ausgabe der „Straßen aus Zucker“ hat die Redaktion ein kurzes Interview mit der „Initiative gegen jeden Extremismusbegriff“ geführt. Angesichts der aktuellen Ereignisse und Debatten gewinnt dieses noch mehr an Aktualität. Erstveröffentlichung auf Indymedia.

Der Berliner Innensenator spricht von „rotlackierte Faschisten“, diverse CDU-Politiker_innen rechtfertigen nachträglich die ohnehin getroffene Koalitionsentscheidung, das bisher „nur gegen Rechtsextremismus“ eingesetzte Geld nun gegen „jede Form von Extremismus, also auch Linksextremismus und islamischen Extremismus“ einzusetzen und der Verfassungsschutz in NRW ist schon einen Schritt weiter und hat genau diesem Konzept folgend seinen dritten „Aufklärungs-Comic“ veröffentlicht, in dem der Vorzeigedemokrat seinen Freund vor dem Abrutschen in die linksextreme Szene bewahrt.

Ein Interview der „Straßen aus Zucker“-Redaktion (SaZ) mit der „Initiative gegen jeden Extremismusbegriff“ (INEX):

SaZ: Ihr seid ja im Jahr 2008 mit einem „Offener Brief gegen jeden Extremismusbegriff“ in die Öffentlichkeit getreten. Könnt ihr kurz erklären was ihr damit erreichen wolltet und was eure Kritik am Extremismusbegriff ist?

INEX: Am Anfang des Jahres 2008 gab es einen sehr konkreten Anlass, der uns zur Auseinandersetzung mit der Extremismustheorie führte. Der damalige sächsische Innenminister Albrecht Buttolo startete gemeinsam mit VertreterInnen aus Wissenschaft und Medien eine Diffamierungskampagne gegen linke Projekte, so dass wir uns ersthaft um die Existenzgrundlage dieser sorgten. Wiederholt wurden dabei Auseinandersetzungen im Fussball, in der Türsteherszene und bei Naziaufmärschen mit dem Betreiben linker Kulturprojekte gleichgesetzt. Die Grundlage für ein solches Denken samt dieser Angriffe stellt die so genannte Extremismustheorie dar. Mittels derer wird eine gute bürgerliche Mitte herbeigeredet und verherrlicht, die einer ständigen Bedrohung vom linken und rechten Rand ausgesetzt wäre. Aber die Gesellschaft ist nicht so einfach strukturiert, dass es mehrere einteilbare politische Gruppierungen wie Links, Mitte, Rechts existieren, die sich durch eine eindeutige und gleichartige Ideologie auszeichnen würden. Diese klare Aufteilung verharmlost Rassismus, Antisemitismus und andere Ungleichwertigkeitsideologien, die sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche ziehen, oder blendet sie gänzlich aus. Beispielweise wirkt ein Alltagsrassismus ebenso in der so genannten „Mitte der Gesellschaft“. Zudem werden linke Gesellschaftskritik und antifaschistischer Widerstand mit dem Denken und Handeln von Nazis gleichgesetzt. Die von Nazis ausgehende Bedrohung für Menschen mit anderer Hautfarbe oder sexueller Orientierung, wird dabei völlig ignoriert.
Statt Diffamierung und Repression braucht es mehr Freiräume für antifaschistische und linksalternative Kultur und Politik.

SaZ: In der aktuellen Ausgabe der „Strassen aus Zucker“ geht es ja auch viel um die so genannte „Wende“ und den Realsozialismus. Nun gab und gibt es auch im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um die ehemalige DDR und die Sowjetunion Bestrebungen, diese mit faschistischen Gesellschaftssystemen bzw. dem Nationalsozialismus gleichzusetzen.
Was steckt dahinter und was kritisiert ihr daran?

INEX: Ein Vergleich von Nationalsozialismus, Faschismus und Stalinismus kann durchaus ein Erkenntnisgewinn bedeuten. In eine solche Analyse die DDR mit einzubeziehen zu wollen, erachten wir als unnütz. Nicht um sie vor grundlegender Kritik zu schonen, sondern weil sich ihre historischen Entstehungsbedingungen grundlegend unterscheiden. Wenn man aber die 1930er Jahre der Sowjetunion, Italien und Deutschland vergleicht – dabei aber nicht gleichsetzt – kann man durchaus Gemeinsamkeiten in allen Regimes beobachten. Diese befinden sich aber auf einer sehr allgemeinen Ebene. All diese neuartigen Gesellschaftssysteme reagierten beispielsweise auf die durch Industrialisierung und bürgerlichen Staat entstandene Vereinzelung der Menschen mit einer Überhöhung des Staates und des Kollektivs. Bei diesem Gedanken gehen aber zugleich die Ziele, die hinter diesen Systemen standen verloren. Der Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen lässt sich nicht mit der Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft vergleichen, auch wenn letztere Absicht durch die Repression und Unfreiheit im stalinistischen Regime drastisch unterlaufen wurde.
Anlässlich der Wendefeierlichkeiten wird immer wieder die Rede von der glücklichen Überwindung der beiden deutschen Diktaturen geschwungen. In dieser Gleichsetzung von DDR und Nationalsozialismus verkommt die Bevölkerung zum bloßen Opfer von Diktatoren und Parteien. Die Frage nach dem Handeln der Bevölkerung wird nicht gestellt. Indem man gleichzeitig den 2.Weltkrieg und den Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen als eine negative Tat unter vielen benennt, finden diese Verbrechen eine Relativierung.
Wenn zwanzig Jahre nach dem Mauerfall die sozialistische mit der nationalsozialistischen Idee in einen Topf geworfen wird, soll vor allem eines bewiesen werden: Man hätte alles schon ausprobiert. Damit wird nicht nur die Existenz des kapitalistischen Normalzustand samt seiner menschenunwürdigen Verhältnisse gerechtfertigt, sondern es sollen jegliche Utopien unterdrückt werden, die über die jetzige Gesellschaft hinausweisen.
Eine tiefer gehende Kritik an den Wendefeierlichkeiten findet ihr in unserer Broschüre „Nie wieder Revolution für Deutschland“, die es unter http://inex.blogsport.de zum Download oder Bestellen gibt. Dort findet sich natürlich ebenfalls der „Offene Brief gegen jeden Extremismusbegriff“.

SaZ: Danke für das Interview!

EDIT:
Weiterer Text zum Thema in der „Straßen aus Zucker“#3:
Ziemlich extrem – Der verschärfte „Kampf gegen den Linksextremismus“

und ein interessantes Interview zum Thema:

Mein erstes Mal im Osten

Dekadent zu sein bedarf es Wenig

Anfang Oktober 88 saßen wir; Niko, Heike, Armin, Emil, Birol, Micha, Manne und ich nicht mehr ganz nüchtern beisammen und beschlossen, einen Tag in Ost-Berlin zu verbringen. Niko, der kurz vorher schon einmal drüben war, erzählte uns, er hätte einen nicht so systemtreuen Vopo kennen gelernt, dem er 14 MS-DOS Disketten über die Grenze schmuggeln wollte. Woraufhin wir beschlossen einfach mal mit „rüberzumachen“. Der Stasi-Offizier in der Vertretung der DDR am Zoologischen Garten war zwar sehr verdutzt, als wir ihm bei der Visa Beantragung erklärten, dass wir uns „den Osten“ einfach mal aus Interesse Angucken wollten. Doch zwei Tage später war es soweit, wir konnten uns die Empfangs-Berechtigungen abholen. Wir mussten den Übergang Friedrichstr. nehmen, weil Birol einen türkischen Pass besaß und nur dort konnten West-Berliner und Ausländer aus der Selbständigen politischen Einheit Westberlin kurz Westberlin nach Berlin, Hauptstadt der DDR. Mit der U-Bahn ins Ausland reisen, das gab’s nur in Berlin!

„Ihren behelfsmäßigen Personalausweis und den Berechtigungsschein zum Empfang eines Visums bitte.“ sagte der Grenzpolizist in der Kabine vor mir, während ich in einer eigenen saß. Geschlossene Einzelabfertigung, richtig unheimlich und einschüchternd. Ich gab ihm also die geforderten Unterlagen, er studierte beides, musterte mich abschätzig und fragte ob ich irgendwelche Gegenstände zum Verschenken oder Verkaufen mitführe. Ich verneinte und musste daraufhin meine Taschen leeren. „In Ordnung, Sie können Ihre Sachen wieder einstecken und ich bekomme 30,- D-Mark Bearbeitungsgebühr von Ihnen.“

Niko hatte sich die Disketten mit Klebeband auf den Rücken geklebt und mit erheblich gesteigerter Transpiration rüber geschmuggelt. Wir wollten uns gar nicht ausmalen, was wohl passiert wäre, wenn die Disketten entdeckt worden wären. Wurden sie aber nicht. Drüben, im so genannten Tränenpalast haben wir aufeinander gewartet. Die Verabredung mit unserem Diskettenabnehmer war für zwölf Uhr auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz festgelegt. Oben auf dem S-Bahnhof Friedrichstr. erlebten wir unsere erste Verwunderung. Der Fahrkartenautomat! Der Fahrschein kostete 15 oder 20 Pfennig, aber der Automat funktionierte auf Vertrauensbasis. Man konnte Geld einwerfen, musste es aber nicht zwingend tun um einen Fahrschein zu erhalten. Den konnte man einfach aus dem Schlitz herausziehen, egal ob Geld eingeworfen wurde oder nicht. Wir lästerten und wünschten uns, in Westberlin würden auch solche Null-Tarif Automaten aufgestellt werden, bezahlten aber trotzdem. Die Wartezeit auf die Bahn verbrachten wir damit, unsere Umgebung zu mustern. Die Kleidung, die Minen in den Gesichtern, die Gespräche, alles war irgendwie anders als im Westen und trotzdem irgendwie auch ähnlich. Niko schloss währenddessen das Geschäft ab und kassierte 1.400,-Mark für 14 Disketten mit einer raubkopierten MS-DOS Version! Er gab jedem von uns einen Hunderter und grinste. Nun denn, lasst uns Kohle raus hauen, dachten wir uns und gingen los, den wilden Osten zu erkunden. Zuerst besuchten wir das Kaufhaus am Alex, wo wir konsumgeschädigten Wessis aber nichts fanden, was uns kaufenswert schien. Nur eine Erich Honecker Biografie nahm ich noch als Souvenir mit.

Daraufhin gingen wir in ein Eisbeinrestaurant gleich um die Ecke (ja, es gab dort wirklich nur Eisbein!). Vor dem Restaurant war eine lange Schlange obwohl drinnen mehrere Tische frei waren. Das leuchtete uns irgendwie nicht ganz ein. Wir passierten die Schlange und gingen einfach rein und wurden sogleich von einem der Kellner angehalten uns doch in die Schlange einzureihen. „Warum?“ fragte ich, „hier sind doch genügend Tische frei.“ „Weil Sie warten müssen, bis wir Ihnen einen Tisch zuweisen, deswegen!“ Nach etwas Trinkgeld im Vorfeld bekamen wir jedoch direkt einen Tisch, was uns bei den eifrigen Schlangestehern jedoch nicht unbedingt beliebter machte.

Gut gesättigt trank jeder noch 2 Bier und zahlten irgendwas um die 6 Mark. „Das hätte zu hause nicht mal für die Biere gereicht.“ sagte Manne, was die „Zone“ für mich etwas sympathischer machte. Danach erkundeten wir die Umgebung und blödelten rum. Ich muss sagen, wir hatten selten soviel Spaß. Gelegentlich kehrten wir in Destillen ein um Bier für 70 Pfennig das Glas nachzutanken. „Bei den Bierpreisen wundert es mich, dass nicht das ganze Volk aus Schwerstalkoholikern besteht.“ meinte Emil und wir sind fast zusammengebrochen vor lachen. „Wie wollen wir hier jemals all das Geld loswerden? Wir könnens ja nichma mit zurück nehmen!“

Schon recht blau suchten wir gegen fünf was Schickes um zu Abend zu Essen und fanden ein kleines Fischrestaurant. Vor dem Restaurant bot sich uns das gleiche Bild wie zuvor bei den Eisbeinen. Eine lange Schlange vor einem halb vollen Restaurant. Auch hier lockten wir den Kellner wieder mit D-Mark und der Aussicht auf ein gutes Trinkgeld, woraufhin wir wieder wie Könige behandelt wurden. Das Essen und der Service waren hervorragend und wir tranken noch reichlich Wein. Jetzt war es auch schon abends und wir hatten immer noch weit über 1.000 Mark. „Was jetzt?“ fragte Emil „wir müssen die Kohle loswerden!“ Gegenüber vom Restaurant machte gerade die zum Gastmahl gehörige Disco auf. Sehr gediegen, mit Kellnern im Anzug und Fliege. „Jo, hier bleim wa erstmal.“ meinte Micha. Der Kellner kam und fragte, was wir bestellen möchten. „Den teuersten Champagner den Sie haben!“ platzte es aus Emil heraus. „Champagner haben wir nicht, aber Sekt. Der teuerste ist Krimsekt, der ist aber aus. Aber ich kann Ihnen Rotkäppchen bringen“ „Gut, dann bringen Sie mal drei Flaschen für den Anfang“. Der Kellner lächelte und ging. Kurz darauf kam er mit den Flaschen und sieben Gläsern und wir soffen was das Zeug hielt.

So verbrachten wir dann den restlichen Abend und wurden dabei von drei jungen Mädels am Nachbartisch vermutlich aufgrund unseres doch etwas deplazierten Verhaltens abschätzig beobachtet. Diverse Flaschen und gefühlte 30 kaputte Gläser später mussten wir dann langsam aufbrechen und verlangten die Rechnung. „870,- Mark sind das dann und 20,- für die kaputten Gläser also sagen wir rund 900,- OK?“ Wir gaben Ihm 1.200,- und sagten unisono „Stimmt so!“ „300,- Trinkgeld? Habt tausend Dank meine Freunde und kommt doch mal wieder.“ Den Rest warfen wir auf den Tisch mit den drei Mädels und sagten: „Besauft euch auch mal!“ Wir torkelten schließlich zum Grenzübergang. In der Schlange vor dem Grenzschalter konnte kaum noch einer gerade stehen. Die Grenzer würdigten den derangierten Abgang der freien Welt keines Blickes.

Carlos

Mein erstes Mal im Westen

Lieber Dr. Zucker,

mein erster Tag im Westen war der 9. Februar 1990. Die ersten drei Monate nach dem Mauerfall verbrachte ich damit, mich an die bunte Warenwelt und die unverschämten Preise der Westprodukte zu gewöhnen. An diesem 9. Februar beschloss ich also mit zwei Freunden, dass die Zeit gekommen war. K., ein Maler, der mit seiner blonden Perücke und der übergroßen rosa Sonnenbrille entfernt an Andy Warhol erinnerte, und D., ein charmanter, hyperaktiver Pegeltrinker und Kellner, waren meine Begleiter.

Wir trafen uns morgens um 9 im Hotel Jägertor, damals eine Institution in Potsdam und unser Ausgangspunkt. Nach einem famosen Frühstück (Anm.: Bier+Sekt) machten wir uns im Schneetreiben auf zur Glienicker Brücke, dem Schauplatz legendärer Agentenübergaben zwischen KGB und CIA. Über die menschenleere Brücke wanderten wir zum Gasthaus Moorlake, unserer ersten Station in West-Berlin, um dort weitere Herrengedecke (Anm.: dito) zu uns zu nehmen. Der Wirt musterte uns abschätzend, plauderte dann aber doch zwei Stunden mit uns über sein Gasthaus und wünschte uns beim Abschied am Taxi, „dass mal alles gut geht für euch“.

Ich hatte ausreichend Devisenreserven von meiner Tante aus Freiburg, und so fuhren wir für 20 Mark zum Europa-Center. K. verschwand sofort für zwei Stunden in einem Spezialgeschäft, um Magazine mit Bildern nackter Jünglinge zu erwerben. D. und ich setzten uns in den Flur des Europa-Centers, dort freundete sich D. mit der Kellnerin eines nahe gelegenen Restaurants an, die uns kostenlos mit Schnäpsen versorgte. Um 17 Uhr schlug K. wieder auf und führte uns alsdann durch „sein“ Westberlin, wo er in den 50er Jahren aufgewachsen ist.

Auf dem Kudamm kam er auf die Idee, in ein Sex-Kino zu gehen. Nach zwei Minuten hauten wir ernüchtert ab. Wieder auf den Straßen, herrschte beschauliches Alltagsleben, und wir genossen die friedliche Atmosphäre. Die bunten Schaufenster faszinierten D. und mich. K. war wenig beeindruckt, da er schon häufiger in den Westen durfte, um Verwandte zu besuchen. Auf einer dieser Reisen setzte er sich nach Paris ab, dagegen konnte Charlottenburg nicht anstinken. Der Kudamm langweilte ihn, also zogen wir weiter.

Gegen neun Uhr verschlug es uns in die Fuggerstraße, damals ein Szenetreffpunkt in Schöneberg. Überall Menschen und Kneipen, es herrschte angenehmes Laissez-faire und Umherschweifen. Wir betraten also auf K.s Anregung eine der Spelunken, die meisten Gäste waren in schwarzes Leder gekleidet und starrten uns an. Wir fühlten uns eingeschüchtert und deplatziert. Zwei bärtige Rocker in Lederjacken standen auf und gingen auf uns zu. K. verschwand daraufhin im Darkroom und D. ging an die Bar, somit war ich allein. Einer der Bären nahm mich in den Arm (Anm.: Schraubstock) und rief: „Junge, wie kommst du denn hier her?“ Nach kurzer Zeit wurden uns aus der Tiefe der Trinkhöhle mehrere Schnäpse gebracht, und zwar so lange, bis ich nicht nicht mehr stehen konnte.

Ich fragte: „Gibt’s was zu essen?“ Und die Antwort lautete: „Da ham wa wat janz besondrit für dich!“ Der Bär teilte das schwarze Meer und führte mich an die Bar, welche aus vergitterten Bankschaltern bestand. An den Gittern hingen Handschellen, ich wurde freundlich auf einem Hocker platziert und mein auch schon schwer angeschlagener Begleiter setzte sich neben mich. Wir beschlossen, es den meisten Tresensitzern gleich zu tun und uns festzuketten, da unser Gleichgewicht stark beeinträchtigt war. Dann wurde mir mein ersehntes Essen gebracht, nachdem ich desaströs einen riesigen Hawaii-Toast verzehrt und noch zwei Klare gekippt hatte, ließ mein Erinnerungsvermögen nach.

Offensichtlich hatte der Rocker mich und meine zwei Kumpanen zum Taxi begleitet. Im Auto redete K. im Rhythmus einer Kalaschnikow von der beeindruckenden Freiheit der Szene und D. lag im Suffkoma. Verwirrt, betrunken und mit einigen Adressen in der Tasche fuhren wir nach Hause.
Das war also mein erster Tag in West-Berlin.

Freundschaft, dein M.