Archiv für den 10. November 2009

20 Jahre Wiedervereinigung?

Dienstags um sieben klingelt bei Franziska der Wecker. Seit einigen Wochen mag Franziska Dienstage nicht mehr. Weswegen es ihr sehr schwer fällt, aufzustehen. Denn heute gibt es wieder das Fach „Politik und Wirtschaft“. Seit herausgekommen ist, dass die deutschlandkritischen Aufkleber in der Schule von ihr stammen, wurde das auch in „Politik und Wirtschaft“ thematisiert. Dann kamen die ganzen Argumente, die sie schon so oft gehört hat. Jede_r brauche eine nationale Identität. Deutschland hätte schon so viel geleistet. Goethe, Schiller, Luther, Einstein. Andere Nationen seien auch stolz, das sei total normal. Und auch in Polen gebe es Nazis. Am Ende wusste sie nicht mehr, was sie sagen sollte und auch nicht so richtig, was sie denken sollte. Und heute will Herr Hoffmann mit den Schüler_innen auch noch zu dieser Veranstaltung „20 Jahre Wiedervereinigung“ gehen.

Franziska zieht das Frühstück in die Länge, ohne es zu merken, und dann ist es schon acht Uhr. Eigentlich müsste sie jetzt rennen und würde trotzdem zu spät kommen. Stattdessen entscheidet sie sich, Bauchschmerzen zu haben. Das ist eine von den Krankheiten, die erstmal nicht geprüft werden können. „Bauchschmerzen, O.K., ich gebe es weiter“. Die Lehrerin, die sie am Telefon im Sekretariat erwischt, wirkt gestresst und stellt keine weiteren Fragen. Jetzt sitzt Franziska zu Hause und ihr gehen die ganzen Diskussionen, die sie in den vergangenen Schulwochen hatte, nicht aus dem Kopf. Also beschließt sie, sich das mal näher anzusehen: Deutschland, was ist das eigentlich? Warum wurde es wiedervereinigt? Auf Wikipedia klingt erstmal alles total harmlos: 16 Bundesländer, Grundgesetz, 82 Millionen Einwohner_innen, Regierungsform Parlamentarische Demokratie. Hier findet sie auf die Schnelle nur viel Positives über Deutschland. Nichts, was ihrem Unbehagen entspricht, das fest in ihrer Magengrube sitzt.

Deutschland sei schon uralt, hatte ihr Mitschüler gesagt, Tausende von Jahren. Es ging dabei um die Varusschlacht im Teutoburger Wald im Jahre neun und um die Germanen. Auf dem Weg in die Bibliothek sammelt Franziska nochmal die ganzen Argumente, die ihr entgegengebracht wurden. Und dann fängt sie an, sich verschiedene Bücher anzusehen, die sie mit der Schlagwortsuche gefunden hat. Deutschland ist eine Nation oder auch Nationalstaat, steht dort. Und diese Nationen sind entstanden, als sich der Kapitalismus herausgebildet hat. Wann passierte das mit Deutschland? 1871. Vorher, steht da, gab es Preußen, Bayern und ganz viele andere Kleinstaaten, die sich zusammengeschlossen haben. Aber…1871! Dann ist Deutschland nur…Scheiße, Mathematik mag sie eigentlich auch nicht so gern…138 Jahre alt. Das sind ja gerade mal vier Generationen. Doch Franziskas Mitschüler_innen und Herr Hoffmann haben ja immer von den Germanen und dem deutschen Volk gesprochen. Dann müsste es ja das deutsche Volk schon vor 1871 gegeben haben, was damals nur durch Grenzen getrennt war. Gab es damals auch eine Vereinigung, so wie 1989? Aber in den Geschichtsbüchern der Bibliothek wird so etwas nicht erwähnt. Im 19. Jahrhundert hat der Handel aufgrund des Kapitalismus stark zugenommen und die vielen Zölle, die an jeder Grenze entrichtet werden mussten, waren hierbei ein großes Hindernis. Vor allem der Vergleich mit dem fortschrittlichen Frankreich führte dies den Deutschen vor Augen. Erst vor diesem Hintergrund bildete sich im aufstrebenden Bürgertum ein gemeinsames deutsches Nationalbestreben heraus. Einige der Kleinstaaten haben sich sogar gegen die Reichsgründung 1871 gewehrt. Die wurden dann mit militärischer Gewalt gezwungen. Also gab es zuvor kein deutsches Volk?!

Warum reden Franziskas Mitschüler_innen nun die ganze Zeit von Volk und tausendjähriger Geschichte? Besonders interessant findet Franziska, dass in Berlin und Brandenburg früher ein Drittel der Bevölkerung französisch gesprochen hat, wie kann das sein? Sie entdeckt ein wissenschaftliches Buch, das ein paar Antworten parat zu haben scheint. Es ist furchtbar unverständlich geschrieben und Franziska überfliegt nur ein paar Seiten. Dort steht, dass sich erst durch die Entstehung der Nation eine einheitliche Sprache durchgesetzt hat. Auch die Vorstellungen, dass es eine gemeinsame Geschichte, Kultur und Zusammengehörigkeit gebe, sind erst mit dieser Nationenbildung aufgekommen. Jetzt fängt es langsam an, für Franziska Sinn zu ergeben. Sie notiert sich, um das nicht zu vergessen: Deutschland wurde im 19. Jahrhundert erfunden.

Dann klingen wieder die Worte von Herrn Hoffmann in Franziska Ohren: Deutschland habe so viel Gutes geleistet. Im Geschichtsunterricht ist sie immer dazu gedrängt worden, sehr genau zu sein. Sie konnte sich die ganzen Jahreszahlen nie merken und musste sie trotzdem auswendig lernen. Also, denkt sie sich, bin ich jetzt auch einmal ganz genau: Wenn es Deutschland erst seit 1871 gibt, dann fallen Bach, Goethe und Luther raus. Dann notiert sie sich die herausragenden Ereignisse der Geschichte der deutschen Nation aus dem großen Lexikon um ihren Mitschüler_innen davon berichten zu können: 1884 bis 1919 deutscher Kolonialismus (Deutschland hatte zahlreiche Kolonien in Afrika und Asien.) 1904 Genozid an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, zweiter Weltkrieg, Holocaust. Deutschland ist ein Gruselkabinett, denkt sich Franziska und versteht langsam, warum sie dieses starke Unbehagen hat, das sich nicht verabschieden wollte. Jetzt wird ihr auch klar, weswegen sie heute nicht zu der Gedenkveranstaltung zur Wiedervereinigung gehen wollte. Sie wäre auf die Gedenkveranstaltung zur Wiedervereinigung des Gruselkabinetts gegangen.

Beim nächsten Treffen der Schulzeitung liegt ihr eifrig geschriebener Artikel auf dem Tisch. Er ist schon viel zu lang geworden und sie weiß nicht, wo sie noch kürzen soll. Franziska ist ein bisschen aufgeregt und unsicher. Dann blicken nacheinander alle auf, nachdem sie fertig mit Lesen sind. „Dein Text ist ganz gut. Ist ja eigentlich interessant. Aber so Geschichtsstunde…in der Schulzeitung, ist das nicht ein bisschen zu dröge?“ Stimmt, denkt sich Franziska. Eigentlich müsste sich auch gefragt werden, was das eigentlich mit uns zu tun hat. Was ist eigentlich heute das Problem damit, dass alle den Blödsinn kaufen?

Nach der längeren Diskussion in der Redaktion der Schulzeitung setzt sie sich hin und schreibt ihren Artikel weiter. Sie fängt damit an, dass nach der Wiedervereinigung sichtbar wurde, dass die Vorstellung von einem „deutschen Volk“ vor allem Gewalt bedeutet. Wie nie zuvor seit dem Nationalsozialismus gibt es rechte und rassistische Attacken, Pogrome und Morde. Bei der Wiedervereinigung haben sich nicht einfach nur zwei Gebilde zusammen geschlossen, sondern etwas ziemlich Gewaltvolles.

Aber vielleicht sammle ich erstmal die ganzen Sachen, die an so einer Nation unerträglich sind, bevor ich hier einfach drauflos schreibe, denkt sich Franziska und beginnt eine Liste. Es werden fast täglich Leute abgeschoben. Das gehört rein, denn eigentlich sollten alle dort wohnen können, wo sie wollen. Und diese Pogromstimmung aus den 1990ern gibt heute immer noch. Eine Freundin, die nicht weiß ist, hat ihr erzählt, dass sie nie nach Brandenburg fährt, weil das zu gefährlich ist. Seit dem Nationalsozialismus leben nur noch sehr wenige Jüdinnen und Juden in Deutschland wegen der nach wie vor starken Judenfeindschaft. Es treffen sich immer noch Vertriebenengruppen, die fordern, dass die Gebiete, die 1945 an Polen abgetreten wurden, wieder zu Deutschland dazugehören sollten… Oh je, das wird eine lange Liste. Franziska beschließt, daraus eine ganze Reihe in der Schulzeitung zu machen.

Geschichte ist, was du draus machst.

Ein immer aktuelles Thema bekommt mit dem 9. November 2009 eine besondere Relevanz: Die Deutung der Geschichte. Vergangenheit lässt sich nicht „bewältigen“. Sie ist geschehen und lässt sich nicht mehr verändern. Das einzig Variable an der Vergangenheit ist die Art und Weise, wie sie gedeutet wird.

Erinnerungspolitik behandelt nichts Abgeschlossenes, sondern wird immer wieder neu verhandelt und hat aufgrund ihrer politischen Funktion einen Bezug zur Gegenwart: Erinnerungspolitik ist die Selbstvergewisserung einer gemeinsamen Identität. Sie soll aktuelle Handlungen und politisches Geschehen legitimieren.
Das kollektive Bild der Vergangenheit, die Nationalgeschichte, wird immer wieder neu definiert. Im Laufe der Zeit ändert sich die Geschichtsschreibung, das ist zum Beispiel sehr gut an dem Nazi Stauffenberg ersichtlich, der in Deutschland erst als Verräter galt – auch noch lange Zeit nach 1945. Nun wird er als Held gefeiert. Auch das Bild der Wehrmacht hat sich im Laufe der Zeit verändert. Lange galt sie in der gemeinsamen Erinnerung als unbefleckt und frei von den nationalsozialistischen Verbrechen. Dieses Bild wurde erst nach sehr langer Zeit zurechtgerückt und vor allem die Mittäterschaft der Wehrmacht am Holocaust deutlich gemacht.

Das, was wir Geschichte nennen, ist nichts Festes oder Wahres. Es ist eine Verbindung aus tatsächlich Geschehenem, Erinnertem und Ideologie. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hat in einer Gesellschaft stets eine politische Brisanz und einen direkten Bezug zu aktuellen Geschehnissen. „Die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit deutet“, meinte sogar der konservative Historiker Michael Stürmer. Die bürgerliche Gesellschaft formuliert hier selbst, dass die Geschichtsschreibung eine hohe Bedeutung für sie hat.

Die Generation der Täter_innen des Nationalsozialismus zeichnete sich vor allem durch Verdrängung, Verleugnung, Schuldabwehr und kollektiven Opferreflex aus. Noch heute werden die Debatten um die NS-Geschichte von einer Darstellung eines allgemein erfahrenen Leids dominiert. So hat die deutsche Oma auf einmal aufgrund der fehlenden Kohlen gelitten und Hitlers „fünfte Kolonne“, die Sudetendeutschen, wurden vertrieben. Die großen Städte Deutschlands wurden im Zweiten Weltkrieg bombardiert. Nun sehen sich die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkriegs, als Opfer von Vertreibung und „Bombenholocaust“ z.B. in Dresden. Die Tatsache, dass der nationalsozialistische Wahnsinn nur durch den Luftkrieg beendet werden konnte und dass der Vertreibung der Sudeten ein Jahrzehnt des Terrors gegen die tschechische Zivilbevölkerung vorausgegangen war, spielt dabei keine Rolle mehr. Vielmehr werden die Grenzen zwischen Opfern und Täter_innen zum Verschwimmen gebracht. Damit wird versucht, die Frage nach Schuld und den historischen Voraussetzungen dieser deutschen Geschichte als irrelevant zu deuten.

Im Laufe der Zeit und oft nur durch beständigen Druck wandelte sich die Verdrängung der eigenen Schuld um in eine „Vergangenheitsbewältigung“. Doch was bedeutet das?
Die historische Schuld wurde zu einer historischen Pflicht umgedeutet. Die (vermeintlichen) Lehren aus der Vergangenheit dienen nun der Legitimation aktueller Politik, niemand kann es schöner als Bundespräsident Köhler formulieren: „Wir haben heute guten Grund, stolz auf unser Land zu sein. Das Erreichte ist undenkbar ohne die Lehren, die wir gezogen haben, und ist das Ergebnis ständiger Anstrengung“. In diesem Verständnis sei die BRD angeblich aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit den Verbrechen des NS vollständig geläutert hervorgegangen.

Deutschland etablierte sich als demokratisch-kapitalistische Nation, die Faschismus und Sozialismus überwunden hat. Auschwitz wurde als Zivilisationsbruch schlechthin betrachtet und als etwas verstanden, was außerhalb der eigentlichen Nationalgeschichte steht. Eine längst überwundene Jugendsünde, aus der gelernt wurde. Die vielbeschworenen „Lehren der Vergangenheit“ taten ihre Wirkung: Seither wird der Anspruch der erwachsenen und geläuterten Nation auf Weltniveau durchgesetzt, die politische und militärische Macht nicht nur am Hindukusch verteidigt. In der aktuell vorherrschenden Debatte liest sich das so: Unter großen Anstrengungen habe sich die Nation an ihrem eigenen Schopfe aus dem Schlamm gezogen.

Nirgendwo besser als hier zeigt sich auch die integrative Funktion von Erinnerungspolitik: Die vielen Bilder der deutsche Geschichte – und dabei auch über die deutschen Verbrechen – lassen ein nationales „Wir“ entstehen. Die Gegensätze der Gesellschaft verblassen angesichts einer gemeinsam erzählten Geschichte. Dem ist entgegenzuhalten: „Bewältigt wäre die Vergangenheit erst dann, wenn ihre Ursachen beseitigt sind.“ (Adorno)

…es geht voran!
Mit dem Verschwinden der UdSSR und der neu erlangten gesamtdeutschen Selbstständigkeit kämpfte Deutschland endlich wieder um einen Platz ganz vorne (UN-Sicherheitsrat-Vorsitz, Exportweltmeister, Vorreiterrolle in der Green-Capitalism-Klimapolitik, internationale Bundeswehr-Kriegseinsätze…). Der gemeinsame Kampf um Weltmarkt, Teilhabe und Anerkennung ist der nationale Kitt und das hehre Ziel, das Arbeitgeberin und Lohnabhängiger gemeinsam schaffen. Alle sollen für „das größere Wohl“ den Gürtel enger schnallen, statt dass sie sich mit ihrer unversöhnlichen Gegensätzlichkeit, ihrem Zwang zur Konkurrenz im Sinne des Alle-gegen-alle und dem Zwang der Verhältnisse, unter denen sie leben, auseinandersetzen.

Mit der neuen Epoche, deren Beginn durch das Ende der Sowjetunion markiert ist, wurde eine neue Weltanschauung begründet: Das Ende der Geschichte. Damit behaupten die Vertreter_innen dieser These, dass sich die Geschichte nach dem weltweiten Durchsetzen des Kapitalismus nicht mehr wirklich weiter entwickeln wird. Ohne den Konflikt mit dem Ostblock gibt es keinen weltumspannenden Widerspruch mehr, auf dessen Basis die Menschheitsgeschichte noch große Qualitätssprünge machen könnte. Der neoliberale Kapitalismus, so wird behauptet, hätte sich konkurrenzlos durchgesetzt und würde unangefochten weiterexistieren, ab jetzt bis ans Ende aller Tage. Das ist nicht nur eine höchst einfältige These, sie zeigt auch großartig die herrschaftslegitimierende Funktion der Geschichtsdeutung. Mit dem Begriff „Ende der Geschichte“ hat Politikwissenschaftler Francis Fukuyama klarzumachen versucht, dass die Menschheit am Ende ihrer Entwicklung sei. Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft, so wird damit behauptet, verwalten die Menschheit, bis die Erde in die Sonne stürzt. Widerstand zwecklos. Amen.

Welche Freiheit?
Im 20. Jahr nach dem Mauerfall müßten angesichts der Wirtschaftskrise der nationale Taumel und die Euphorie über das Ende der DDR verblassen. Gerade deshalb werden in der Geschichtsschreibung die Argumente immer absurder. Insbesondere wird sich weiterhin darauf bezogen, was unter dem kapitalistischen Zwang zur Kapitalverwertung und Wertproduktion alles geschaffen wurde. Doch das sollte eigentlich keine vordergründige Rolle spielen, wenn es um menschlichen Fortschritt geht.
Mit der Rede von der gewonnenen Freiheit nach dem Ende der DDR macht es sich die Berliner Republik und die Öffentlichkeit sehr leicht, denn wahre Freiheit misst sich nicht daran, welche Unfreiheit vorher herrschte, sondern welche Freiheit eigentlich möglich ist. Dass es zur Zeit mit der vom Realsozialismus befreiten Welt nicht allzu gut bestellt ist, lässt sich mit einem wohligen Bauchgefühl gut ausblenden, wenn die Vergangenheit besonders düster betrachtet wird (cool war die DDR trotzdem nicht, siehe Artikel zum Realsozialismus in dieser Ausgabe). Begriffe wie Zwang, Unfreiheit, Überwachung, Umweltverschmutzung, Dreck und die Starrheit von Apparat und Wirtschaft dominieren hierbei, um die Gegenwart stärker leuchten zu lassen als je zuvor. Die Freiheit nach der DDR ist aber lediglich der Zwang, sich im Hauen und Stechen der Konkurrenz sein Ausbeutungsverhältnis selbst zu wählen. Toll, oder?
Dass das noch lange nicht wirkliche Freiheit bedeutet, sondern der bloße Verweis auf ein „Noch-Schlimmer“ ein gelinde gesagt bescheuertes Argument ist, zeigt sich offensichtlich. Doch leider gehört es nicht grad zum gesellschaftlichen Mainstream, dass Freiheit nicht die Wahl zwischen Schwarz und Weiß (Lidl und Plus, FDP und Grüne, Hartz IV und Lohnarbeit, MäcGeiz und Lafayette) ist, sondern dass die wahre Freiheit vielmehr meint, aus einer solch vorgeschriebenen Wahl herauszutreten.

Niemand hat die Absicht, die Nation abzuschaffen…
Dass unserer Gesellschaft die Zwangsläufigkeit zur Krise, zu beschissenen Lösungsansätzen und Konfliktbewältigungsstrategien (Neoliberalismus, Staatshörigkeit, soziale Befriedung durch Hartz IV,…) innewohnt, spielt am 9. November keine Rolle. Abgefeiert wird hier die vermeintliche Freiheitsliebe der Deutschen. Ausgeblendet werden im Feiertaumel die Missstände des kapitalistischen Verwertungszwangs.

Die Leute sind im Herbst ‘89 für bessere Lebensbedingungen und Freiheit auf die Straße gegangen. Sie verlangten ihren Zugang zur westlichen Welt auch wegen des Glücksversprechens, dass der Kapitalismus ihnen gab. Dass dieses Versprechen zwar gegeben, aber nicht eingelöst werden kann, steht leider nicht mal im Kleingedruckten dieser Gesellschaft. Dieser Kampf für „ich will‘s verdammt noch mal besser haben“ wird nun umgedeutet in einen Akt des nationalen Schulterschlusses, einer historischen Zwangsläufigkeit und einer zur Reife gekommenen, auf dem Weltmarkt selbstbewusst positionierten Nation. Hier zeigt sich einmal mehr die identitätsstiftende und herrschaftslegitimierende Funktion von Geschichtspolitik.

Gerade am 9. November gibt es nichts zu feiern außer der Hoffnung, einmal in der befreiten Gesellschaft wirklich feiern zu können. Der widerliche Zynismus an diesem Datum wird gerade in der Verdrängung des Gedenkens an die Opfer der Pogromnacht am 9. November 1938 durch den nationalen Einheitstaumel deutlich. Aus dem Baukasten der Erinnerung wird das zusammengefügt, was dem Fortkommen des Projekts Deutschland dient. Die Betroffenheit über die Verbrechen der Täter_innengeneration weicht dem wiederstolzen „Wir sind wieder wer“ der Berliner Republik. In Erinnerung an die Opfer des NS gilt es auch im postfaschistischen Deutschland den Kampf weiterzuführen um die Interpretation der Geschichte und um eine wirklich freie Gesellschaft jenseits der Zwänge von Staat, Nation und Kapital.
Aus der eingangs gestellten These, dass Nationalgeschichte gemacht wird, folgt vor allem, dass sie immer mit Vorsicht genossen und kritisch hinterfragt werden muss. Das heißt nochmal bildlich an dem Gerede vom nationalen Gründungsmythos, der Varusschlacht, und ihrem Helden Hermann verdeutlicht: Ein paar ungewaschene Barbaren haben sich, zahlreiche Jahrhunderte bevor von Deutschland überhaupt geredet wurde, im Wald gekloppt. Und? Was hat das mit uns zu tun?

Geschichte und Gesellschaft sind menschengemacht. Sie können von Menschen verändert werden. Der These, dass das Ende der Geschichte erreicht sei, gilt es entgegenzuhalten: Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Der Zeitpunkt, an dem die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse umgeworfen werden und die befreite Gesellschaft, die freie Entfaltung und die Befriedigung der Bedürfnisse aller erreicht sind, ist für uns der Zeitpunkt, an dem mit der Revolution die Notbremse der Geschichte gezogen wird. Oder, um es mit Karl Marx zu formulieren, der Zeitpunkt, an dem „die wahre Geschichte der Menschheit beginnt.“

Lesetipps

„Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird.“
Wie kann eine Welt aussehen ohne Ungerechtigkeit, Zwang und Kontrolle? Jede_r hat sich das wohl schon einmal gefragt. Viele Linke antworten darauf: „Kommunismus. Das ist die ultimative Lösung.“ Andere schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn sie dieses Wort auch nur hören: „Kommunismus?! Das ist doch das mit der Stasi…Das ist doch nicht dein Ernst!“ Aber wie soll er denn nun funktionieren, dieser hochgelobte und verteufelte Kommunismus? Wieso soll er so viel besser/ schlechter/ unmöglicher sein als der Kapitalismus?
Wer versucht, dieser Frage auf den Grund zu gehen, stößt meist recht schnell auf den linken Theoretiker Karl Marx und sein Hauptwerk „Das Kapital“. Doch auch wenn es unpopulär ist, das zuzugeben: Sehr viele junge und alte Menschen sind schon daran gescheitert, dieses zweifellos bedeutende aber nicht gerade einfache Buch zu lesen und zu verstehen. Oft werden diese Menschen dann von anderen belächelt oder von oben herab belehrt. Doch auch die, die sich tatsächlich durch die drei Bände „Das Kapital“ gebissen haben, stehen zum Schluss häufig immer noch vor ihrer Frage: „So, und was ist nun der Kommunismus? Das kann doch nicht so schwer sein!“ Ist es auch nicht.
In ihrem Buch „Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird“ erzählt Bini Adamczak von ein paar Menschen, die merken: Im Kapitalismus müssen sie so viel in der Fabrik arbeiten bis ihnen der Rücken weh tut, obwohl sie dazu oft gar keine Lust haben. Und zur Belohnung dürfen sie nur zweimal die Woche ins Kino gehen. Sie wollen aber keine Rückenschmerzen und häufiger ins Kino wollen sie auch. Und überhaupt wollen sie nicht von Dingen beherrscht werden und von Menschen auch nicht. Darum beschließen sie, den Kommunismus einzuführen. Aber leider hat keine_r von ihnen so eine rechte Vorstellung, wie so ein Kommunismus denn aussieht. Nur davon, wie er aussehen könnte. Also sagen die Menschen: „Am besten, wir probieren die Vorstellungen einfach der Reihe nach aus. Dann werden wir ja sehen.“
Und so probieren sie immer neue Vorstellungen aus, um ihr Leben angenehm, gerecht und frei zu gestalten. Aber es ist ja keine Meisterin vom Himmel gefallen, darum gehen viele Dinge schief und die ersten Versuche enden damit, dass die Menschen den Kopf schütteln und sagen: „Nein, nein. Das ist nicht der Kommunismus.“ Doch nach und nach lernen sie dazu, bis sie zum Schluss wirklich einen Kommunismus finden, der ihnen gefällt. Der_die Leser_in lernt mit ihnen und merkt: Der Kommunismus muss gar kein kompliziertes, unverständliches Theorie-Ungetüm sein. Mensch kann ihn ganz einfach verstehen.

Bini Adamczak: „Kommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird“, erschienen 2004 im Unrast-Verlag, 79 Seiten, 8 Euro.

Planet der Habenichtse
Vor 160 Jahren gab es auf dem kapitalistisch organisierten Urras, einem reichen, fruchtbaren Planeten, einen Aufstand. Einer, der zu mächtig war, um erstickt zu werden, und zu schwach, um die Revolution herbeizuführen. Man fand einen Kompromiss: Es wurde den Odoniern, wie sich die Aufständischen nannten, gestattet, zum Schwesterplaneten Anarres auszuwandern, einer kargen, knochentrockenen, menschenfeindlichen Welt, um dort eine freie, klassenlose Gesellschaft zu gründen. Nach 160 Jahren existiert diese Gesellschaft weiterhin, allen Voraussagen zum Trotz. Was ist in dieser Zeit aus ihren Idealen geworden?

Der Physiker Shevek entschließt sich, Anarres zu verlassen und nach Urras zu gehen. Er tüftelt an einer Erfindung, der auf seinem Heimatplaneten keine Beachtung geschenkt wird. Doch sie könnte den Durchbruch in der interstellaren Raumfahrt und in der kapitalistischen Gesellschaft des Nachbarplaneten auch Profit bedeuten. Sheveks idealistische gesellschaftliche Ansichten stoßen auf Urras jedoch auf wenig Gegenliebe…

Social Fantasies nennt sich eine Richtung, die soziale Utopien im Genre des Science Fiction entwirft. Ursula K. Le Guin erzählt in „Planet der Habenichtse“ von den Kritiken an unserer gegenwärtigen Gesellschaft, von den Entwürfen einer klassenloser Utopie und von den Problemen, mit denen diese im Kapitalismus konfrontiert sind. Ein lesenswerter Roman für ein gesellschaftskritisches Publikum. Besonders interessant für Leser_innen, die im Bereich des Science Fiction, der meist lediglich von Krieg und Apokalypse bestimmt ist, nach Alternativen suchen.

Ursula P. Le Guin: „Planet der Habenichtse“, Titel der zweiten Auflage: „Die Enteigneten: Eine ambivalente Utopie“, erschienen 2006 im Bellheim-Verlag, 352 Seiten, 19,90 Euro.

Tipps und Tricks für Antifas
Naziaufmärsche verhindern? Demonstrationen organisieren? Zeitungen produzieren? Gruppen gründen?Wie verhalten bei Naziübergriffen, auf Demonstrationen und bei Hausdurchsuchungen?

Die Broschüre „Tipps und Tricks für Antifas“, seit Jahren ein Klassiker und jetzt in einer überarbeiteten und aktualisierten Form im Unrast Verlag erschienen, gibt eine detaillierte und klare Übersicht zu den Grundregeln und zum Basiswissen antifaschistischer und linksradikaler Politik. Sie vermittelt anschaulich, was zu beachten ist, wenn man beispielsweise Blockaden, Veranstaltungen oder Geld für politische Aktionen organisieren will oder wie man sich im Falle staatlicher Repression zu verhalten hat.
Ratschläge, wie man sich gegen Nazis zur Wehr setzen kann, fehlen ebenso wenig. Die Zusammenstellung ist ein „must have“ bzw. ein „must know“ für alle, die sich in irgendeiner Form gegen Nazis und die Gesemtscheiße engagieren und organisieren.
Bestellen könnt ihr sie für 4,- das Stück.

1. Per Post:
Tips und Tricks
c/o Infoladen Schwarzmarkt
Kleiner Schäferkamp 46
20357 Hamburg

2. oder online:
www.tippsundtricks.blogsport.de
tipps-und-tricks[at]riseup.net
ISBN-Nr: 978-3-89771-477-9

Und ihr könnt die Broschüre natürlich auch in linken Buchläden bekommen, z. B. in Berlin im „Schwarze Risse“, Kastanienallee 85 (Nähe U Eberswalder Straße) bzw. Gneisenaustraße 2a (Nähe U Mehringdamm).