Archiv für April 2009

4 ZUCKRIGE FRAGEN

Das offizielle „Strassen aus Zucker“ Quiz mit Gewinnmöglichkeit!

Beantworte folgende Fragen und schicke uns die Buchstabenkombination der „richtigen“ Antworten zu!

Bei der Bundeswehr wird man…

a) zum/zur Helfershelfer_in der Nation, staatsschützenden Deppen und zum strammen, mordbereiten Schützen.
b) solide ausgebildet und hat tolle Möglichkeiten im selben Beruf weiter zu machen.
c) auch manchmal gestreichelt.

Deutschland ist….

a) super! Heil dir!
b) nicht immer so toll. Aber es kann Vieles verbessert werden,
wenn sich alle anstrengen!
c) Kotzescheiße!

Manchmal in der Schule denke ich:

a) „Dieser Unsinn soll mich doch nur zum/zur ideologisch geschulten Staatsbürger_in, kreativ-flexiblem, konkurrenzbereitem
Individuum machen.“
b) „Non scholae sed vitae discimus!“
c) „Will nach Hause, Playse zocken!“

Die Freiheit, die der Staat gewährt ist:

a) im Zuge der neuen Überwachungsgesetze sehr kritisch zu betrachten.
b) Die Freiheit zur Konkurrenz, zum stummen Zwang, zum Hauen und Stechen auf dem Markt. Eher eine falsche Freiheit.
c) nicht christlich!

Aus den „richtigen“ eingeschickten Antworten werden fünf ausgelost. Die Glücklichen bekommen die brandneue Frittenbude-Platte „Nachtigall“, die uns freundlicherweise vom Label „audiolith“ zur Verfügung gestellt wurden. Der Rechtsweg ist natürlich ausgeschlossen.

Eine Absage an Staat und Nation

In diesen beiden Artikeln beschäftigen wir uns mit Staat und Nation.
Stopp, weiter lesen! Das klingt zwar erst mal trocken und unverständlich, ist aber hochaktuell und nie langweilig. Und Anlässe, sich darüber mal zu verständigen, gibt es in diesem Jahr einige.
Einerseits die Krise, die viele Fragen aufwirft: Wie kam es dazu? Wie funktioniert der Kapitalismus? Und was hat der Staat damit zu tun? Was macht er? Und wieso?

Andererseits das Jahr der Jubiläen und nationalen Feiertage. 2000 Jahre Varusschlacht / 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland / 20 Jahre Mauerfall / … und noch so einiges mehr, was zum Nachdenken über Deutschland, so was wie nationale Identität und die Entstehung von Nation und Nationalismus anregt. Darüber, wieso wir glauben, dass der Staat notwendig gegen die Menschen steht. Wie und wieso Nation und Nationalismus die Gesellschaft zusammenkitten. Und wieso wir diese ganze Scheiße abschaffen wollen.

Deswegen befassen wir uns im ersten Teil mit dem Staat. Was sind seine Aufgaben? Wie erfüllt er sie? Und wo ist da die Verbindung zur Nation?
Im zweiten Teil geht es um die Entstehung von Nation und Nationalismus, um ihre Funktionsweisen und Spielarten.
Hier soll versucht werden zu erklären, wieso wir Staat und Nation als unmittelbares Herrschaftsverhältnis und als eine der letzten großen Hürden der Menschheit auf ihrem Weg zu einer freien und gleichen Gesellschaft begreifen.

Vorbemerkung: Wir reden hier über Staat und Nation, so wie sie in ihrer idealtypischen Form aussehen. Es wird hier davon ausgegangen, dass Staat, Nation und alle anderen gesellschaftlichen Kategorien als Resultate historischer Prozesse verstanden werden müssen.
Uns ist klar, dass es von Nation zu Nation viele grundlegende Unterschiede gibt. Die können in diesem Text allerdings nicht behandelt werden, deswegen reden wir hier vor allem von Staat und Nation in ihrer Idealform. Das meiste lässt sich auf Deutschland übertragen.

Erste Halbzeit: Der Staat

Der bürgerliche Staat ist die politische Form der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben. Ihre Verwaltung und Reproduktion ist sein Zweck.
Das heißt: Im Kapitalismus hat der Staat eine ganz bestimmte Aufgabe – die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Besitz- und Produktionsverhältnisse.
Der Staat soll die Prinzipien der kapitalistischen Gesellschaft durchsetzen, ihre Wirkmächtigkeit garantieren und dafür sorgen, dass der Laden gemäß seinen eigenen Gesetzen ohne größere Brüche immer weiterläuft und sich immer wieder selbst neu erfindet und weiterentwickelt.
Zweck des Staates ist es deshalb, einen politischen, rechtlichen und strukturellen Rahmen für eine Gesellschaft des Verwertungszwanges zur Verfügung zu stellen und die Akkumulation, also die Anhäufung von Kapital zu gewährleisten.
Daraus ergeben sich bestimmte Kernaufgaben, die notwendigerweise Sache des Staates sind.

Gewährleistung von Privateigentum
In einer Gesellschaft, in der das private Eigentum an Produktionsmitteln und an Waren die entscheidende Grundlage bildet, muss eben dieses mit allen Mitteln verteidigt werden. Das Privateigentum ist der Scheideweg der Individuen im gesellschaftlichen Werdegang: Man besitzt Kapital und damit Zugang zu Produktionsmitteln und Investitionsmöglichkeiten und man wird sein Bestes dazu geben, dieses Kapital anzulegen und mehr werden zu lassen, oder man wird gnadenlos untergehen in der Konkurrenz der Besitzenden um den Erhalt des eigenen Standes. Oder man besitzt nichts außer seiner eigenen Arbeitskraft und man wird sein Bestes dazu geben, diese möglichst erfolgreich an eine_n Inhaber_in von Produktionsmitteln zu verkaufen, oder man wird gnadenlos untergehen in der Konkurrenz der Besitzlosen um Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum, um Gehalt, Lohn und volle Teller.
Das Privateigentum an Produktionsmitteln ist das entscheidende Grundprinzip kapitalistischer Vergesellschaftung: es zu schützen und zu pflegen, ist die erste Pflicht des Staates.

Falsche Freiheit und falsche Gleichheit
Freiheit. Der Staat garantiert die Freiheit des_r Einzelnen, sich seine_ihre Arbeitgeber_in und damit das individuelle Ausbeutungsverhältnis selbst zu wählen. Er gewährt die Freiheit, sich dem Zwang zu beugen.
Des Weiteren gewährleistet er die Freiheit, an ausgewählten gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen zu partizipieren und sich für oder gegen ausgewählte Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zu positionieren und sich im Rahmen des Möglichen für das Selbe in Grün auszusprechen.
Gleichheit. Der Staat garantiert die Gegenübertretung von Besitzenden (Produktionsmittel und Kapital) und Besitzlosen (nichts als der eigenen Arbeitskraft) als freie und gleiche Vertragspartner_innen. In dem der Staat gewährleistet, dass sich tatsächlich Ungleiche auf einer gesetzlichen Ebene als juristisch Gleichberechtigte begegnen, reproduziert er das paradoxe Verhältnis von allgemein legitimierter und juristisch abgesicherter Ausbeutung und realer Ungleichheit. Nur so kann das Ausbeutungsverhältnis auf Basis von Rechtmäßigkeit (im juristischen Sinne) und formaler Gerechtigkeit funktionieren.

Aus diesen Annahmen folgt eine weitere: Aufgabe des Staates ist die Organisierung eines formalen Rahmens, um einen freien und gleichen Markt zu gewährleisten. Dieser ist das entscheidende und grundlegende Medium und Forum einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft, ihre Basis und ihr Dreh- und Angelpunkt. Und damit auch ein Aufgabenbereich des Staates.

Infrastruktur und Wirtschaftsrecht
Des Weiteren hat der Staat einige Aspekte der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion zur Verfügung zu stellen, die die Wirtschaft nicht übernehmen kann. Zur Absicherung und Verwaltung der bürgerlichen Gesellschaft stellt der Staat eine komplexe soziale, ökonomische und eigentliche Infrastruktur bereit. Verkehrs-, Gesundheits-, Sozial- und Rechtswesen müssen so weit entwickelt und gefestigt sein, dass der Kapital- und Warenverkehr und das gesellschaftliche Verhältnis Lohnarbeit unbeschränkt praktiziert werden können. Nur so läuft der Laden und nur so kann auch der Staat davon profitieren. Die soziale Absicherung ist zwar immer auch das Resultat gesellschaftlicher und historischer Kämpfe, dient aber in ihrer Bereitstellung in erster Linie dem Zweck, die Bürger_innen eines Staates bei der Stange zu halten und ihre Unzufriedenheit durch die Ermöglichung eines gewissen materiellen Wohlstands gering zu halten.
Der soziale Frieden ist das Ergebnis von einer sozialen Absicherung, um Lohnarbeiter_innen die Arbeitsfähigkeit zu erhalten und ihren totalen (und damit geschäftsschädigenden) Verschleiß im Automatismus des Verwertungszwangs zu verhindern und um die bedarfsabhängige Reintegration von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Zu betonen ist auch, dass der Staat nicht – wie von manchen behauptet – etwa ein Instrument der „herrschenden Klasse“ ist.

Dies würde ja bedeuten, dass es einerseits so etwas wie eine einheitlich denkende herrschende Klasse mit identischen Interessen gibt und andererseits der Staat ein Objekt ohne eigene Intentionen und Interessen ist, welches sich nach Belieben durch „die Mächtigen“ steuern und lenken lässt. Beides lässt sich aber widerlegen.
Die „herrschende Klasse“ existiert nicht. Zumindest nicht in dem Sinne eines Zusammenschlusses von Akteuren, die gemeinsame Interessen verfolgen und für ihre Durchsetzung den Staat benutzen. Vielmehr ist mit diesem ungenauen Begriff die Gruppe derer gemeint, die Produktionsmittel und Kapital besitzen. Sie haben allerdings kein gemeinsames Interesse, sondern stehen sich auf dem Markt in unversöhnlicher Konkurrenz gegenüber. Sie sind in ihren Interessen zwar einig in ihrer Position gegen die Lohnabhängigen (sie wollen möglichst viel Arbeit für wenig Geld) und gegen den Staat (solang er nicht gebraucht wird, wird ihm Freiheit, Nichteinmischung und Fressehalten abgefordert), andererseits aber sind die Interessen der Mitglieder dieser Klasse direkt gegeneinander gerichtet.
Sie wollen sich gegenseitig wirtschaftlich ausbooten und ruinieren, um ihre eigenen Waren möglichst gewinnbringend auf dem Markt zu verkaufen. Der Staat nützt ihnen da nicht viel.
Andererseits ist der Staat nicht etwa willenloses Objekt, sondern ein Gebilde und gesellschaftliches Verhältnis mit eigenen Regeln, Interessen und Zielsetzungen. Der Staat hat als grundlegendes Ziel und als elementare Aufgabe, die bürgerliche Gesellschaft und ihre Produktionsweise aufrecht zu erhalten.

Weltmarkt
Dies ist die letzte große Aufgabe des Staates nach der Organisierung seiner Bürger_innen und der Verwaltung seiner Nationalökonomie: die möglichst effektive und bestmögliche Positionierung seiner nationalen Wirtschaft auf dem Weltmarkt zu gewährleisten.
Gerade in den Zeiten der Globalisierung spielt der Weltmarkt eine unermesslich große und immer weiter wachsende Rolle – für jede_n Einzelne_n, für Unternehmen und auch für den Staat. Hier materialisiert sich der ökonomische Wettstreit der Nationen.

Denn die eigentliche ökonomische Intention des Staates ist die optimale Aufstellung seiner Nationalökonomie, das heißt seiner heimischen Unternehmen, und der eigenen Nation als Wirtschaftsstandort auf dem Weltmarkt. Nur bei einer erfolgreichen Abwicklung der Geschäfte der „eigenen“ Unternehmen auf dem Weltmarkt und dem Erfolg des Wirtschaftsstandortes (und damit auch der Attraktivität für Investitionen durch ausländisches Kapital) erhält der Staat Einnahmen durch Steuern.

Zweite Halbzeit: Die Nation

So weit, so gut. Oder schlecht. Immerhin: Bis hierhin bist du bereits gekommen.
Es bleibt die Frage, was mit diesem Text gesagt werden soll. Was das mit dir zu tun hat.
Und wo die Verbindung von Staat, Kapital und Nation sein soll, die in dieser Zeitung vielleicht schon mal erwähnt wurde.

German Zustände
Hast du dir schon mal Gedanken gemacht, was Deutsch ist? Was typisch deutsche Werte und Eigenschaften sind? Und wie sie entstanden sind?
Jetzt denkst du vielleicht an Pünktlichkeit, Fleiß und Disziplin. Oder auch nicht. Vielleicht verbindest du mit Deutsch prinzipiell etwas Schönes. Schließlich steht es doch für deine Herkunft und dein Leben, so wie es bis jetzt seinen Weg gegangen ist. Deutsch sind gutes Brot, Mülltrennung und die mehr oder weniger sicheren Verhältnisse, in denen wir leben.
Vielleicht verbindest du mit Deutsch auch eher die vielen negativen Erfahrungen und Erlebnisse, die du mit Deutschland bisher gemacht hast. Ausgrenzung, Diskriminierung und – nennen wir sie mal so – stereotype Denkweisen. Kein Pass. Kein Geld. Keine Arbeit. Scheißdeutsche, die dich so behandeln, als wärst du weniger wert und würdest nicht dazu gehören.
Vielleicht denkst du auch einfach an Oma und Opa, ihr Weltbild und daran, dass du Deutsch schon mit der Muttermilch aufgesogen hast. Daran, dass Deutsch etwas Unveränderliches ist, was dich schon immer begleitet hat und was dich immer begleiten wird. Etwas, was lange vor dir da war und allem Hoffen zum Trotz auch noch lange nach dir da sein wird.
Aber was ist dieses „Deutsch“?
Wieso verbinden wir alle, wenn wir an bestimmte Nationen denken, mit ihnen bestimmte Eigenschaften und Gefühle? Wieso begreifen wir die Menschen eines bestimmten Staatsgebietes als einheitliche Gemeinschaft? Wieso denke ich bei „Wir“ eher an Deutschland als an meine Freundinnen und Freunde, meine Verwandten oder an die Gemeinschaft der Brillenträger_innen?
Wieso in aller Welt hat die Nation so eine Wirkmächtigkeit?

Digging deep and getting dirty
Vielleicht hast du es beim Lesen schon so ein bisschen bemerkt, wir lehnen die Nation ab.
Für die Autor_innen dieses Geschreibsels steht sie exempla-risch für die Scheisse der Welt. Sie repräsentiert Ungleichheit, Unfreiheit, Destruktion und Verblendung.
Sie betont Gemeinsamkeit, wo Unterschiede existieren, und sie beharrt auf Unterschieden, wo eigentlich Gemeinsamkeiten gegeben sind.
Wir begreifen die Nation als ideologische Konstruktion.
Das heisst: In der kapitalistischen Gesellschaft, in der wir leben, in der nichts sicher ist, in der Krisen im System inbegriffen sind, in der jede_r einzelne tagtäglich den Kampf ums Dasein neu ausfechten muss, in der die Gesetze des Staates und des Marktes einen immerwährenden Angriff auf das eigene Leben bedeuten, ist die Nation eine willkommene Identifikationsfigur, eine Institution der Sinnstiftung und Heilsversprechen.
In jeder Gesellschaft gibt es eine materielle Grundlage: Ihre Produktionsweise und die Art ihrer politischen Organisierung. In diesem Fall ist es der bürgerliche Staat, dem die politische Verwaltung innewohnt, und die Gesetze der Konkurrenz in der Marktwirtschaft, denen jede_r einzelne unterworfen ist. Das hat zur Folge, dass bei vielen ein Gefühl der Hilflosigkeit und Unsicherheit entsteht. Fragen nach dem Sinn des Ganzen, nach der Zukunft und nach Sicherheit und ein Gefühl der Abneigung gegenüber allen Faktoren, die das eigene Selbst und seine Existenzgrundlage bedrohen, sind in einer kapitalistischen Gesellschaft allgegenwärtig. Die Vereinzelung und Bedrohung der Subjekte lässt sie verzweifelt nach Erklärungsmustern suchen und in Scharen in Kirchen rennen und die Nation als die entscheidende Kategorie ihres Daseins begreifen.

„Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht der Versager…“

Die verzweifelte ökonomische Situation, in der die meisten aufgrund der Verfassung unserer Gesellschaft stecken, lässt in den Menschen mitunter trotz Widerwillen oder besserem Wissen die Einsicht keimen, dass der Erfolg ihres Arbeitgebers maßgebend für ihre eigene Situation – das Einkommen, die Sicherheit des Arbeitsplatzes – ist. Dieses ewige furchtbar nervige „Wir müssen den Gürtel enger schnallen“ ist aber keine dumme Phrase oder blödes Geschwätz, sondern reales Abbild der ungeschriebenen Gesetze, nach denen wir leben. Nur wenn man sich für seinen Betrieb zurückstellt und aufopfert, ist das eigene Leben unter halbwegs sicheren, aber anspruchslosen Verhältnissen garantiert. Es gilt die Einsicht, dass die Hingabe zu seinem Arbeitgeber und die unbedingte Identifikation mit ihm von jedem Einzelnen gefordert sind, um den Erhalt des Betriebs in der Konkurrenz zu sichern.
Der zweite Schritt dieser Logik ist ein einfacher: Nur wenn der Standort des Unternehmens – also das Land, in dem es produziert – auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig ist und bleibt, wirkt sich diese ganze Hingabe positiv auf die eigene Situation aus. Alle Mühe, die man in seine Arbeit steckt, verpufft, wenn sich die_der Arbeitgeber_in mit ihren_seinen Produkten auf dem Weltmarkt nicht durchzusetzen vermag.
Und wenn das Land, in dem man arbeitet, als Wirtschaftsstandort auf dem Weltmarkt schlecht aufgestellt ist, ist alle Mühe für die Katz, denn dann wird in das Land nicht oder nur gering investiert, und dann gehen die Arbeitsplätze halt flöten.
Neben der Identifizierung mit dem eigenen Unternehmen ist also von den Subjekten die Unterstützung des eigenen Staates und der Nation gefordert, um als Individuum und als Gemeinschaft durchsetzungsfähig zu bleiben.
Es ist allerdings ja nicht so, dass der bürgerliche Nationalismus etwas ist, was rein „von oben“ auferlegt wurde, sondern etwas Dynamisches, was von jeder_m Einzelnen immer wieder produziert und reproduziert wird, um Sinn, Trost und Gemeinschaft zu erfahren.

Fuck me, I´m famous
Im rauhen Wind der Konkurrenz ist die Einreihung in die nationale Gemeinschaft eine feste Burg.
In einer Gesellschaft, die nicht für die Menschen, sondern für das Kapital produziert, ist der_die Einzelne in der Konkurrenz so isoliert, dass sie_er nach Integration in eine Gemeinschaft und Abgrenzung gegenüber Anderen bedarf. Was gibt es da besseres als die Nation?
Sie ist optimal dazu in der Lage, den Leuten eine Identifizierung mit einer Gemeinschaft zu bieten, eine Vielzahl an möglichen Erklärungsmustern zu liefern und eine passgenaue Abgrenzung nach aussen zu liefern. In der wohligen Wärme der nationalen Gemeinschaft können wunderbar einfach die Unterschiede in der Gesellschaft (Besitzende und Besitzlose / Lohnabhängige und Produzent_innen) und die Gegensätze der Gesellschaft in Gemeinschaft und Gemeinsamkeit überführt werden.
Die Gesellschaft mit ihren gegensätzlichen Interessen und Widersprüchen wird durch eine mythische Überhöhung und eine Interpretation der Vergangenheit zu einer gemeinsamen Nationalgeschichte, zu einem „Wir“ gekittet.

Bisher wurde in diesem Text vor allem von Standortnationalismus und bürgerlichem (Verfassungs-)Patriotismus gesprochen. Sie sind nicht die einzigen Spielarten des Nationalismus. Vielmehr leben wir in einer Gesellschaft, die sich als höchst komplexes Geflecht von verschiedenen Ideologien darstellt. Bei weitem nicht alles lässt sich über die Wirtschaftsform einer Gesellschaft erklären. Völkischer Blut-und-Boden-Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus müssen immer im historischen Kontext gesehen werden und entwickelten sich aus einer Vielzahl an politischen, sozialen und ökonomischen Faktoren. Doch alles, was sich zwischen konservativem und liberalem Glauben an die Nation bewegt, ist so wirkmächtig, dass es getrost als die grundlegende Gedankenform der bürgerlichen Gesellschaft gelten kann.

Happy Nation
Die Nation ist der Dreh- und Angelpunkt unserer Gesellschaft, sie fungiert als entscheidende und zentrale Kategorie aller Beziehungen und Vorgänge in sozialer, politischer und ökonomischer Hinsicht. Nicht umsonst ist die erste Frage noch vor der nach dem Beruf die nach der Herkunft. „Wo kommst du her? Was machst du?“ Im Gesprächsanfang aller Bekanntschaften zeigt sich, wie eine Gesellschaft tickt. Beruf, gesellschaftliches Standing und Herkunft – na danke. Da scheiss‘ ich doch auf die Nation. Aber letztendlich liegt die Gefahr in der Nation, weil sie aller Kritik zum Trotz so fest in den Köpfen steckt – sie ist eine in sich geschlossene, unglaublich effektive Ideologie mit der Wucht einer Bombe und der Zerbrechlichkeit eines Stahlklotzes. Sie erfüllt ihre Aufgabe mit beängstigender Routine und Souveränität. Sie verschleiert die Klassenunterschiede so weit, dass der Laden ohne jegliche Knirschgeräusche weiterläuft, sie konstruiert Unterschiede und Abgrenzungen dort, wo eher Brücken gebraucht würden im Bestreben nach einer befreiten Gesellschaft, und sie fickt die Leute dermaßen in den Kopf, dass sie die Scheisse, in der sie sitzen, für Gold halten, solange sie nur Deutsche sind.

Dritte Halbzeit

Am 23. Mai 2009 wird das 60-jährige Jubiläum der Grundgesetzunterzeichnung gefeiert und am 9. November 2009 als zentrale Gedenkfeierlichkeit die deutsche Wiedervereinigung und der Fall der Mauer, der sich zum 20. Mal jährt.
Zwei unterschiedliche Anlässe selben Zwecks: die Selbstvergewisserung als nationale Schicksalsgemeinschaft.
Die Gegensätze dieser Gesellschaft – die Lohnabhängigen, die Kapitalfraktion, der Staat – machen sich hier mit Hilfe der ideologischen Stütze Nation zu einer Gemeinschaft, die mit sich selbst versöhnt ist.
Angesichts der Schrecken, die der Nationalismus hervorbrachte, des Leids, dass er verursachte, und der Ausbeutung, Unterdrückung und Unfreiheit, die seine Grundlage und die der Nation sind, ist es an uns, mobil zu machen gegen Staat, Kapital und Nation. Ihre Abschaffung ist die Voraussetzung für eine Gesellschaft, in der die Menschen gemäß ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten konsumieren, produzieren und leben können.
Wir rufen dazu auf, bei der antinationalen Demonstration am 23. Mai und bei den zentralen Feierlichkeiten am 9. November einen kleinen Teil zu leisten im Engagement und Kampf um eine Gesellschaft von Freien und Gleichen: Die Absage an die Nation.

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EDIT 2012: Bei diraction.org und black-mosquito.org gibts neue SaZ-Shirts, -Hoodies & -Beutel! Unter anderem die hier:
Deutschland du Opfer!

Endlich wird die Arbeit knapp.

ENGLISH!

ESPAÑOL!

Endlich wird die Arbeit knapp? Gehts noch?
Wer die Überschrift liest, wird sich wohl erstmal denken „Jetzt spinnen die total!“. Arbeit ist in dieser Gesellschaft schließlich mit das Wichtigste überhaupt. In regelmäßigen Abständen werden die Arbeitslosenzahlen veröffentlicht und jeder Prozentpunkt weniger wird abgefeiert. Wenn irgendwo eine neue Fabrik entstehen soll und es gibt Proteste, etwa wegen Umweltschutz oder so, heisst es immer: „Hey, da entstehen doch Arbeitsplätze.“ Und es scheint fast so, als sei das ein Wert an sich. Viele arbeiten offensichtlich nicht, um Geld und ein einigermaßen erträgliches Leben zu haben, sondern sie leben, um zu arbeiten.

Das geht sogar soweit, dass neue Jobs quasi erfunden werden. Seien es die vielen Arbeitsplätze im Dienstleistungsektor oder die berühmt-berüchtigten Ein-Euro-Jobs, zu denen Arbeitslose zwangsverpflichtet werden, damit sie auch was tun für ihr Geld vom Staat. Einfach so seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, ohne arbeiten zu gehen, ist zutiefst verpönt. Besonders deutlich wird das bei einem Blick in die unzähligen Nachmittags-Talkshows, wo regelmäßig Menschen eingeladen und vorgeführt werden, die von sich selber offen zugeben, keinen Bock auf Arbeit zu haben. Da kocht die Volksseele und es ist nicht schwer sich vorzustellen, was passieren würde, wenn die Kamera aus wäre und es die Möglichkeit gäbe, ungestraft die „Asozialen“ zur Verantwortung zu ziehen.
Und auch die dutzenden Morde an Obdachlosen in den vergangenen Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Bei den Tätern handelt sich dabei nicht zwangsläufig um waschechte Neonazis. Hinter solch menschenverachtenden Taten steckt auch eine Logik, die eine der Grundlagen unserer Gesellschaft darstellt – sicher nicht auf diese Art und Weise, aber dafür um so weiter verbreitet. Selbst der amtierende SPD-Vorsitzende Franz Müntefering ließ schonmal ganz öffentlich verlauten: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Arbeit, du alte Scheisse!
Doch warum werden Menschen, die nicht arbeiten können oder wollen, beschimpft, bedroht und ermordet? Warum wird Arbeit nicht als ein notwendiges Übel erkannt, sondern abgefeiert und immer „Arbeitsplätze für alle!“ gefordert? Warum freut sich keine_r, wenn es weniger zu tun gibt?
Denn es ist eigentlich ein gutes Zeichen, dass die Arbeit knapp wird. Das hängt mit der gestiegenen Produktivität der Gesellschaft insgesamt zusammen. Seit der industriellen Revolution ist es den Menschen möglich, durch Arbeitsteilung, Einsatz von Maschinen und anderer Technik viel mehr in viel kürzerer Zeit zu produzieren. Es müsste also viel weniger gearbeitet werden, um den gleichen Standard zu halten. Wenn, ja wenn es bei Lohnarbeit überhaupt darum ginge, die Sachen herzustellen, die alle Menschen brauchen, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen. Doch die Sachen, die hergestellt werden, haben einfach nicht diesen Zweck – es werden nur zahlungskräftige Bedürfnisse befriedigt. So ist es z.B. scheissegal ob ich Hunger habe und was zu essen brauche. Wenn ich nicht dafür bezahlen kann, ist spätestens bei Kaisers an der Kasse Schluss mit lustig und ich gehe ohne Essen nach Hause. Ganz zu schweigen von der neuesten Playstation oder dem Konzertbesuch.
Mit der Lohnarbeit sieht es entsprechend ähnlich aus – wir arbeiten eben nicht jede_r nach seinen_ihren Bedürfnissen, jede_r nach seinen_ihren Fähigkeiten und für ein gutes Leben für alle. Wir werden gezwungen zu arbeiten. Gezwungen? Klar gehe ich einerseits zwar ein freies Vertragsverhältnis mit meinem Arbeitgeber ein, andererseits aber auch ein unfreies und ungerechtes. Unfrei deswegen, weil ich ja gezwungen bin, meine Arbeitskraft zu verkaufen, um über die Runden zu kommen, um Kohle zum Überleben zu haben – ich bin abhängig vom Lohn. Ungerecht deshalb, weil durch die staatliche Garantie des Privateigentums den unmittelbaren Produzenten (Lohnarbeiter_innen) der Zugriff auf den von ihnen selbst produzierten gesellschaftlichen Reichtum verwehrt wird, der statt dessen eben bei den Besitzer_innen der Unternehmen, der Fabriken und Produktionsmittel ankommt. Und ich hab den Arbeitsvertrag auch noch freiwillig und glücklich unterschrieben…
Doch die ganze Sache ist noch absurder: Die Betriebe, in denen die Lohnabhängigen arbeiten, kooperieren nicht nach sachlichen Erwägungen – z.B. was wird gebraucht und kann wie und wo am einfachsten hergestellt werden. Sie folgen nicht gesellschaftlichen Bedürfnissen und technisch-praktischen Erfordernissen des Arbeitsprozesses, sondern begegnen sich zuallererst als Konkurrenten, die jeweils für sich selbst ein Maximum herausholen müssen.

Konkurrenz nervt!

Der Unternehmer muß sich also gegen seinen Konkurrent_innen durchsetzen, wie du dich auch gegen die Anderen durchsetzen mußt, wenns z.B. um einen der knapper werdenden Arbeitsplätze geht. „Konkurrenz belebt das Geschäft“ heißt es dann oft zur Begründung. Nur geht es uns nicht ums Geschäft, sondern um ein gutes Leben für alle. „Aber der Mensch ist nunmal egoistisch“ wird dann als „Argument“ vorgebracht, warum alles so bleiben muß wie es ist. Schließlich würde keine_r freiwillig arbeiten gehen, wenn er_sie nicht müßte, und alle würden alles haben wollen und zu Hause die MP3-Player und Bananen nur so horten. Damit wird aber die egoistische Verhaltensweise, die man in einer auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft an den Tag legen muss, um klarzukommen, in eine angebliche „Natur des Menschen“ verlagert. Und witzigerweise nehmen sich die Vertreter_innen dieser „Egoismus“-Begründung oft selber davon aus und müssten selbstverständlich auch Gegenbeispiele anerkennen. Doch damit ist schon bewiesen, dass dieser Egoismus nichts Natürliches ist. Auch warum man Dinge horten sollte, wenn die keinen Wert im kapitalistischen Sinne mehr haben, sondern schlicht zur Bedürfnisbefriedigung aller Menschen da sind, können sie nicht erklären.
Die Lohnarbeit, das Gerangel um Arbeitszeiten, Arbeitszwang und Gehalt sind gute Beispiele für die Absurdität des kapitalistischen Hauens und Stechens und des Rechts des Stärkeren in demokratischen Bahnen. Nun gibt es Menschen, die fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen, also eine Standardsumme, die jedem Bürger dieses Staates zustehen soll, egal ob er arbeiten geht oder nicht. Und es gibt etwa die Gewerkschaften, die regelmäßig fordern, dass man nicht „arm trotz Arbeit“ sein dürfe und deshalb einen grundsätzlichen Mindestlohn einführen wollen. Und natürlich wären solche Reformen nicht schlecht für Menschen, die darauf angewiesen sind ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um über die Runden zu kommen, weil sie eben keine Produktionsmittel haben. Nur ändert dieses bisschen „Umverteilen“ nichts an den grundlegenden Problemen. In dieser Welt wird nicht für die Bedürfnisse der Menschen produziert, sondern um aus Geld mehr Geld zu machen und zwar, unter Bedingungen knallharter Konkurrenz. Das muss geändert werden und das geht nicht mit Reformen im Kapitalismus, sondern nur mit einer Überwindung der bestehenden Verhältnisse.

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K.I.Z. im Rampenlicht:

Maxim von der Berliner Rap-Combo stand der „Straßen aus Zucker“-Redaktion Rede und Antwort.

Wann bist du heute aufgestanden?
9 Uhr.

Wolltest du eigentlich früher auch mal Feuerwehrmann oder Polizist werden? Oder was stellst du dir für deine Lohnarbeiterkarriere vor?
Ich wollte erst Mathematiker werden, dann Profiturner oder Kampfsportler, jetzt fände ich Fremdenlegionär und Surflehrer eine gute Sache. Wahrscheinlich werde ich irgendwann meinen eigenen Kindergarten machen und mit 105 will ich beim Sandburgenbauen zusammenklappen, Herzinfarkt oder so, das wär schön!

Ihr habt ja dieses tolle Lied „Frei sein“ gemacht. Das ist bei uns ein großer Hit – war das auch ein politischer Ruf oder habt ihr da nur eure persönlichen Alltagserfahrungen „verarbeitet“?
Diese ganze Freiheitsscheisse ist immer sehr zum Kotzen, „Freiheit ist die einzige die zählt und jetzt alle..!“ Die könnten auch von „Eeeiisbeeiin“ oder so singen, das wär dasselbe. Wir wollten da was Konkretes machen und ich denke wirklich konkrete Texte haben immer was politisches, ob das jetzt beabsichtigt ist oder nicht. Bei uns war das natürlich eiskaltes Kalkül.

Was bedeutet für euch Bildung und erfüllt sich diese Vorstellung im aktuellen Schulsystem?
Bildung sollte uns mündig, kritisch, solidarisch, mitfühlend und anziehend für das andere Geschlecht machen. Das alles macht unser Schulsystem ab und zu mal. Die Zeit, die man auf die Grundschule geht, soll hier verkürzt werden, das heisst eine frühere Trennung von Pennern und Bankern. Ich könnte jetzt schön schwafeln, aber ich denke, das Problem ist, dass unser System nur eine sehr geringe Anzahl an mündigen, kritischen, solidarisch mitfühlenden Menschen braucht. Wenn sowas zum Strassenkehren nötig wär, würden wir ein spitzenmässiges Schulsystem haben!

Ward ihr bei der Bundeswehr?
Neeinnn!

Für wen warst du bei der Fussballweltmeisterschaft – oder bist du der total aus dem Weg gegangen?
Für den Vatikan. Ich hab eine ärztlich attestierte Fahnenphobie, deswegen kann ich an diesen grossartigen Momenten kultureller Ekstase nicht teilhaben.

Sido hat ja zugegeben nicht sooo gut bestückt zu sein, wie er immer behauptet: Wie sieht es eigentlich mit euch aus?
Denkt ihr etwa, wir lügen in unseren Texten? pff…

Was sagt ihr zu den Vorwürfen, ihr würdet in euren Texten schwulen- und frauenfeindliche Vorurteile benutzen?
Ihr habt total Recht, das tun wir, „benutzen“ ist auch das richtige Wort. Wenn wir zum Beispiel brutalen Sex beschreiben, gehts hart zur Sache für beide Parteien, wir lassen uns auch anpissen und fressen Schlüpfer, Standard halt. Wenn wir sagen „es ist Zeit, sich auch unter Männern an die Schwänze zu greifen“, dann macht das Spaß, weil es homophobe Menschen gibt, die dann traurig sind.

Checkt das auch euer Publikum?
Das ist minderjährig und voll besoffen, das will nur noch gefickt werden. Spaß. Das Publikum checkt das auf jeden Fall, einige Homophobe sind sehr sauer auf uns, die haben das verstanden.
Man darf die jungen Dinger nicht unterschätzen, ich geb zum Beispiel Rapworkshops für 14-18jährige bei mir in Kreuzberg, und für die ist zwischen uns und ernstgemeinter menschenverachtender Musik – wie zum Beispiel Revolverheld – ein großer Graben.

Ist Deutschland für euch ein Opfer?
Die Gretchenfrage!
Ihr meint jetzt von wegen Deutschland ist Scheisse? Aber die ham doch gesagt ich bin Deutschland oder du bist Deutschland?!
Es ist schon kompliziert genug man selbst zu sein, Deutschland besteht aus Grenzen und das wars für mich. Ich kann weder stolz drauf sein noch mich schämen für den Ort, an dem ich geboren bin.

Hast du noch abschließende Worte für unsere Leser_innen?
Nein, ich bin komplett leer, mein Körper ist eine Hülle, die den Dunst meiner Seele ab und zu Gassi führt.

Danke für das Interview!

Der kriegt die Krise (immer wieder) Finanzkrisen und Kapitalismus

Börsencrashs, Managergehälter, Konjunkturpakete und Abwrackprämie… seit Monaten muss man sich vermehrt diesen stinklangweiligen Mist reinziehen. Irgendjemand hat sich verspekuliert, alles bricht zusammen und dann zahlt die Regierung wahnsinnige Summen, 400 Milliarden Euro. Das wäre, als bekäme jeder in Deutschland eine Playstation, ein super teures High-Tech-Fahrrad, eine Reise in die USA geschenkt und die Graffiti-Spraydosen für die nächsten zwei Jahre finanziert! Da wir das aber eh nicht bekommen, könnte es uns doch eigentlich egal sein. Dennoch stellt sich die Frage, ob sich Eltern oder Freund_innen ein neues Auto kaufen können, ob aufgrund von Kürzungen die Stadt weniger Geld für‘s Jugendzentrum oder den neuen Skatepark zur Verfügung stellen kann. Vielleicht werden die Möglichkeiten schwieriger, später einen Job zu finden? Also, so ganz unbemerkt geht das Ganze an unserem Leben dann anscheinend doch nicht vorbei.

Also was ist das nun eigentlich diese Krise?
Und warum gibt es die? Warum kann man die nicht einfach weglassen, wenn die nur Probleme macht? Wir kennen vielleicht Beziehungskrisen, Familienkrisen, oder auch mal Stress in der Schule bei dem man „die Krise kriegt“. Wenn das einer Gesellschaft und ihrer Ökonomie passiert, so bedeutet das ganz allgemein erstmal, dass ein großer Teil der produzierten Waren nicht mehr verkauft werden kann. Nicht, weil die Leute die Joghurts, Autos oder Playstations nicht mehr wollen oder brauchen, sondern weil sie nicht mehr dafür bezahlen können. Es gibt also eine Krise, nicht weil jemand den Hahn, wo die Playstations rauskommen, zugedreht hat, sondern weil dieser zu weit auf ist. Die Krise passiert häufig sogar dann, wenn es zu viele Waren gibt, zu viel Joghurt, zu viele Autos, zu viele Fußbälle. Das ist doch bekloppt, denn eigentlich könnten die doch einfach verteilt werden, wenn es nun schon mal hergestellt wurde. Das einzigartige System, in dem so eine dumme Sache passieren kann, ist der Kapitalismus: Die unverkäuflichen Güter führen zum Ruin ihrer Besitzer_innen und gleichzeitig gibt es Menschen, denen es am Nötigsten fehlt.
Der Kapitalismus zeichnet sich dadurch aus, dass es einerseits die Leute gibt, die diese Güter besitzen. Und sie besitzen auch die Fabriken und Unternehmen, die diese ganzen Güter hergestellt haben. Andererseits gibt es die Menschen, die keine Fabrik besitzen und keine Maschinen und denen nichts anderes übrig bleibt, als arbeiten zu gehen. Der Trick bei der ganzen Angelegenheit ist, dass die Fabrikbesitzer_innen, wenn die Waren produziert sind, den Arbeiter_innen weniger Geld geben, als sie beim späteren Verkauf für die Waren bekommen und somit Profit machen. Das Problem ist nun, dass es im Kapitalismus fast nur um diesen Gewinn geht und weniger um die Bedürfnisse der Menschen nach eben Joghurts, Fahrrädern oder Fußbällen.

Aber warum gibt es denn nun diese Krise,
wenn die eigentlich niemand geil findet? Die Krisen kommen immer wieder. Im 19. Jahrhundert noch etwa alle zehn Jahre. Ab dem 20. Jahrhundert seltener, dafür umso heftiger. Schlaue Ökonom_innen können es zwar manchmal voraussehen, wann sich eine Krise abzeichnet und dennoch lassen sich Krisen nicht stoppen. Die verschiedenen Unternehmen stehen unter einem hohen Konkurrenzdruck – sie müssen immer mehr, schneller und besser produzieren, sonst können sie nicht mit den anderen mithalten. Und: Sie müssen immer mehr produzieren, um die Gewinne zu steigern. Wenn sich eine Krise abzeichnet, können sie sich nicht zusammen hinsetzen und überlegen, was sie tun, denn sie müssen immer gegeneinander handeln. Und so kommen im Kapitalismus immer wieder Krisen und zwar nicht, weil einige Kapitalist_innen besonders „gierig“ oder „böse“ sind, sondern weil die Kapitalist_innen wie ganz normale Kapitalist_innen handeln. Würden sie das nicht tun, dann gäbe es ihre Fabrik oder ihr Unternehmen nicht mehr lange.

Ist die Krise erstmal da, ist das Rauskommen schwer: Wenn Leute kein Geld mehr haben, um Sachen zu kaufen, machen Unternehmen weniger Gewinn. Dadurch können sie weniger investieren, also keine neuen Maschinen kaufen und auch keine Arbeiter_innen einstellen, wahrscheinlich entlassen sie sogar welche. Wer aber im Kapitalismus keine Arbeit hat, der hat kein oder wenig Geld und kann wiederum weniger Sachen kaufen. Wenn Leute aber kein Geld haben, um Sachen zu kaufen, machen Unternehmen weniger Gewinn und… ihr seht schon, der Kreislauf setzt sich fort und die Krise verstärkt sich. Gleichzeitig wirkt sie aber paradoxerweise auch wie ein „Reinigungsprozess“ für das kapitalistische System: Die nicht so profitablen Unternehmen gehen unter, die funktionierenden machen aufgrund der entstehenden niedrigen Löhne umso mehr Profit, es entsteht ein neuer Aufschwung. Dass bis dahin aber mal wieder umso mehr Hunger und Armut entstanden sind, ist dem Kapitalismus – dem es ja eh nicht um das chillige Leben für alle geht, sondern um Gewinn des Gewinns wegen – herzlich egal.

Und was ist jetzt die Lösung, um keine Finanzkrisen mehr zu haben?
Seit der Kapitalismus im letzten Herbst kriselt, gibt es sehr, sehr viele Meinungen, warum das nun passiert ist und wer die Schuld trägt. Man hat das nicht lang genug voraus gesehen. Die Hypothekengeschäfte in den USA seien eine dumme Idee gewesen. Aber sehr häufig wird gesagt: Die Manager_innen sind zu „gierig“ und bekommen nicht genug und stürzen deswegen die ganze Ökonomie in den Ruin. Und dann gibt es genauso viele Vorschläge, wie man am besten aus der Krise wieder rauskommt. Die Leute sollen Geld bekommen, damit sie wieder kaufen können, Konjunkturpakete werden verabschiedet, damit die Banken wieder klarkommen. Und: Die Finanzmärkte sollen besser überwacht werden, damit das alles nicht noch einmal passiert. Über das Offensichtlichste spricht aber fast niemand: Wenn die Krisen immer und immer wieder kommen und wenn ihr Grund – es gibt zu viele Waren – das eigentliche Ziel der ganzen Schufterei ist (denn man will ja möglichst viel Umsatz und Gewinn machen), dann ist der Grund für die wiederkehrenden Krisen der Kapitalismus selbst. Hier gibt es das Streben nach immer mehr Gewinn und Umsatz, danach, immer mehr Fahrräder und Fußbälle zu produzieren. Und es gibt das Streben, immer besser als die Konkurrenz zu sein. Und genau dieses Streben führt irgendwann in die Krise.

Aber das kann ja niemand wirklich zugeben, denn die Konsequenz wäre, dass wir uns eine andere Ökonomie ausdenken, als eine in der es nur um den Gewinn geht und nicht um die Nützlichkeit der produzierten Dinge. Aber eigentlich wäre es mehr als angebracht, sich etwas anderes auszudenken, denn wirklich schön ist der Kapitalismus nicht: Ständig arbeiten gehen, viele Leute hungern oder leben nur vom Nötigsten. Ein paar Leute können von der Schufterei der Anderen leben und das ziemlich gut. Und der Kapitalismus führt dazu, dass es mit der Umwelt langsam aber sicher richtig den Bach runter geht.

Dabei könnte alles wirklich entspannt sein:
Alle Leute in der Gesellschaft könnten sich zusammen überlegen, was alles gebraucht oder gewollt wird, und das dann herstellen. Wenn Leute Lust auf ein noch leichteres Fahrrad mit dreißig Gängen haben, dann wird das eben gebaut, und alle, die eins wollen, kriegen eins. Wir könnten uns bei anderen Produkten aber auch zweimal überlegen, ob sie den Stress wirklich nötig sind. Sicherlich müssten wir alle weniger arbeiten und könnten uns vieles sparen: den ganzen Konkurrenzdruck, die ganze Werbung, die vielen Banken. Wir könnten richtig relaxen und jede_r hätte genug Zeit, mit seinen Freund_innen rumzuhängen, sich Tricks beim Skaten beizubringen oder vielleicht auch einfach nur genug Zeit für die Playstation zu haben.
Bis dahin gilt es aber noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Leute von ihrem Film, es ginge nicht anders, endlich mal runterkommen.

Kein Bund fürs Leben!

In letzter Zeit scheint die Bundeswehr überall zu sein: Egal, welchen Medien wir gerade Aufmerksamkeit schenken, sein es Radio, Zeitung, Internet oder Fernsehen, überall werden wir unangenehm von ihr überrascht.

Der nette Arbeitgeber von nebenan?
Ein Berliner Radiosender bringt regelmäßig einen Werbespot der Bundeswehr, welcher dann auf eine ihrer Internetseiten verweisen soll. In der Jugendzeitung „Spiesser“, welche kostenlos in nahezu jeder Berliner Schule zu finden ist, läuft genau das gleiche Spiel ab. Hier werden immer wieder ganzseitige Anzeigen des „Arbeitgebers Bundeswehr“ veröffentlicht. Und bei der Sendung „TV Total“ etwa war die Big Band der Bundeswehr vier Tage zu Gast.
Es ist klar: Die Bundeswehr wirbt nicht ohne Grund in Medien, die vor allem ein junges Publikum ansprechen wollen. Die Streitkräfte der BRD suchen dringend Nachwuchs. Und wie rekrutiert man am besten Teenager? Indem man als souveräner, jugendfreundlicher Arbeitgeber auftritt. Das versucht die Bundeswehr natürlich auch bei speziellen Veranstaltungen im Jobcenter oder Auftritten mit einem eigenen Werbemobil. Auf den ersten Blick scheint die Bundeswehr für junge Menschen ein attraktives und sinnvolles berufliches Angebot nach der Schule zu sein. Ein Studium beim Bund verspricht viele Vorteile:
„Einen krisensicheren Arbeitsplatz, gute Perspektiven für die Zukunft und die Möglichkeit, nach der Bundeswehrzeit in dem studierten Beruf zu arbeiten“.
Und was haben wir daran zu kritisieren? Nicht nur, dass man sich für 12 Jahre verpflichten muss, wenn man sich für ein Studium bei der Bundeswehr entscheidet, man muss sich auch darüber bewusst werden, für wen man dann arbeitet. Schon die Geschichte dieses Vereins spricht Bände: Nur sechs Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs startete man den Wiederaufbau einer deutschen Armee. In den ersten Jahren waren die meisten Soldaten ehemalige Offiziere der Wehrmacht und den Namen „Bundeswehr“ erhielten die deutschen Streitkräfte vom früheren Wehrmachtsgeneral Hasso von Manteuffel. Die Bundeswehr setzt die Kontinuität deutscher Kriegsführung, kaum gebrochen, fort.

„Befehl und Gehorsam“
Die Bundeswehr ist kein normaler Arbeitgeber im eigentlichen Sinn. Wenn du bei einem herkömmlichen Job keine Lust auf irgendeine Art von Arbeit hast, dann wirst du schlimmstenfalls gefeuert, beim Bund dagegen kommst du erstmal eine Weile hinter Gitter. Auch wenn es immer wieder so propagiert wird, es ist eben keine normale Lohnarbeit in der Bundeswehr: Es ist noch schlimmer!
Der_die Soldat_in bekommt keinen Lohn für seine/ihre Arbeit, sondern vergleichbar mit Beamt_innen einen Sold. Da er_sie im öffentlichen Dienst beschäftigt ist, unterliegt er_sie anderen, strengeren Regeln als ein_e „normale_r Arbeitnehmer_in“. Das bedeutet z.B., dass ein_e Soldat_in weder kündigen noch gekündigt werden kann, da kein vertragliches Arbeitsverhältnis besteht.
Jegliche Fehler wie „Befehlsverweigerung“ oder Nichterfüllung der Aufgaben werden strenger geahndet und ziehen schwerwiegendere Konsequenzen nach sich, als bei einem normalen Bürojob. Und auch die hierarchischen Strukturen spielen eine ganz andere Rolle. Zu Beginn befindet man sich am untersten Ende der Befehlskette und es gibt dort garantiert keinen Platz für eigene Ideen, denn natürlich gilt das Prinzip von „Befehl und Gehorsam“.

Und sonst so?
Die Bundeswehr als Institution ist ein Faktor dafür, wie sich Staat und Nation, sprich Herrschaft und ausschließender Kollektivismus, in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung reproduzieren. Sie ist ein wichtiges Machtmittel, die bewaffnete Versicherung auf die Souveränität des deutschen Staates. Indem ein Staat seine Grenzen bestimmt, sie bewaffnet, sichert und mit einer Multimilliarden-Euro-Armee notfalls auch verteidigen kann, definiert er, wer dazugehört und wer nicht. Dieser ausschließende Kollektivismus gehört zur Grundgestalt jeder Nation. Er intensiviert sich durch den Gedanken der Schicksalsgemeinschaft. Schicksalsgemeinschaft deswegen, weil alle Menschen, die im selben Staat leben, sozusagen für die Nationalökonomie an „einem Strang ziehen müssen“.
Nationale Betriebe müssen entsprechend erfolgreich sein (Import, Export, dies, das), damit der Staat sich in der Weltmarktkonkurrenz behaupten kann.
Die Bundeswehr agiert international, einerseits um den Zugang zu Rohstoffen nachhaltig zu schützen und zu sichern, andererseits um politische Ziele zu verwirklichen und damit neue Absatzmärkte zu gewinnen. Die Intervention in Afghanistan zum Beispiel hat zwar auch ansatzweise demokratische Verhältnisse hervorgebracht, aber schlicht aus dem Grund, dass es sich mit diesen als Voraussetzung leichter handeln lässt als mit marodierenden Warlordhorden.
Der Iran dagegen ist auch ohne Menschenrechte und bürgerliche Demokratie ein verlässlicher Handelspartner für die deutsche Wirtschaft, weshalb eine militärische Intervention dort nicht nur gar nicht nötig ist, sondern den wirtschaftlichen Beziehungen sogar schaden würde. Und im Sudan als beliebiges Beispiel für Länder, an denen die BRD keinerlei ökonomische oder politische Interessen hat, gibt es auch keine (militärische) Intervention, um die Situation vor Ort zu stabilisieren oder demokratische Mindeststandards als Grundlage für wirtschaftliche Handelsbeziehungen zu etablieren.
Somit wird die Stellung eines Staates in der Weltmarktkonkurrenz von der Armee gefestigt.
Am Beispiel Bundeswehr lässt sich folglich gut veranschaulichen, wie das politische System, in dem wir leben, funktioniert. Es beruht auf Ausschlussmechanismen und Konkurrenz, auf Zwang und der Freiheit, diesem Zwang nachzugehen.
Das sind mehr als genug Gründe, der Bundeswehr den Mittelfinger zu zeigen, anstatt für sie zu arbeiten!

checkt: „Musterung und Bundeswehr“ – Artikel in der „Straßen aus Zucker“#2

Nie wieder (Schul-)Klassen!

Warum müssen wir uns eigentlich fünf Tage die Woche mit Dingen beschäftigen, die uns weder großartig interessieren, noch außerhalb von Schule und späterem Beruf jemals gebraucht werden? Sinnlose, für mich und dich sowohl uninteressante als auch unwichtige Fakten auswendig lernen, nur um diese dann in der Klausur hinzuschreiben und anschließend wieder vergessen zu können. Selbst Themen, die einen sonst interessieren, werden, wenn sie in der Schule behandelt werden, aufgrund des Zwanges sich mit ihnen zu beschäftigen zur Hölle. Erst recht unter ständigem Notendruck und zu absurden Uhrzeiten wie 8 Uhr in der Früh. Wenn du Montagmorgen in der Klasse hockst und bereits über die Freitagabendgestaltung nachdenkst, denkst du dir da nicht auch gelegentlich: Irgendwas stimmt mit diesem Leben doch nicht?!

Wer? Wie? Was?
Aber warum existiert eine Institution wie Schule überhaupt in unserer Gesellschaft? Man könnte meinen, um den Menschen ein Allgemein- und Fachwissen zu vermitteln, damit man im Alltag möglichst gut zurechtkommt. Für grundlegende Dinge (Grundrechenarten, Lesen/Schreiben, zentrale historische Zusammenhänge usw.) erscheint dies auch logisch. Jedoch stellt sich die Frage, inwiefern z.B. die Fähigkeit, Algorithmen auszurechnen und Kenntnis über die verschiedenen Monosacharidketten zu besitzen, mir bei meiner Alltagsbewältigung helfen soll. Außerdem: Angenommen, das oft gepredigte, zynische Motto „Fürs Leben lernen wir“ wäre tatsächlich Grundlage des staatlichen Schulbetriebs, wäre es dann nicht sinnvoller, viel mehr alltagstaugliches Wissen wie Kochen oder Sozialverhalten zu vermitteln? Die Annahme, dass Schule existiert, damit jede_r Einzelne in der persönlichen Entwicklung und im Alltag unterstützt wird, scheint somit vollkommen naiv und absurd.
Andere, die sich vielleicht politisch in der linken Ecke verorten würden, meinen, Schule sei deshalb so langweilig und „ineffektiv“, weil „die Politiker und die Reichen“ „das Volk“ dumm halten wollen, damit diese nicht auf revolutionäre Gedanken kommen. Ergo werden dann Forderungen wie etwa nach einem höheren Bildungsetat und besserem deutschen Abschneiden bei den PISA-Tests laut, oder, wie zuletzt bei den bundesweiten Schulstreiks, es wird sich darüber beschwert, dass so viele Schulstunden ausfallen. Komisch, dass wäre tatsächlich das Letzte, was ich an der Schule zu kritisieren hätte, im Gegenteil: Ich freue mich über jede Schulstunde, die ausfällt und in der ich mich statt mit den Funktionen der verschiedenen Organe des Luchses mit anderen, sinnvolleren Sachen beschäftigen oder einfach ausschlafen kann. Mal ganz abgesehen davon, dass es absurd ist, davon auszugehen, dass ein höherer Bildungsgrad einen Menschen zwangsläufig dazu bringt, über die Gesellschaft nachzudenken, bewusster zu leben und so vielleicht auch irgendwann auf wie auch immer geartete „revolutionäre Gedanken“ zu kommen, ist diese Annahme schlicht selbstüberschätzend; hier wird der Einfluss der politischen Linken auf die Gesellschaft und die Bevölkerung der BRD leider maßlos übertrieben.

Wieso? Weshalb? Warum?

Vielleicht ist es für die Suche nach Sinn und Zweck von Schule in unserer Gesellschaft sinnvoller, wenn man nicht von „Schule im luftleeren Raum“ ausgeht, sondern sich die Funktionsweise unserer Gesellschaft anschaut und anschließend überlegt, welche Rolle die Schule bzw. Bildung generell in dieser einnimmt. Dann kommt man nämlich schnell zu der Erkenntnis, dass ohne Menschen, die (fast) jeden Tag arbeiten gehen und um die verfügbaren Arbeitsplätze konkurrieren, hier so gut wie nichts funktioniert. Das Prinzip Lohnarbeit scheint zentral wichtig und damit auch die Eignung der Menschen für die verschiedenen Arbeiten. Um bei Siemens irgendwelche Staubsauger zu entwickeln, braucht man eine Ausbildung in Elektronik und als Architekt_in sollte man über Grundwissen in mathematischer Statik verfügen. Langsam wird es offensichtlich: Eine Hauptaufgabe des staatlichen Bildungsbetriebs im Kapitalismus ist die Ausbildung von „Menschenrohmaterial“ zu fähigen Arbeitskräften, damit diese anschließend möglichst fachkundig für die verschiedenen Unternehmen oder auch für den Staat selber schuften können. Für uns alle konkret heißt das, dass nach den vielen Jahren Schule (plus eventuell Uni oder Ausbildung) noch viele Jahrzehnte Lohnarbeit anstehen, bevor wir dann Ende 60 endlich in Rente gehen und mit dem Leben anfangen können. Irgendwas stimmt hier nicht.

Zurück zur Schule…
Neben einer derartigen ökonomischen Funktion kommt Schule in der bürgerlichen Gesellschaft auch eine ideologische zu. Warum wird in Geschichte zum Beispiel immer nur die deutsche bzw. die als „deutsch“ konstruierte, sprich die Geschichte der Gebiete der heutigen BRD behandelt? Wenn’s hoch kommt, ist auch mal die französische oder die englische Revolution Thema; durch diese hauptsächlich auf Deutschland und Europa gerichtete Fokussierung des staatlichen Geschichtsunterricht wird uns Schüler_innen vermittelt, dass die vor 2000 Jahren lebenden Germanen in irgendeiner Hinsicht mehr „zu uns gehören“ als zum Beispiel die Mongolen oder die alten Chinesen. Somit soll auch in Hinblick auf aktuelle politische Debatten die konstruierte deutsche Nation gerechtfertigt und pseudowissenschaftlich erklärt werden.
Ein anderes Beispiel für die ideologische Funktion der Schule im Kapitalismus ist neben dem Deutsch- oder dem Religions- bzw. Ethikunterricht die „Politische Wissenschaft“. Alle vier Semester der Oberstufe bauen nämlich auf dem staatsbürgerlichen Irrglauben auf, der Staat wäre als Ausdruck des „Allgemeinwillens“ der Bevölkerung in der Lage, die Gesellschaft wesentlich alleine zu gestalten. Aber kein_e PW-Lehrer_in kann leugnen, dass es in der bürgerlichen Gesellschaft sich widersprechende Interessen, etwa zwischen Arbeitnehmer_in und Chefetage, gibt und die Idee des „Allgemeinwillens“ somit komplett irrsinnig ist. Außerdem werden die unserer Gesellschaft zugrunde liegenden ökonomischen Prinzipien, die den Alltag hauptsächlich bestimmen, so gut wie gar nicht behandelt.

…und zur Gesellschaft
Jetzt da wir sowohl die ökonomische als auch die ideologische Aufgabe von Schule im Kapitalismus grob erfasst haben, wird auch klarer, was ein „erfolgreiches“ Schulsystem ist. Nämlich keineswegs, wie das weiterhin von einigen naiven Gutgläubigen behauptet wird, die Vermittlung von möglichst viel Wissen für Alle – denn dann wäre der Großteil der Arbeitskräfte nämlich überqualifiziert und wer soll dann noch bei Kaisers an der Kasse sitzen?! Aber auch kein „Dummhalten“ der Bevölkerung: Deutsche Unternehmensvertreter beschweren sich regelmäßig über die schlecht ausgebildeten Arbeiter_innen, die das deutsche Schulsystem produziert, woraufhin Politiker_innen schnell verlauten lassen, dass alles Mögliche für eine Besserung der Lage getan würde. Ein erfolgreiches Schulsystem im Kapitalismus sorgt neben der ideologischen Formung der Schüler_innen vielmehr für eine möglichst optimale Befriedigung der unternehmerischen Anforderungen an „deren“ Lohnarbeiter_innen. In Nationalökonomien, in denen wenig Facharbeiter_innen, dafür viel körperliche Arbeitskraft gebraucht wird, ist es also durchaus gewollt und auch innerhalb kapitalistischer Logik notwendig, dass ein Großteil der Bevölkerung keinen guten Bildungsgrad besitzt, weshalb das Abschneiden bei den internationalen PISA-Studien kein Indikator für ein „gutes“ oder „schlechtes“ Bildungssystem ist.
Forderungen nach „besserer Bildung für alle“, Lernmittelfreiheit oder kleineren Klassen machen die Schulzeit für die_den Einzelne_n vielleicht teilweise erträglicher, greifen aber zu kurz, da sie den dummen Zweck von Schule im Kapitalismus überhaupt nicht in Frage stellen bzw. sich diesem oft gar nicht bewusst sind. Somit wird auch beim Thema Schule/Bildung ein weiteres Mal deutlich, dass die Lösung von gesellschaftlichen Problemen und damit auch eine wesentliche Besserung unserer individuellen Situation nur erreicht werden können, wenn das große Ganze, die derzeitige nationalstaatlich-kapitalistische Organisierung der Gesellschaft überdacht und letztlich durch Alternativen ersetzt wird.

edit > „Keine Bildung für Staat und Kapital!“ by kritikundintervention zum Anhören:
We don‘t need no education! Keine Bildung für Staat und Kapital! by kritikundintervention